Fortschritte bei der Ökumene in Sicht?

Eine EKD-Delegation bei Papst Franziskus in Rom (Bild: Radio Vatikan)

Die Straßenexerzitien sind eine spirituelle Praxis mit großer Weite. Oft habe ich den Eindruck, bei den Exerzitien sind wir nicht ökumenisch, wir sind „postkonfessionell“: in unserer Praxis sind die konfessionellen Unterschiede eigentlich nicht mehr wichtig.

Die konfessionellen und religiösen Prägungen der Einzelnen – ob katholisch, evangelisch verschiedener Schattierung, freikirchlich oder altkatholisch, auch jüdisch – sie sind als jeweilige Herkunft der Einzelnen spürbar und bereichern das Miteinander, aber wir lassen sie bei den Exerzitien nicht zu trennenden Unterschieden werden. Unendlich viel bedeutender ist das, was uns eint: Die Erfahrungen auf der Straße.  „Fortschritte bei der Ökumene in Sicht?“ weiterlesen

Exerzitien in einem finnischen Frauengefängnis

FRAGMENTE DER EXERZITIEN IM FINNISCHEN FRAUENGEFÄNGNIS

von Saku Toiviainen

Ich arbeitete etwa elf Jahre als Gefängnisseelsorger in Helsinki. Schon in dieser Zeit gab es den Traum, dass wir Exerzitien in Gefängnissen haben könnten. Es war nicht möglich. Aber der Traum ist später im Frauengefängnis in Erfüllung gegangen. Marjatta, eine finnische evangelische Pastorin, hat mit mir drei Mal bei 8-tägigen Exerzitien in Hämeenlinna Frauengefängnis begleitet. Jedes Mal gab es mit uns sechs Frauen. Jetzt gibt es eine Pause und niemand weiß, ob es noch weitergeht. Mit großer Dankbarkeit denke ich an die Frauen, mit denen ich diese gemeinsame Zeit verbrachte. Hoffentlich ist es möglich etwas mit den gefangen Frauen mit diesen Fragmenten zu teilen.

  • Sie wohnte früher länger als 20 Jahre vorher in der gleichen Zelle, die wir jetzt als einen Gesprächsraum haben. „Das kann nicht nur ein Zufall sein, sondern ein Zeichen für den Beginn von etwas Neuem“, sagt sie. Wie bemerke ich ein Zeichen von einem Neubeginn in meinem Leben?
  • Täglich läuft sie in einem kleinen, viereckigen Hof, der nur für uns zur Verfügung gestellt ist. Kann sie sich selbst damit erreichen? Wie erreiche ich mich selbst?
  • Beim Ankommen erhält jede Gefangene eine eigene Nummer, die in der ganzen Strafzeit mit dem Familiennamen verbunden wird. Wegen der Nummer haben die Gefangenen oft das Gefühl, ihre eigene Identität zu verlieren. Darum finden die gefangenen Frauen es wichtig, dass wir sie bei Exerzitien mit ihren Vornamen anreden. Mit welchem Namen redet Gott uns an?
  • In der Messe am Abend zündet jede Teilnehmerin ihre eigene Kerze an, die in einem farbigen Becher steht. Die selbstgewählte Farbe des Bechers bringt etwas von der Einzigartigkeit der Teilnehmerin zum Vorschein. Wenn die Kerzen in der Messe brennen, sprechen sie nicht über Gemeinsamkeit, die in der Verschiedenheit möglich ist?
  • Die lebenslängliche Freiheitsstrafe hat sie tief geprägt. Sie definiert sich als Frau, die eine lebenslängliche Freiheitsstrafe hat. „Aber was bist du für dich selbst?“, frage ich. „Danach frage ich auch“, sagt sie. Wer definiert, was ich eigentlich bin?
  • Acht Tage Exerzitien in der Stille im Gefängnis. „Was macht ihr eigentlich in der Abteilung?“ fragt ein Wächter. „Nichts Besonderes. Wir beten, lesen, reflektieren und nehmen an der Messe teil.“ Aber ist das gerade das Besondere im Gefängnis?
  • Jeden Abend betet sie für ihre drei Kinder, die sie umgebracht hat. Hat eine Fürbitte eine Bedeutung auch in meinem Leben?
  • Wegen der siebentätigen Fahrt von Ost-Finnland nach Hämeenlinna hat sie ihre Exerzitien schon eine Woche vor dem offiziellen Anfang begonnen. Sie übernachtete in fünf verschiedenen Zellen bei der Polizei. Auf der Rückfahrt erwartet sie das gleiche. Sprechen diese Bemühungen nicht für ihre Sehnsucht?
  • „Ich nehme eure Abfälle nicht mit. Sie gehören nicht zu mir.“, sagt eine Wächterin. „Zu wem gehören sie? Wohin können wir unsere Abfälle bringen?“ Keine Antwort. Sie zieht eine starke Grenze zwischen uns. Welche Grenze ziehe ich zwischen Menschen?
  • Am letzten Tag zieht sie sich um, um auf das strenge Leben im Gefängnisvorbereitet zu sein. Mir scheint ihre schwarze Kleidung wie eine schutzgebende Mauer. Aber bemerke ich nicht meine eigene Mauer, hinter der ich mich verstecke?

