„Mit statt für“ – Begegnung mit Geflüchteten auf Augenhöhe

Bei Straßenexerzitien üben wir es, aufmerksam auf unser Leben und unsere Umwelt zu schauen. Nadine Sylla hat lange in der WG Naunynstraße mitgelebt und bereits öfter Straßenexerzitien begleitet und daran teilgenommen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen hat sie über ihr Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten nachgedacht:

Das Helfersyndrom überwinden

Durch die unterschiedlichen Freiheiten und Möglichkeiten, die Geflüchtete und Einheimische in unserem Land haben, ist es manchmal gar nicht so einfach, sich hier freundschaftlich zu begegnen und gemeinsam aktiv zu werden.

Es besteht daher die Gefahr, dass wir in einem Verhältnis „Helfender – Hilfsbedürftiger“ stecken bleiben oder als Deutsche zu wissen meinen, was die Geflüchteten brauchen oder tun sollen. Nun mag manch einer einwenden, dass Flüchtlinge doch auch die Hilfe brauchen. Viel entscheidender ist dabei aber die Haltung, wie ich etwas mache, als das was ich dann tue. Geflüchtete Menschen machen nach ihrer Ankunft permanent die Erfahrung, dass sie Hilfe brauchen und dass sie in ihrem Handlungs- und Entscheidungsspielraum sehr eingeschränkt sind. Das bezieht sich einerseits auf eine längerfristige Perspektive, da sie während des Asylverfahrens ständig in einem Schwebezustand sind und nicht für die Zukunft planen können. Aber auch in ihrem Alltag sind sie andererseits durch die Zuweisung eines Wohnortes, durch die Sprache und andere rechtliche Einschränkungen sehr fremdbestimmt. Dies steht häufig im starken Gegensatz zu den Erfahrungen der Flüchtlinge im Heimatland und auf der Flucht, wo sie stets ihr Leben selbst in der Hand hatten und eigenständig handelten. Eine Unterstützung auf Augenhöhe, ein „MIT statt FÜR“ würde ermöglichen, dass die Bedürfnisse der Geflüchteten und ihr Handlungsspielraum stärker berücksichtigt werden und sie Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen können.

Eigene Privilegien und Bedürftigkeit annehmen

Meine Erfahrung ist, dass uns dies nicht leicht fällt. Das hat auch etwas mit unseren, von Kindheit an erlernten Perspektiven auf „Fremde“ und die westliche Welt zu tun, die als entwickelter und somit überlegener zu sein scheint. Ich will mich an dieser Stelle fragen, wie diese Begegnung auf Augenhöhe trotz der unterschiedlichen Positionierungen möglich sein kann und was jedeR selbst tun kann, um die Perspektive zu ändern.

Dafür will ich von meinen eigenen Erfahrungen berichten.

Eine Begegnung auf Augenhöhe bedeutet für mich, dass ich meine Privilegien kenne, aber auch meine Bedürftigkeit, die Anteile, bei denen ich heimatlos bin und ich mich nach Gemeinschaft sehne oder wo ich lieber flüchten möchte und wegsehe. Die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen ist eine Haltung, die in den Straßenexerzitien oft geübt wird und die es ermöglicht, es nicht besser wissen zu wollen und sich somit über den anderen zu stellen, sondern sich vom Gegenüber etwas sagen zu lassen. Im christlichen Sinne würde ich dies als Menschwerdung bezeichnen, so wie Jesus Mensch mit den Menschen war.

Für mich selbst ist diese Menschwerdung eng mit der Sehnsucht nach Gleichheit und Solidarität verbunden. Dafür musste mir immer mehr bewusst werden, mit welchen Privilegien ich ausgestattet bin und anfangen, meine eigene Weiße Normalität zu hinterfragen. Mit meiner Staatsbürgerschaft, meiner akademischen Familie und meiner weißen Hautfarbe öffnen sich viele Türen selbstverständlich für mich, für die andere lange nach einem Schlüssel suchen müssen: Ich konnte das Studium und den Beruf wählen, den ich wollte, und habe einen anerkannten Abschluss, mit dem ich arbeiten kann, ich kann meinen Wohnort frei wählen und in nahezu jedes Land dieser Erde reisen, ich musste nicht mein Heimatland verlassen, weil dort mein Leben bedroht wurde, meine Entscheidungen und mein Verhalten werden nicht auf meine Religion oder Kultur zurückgeführt, ich werde nicht unter Generalverdacht gestellt, sondern stets als Individuum wahrgenommen, ich kenne auch die ungeschriebenen Regeln in diesem Land, die mir Zugang zu unterschiedlichen Ressourcen ermöglichen, ich gehöre ungefragt dazu…

Privilegien teilen

In dem Wunsch nach Gleichheit steckt damit auch der Wunsch, die Privilegien, die mir ohne mein Zutun gegeben wurden, mit anderen zu teilen und solidarisch zu werden. Das Mitleben in der Naunynstraße hat mich über meine Privilegien, aber auch über das Teilen sehr viel gelehrt, zum Beispiel was es bedeutet,kein eigenes Zimmer zu haben um die Tür zuzumachen – so wie es in den Flüchtlingsunterkünften auch Realität ist. Es hat mich auch ganz nah mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert, die ich wahrnehme und mit aushalte, ohne zunächst etwas daran ändern zu können. Für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus ist das alltägliche Realität – es gibt oft keinen Ausweg aus dieser unmenschlichen Situation. Es hat mich gelehrt den Mund zu halten und zuzuhören, statt „es besser wissen zu wollen“ und gleich in die Aktion zu gehen.

