Auf der Straße

Diesen schönen Text, wie geschaffen für Straßenexerzitien, habe ich auf den Seiten der ökumenischen Kommunität Iona (Schottland) gefunden. Dort kann man unter „Thought for today“ jeden Tag einen schönen Text finden. Nachfolgende zuerst der englische Originaltext – und dann eine rasche Übersetzung von mir (alternative Vorschläge gerne unten als Kommentar).

We wander the streets,
yearning to find you,
calling your name,
but it is only
a single mother who turns
and wearily smiles,
a street person
who whispers ‘hello’,
a little girl who pirouettes
and takes our hand.
But you are still here, Lord.
Help us to see.

Thom Shuman, aus; „Fire and Bread“

 

Wir wandern durch die Straßen

voll Sehnsucht dich zu finden

rufen Deinen Namen an

doch es ist nur

eine alleinerziehende Mutter, die sich umdreht,

und matt lächelt

eine Person von der Straße

die ‚Hallo‘ flüstert,

ein kleines Mädchen das Pirouetten dreht

und unsere Hand nimmt.

Aber Du bist immer noch da, Herr.

Hilf uns sehen.

Die Freiheit die Fesseln trägt

Die Freiheit die Fesseln trägt

Vor fast zwei Jahren starteten wir ein Experiment: Wir luden ein zu Straßenexerzitien zur Ökumene der Märtyrer.  Wir wollten auf den Straßen Berlin den Spuren der christlichen Märtyrer des Nationalsozialismus nachspüren, und der besonderen Gemeinschaft, die in den Kerkern von Plötzensee entstanden ist.

Unter Mitwirkung von Klaus Mertes SJ, der den damaligen Exerzitien als Begleiter zur Verfügung stand, ist nun in Berlin ein besonderes Kunstwerk entstanden: „Die Freiheit die Fesseln trägt“ weiterlesen

So viel Zeit!

Erfahrungen bei Straßenexerzitien – von Olav Hamelinck

Unser Ordensgründer Leo Dehon (Herz-Jesu-Priester) war davon überzeugt: „Wenn man einen Menschen lieben will, muss man ihn kennen. Wenn man ihn kennenlernen will, muss man ihn aufsuchen“. Jetzt oder nie – dachte ich mir im Frühjahr 2014 vor meiner Veränderung vom Hausoberen der einen Gemeinschaft zum „Oberhausener Gemeinschafts-Mitglied“ und entscheide mich für Straßenexerzitien.

„So viel Zeit!“ weiterlesen

Fortschritte bei der Ökumene in Sicht?

Eine EKD-Delegation bei Papst Franziskus in Rom (Bild: Radio Vatikan)

Die Straßenexerzitien sind eine spirituelle Praxis mit großer Weite. Oft habe ich den Eindruck, bei den Exerzitien sind wir nicht ökumenisch, wir sind „postkonfessionell“: in unserer Praxis sind die konfessionellen Unterschiede eigentlich nicht mehr wichtig.

Die konfessionellen und religiösen Prägungen der Einzelnen – ob katholisch, evangelisch verschiedener Schattierung, freikirchlich oder altkatholisch, auch jüdisch – sie sind als jeweilige Herkunft der Einzelnen spürbar und bereichern das Miteinander, aber wir lassen sie bei den Exerzitien nicht zu trennenden Unterschieden werden. Unendlich viel bedeutender ist das, was uns eint: Die Erfahrungen auf der Straße.  „Fortschritte bei der Ökumene in Sicht?“ weiterlesen

Exerzitien in einem finnischen Frauengefängnis

FRAGMENTE DER EXERZITIEN IM FINNISCHEN FRAUENGEFÄNGNIS

von Saku Toiviainen

Ich arbeitete etwa elf Jahre als Gefängnisseelsorger in Helsinki. Schon in dieser Zeit gab es den Traum, dass wir Exerzitien in Gefängnissen haben könnten. Es war nicht möglich. Aber der Traum ist später im Frauengefängnis in Erfüllung gegangen. Marjatta, eine finnische evangelische Pastorin, hat mit mir drei Mal bei 8-tägigen Exerzitien in Hämeenlinna Frauengefängnis begleitet. Jedes Mal gab es mit uns sechs Frauen. Jetzt gibt es eine Pause und niemand weiß, ob es noch weitergeht. Mit großer Dankbarkeit denke ich an die Frauen, mit denen ich diese gemeinsame Zeit verbrachte. Hoffentlich ist es möglich etwas mit den gefangen Frauen mit diesen Fragmenten zu teilen.