Kurse 2017

wie schön (Foto: K. Happe)

Es gibt einzelne Stunden zum „Schnuppern“, etwa auf dem Kirchentag in Berlin, oder mehrtägige Angebote für Einzelne und Paare an verschiedenen Orten in Deutschland, zum Beispiel in Flensburg, Hamburg, Ludwigshafen, Köln, Berlin. Die Angebote werden in den nächsten Monaten weiter ergänzt.

–> zu den Terminen

Wer sich unsicher ist, ob Exerzitien auf der Straße etwas für ihn/sie ist: erst mal diesen Artikel lesen – und dann einfach Kontakt aufnehmen mit den Veranstaltern oder mit mail@strassenexerzitien.de.

Vielfältiges Material, Erfahrungen und Verweise auf Literatur finden sich unter Erfahrungen und Materialien.

Unser Nein Leben

Tag_1 (Foto: Kathrin Happe)

Unter diesem Titel ist – nach einer Podiumsdiskussion „Kampf und Kontemplation“ auf dem Katholikentag in Leipzig 2016 – im Sommer 2016 ein Artikel in Publik Forum EXTRA „Taizé heute – das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt“ erschienen. – Mein Entwurf hatte den Titel „Im Konflikt zwischen Tätern und Opfern“

„Unser Nein Leben“ weiterlesen

Sehnsucht nach Leben – Straßenexerzitien in Essen-Katernberg

In diesem Jahr ging ich mit einer großen Sehnsucht nach Leben in die Straßenexerzitien.

Von Elisabeth-Maria

Während der Woche in Essen-Katernberg, in der ich Gott, der das Leben ist, suchte, durfte ich das Leben in vielfältiger Form finden und bin dadurch reich beschenkt worden.

So durfte ich es z.B. finden:

Begegnung beim Einkaufen

In einer Begegnung mit einem Kurden, in dessen Geschäft wir mit zwei Teilnehmerinnen für unser Abendessen einkauften. Er erzählte uns u.a. wie dankbar er für das Kirchenasyl ist, das ihm vor ein paar Jahren gewährt worden war. Zum Schluss erzählte er, dass bei ihnen zu Hause die Gäste zum Essen eingeladen würden. So schenkte er uns als Geste für unsere ganze Gruppe einen Beutel Walnüsse. Auf diese Weise wurden wir von seinen Kunden zu seinen Gästen – und fühlten uns durch diese Begegnung reich beschenkt.

ER wartet am Förderturm

An einem der Fördertürme: morgens bei dem Morgenimpuls hatte uns eine Begleiterin von Mose erzählt: wie er gerettet worden war, wie er seinem Beruf nachging, wie er schuldig wurde als er jemanden umbrachte,… Nun begegnete er in einem brennenden Dornbusch JHWH, vor dem er mit seiner Geschichte so stehen durfte wie er war / ist. Bei dieser Erzählung stieg in mir auf, wo ich heute hingehen „sollte“ – wo ER auf mich wartete: am Förderturm im Zollverein Essen. Dort durfte ich dann später stehen wie ich bin – mit meiner Lebensgeschichte – und durfte zu ihr „Ja“ sagen; sie annehmen, wie sie ist. Und genau wie durch einen Förderturm Kohle aus der Erde herauf transportiert wird, die wertvoll ist und gebraucht wird, darf ich darauf vertrauen, dass auch aus mir und in mir Dinge, Eigenschaften,… sind, die zunächst unscheinbar sind, aber dann doch wertvoll sind, wenn sie ans Licht kommen.

