Was sind Straßenexerzitien?

strex-2 (Foto: K. Happe)

Bei Straßenexerzitien sind die Teilnehmenden auf der Straße unterwegs. Hierbei folgen sie den Bewegungen der eigenen Sehnsucht. Sie lassen sich ein auf ungewohnte Lebenswelten — oft auf Menschen am Rande der Gesellschaft. So üben sie, sich selbst, den anderen und darin Gott zu begegnen.

Die Straßenexerzitien werden getragen von Frauen und Männern verschiedener Konfessionen, die selbst bei diesen Exerzitien prägende Erfahrungen gemacht haben. Wir begleiten Menschen unterschiedlicher Lebenswelten und Weltanschauungen aus persönlichem Engagement. Dabei schöpfen wir aus dem Reichtum biblischer Überlieferung und christlicher Tradition. Einmal jährlich treffen wir uns zum Austausch und zur Weiterentwicklung der Praxis.

Die Straßenexerzitien sind eng verbunden mit dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz (*1943). Er lebte in einer offenen Kommunität mit ausgegrenzten Menschen in Berlin-Kreuzberg. Ende der 1990er-Jahre baten ihn Einzelne, ihre persönliche geistliche Auszeit gerade in diesem Umfeld zu begleiten: Sie gingen auf die Straße, um ihrer inneren Sehnsucht zu folgen und dabei die Stimme Gottes zu entdecken. Aus diesen Anfängen entwickelten sich vielfältige Formen von Straßenexerzitien. Sie werden heute an verschiedenen Orten in Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Österreich und der Schweiz angeboten.

Wenn du mehr über Straßenexerzitien erfahren willst, lies hier weiter.

Hier geht es zu den häufig gestellten Fragen (FAQ).

Die nächsten Exerzitienangebote findest du hier.

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Gott ist auf der Straße

Lieddichtung von Marita Lersner

(Nach der Melodie von „Gott ist gegenwärtig“, Ev. Gesangbuch 165)

 

1 — Gott ist auf der Straße, bleib‘ nur einmal stehen,

um mit deinem Herz zu sehen.

Hör‘ auf deine Sehnsucht, denn sie wird dich führen,

dass Du Gottes Herz kannst hören,

wie es schlägt, wie es bebt,

dieser Welt entgegen, nur um dich zu lieben.

 

2 — Gott sieht dich voll Freude, reicht zum Tanz die Hand dir.

„Keine Angst“, sagt er, „Vertrau mir!

Lass uns miteinander mit den Wellen spielen

Neugier, Abwehr, Liebe fühlen.

Will da sein, sinkst du ein,

ob auch Stürme wehen, kannst nicht untergehen.“

 

3 — Gott liebt deine Zartheit, Scham und Angst und Wehen

wird er liebevoll ansehen.

Brauchst nicht untertauchen. Komm hinaus ins Freie

Sanftmut steht in erster Reihe.

Manche Tür öffnet dir.

Lass dein Herz nur schlagen, einer will dich tragen.

 

4 — Wie die starken Frauen stehst du fest auf Erden,

kannst für andre Halt noch werden.

Jesus streckt die Arme immer dir entgegen,

rufst du „Hilf“, wird er dich tragen.

Ganz stabil, braucht’s nicht viel.

Herz und Hirn lass klingen und das Tanzbein schwingen.

 

5 — Lasst uns miteinander diesem Leben trauen

und unmittelbar es schauen.

Seht, in der Begegnung mit den Lebenswunden

sind einander wir verbunden.

Ich und Du – mit Tatoo

Dornen und auch Flammen bringen uns zusammen.

 

6 — Manchmal sind’s die Toten, die den Weg uns zeigen,

sich mit uns in Stille neigen.

Manchmal sind’s die Lieder, wie die Stimmen klingen

Und die Seelenflügel schwingen.

Einfach sein – Sonnenschein,

Wind und Vögel sehen – kindlich vor Gott stehen.

 

7 — Also lasst uns singen und das Leben lieben,

unsre Sinne Gott entgegen.

Er, der Herr des Tanzes, führt auch uns zum Reigen,

um uns seinen Sinn zu zeigen.

Dreht euch um – rundherum,

Könn‘n wir Gott erblicken und nach ihm uns strecken.

