Im Angesicht der Schöpfungswunde

Straßenexerzitien-Wochenende am Garzweiler II-Tagebau, 12.-14.11.2021

„Gott, du mein Gott, dich suche ich“. Mit diesen Worten aus dem 63. Psalm starteten wir zu dritt am zweiten Novemberwochenende in unseren ersten Straßenexerzitientag am Braunkohletagebau Garzweiler. Um flexibel zu sein, waren wir mit einem Wohnmobil gekommen und standen im Dorf Keyenberg, wenige hundert Meter entfernt vom „Loch“. In diesen zwei Tagen wollten wir uns von der lebendigen Geistkraft führen lassen.

Nach dem Morgengebet machen wir uns auf. Die Umgebung des Dorfes wirkt idyllisch: Felder im Novembernebel, Pferde, die auf der Wiese grasen, in der Ferne sind Ortschaften mit Kirchtürmen zu sehen. Nur von einem kleinen Erdhügel umgrenzt ist das Bekannte jedoch plötzlich überschritten. Vor mir gähnt ein riesiges Loch. „Heiliger Boden“? Groß bis zum Horizont und unschätzbar tief, mit kahlen Hängen aus Erde, Sand und Kohle am Grund liegt es da. Nichts ist mehr dort, wo vorher auf Äckern Nahrungsmittel angebaut wurden, wo in Dörfern Menschen gelebt haben, wo sie ihr Zuhause hatten, ihre Familie und ihre Freund:innen. Fehlen, Abwesenheit.

Die „Schöpfungswunde“ reißt im eigenen Innern fast körperlich und verschlägt mir die Sprache, es breitet sich Traurigkeit aus. Nach gar nicht langer Zeit kommt Security und macht mich unsanft darauf aufmerksam, dass der Boden, auf dem ich stehe, Eigentum der RWE sei und ich ihn zu verlassen hätte. Mutter Erde – angeeignet und ausgenutzt von einem riesigen Energiekonzern. Ich gehe also ins Dorf. In Keyenberg sehe ich leere Geschäfte, verwilderte Vorgärten, verlassene Häuser mit herunter gelassenen Rollos. Das, was Menschen sich hier über Jahrzehnte und Generationen aufgebaut haben, der Ort, an dem sie geboren wurden, miteinander gelebt haben, z.T. gestorben sind, ist jetzt auch „Eigentum der RWE“. Trostlosigkeit liegt wie eine erdrückende Decke über dem Dorf. Selbst die Kirche ist geschlossen. Ganz wenige Häuser sind noch bewohnt, fast trotzig wirken die herausgeputzten Vorgärten, die sauberen Fenster und doch ist Resignation auch hier spürbar. Wie lebt es sich wohl als letzte/r Bewohner/in einer Straße – ohne Nachbar:innen, ohne Vereine, ohne Schule, Geschäfte, Gemeindeleben…? Ich sehne mich nach Trost und Schönheit angesichts dieser Zerstörung.

Am Nachmittag verabreden wir uns zum Besuch der Messe. Sie muss draußen vor der Kirche von Kuckum stattfinden, weil die Kirche selbst verschlossen bleibt: Sie soll entwidmet werden. Die Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“ hat den Gottesdienst vorbereitet. Als Leitfaden dient der Satz: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Wir sind hier immerhin ungefähr 20 Menschen und fühlen uns ermutigt. Als wir gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen, ist für mich erstmals Hoffnung spürbar: So geborgen, „erwarten wir getrost, was kommen mag“. Gott ist anwesend, hier unter uns Menschen. In ihm geborgen mit unserer Verzweiflung und Angst über die Folgen der Klimakatastrophe. Ganz zart öffnet sich ein neuer Horizont.

Am Abend treffen wir die meisten Teilnehmenden des Gottesdienstes beim Lichtergang in Lützerath wieder. Dieses Dorf unmittelbar am Rand der Kohlegrube ist schon halb abgerissen worden. Dort formiert sich der Widerstand der Klimaschützer:innen sichtbar in Form von Baumhäusern und einer großen Zeltstadt auf einer Wiese – an diesem regnerischen Wochenende versinkt sie im Matsch. Meine Achtung für diejenigen, die hier in der Kälte leben, um weiteren Abbau zu verhindern, wächst. Die Menschen, die am Lichtergang teilnehmen, haben Laternen mitgebracht und erinnern mit Fackeln an verschiedenen Stellen des Rest-Ortes an Aktionen des Widerstandes in Lützerath.