Das Bild an einer Mauer

Durch ein Bild an einer Mauer in der Nähe des Erfahrungsfeldes – von Moni van Rheinberg: Aus dem Schnabel eines großen bunten Vogels kommen ganz viele unterschiedliche Figuren, von der keine der anderen gleich ist; jede ist ganz individuell. Alle Figuren fliegen. Am Ende dieses Bildes steht in großen Buchstaben: „ZAHME VÖGEL SINGEN VON FREIHEIT DIE WILDEN FLIEGEN“. Dieser Satz öffnete mich für weitere Erfahrungen mit dem Leben, das ich suche. Für mich steckt darin die Botschaft immer mehr zu einem „wilden Vogel“ zu werden; nicht nur „der Gezähmte“ zu sein, der von Freiheit, von Leben,… singt, Sehnsucht danach hat, sondern es auch zu leben.

Später fiel mir auf, dass der Anfang dazu schon im Urlaub vor den Exerzitien begonnen hatte: in diesem war es mir wichtig, einen fliegenden Fischreiher zu fotografieren; auch wenn ich nicht wusste, warum.

 

Foto: Elisabeth-Maria
Der Vogel (Foto: Elisabeth-Maria)

Im Alltag

Jetzt, im Alltag bleibt dieses Bild und ich versuche immer wieder neu „fliegen“ zu üben, d.h. mit meiner Sehnsucht nach Leben in Kontakt zu bleiben und das Leben in meinen Alltag hineinzubuchstabieren, es zu leben – mit IHM, der das Leben ist.

 

Herr, der Tag und was er bringen mag

Tag_1 (Foto: Kathrin Happe)

Herr, der Tag und was er bringen mag,
Sei mir aus deiner Hand gegeben.
Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Du bist der Weg, ich will ihn gehen.
Du bist die Wahrheit, ich will sie sehen.
Du bist das Leben, mag mich umwehen.

Von Michael Ertl

Mit diesen Worten beginnt ein Gebet, dass mir meine Eltern vor über 30 Jahren in die Bibel schrieben, die ich von ihnen zu meiner Firmung bekam. So hat es mich sehr berührt, als genau dieses Gebet von Regina, einer Teilnehmerin der Strassenexerzitien, während eines Gebetsimpulses am Morgen zitiert worden war. Hatte ich dieses Gebet in früheren Jahren oft am Morgen eines neuen Tages gebetet, so war es irgendwann in Vergessenheit geraten und erstand in diesem Augenblick erneut vor meinen inneren Augen. Wie eine Folie legen sich die Worte dieses Gebetes jetzt unter die Erfahrungen, die ich in den vorausgegangenen Tagen auf den Straßen Berlins machen durfte. Der Weg war in diesen Tagen zur Straße geworden, die Wahrheit widerspruchsvoll und das Leben forderte mich auf ungewohnte Weise heraus.

„Du bist der Weg, ich will ihn gehen.“

Die schönen Wald- und Wiesenwege der belgischen Eifel, in der ich lebe, waren zum harten Asphalt einer Großstadt geworden. Am Anfang dieser Exerzitientage stand ich auf dem Alexanderplatz, wo mich eine mit roten Buchstaben aufgeklebte Schrift dazu einlud, den „leeren Raum“ zu betreten. Das habe ich im Verlauf der Exerzitien auch versucht. Manchmal zaghaft und immer öfter auch ganz entschieden. Den „leeren Raum“ in mir auszuhalten und mich durch ihn öffnen zu lassen, für das, was Gott mir in diesen Tagen schenken wollte an Begegnungen und Erfahrungen. Den „leeren Raum“ abzuklopfen, nach der eigenen Sehnsucht aber auch nach meinen Ängsten.

„Du bist die Wahrheit, ich will sie sehen.“

Was wahr und falsch ist, das wusste ich doch längst – und wusste es auch nicht. Am dritten Tag der Exerzitien stand ich auf dem Gelände des ehemaligen Frauengefängnisses in der Barnimstraße und sah mich mit folgender Aussage konfrontiert. „Jeder Mensch ist widerspruchsvoll!“ Ich fühlte mich eingeladen, den Wiedersprüchen meines eigenen Lebens nachzuspüren. Aber auch den vielen „Wahrheiten“ offener und verborgener Not, wie sie mir in diesen Tagen auf der Straße begegneten. Oft waren es auch die Erlebnisse anderer, die mir im abendlichen Austausch zeigten, wie ergänzungsbedürftig all das war, was ich bisher für „Wahrheit“ gehalten habe

„Du bist das Leben, mag mich umwehen.“

Wie Leben aussehen kann und zu welcher fülle sie einlädt, das habe ich bisher oft aus der Perspektive derer gesehen, die aus einer „privilegierten Fülle“ heraus leben können. Das Leben, das mich auf dem Straßenstrich der Kurfürstenstraße erwartete war von einer anderen Fülle; einer, die mich mit Scham erfüllte. Prostituierte aus verschiedensten Ländern sprachen mich an und nannten mir ihre Preise. Sprachlosigkeit überkam mich und auch Trauer über das, was mich an diesem Ort an verkauften Leben „umwehte“.