Franziska Passek: Exerzitienbericht Köln 2003

Franziska Passek: Exerzitienbericht 19. Juli 2003 (Quelle)

Von verschiedenen Seiten wurde ich gebeten, etwas über meine letzten Exerzitien zu Papier zu bringen.

Im Herbst 2002 las ich einen Artikel mit der Überschrift „Exerzitien auf der Strasse“. Es wurde gleich zu Anfang erklärt, dass im vergangenen Sommer zwölf Frauen und Männer der unterschiedlichsten Berufe, Lebensformen und Alters zehn Tage Exerzitien in Köln gemacht hatten. „Franziska Passek: Exerzitienbericht Köln 2003“ weiterlesen

Stefan Burtscher: Trailer meiner Straßenexerzitien – Mein brennender Dornbusch in Köln

Freitagabend: Köln Melanchthonakademie: Da wohnt ein Sehnen tief in uns

Moses weidet die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters, er geht über die Steppe hinaus in die Wüste. Er bleibt stehen, er blickt zurück, er blickt nach vorne. Ich mache das gleiche. Ich blicke zurück. Wo komme ich her, wer bin ich? Ich bin glücklich, ich bin privilegiert, ich darf in Frieden und Sicherheit leben. Ich bin dankbar dafür. Ich bin geliebt, ich bin begleitet. Ich bin dankbar dafür. Ich blicke nach vorne: Worin liegt meine Sehnsucht? Ich will versuchen nachempfinden zu können, wie es Menschen geht, die meine Privilegien nicht haben, die sich am untersten Ende der Gesellschaft wiederfinden.

„Stefan Burtscher: Trailer meiner Straßenexerzitien – Mein brennender Dornbusch in Köln“ weiterlesen

Goldene Brüche

Kintsugi, von Pomax auf flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Kintsugi (jap. 金継ぎ, dt. „Goldverbindung, -flicken“) oder seltener Kintsukuroi (金繕い, „Goldreparatur“)[1] ist eine japanische Reparaturmethode für Keramik. Wenn ein wertvolles Stück zerbricht, werden die Bruchstücke nicht weggeworfen. Stattdessen werden mit einer Kittmasse geklebt, in die feinstes Pulvergold eingestreut wird. Am Ende entsteht ein einmaliges Einzelstück, das oftmals schöner ist als je zuvor.

„Jede wiederhergestellte Schale zeigt: Ich bin gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig.“

Iris Macke

Solcherlei Heilung erfahren viele Menschen bei Straßenexerzitien. Unsere Brüche Schmerzen werden uns in der Begegnung mit anderen Menschen auf der Straße bewusst – und sie heilen mit dem Gold der Liebe Gottes, die uns geschenkt wird.

 

Awe

In der Apostelgeschichte heißt es in Apg 2, 43 nach der Einheitsübersetzung:

„Alle wurden von Furcht ergriffen; und durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen.“

„Von Furcht“ ergriffen – na ja. Liest man aber die English Standard Translation dann steht da:

„And awe came upon every soul, and many wonders and signs were being done through the apostles.“

„Awe“ heißt übersetzt soviel wie ehrfürchtiges Staunen, ohne Worte sein, Überrascht sein. Und das entspricht witzigerweise genau der englischen Aussprache des Wortes, nämlich so etwas wie ‚Oah‚.

Eine ganz andere Art von Furcht.

Auf Augenhöhe in Los Angeles

Greg Boyle (Foto: BBC World Service cc-by-nc 2.0)

Augenhöhe: das ist ein Stichwort um das es bei Straßenexerzitien auch geht. Nicht als Helfer, sondern als Mitmensch, als Brüder und Schwestern begegnen uns Menschen auf der Straße. Und manchmal erkennen wir, dass in ihnen Jesus Christus gegenwärtig ist.

Diese „Augenhöhe“ ist auch die  Perspektive des Jesuitenpaters Greg Boyle, der seit Jahrzehnten in den „härtesten“ Vierteln von Los Angeles mit Jugendlichen arbeitet, die oft in kriminellen Gangs verstrickt sind.  Es sind bewegende Geschichten, die er erzählt. Gotteserfahrungen auf den Straßen von Los Angeles – und was Nachfolge da heisst. „Auf Augenhöhe in Los Angeles“ weiterlesen