Zu Beginn erzählt eine ältere Frau, wie sie „mit vier alten Frauen“ den Abriss der Landstraße 277 zu verhindern versuchten. Zu dem Zeitpunkt waren sie allein. Eingekesselt von der Polizei mussten sie dem Abriss zusehen. Ältere Frauen machen den Anfang und widerstehen. Eine adventliche Stimmung breitet sich aus:  Durch die aufgestellten Fackeln wird es heller im Rest-Dorf, das Licht nimmt zu – Symbol der Hoffnung an diesem dunklen Ort. Wir kommen mit unserem Zug an der „Eibenkapelle“ vorbei. Die Bäume bilden einen kleinen Raum, in dem gebetet wird, Kerzen flackern in der Dunkelheit, Bilder von Ikonen sind gleich neben dem gelben Kreuz, das aus Gorleben hierher getragen wurde, aufgestellt. Hier wird Gott offenbar von vielen Menschen angebetet. Hier zu sein lässt in mir das Vertrauen und die Überzeugung wachsen, dass Gott stärkt für den Widerstand gegen den Raubbau an unserer Erde.

Am nächsten Morgen beten wir gemeinsam das Abschlussgebet aus der Enzyklika „Laudato si“. Wie schutzwürdig unsere Mutter Erde ist, haben wir hier unmittelbar erfahren. Und ein Zitat von Hannah Malcolm wird uns gesandt und ermutigt uns mit ihrer Aussage: „Ich entscheide mich dafür, zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, wichtig ist, ob Hospizarbeit oder prophetischer Widerstand, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das ist möglich, weil unsere Aufgabe die Auferstehung ist – die Aufgabe, Leben aus dem Tod zu bringen“.

Gabriele Spliethoff, 21.11.2021

Die Stuttgarter Nachrichten berichten über Straßenexerzitien

Unter der Überschrift „Mit dem Kompass des Herzens unterwegs“ berichten die Stuttgarter Nachrichten (StN) ausführlich über ein Angebot von Exerzitien auf der Straße.

„Fast wie beim evangelischen Glaubensbruder Paul Gerhardt und dessen Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, so soll der Geist Gottes in den Straßen der Stadt gesucht werden: Drei Tage und einen Abend (vom 29. Juli bis 1. August) lang begeben sich die Teilnehmer auf die Suche nach Spuren von Gott. Eine geistliche Übung also, die abseits des Alltags zu einer intensiven Begegnung mit Gott führen soll.“

Lest selbst hier – und wer danach an dem Kurs interessiert ist, der findet hier nähere Informationen.

Klaus Mertes erhält das Bundesverdienstkreuz

Klaus Mertes

Klaus Mertes SJ ist vieles: Jesuit, Pädagoge, Publizist, streitbarer Zeitgenosse – und regelmäßig auch Begleiter von Straßenexerzitien. Daher freut uns die Nachricht sehr, dass er von Bundespräsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz erhält.

Mit ihm erhält es auch Matthias Katsch, der Sprecher des Eckigen Tisches, der die Interessen von Betroffenen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen speziell im Kontext der Katholischen Kirche vertritt. Katsch war einer der ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs, die sich an Klaus Mertes als Schulleiter wandten und ihm vom Mißbrauch in den 1970er und 80er Jahren erzählten.

Foto: Etzagots, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Fastenpredigt von Luisa Neubauer

Luisa Neubauer im Berliner Dom

Luisa Neubauer, Mit-Gründerin von Fridays for future, hat letztes Wochenende im Berliner Dom eine Fastenpredigt gehalten. Eine sehr eindrucksvolle, kraftvolle Predigt einer jungen Christin – einfach mal anhören (ab Minute 32:00).

Um so bitterer ist es, wenn manche, die sich als Christen verstehen, nichts als Hass und Häme ausschütten, statt sich zu freuen über eine junge Frau, die Gottes Wort so prophetisch verkündet.

Gott als Maler entdecken

Vielfach sind es Begegnungen mit Menschen auf der Straße, die bei Straßenexerzitien als Gotteserfahrung gedeutet werden. Manchmal sprechen auch Botschaften auf Schildern, Graffiti, Inschriften aller Art in der Stadt zu unserem Herzen.

Mir ist neulich die Begegnung mit Fotographien eines katalanischen Fotokünstlers zu einer tiefen geistlichen Erfahrung geworden. Die „Ornitographies“ von Xavi Bou, Aufnahmen von Vögeln im Flug, legen eine tiefe Schönheit der Welt offen, die uns im Alltag verborgen bleibt.

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Die Straße als Anders-Ort — Gott auf der Straße begegnen? Wie soll das gehen?

Looking for a sign? This is it!