  • Sie wohnte früher länger als 20 Jahre vorher in der gleichen Zelle, die wir jetzt als einen Gesprächsraum haben. „Das kann nicht nur ein Zufall sein, sondern ein Zeichen für den Beginn von etwas Neuem“, sagt sie. Wie bemerke ich ein Zeichen von einem Neubeginn in meinem Leben?
  • Täglich läuft sie in einem kleinen, viereckigen Hof, der nur für uns zur Verfügung gestellt ist. Kann sie sich selbst damit erreichen? Wie erreiche ich mich selbst?
  • Beim Ankommen erhält jede Gefangene eine eigene Nummer, die in der ganzen Strafzeit mit dem Familiennamen verbunden wird. Wegen der Nummer haben die Gefangenen oft das Gefühl, ihre eigene Identität zu verlieren. Darum finden die gefangenen Frauen es wichtig, dass wir sie bei Exerzitien mit ihren Vornamen anreden. Mit welchem Namen redet Gott uns an?
  • In der Messe am Abend zündet jede Teilnehmerin ihre eigene Kerze an, die in einem farbigen Becher steht. Die selbstgewählte Farbe des Bechers bringt etwas von der Einzigartigkeit der Teilnehmerin zum Vorschein. Wenn die Kerzen in der Messe brennen, sprechen sie nicht über Gemeinsamkeit, die in der Verschiedenheit möglich ist?
  • Die lebenslängliche Freiheitsstrafe hat sie tief geprägt. Sie definiert sich als Frau, die eine lebenslängliche Freiheitsstrafe hat. „Aber was bist du für dich selbst?“, frage ich. „Danach frage ich auch“, sagt sie. Wer definiert, was ich eigentlich bin?
  • Acht Tage Exerzitien in der Stille im Gefängnis. „Was macht ihr eigentlich in der Abteilung?“ fragt ein Wächter. „Nichts Besonderes. Wir beten, lesen, reflektieren und nehmen an der Messe teil.“ Aber ist das gerade das Besondere im Gefängnis?
  • Jeden Abend betet sie für ihre drei Kinder, die sie umgebracht hat. Hat eine Fürbitte eine Bedeutung auch in meinem Leben?
  • Wegen der siebentätigen Fahrt von Ost-Finnland nach Hämeenlinna hat sie ihre Exerzitien schon eine Woche vor dem offiziellen Anfang begonnen. Sie übernachtete in fünf verschiedenen Zellen bei der Polizei. Auf der Rückfahrt erwartet sie das gleiche. Sprechen diese Bemühungen nicht für ihre Sehnsucht?
  • „Ich nehme eure Abfälle nicht mit. Sie gehören nicht zu mir.“, sagt eine Wächterin. „Zu wem gehören sie? Wohin können wir unsere Abfälle bringen?“ Keine Antwort. Sie zieht eine starke Grenze zwischen uns. Welche Grenze ziehe ich zwischen Menschen?
  • Am letzten Tag zieht sie sich um, um auf das strenge Leben im Gefängnisvorbereitet zu sein. Mir scheint ihre schwarze Kleidung wie eine schutzgebende Mauer. Aber bemerke ich nicht meine eigene Mauer, hinter der ich mich verstecke?

Hereinspaziert – Neue Kurse für 2017

wie schön (Foto: K. Happe)

So langsam kommen sie herein, die Ankündigungen für neue Angebote für Exerzitien auf der Straße in 2017. Es gibt wieder einzelne Stunden zum „Schnuppern“, etwa auf dem Kirchentag in Berlin, oder mehrtägige Angebote an verschiedenen Orten in Deutschland, zum Beispiel in Flensburg, Hamburg, Ludwigshafen, Köln, Berlin. Die Angebote werden in den nächsten Monaten weiter ergänzt.

–> zu den Terminen

Wer sich unsicher ist, ob Exerzitien auf der Straße etwas für ihn/sie ist: erst mal diesen Artikel lesen – und dann einfach eine mail schreiben an Iris Weiss (irisnweiss(at)gmx(dot)de), Andrea Scherer ( andrea(at)scherer-scheffler(dot)de) oder an mail(at)strassenexerzitien(dot)de.

Vielfältiges Material, Erfahrungen und Verweise auf Literatur findet ihr ebenfalls hier unter Erfahrungen und Materialien.

Unser Nein Leben

Tag_1 (Foto: Kathrin Happe)

Unter diesem Titel ist – nach einer Podiumsdiskussion „Kampf und Kontemplation“ auf dem Katholikentag in Leipzig 2016 – im Sommer 2016 ein Artikel in Publik Forum EXTRA „Taizé heute – das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt“ erschienen. – Mein Entwurf hatte den Titel „Im Konflikt zwischen Tätern und Opfern“

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