Gott läßt sich nicht verstrukturieren

 

Christian Herwartz ist dafür bekannt, dass er vieles auf sich zukommen lässt, vieles spontan tut und entscheidet. Er selber würde wohl dazu sagen: „sich von Gott in jeder Situation beschenken“ lässt. Von diesem Geist sind auch die Straßenexerzitien sehr geprägt. Da stellt es natürlich eine besondere Herausforderung dar, wenn es Gruppen gibt, die klare Formen und Strukturen einfordern. Ein Erfahrungsbericht: „Gott läßt sich nicht verstrukturieren“ weiterlesen

Photos eines inneren Weges

Andrea Stölzl war auf diese Weise 2007 in München unterwegs und hat zum abendlichen Austausch einige Fotos mitgebracht. Diese Herzensbilder helfen wie ein Tagebuch, sich an die eigenen Gefühle und Einsichten aus der Mitte ihrer Person zu erinnern.

Fotos eines inneren Weges

„Mit statt für“ – Begegnung mit Geflüchteten auf Augenhöhe

Bei Straßenexerzitien üben wir es, aufmerksam auf unser Leben und unsere Umwelt zu schauen. Nadine Sylla hat lange in der WG Naunynstraße mitgelebt und bereits öfter Straßenexerzitien begleitet und daran teilgenommen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen hat sie über ihr Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten nachgedacht: „„Mit statt für“ – Begegnung mit Geflüchteten auf Augenhöhe“ weiterlesen

So viel Zeit!

Erfahrungen bei Straßenexerzitien – von Olav Hamelinck

Unser Ordensgründer Leo Dehon (Herz-Jesu-Priester) war davon überzeugt: „Wenn man einen Menschen lieben will, muss man ihn kennen. Wenn man ihn kennenlernen will, muss man ihn aufsuchen“. Jetzt oder nie – dachte ich mir im Frühjahr 2014 vor meiner Veränderung vom Hausoberen der einen Gemeinschaft zum „Oberhausener Gemeinschafts-Mitglied“ und entscheide mich für Straßenexerzitien.

„So viel Zeit!“ weiterlesen

Exerzitien in einem finnischen Frauengefängnis

FRAGMENTE DER EXERZITIEN IM FINNISCHEN FRAUENGEFÄNGNIS

von Saku Toiviainen

Ich arbeitete etwa elf Jahre als Gefängnisseelsorger in Helsinki. Schon in dieser Zeit gab es den Traum, dass wir Exerzitien in Gefängnissen haben könnten. Es war nicht möglich. Aber der Traum ist später im Frauengefängnis in Erfüllung gegangen. Marjatta, eine finnische evangelische Pastorin, hat mit mir drei Mal bei 8-tägigen Exerzitien in Hämeenlinna Frauengefängnis begleitet. Jedes Mal gab es mit uns sechs Frauen. Jetzt gibt es eine Pause und niemand weiß, ob es noch weitergeht. Mit großer Dankbarkeit denke ich an die Frauen, mit denen ich diese gemeinsame Zeit verbrachte. Hoffentlich ist es möglich etwas mit den gefangen Frauen mit diesen Fragmenten zu teilen.

  • Sie wohnte früher länger als 20 Jahre vorher in der gleichen Zelle, die wir jetzt als einen Gesprächsraum haben. „Das kann nicht nur ein Zufall sein, sondern ein Zeichen für den Beginn von etwas Neuem“, sagt sie. Wie bemerke ich ein Zeichen von einem Neubeginn in meinem Leben?
  • Täglich läuft sie in einem kleinen, viereckigen Hof, der nur für uns zur Verfügung gestellt ist. Kann sie sich selbst damit erreichen? Wie erreiche ich mich selbst?
  • Beim Ankommen erhält jede Gefangene eine eigene Nummer, die in der ganzen Strafzeit mit dem Familiennamen verbunden wird. Wegen der Nummer haben die Gefangenen oft das Gefühl, ihre eigene Identität zu verlieren. Darum finden die gefangenen Frauen es wichtig, dass wir sie bei Exerzitien mit ihren Vornamen anreden. Mit welchem Namen redet Gott uns an?
  • In der Messe am Abend zündet jede Teilnehmerin ihre eigene Kerze an, die in einem farbigen Becher steht. Die selbstgewählte Farbe des Bechers bringt etwas von der Einzigartigkeit der Teilnehmerin zum Vorschein. Wenn die Kerzen in der Messe brennen, sprechen sie nicht über Gemeinsamkeit, die in der Verschiedenheit möglich ist?
  • Die lebenslängliche Freiheitsstrafe hat sie tief geprägt. Sie definiert sich als Frau, die eine lebenslängliche Freiheitsstrafe hat. „Aber was bist du für dich selbst?“, frage ich. „Danach frage ich auch“, sagt sie. Wer definiert, was ich eigentlich bin?
  • Acht Tage Exerzitien in der Stille im Gefängnis. „Was macht ihr eigentlich in der Abteilung?“ fragt ein Wächter. „Nichts Besonderes. Wir beten, lesen, reflektieren und nehmen an der Messe teil.“ Aber ist das gerade das Besondere im Gefängnis?
  • Jeden Abend betet sie für ihre drei Kinder, die sie umgebracht hat. Hat eine Fürbitte eine Bedeutung auch in meinem Leben?
  • Wegen der siebentätigen Fahrt von Ost-Finnland nach Hämeenlinna hat sie ihre Exerzitien schon eine Woche vor dem offiziellen Anfang begonnen. Sie übernachtete in fünf verschiedenen Zellen bei der Polizei. Auf der Rückfahrt erwartet sie das gleiche. Sprechen diese Bemühungen nicht für ihre Sehnsucht?
  • „Ich nehme eure Abfälle nicht mit. Sie gehören nicht zu mir.“, sagt eine Wächterin. „Zu wem gehören sie? Wohin können wir unsere Abfälle bringen?“ Keine Antwort. Sie zieht eine starke Grenze zwischen uns. Welche Grenze ziehe ich zwischen Menschen?
  • Am letzten Tag zieht sie sich um, um auf das strenge Leben im Gefängnisvorbereitet zu sein. Mir scheint ihre schwarze Kleidung wie eine schutzgebende Mauer. Aber bemerke ich nicht meine eigene Mauer, hinter der ich mich verstecke?