Bericht von Straßenexerzitien in Essen

Einen Eindruck davon erhielten fünf interessierte Frauen am 10.09.2020. Pater Lutz Müller SJ hatte ins Abuna-Frans-Haus nach Essen-Frohnhausen eingeladen. Der Leitgedanke des „Schnuppertags Straßenexerzitien“ war, Gott an einem ungewöhnlichen und ungewohnten Ort zu suchen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde führte Pater Müller in das Format ein: Bei Straßenexerzitien sind die Teilnehmenden auf der Straße unterwegs. Sie folgen den Bewegungen der eigenen Sehnsucht. Lassen sich ein auf ungewohnte Lebenswelten — oft auf Menschen am Rande der Gesellschaft. So üben sie, sich selbst, den anderen und Gott darin zu begegnen. Die Leitfragen des ersten Schnuppertages entwickelte Pater Müller aus dem Gleichnis des brennenden Dornbusches. Was ist (m)ein heiliger Ort für diesen Tag? Wo und wie verlasse ich meine Komfortzone und gehe dorthin, wo es unangenehm wird?

Nach diesem Einführungsimpuls ging es für die fünf Frauen bei strahlendem Sommerwetter hinaus. Vier Stunden Zeit lagen nun vor den Teilnehmerinnen. Zeit für Begegnungen mit dem Innen und Außen, mit dem eigenen Herzen oder Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Einige Teilnehmerinnen verzichteten dabei auf jegliche Hilfsmittel wie Handy, Geld oder die Fahrkarte für den ÖPNV. Für andere war die Fahrt mit der Straßenbahn die erste Begegnung mit Menschen, die ebenfalls unterwegs waren. Wieder andere ließen mit dem Fahrrad die Welt an sich vorbeiziehen.

Um 15 Uhr traf sich die Gruppe wieder im Garten des Abuna-Frans-Hauses. Eine intensive Zeit lag hinter den Teilnehmerinnen, die nun nacheinander von ihren Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen berichteten – und die ihre eigenen Antworten auf die Leitfragen gefunden hatten. Der Austausch über diese Antworten rundete den Tag ab. Sechs Stunden intensiver Erfahrungen lagen hinter den Teilnehmerinnen, die sie als „Urlaub vom Alltag“, „Auszeit“ oder „wertvollen Impuls“ bezeichneten. Alle Frauen dankten dem Gastgeber und der Organisatorin, Barbara Weß, Kollegin aus dem Fachbereich Integration und Migration, von Herzen. Damit verbunden war der innige Wunsch, diese Veranstaltung zu wiederholen. Wir dürfen gespannt sein: Frau Weß und Pater Müller haben bereits mit den Planungen für eine weitere Veranstaltung begonnen.

In Abwesenheit von Kirche…

Ernst-Otto Sloot SCJ

Wenn man die Menschen in Oberhausen über die derzeitigen Veränderungen ihrer Kirche reden hört, dann ist deutlich herauszuhören, dass Menschen und Kirche in den jeweiligen Stadtteilen früher einander näher waren. Stadtteil und Kirchengemeinde waren praktisch eins, egal ob katholische oder evangelische Gemeinde: große Gefühle von Zusammengehörigkeit und Nähe.

Das Ergebnis der jüngsten Entwicklungen ist dagegen eher: Befremden oder Entfremdung. Kirchen im Stadtteil schließen. Die Wege werden weiter. Kirche insgesamt scheint weiter weg zu sein. Viele trauern, haben das Gefühl, von Kirche verlassen worden zu sein. Andere verlassen ihrerseits enttäuscht, entfremdet die Kirche. In Oberhausen haben letztes Jahr 643 Christen ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklärt. Die Zahl der Beerdigungen übersteigt die Zahl der Taufen um mehr als das Doppelte. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt stetig ab. In 50 bis 60 Jahren ist die katholische Kirche in Oberhausen, wenn der Trend anhält, ohne Mitglieder. Christsein findet dann in Abwesenheit von Kirche statt.

So wie die Kirche sich an leere Kirchen und die Abwesenheit von Christen gewöhnt hat, müssen sich dann die Christen an die Abwesenheit von Kirche gewöhnen. Wie werden die Menschen mit der Abwesenheit der Kirche leben?

Sie können sie, wie eine Freundin, in guter Erinnerung behalten und sich versöhnen mit dem Gedanken, dass man sie ihren Weg gehen lassen muss. Sie wird ihren eigenen Weg mit Gott gehen, mit allen ihren Reichtümern, mit ihrem Festhalten an alten Regeln wie Pflicht-Zölibat und Weihe-Verboten. Vielleicht werden sich die Wege in Zukunft wieder treffen und man geht noch ein Stück gemeinsam dem Reich Gottes entgegen. Das Leben geht schließlich weiter. Es ist Gottes großes Geschenk, das bleibt. Und: Gottes Sammlungsbewegung geht weiter. Kirche ist ein Teil davon. Aber wohl nicht das Ganze. Gottes Geist führt die Menschen auf verschiedenen Wegen an sein Ziel. Der Weg der Kirche ist nur einer davon.