Je mehr ich mir meiner Privilegien bewusst werde, desto mehr frage ich mich, wie überhaupt eine Begegnung möglich ist, die in einem solchen Machtgefälle stattfindet. Ich habe keine fertigen Antworten dazu, ich glaube aber, dass es nur durch Üben und Reflektieren möglich wird. Dafür braucht es Räume der Begegnung, in denen Machtstrukturen hinterfragt werden und Menschen, die diese Haltung des Mitgehens und „Miteinander-Wege -Suchens“ vorleben.

Auswirkungen auf meine Arbeit mit Geflüchteten

Ich war ein Jahr lang in der Begleitung von Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit tätig. Dort fiel mir immer wieder schmerzlich auf, dass sehr viel ÜBER, aber nicht MIT den Geflüchteten gesprochen wird. Eine Schlüsselsituation war dabei ein Runder Tisch von der Stadt organisiert, bei dem VertreterInnen der Kirchen und Vereinen sowie Ehrenamtliche eingeladen wurden. Diese hatten auch einige Flüchtlinge eingeladen. Bei der Einführung des Bürgermeisters und der Integrationsbeauftragten wurden die Flüchtlinge übergangen. Erst als ich das Wort bekam und auf Englisch die Geflüchteten begrüßte und daraufhin alle applaudierten, veränderte sich die Stimmung im Raum und die Geflüchteten selbst begannen von ihren Wünschen und Problemen zu sprechen. Dies zeigt, wie wir als Einheimische auch Räume öffnen oder geschlossen halten können.

Im Anschluss an diese Erfahrung haben wir einen „Arbeitskreis Partizipation“ gegründet, der aus fünf Ehrenamtlichen und sechs Geflüchteten bestand. Es ging dabei darum zu hören, welche Erfahrungen die Geflüchteten bei ihrer Ankunft gemacht haben, was sie sich wünschen und welche Bedarfe in der Gemeinschaftsunterkunft noch bestehen. Aus der Wertschätzung den Geflüchteten gegenüber und dem Raum zum Austausch entstand eine Interessensvertretung in der Unterkunft, in der Geflüchtete aus jeder Sprache vertreten waren. Die Ehrenamtlichen übernahmen die Aufgabe des Zuhörens und gaben die Informationen sowohl an den Ehrenamtskreis weiter, als auch an die Heimleitung oder die Stadt, wenn es Probleme beispielsweise mit der Unterkunft gab. Auch eine Kontaktaufnahme mit der Zeitung als politische Lobbyarbeit schien denkbar.

Auf Gemeinsamkeiten schauen und sich „mit auf die gleiche Treppenstufe setzen“

Arbeit in heterogenen Gruppen ist immer eine Herausforderung und kostet auf den ersten Blick viel Zeit, es hilft uns aber auch, uns in einer Haltung einzuüben, in der alle dazugehören und sprechen können, trotz rechtlicher Unterschiede und sprachlicher Hindernisse.In der Rassismustheorie wird davon ausgegangen, dass durch Diskriminierung und Herabsetzung alle Menschen in ihrem Menschsein verletzt werden, die, die direkt betroffen sind und die, die es mitbekommen oder sogar davon profitieren. Räume der Partizipation und Begegnung ermöglichen somit auch eine Art Heilung und Weiterentwicklung für jedeN.

In Seminaren mit Ehrenamtlichen ist es faszinierend, welche Ideen und Haltungen entwickelt werden, wenn wir uns dem Machtverhältnis bewusstwerden und dennoch die Augenhöhe in den Blick nehmen. Daraus entstanden unter anderem folgende Ideen: auf Gemeinsamkeiten zu schauen – wie zum Beispiel Mutter sein, Fähigkeiten und Ressourcen der Geflüchteten in den Blick zu nehmen, sich auf eine gegenseitige Beziehung einzulassen, unsere eigene Normalität zu hinterfragen (wertschätzend statt bewertend), es nicht besser wissen, Geflüchtete als eigenständige und erwachsene Subjekte und ExpertInnen ihrer Situation ernst zu nehmen, Eigenverantwortung zu stärken, Erfahrungen jenseits vom Materiellen zu teilen, ungeschriebene Regeln in Deutschland verständlich zu machen (z.B. Besuch einer Mülldeponie zur Mülltrennung), Empathie, eigene Grenzen zu kennen, eigene Erwartungen zu reflektieren… Das alles macht Mut, auf diesem Weg weiterzusuchen.

„Mit statt für“- bildlich gesprochen heißt das für mich:Die Geflüchteten nicht die Treppe hochziehen zu wollen, sondern sich mit ihnen auf die gleiche Treppenstufe zu setzen und ins Gespräch zu kommen.

Nadine Sylla

Eine Antwort auf „„Mit statt für“ – Begegnung mit Geflüchteten auf Augenhöhe“

  1. I really enjoy your post. And start tp understant a little more about this critical situatión. Keep fighting for equality!

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