Gott ist … Ein Suchen und Finden auf den Straßen Zürichs

Aus einem Pfarrbrief in Zug in der Schweiz – vom Sehen und vom Angesehen werden.

Zu Exerzitien – mit Fokus auf das innere Geschehen – wird meist in wohlabgeschirmte, stille Rückzugsorte eingeladen. Strassenexerzitien funktionieren anders.
Ein Erfahrungsbericht.

10 Uhr: Morgengebet und Impuls. So hat das Tagesprogramm den Beginn vorgesehen. Mein Einstieg ist allerdings schon etwas früher, unterwegs. Am Hauptbahnhof in Zürich warte ich auf die Tram. Da beobachte ich einen alten, gebückten, ärmlich gekleideten Mann. Er geht von Mensch zu Mensch, stellt sich vor jeden hin, schaut ihm in die Augen und sagt: «Ich wünsch Ihnen ein schönes Wochenende». Das berührt mich unerwartet heftig. Da kommt einer, an dem ich sonst verschämt vorbeigeschaut hätte, und fordert den Augen-Blick. Auch von denen, die ins Handy starren.
Und gleichzeitig verschenkt er diesen Augen-Blick auch. Zumindest denen, die ihn annehmen können. Mir, die ich ja unterwegs bin zu diesem Strassenexerzitien-Übungstag, wird schlagartig bewusst, dass mir hier schon das Thema meiner «Reise» serviert wird.

Sehen. Angesehen werden.

Dahinter sehen. Ganz im Sinne des Satzes auf dem Flyer, der mich zur Teilnahme inspiriert hat: «Wo werde ich auf das Heilige im andern und in mir stoßen – den Auferstandenen, Buddha oder andere Spuren Gottes entdecken?»

Nein, Regeln werden uns bei der Einführung keine gegeben. Auch kein Redeverbot, wie das bei anderen Exerzitienformen üblich ist. Im Gegenteil. Bloß der Tipp, aufmerksam zu werden. Aber wie? Pater Christian Herwartz zitiert Jesus, wie er die Jünger losgeschickt hat:
«Ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe. … Nehmt kein Futter mit für diese Wölfe.» Futter für die Wölfe. Das könne der Rucksack sein.
Der Geldbeutel. Das Handy. Und er geht noch weiter. «Zieht die Schuhe aus und lasst sie hier.» An diesem Null-Grad-Samstag ist Letzteres im übertragenen Sinn gemeint. «Schuhe ausziehen heisst, in die Berührung kommen mit dem Ort, wo ich stehe.» Und sich die Frage zu stellen:
Welche Schuhe hindern mich daran: Arbeitsschuhe? Weglaufschuhe? …
Und dann – vor dem Segen – nochmals die große Erlaubnis und gleichzeitig die Ermutigung: «Ihr dürft alles, aber bleibt bei dem, was ihr wollt. Habt Mut, Grenzen zu überschreiten.» Entschleunigung gehöre dazu und die Frage: «Was ist die Sehnsucht, die mich leitet?».

Die Sehnsucht, die mich leitet? Ist es das, mich von Gott wahrgenommen zu fühlen und Gott wahrzunehmen, überall, immer? Taugt das für unterwegs? Mal sehen. Und nun, raus aus der warmen Stube und aus der Wärme der Begegnung mit diesem Herzmenschen Christian Herwartz.
Jacke an, Kappe an, Schärpe an. Und die warmen Schuhe. Viereinhalb Stunden Zeit bis zum Treff zur Abschlussrunde.

Meine Schritte gehen Richtung Jakobskirche. Mich hier noch ein paar Minuten in Stille sammeln. Da liegt vor meinen Füssen ein Schlüsselbund. Und was für einer. Eine Handvoll Schlüssel, verschiedenster Größen und Gewichte. So viele, um ein ganzes Haus damit zu verwalten. Ich stehe da, und es zieht mir – im Sinne von Christian Herwartz – die Schuhe aus.
Angerührt erahne und verinnerliche ich das Sinn-Bild: «Ich habe alle Schlüssel in der Hand. Vor die Füße geworfen. Es gibt nichts zu suchen. Alles da.» Eigentlich könnte ich jetzt bereits nach Hause gehen, denke ich. Das Geschenk ist schon angekommen.

Ich gehe hinein in die Kirche, von der ich weiß, dass sie immer betreut ist, um den Schlüsselbund dort abzugeben. Da kommt mir eine Frau – schön, wie ein Engel, denke ich – durchs ganze Kirchenschiff entgegen, begrüßt mich, und fragt, ob ich gerne die Hände aufgelegt bekommen möchte. Ja, sage ich, war zwar nicht geplant, aber ich nehme auch dieses Geschenk an. Die Heilerin fragt mich nach den Themen, die für mich gerade aktuell sind. Es wird ein ausführliches, wunderschönes Gespräch. Ich erzähle unter anderem von dieser Wolke über meinem Kopf, die flirrt und zupft und Stress macht und manchmal auch dunkel ist … all diese Entscheidungen, die zu fällen sind, all die Sorgen … Dann werden mir die Hände aufgelegt. Ich merke, wie ich mich innerlich und äußerlich aufrichte. Aufrichtung und Heilung, das hat etwas miteinander zu tun, wird mir bewusst.

Und jetzt raus auf die Straße. Weg ohne Ziel. Nicht weit, bloß um die Ecke. Und dann schon dieser Blick auf ein Schaufenster. Es zieht mir erneut die Schuhe aus. Da stehe ich und verweile. Madonna mit Wolke. Schmetterlingswolke. An einem anderen Tag wäre ich vielleicht einfach daran vorbeigegangen. Oder ich hätte das Chaos hinter der Glasscheibe im Laden mit einem Stirnrunzeln quittiert, hätte die Madonna mit Reh und Kunststoffblumen als Kitsch abgetan und das Schmetterlingsgewusel erst recht. An einem Tag wie heute allerdings, an dem ich mich für Sehen und Hören entschieden habe, verbindet sich das Gesehene mit mir, meinem Leben … Die Schmetterlinge, Boten des bereits Transformierten, grüßen das Geflirre und Gezupfe in meiner Wolke, die Aufrichtung der Madonna grüßt mein eigenes Aufgerichtet-sein. Das blumenbekränzte Reh schaut mir in die Augen – spricht es gerade mit mir? Das Durcheinander im Hintergrund darf einfach sein und erlaubt meinen Hintergrundgeräuschen das Gleiche. Ich stehe da, sehe und fühle mich gesehen. Und es ist – mitten im samstäglichen Stadtlärm – ganz still in mir.

Und der Weg geht weiter. Unaufgeregt. Erwartungsfroh. Und es begegnen mir weitere Bilder und Menschen und Worte. Und ich schaue hin statt weg. Ich spiele damit, deute um, ordne ein und bringe Stunden später – aus der Erfahrung – diesen Satz mit in die Abschlussrunde: «Gott ist das, was mich berührt, und auch das, was sich in mir berühren lässt.» Schade nur, dass dies oft außerhalb meiner Alltagswahrnehmung abläuft. Christian Herwartz formuliert es in seinen Schlussworten so:
«Es geht ums Entdecken von Gottesdienst, wo Gott mir dient und der andere mir das Brot bricht. Aber ich muss es sehen und auch feiern.» Ja. Amen.

RUTH EBERLE


	

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