Sehnsucht nach Leben – Straßenexerzitien in Essen-Katernberg

In diesem Jahr ging ich mit einer großen Sehnsucht nach Leben in die Straßenexerzitien.

Von Elisabeth-Maria

Während der Woche in Essen-Katernberg, in der ich Gott, der das Leben ist, suchte, durfte ich das Leben in vielfältiger Form finden und bin dadurch reich beschenkt worden.

So durfte ich es z.B. finden:

Begegnung beim Einkaufen

In einer Begegnung mit einem Kurden, in dessen Geschäft wir mit zwei Teilnehmerinnen für unser Abendessen einkauften. Er erzählte uns u.a. wie dankbar er für das Kirchenasyl ist, das ihm vor ein paar Jahren gewährt worden war. Zum Schluss erzählte er, dass bei ihnen zu Hause die Gäste zum Essen eingeladen würden. So schenkte er uns als Geste für unsere ganze Gruppe einen Beutel Walnüsse. Auf diese Weise wurden wir von seinen Kunden zu seinen Gästen – und fühlten uns durch diese Begegnung reich beschenkt.

ER wartet am Förderturm

An einem der Fördertürme: morgens bei dem Morgenimpuls hatte uns eine Begleiterin von Mose erzählt: wie er gerettet worden war, wie er seinem Beruf nachging, wie er schuldig wurde als er jemanden umbrachte,… Nun begegnete er in einem brennenden Dornbusch JHWH, vor dem er mit seiner Geschichte so stehen durfte wie er war / ist. Bei dieser Erzählung stieg in mir auf, wo ich heute hingehen „sollte“ – wo ER auf mich wartete: am Förderturm im Zollverein Essen. Dort durfte ich dann später stehen wie ich bin – mit meiner Lebensgeschichte – und durfte zu ihr „Ja“ sagen; sie annehmen, wie sie ist. Und genau wie durch einen Förderturm Kohle aus der Erde herauf transportiert wird, die wertvoll ist und gebraucht wird, darf ich darauf vertrauen, dass auch aus mir und in mir Dinge, Eigenschaften,… sind, die zunächst unscheinbar sind, aber dann doch wertvoll sind, wenn sie ans Licht kommen.

Das Bild an einer Mauer

Durch ein Bild an einer Mauer in der Nähe des Erfahrungsfeldes – von Moni van Rheinberg: Aus dem Schnabel eines großen bunten Vogels kommen ganz viele unterschiedliche Figuren, von der keine der anderen gleich ist; jede ist ganz individuell. Alle Figuren fliegen. Am Ende dieses Bildes steht in großen Buchstaben: „ZAHME VÖGEL SINGEN VON FREIHEIT DIE WILDEN FLIEGEN“. Dieser Satz öffnete mich für weitere Erfahrungen mit dem Leben, das ich suche. Für mich steckt darin die Botschaft immer mehr zu einem „wilden Vogel“ zu werden; nicht nur „der Gezähmte“ zu sein, der von Freiheit, von Leben,… singt, Sehnsucht danach hat, sondern es auch zu leben.

Später fiel mir auf, dass der Anfang dazu schon im Urlaub vor den Exerzitien begonnen hatte: in diesem war es mir wichtig, einen fliegenden Fischreiher zu fotografieren; auch wenn ich nicht wusste, warum.

 

Foto: Elisabeth-Maria
Der Vogel (Foto: Elisabeth-Maria)

Im Alltag

Jetzt, im Alltag bleibt dieses Bild und ich versuche immer wieder neu „fliegen“ zu üben, d.h. mit meiner Sehnsucht nach Leben in Kontakt zu bleiben und das Leben in meinen Alltag hineinzubuchstabieren, es zu leben – mit IHM, der das Leben ist.