Das Gebet aus meiner ersten Bibel, ich habe es wieder zu beten begonnen. Der Weg lässt mich jetzt an die Straßen Berlins denken, durch die ich in diesen Tagen der Exerzitien gegangen bin; die Wahrheit daran, dass sie so widerspruchsvoll ist wie vieles, was ich in diesen Tagen gesehen habe und das Leben an die vielen Gesichter, die mich in diesen Tagen umwehten.

Michael Ertl

Was haben mir 2016 die „Straßenexerzitien“ in Berlin gezeigt?

Lebe dein Leben (Foto:Kathrin Happe)

Von Lore Weber

Der Begriff „Exerzitien“ war für mich besetzt von dem Verständnis eines Erlebens der inneren Hinwendung zu Gott. In den Strassenexerzitien fand ich ein ganz anderes Verständnis: Jesus unter den Menschen und zwischen den Menschen zu erleben. Er, der von sich sagt, dass Er die Strasse ist – „ich bin der Weg…..“ (Joh. 14,6) – Ihm wollte ich in und bei den Menschen begegnen und Seine Sprache verstehen, wenn Er sagt: „kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid.“ (Mat 11,28).

Unsere Gruppe der Teilnehmenden lebte in einer Notunterkunft für Obdachlose über die 10 Tage und hat dort andeutungsweise nachempfunden, warum Jesus gerade solche Menschen einlädt, an Seiner göttlichen Liebe teilzuhaben.

Jeden Tag unterwegs auf den Strassen Berlins: Da saß ein Mann, im hohen Rentenalter, auf einer Bank am Leonhardplatz, einem Platz in Wedding, auf dem sich Menschen treffen, die ihren Platz in unserer Gesellschaft verloren haben. Seine Schuhe, seine Kleidung , sein Rucksack arm und notdürftig gepflegt. Sein Gesicht stumpf und traurig. Seine Bartstoppeln grau und scheinbar nicht wert, rasiert zu werden. Ich setzte mich zu ihm, sprach ihn vorsichtig an und entdeckte eine stille Würde in diesem Menschen: Jesus schien neben mir zu sitzen! Im Blick auf das von Unkraut umwachsene hinter uns aufragende Kirchengebäude erklärte mir dieser Mann, diese Kirche sei schon lange geschlossen, weil man sie nicht mehr brauche, und „Gott ist doch überall“! Auch kam aus seinem Munde sonst kein verachtender Schimpf auf die uns umgebenden und alkoholisierten armen Menschen auf seiner Bank. Er schien sie anzusehen, ohne wirklich dazu zu gehören.

Da war die junge Afrikanerin im Jobcenter im Wedding, die mir aus ihrer Lebenssituation erzählte: alleinerziehende, verlassene Mutter von 3 Kindern, Hartz IV-Empfängerin, fließend deutsch sprechend, Begründerin einer Migrantenhilfe zur deutschsprachigen Begleitung bei Ämtergängen und Anträgen, ehrenamtlich helfend, selber auf Hilfe angewiesen. Da Jobcenter in der Regel nur deutschsprachig geführt werden, haben die muttersprachlichen Neuankömmlinge keine Chance, ihre Rechte zu finden. Ich kenne den Glauben dieser afrikanischen Frau nicht, fand aber in ihr im Jobcenter den Geist Jesu der selbstlosen Hingabe, selber hilflos unterwegs! – Ich danke ihr, ohne ihr wahrscheinlich je wieder zu begegnen.

Doch, ich begegne Jesus wieder, in je anderer Gestalt, in anderen Situationen, unterwegs, auf den Strassen meines Lebens: bei mir zu hause, in der Grossen Stadt, im Jobcenter, anderswo….. Sein Geist der Liebe , der Zuwendung zu den Unteren und Kranken in unserer Gesellschaft – Sein Geist wird das letzte Wort haben, wenn Jesus der Messias wiederkommt. Ihn anzunehmen, ihm täglich zu begegnen, von ihm die Liebe zu allen Mitmenschen zu lernen, die „Straße“ zu Gottes Reich zu erkunden und dem Jesus sich anzuvertrauen, der im Alltag der Emmausjünger und in unserem Alltag heute präsent ist.

So habe ich die Straßenexerzitien erlebt.

Dank an Christian Herwartz, Iris Weiss, Marita Lersner und Jens Sommer, die uns das Buch der neutestamentlichen Jesusgeschichten als Buch Der „Straße“ öffnen halfen.