Die Möglichkeiten Gottes und seines Heiligen Geistes sind viele. In Abwesenheit von Kirche bleibt er den Menschen weiterhin nah. Man darf freudig gespannt sein, auf das, was er vorhat: Wen wird er in der säkularen Wüste wie Abraham und Sara mit ihren Kindern zu Keimzellen einer Glaubensfamilie machen? Welche Theologinnen und Theologen wird diese Exils-Zeit hervorbringen? Welche Propheten und Prophetinnen mahnen uns zu Umkehr von falschen Wegen und zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung? Wer wagt den Weg in die Nachfolge Jesu?

Die Abwesenheit von Kirche ist jedenfalls kein Hinweis auf die Abwesenheit Gottes! 

Erfahrungen von Strassenexerzitien unter Corona-Bedingungen

"Coronakrise in Berlin" by tim.lueddemann is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Lutz Müller SJ

Einzelexerzitien in Köln

Als ein gelungenes Experiment habe ich es empfunden, als ich Ende Mai 2020 Strassenexerzitien in Köln machte. Unter Corona-Bedingungen ist es ja herausfordernd, auf der Straße unterwegs zu sein. Abstand, Hygienemaßnahmen und Alltagsmaske stellen mich auf die Probe, wie ernst und konsequent ich dies auf der Straße befolge. Folgendes war für mich gut lebbar:

  • Ich suchte mir ein gastfreundliches Kloster, das mich als Einzelgast aufnahm. Das waren die Karmelitinnen, bei denen ich auch täglich die hl. Messe mitfeierte.
  • Da ich allein ohne Gruppe unterwegs war, suchte ich mir einen Begleiter, der sich täglich eine halbe Stunde Zeit nahm.
  • Die Stadt Köln bietet Wohnungslosen, Obdachlosen und anderen Armen eine gute Infrastruktur der Hilfe. Mir scheint, dort ist ein guter Ort, um Strassenexerzitien zu machen.

So hatte ich einen Rahmen vorgefunden und geschaffen, unter dem ich dies ausprobieren wollte. Als mein Hauptplatz stellte sich die Treppe vor dem Hauptbahnhof heraus, direkt unterhalb des Domes. Das ist ein Platz voller Menschen mit vielen Bewegungen. Dort passieren nicht nur Reisende aus aller Welt, sondern viele Kölner machen dort Pause; die Straßenreinigung hält den Platz im 30 Minuten Takt sauber, weil es ein Vorzeigeobjekt ist; mehrere Gruppen von Obdachlosen treffen sich, über den Tag verteilt. Verschiedene Künstler versuchen dort ihr Glück, Menschen anzuziehen. Es herrscht aber ein solches Gewusel auf dem Platz, dass fast alle nach kurzer Zeit entnervt weiterziehen zum Domplatz hinauf.

Ich lernte auch den Neumarkt kennen, ein Treffpunkt von Dealern und Drogenkonsumenten. Ein sehr verschmutzter, großer, unappetitlicher Platz, wo ich mich nur unwohl fühlte. Am Appellhofplatz war es einsam, dort trafen sich meist nur einige Männer, die ich vom HBF her kannte. Eine Kontaktaufnahme gelang mir nicht.

Zur Verpflegung: Der Sozialdienst katholischer Männer verteilte wochentags eine Frühstückstüte. Oft war die Schlange der Anstehenden länger und größer als die Zahl der Tüten. Dort fiel mir die Kontaktaufnahme leicht. Mit einem der Männer kam ich intensiver ins Gespräch. Als er anfing, mich über meinen Herkunftsort Essen auszufragen, welche Anlauforte es dort gäbe, merkte ich, wie wenig ich über meine Stadt wusste….

Die Pfarrei St. Maria in der Kupfergasse verschenkte täglich ab 14 Uhr belegte Brote in großer Menge. Dort waren auch immer Leute unterwegs. So kam ich in puncto Ernährung gut über die Runden.

Zur Begleitung: Unter der einfühlsamen Begleitung von Markus Röntgen wurden mir zusätzliche Aspekte meines Weges bewusst. Täglich traf ich ihn für 30 Minuten in einer Kirche in Bahnhofsnähe zum Gespräch. Es war schön, einen kompetenten Kollegen zu erleben, der aus eigener Erfahrung informiert Fragen stellte, Anteil nahm an den Fragmenten meiner Tage, mir zuhörte und mich so begleitete. Sehr interessant waren seine selbst verfassten Haikus (japanische Kurzgedichte) von Begegnungen mit dem Selbst und dem Fremden.

Mit Maske war es mühsamer als ohne, aber es ging. Auf der Treppe am Bahnhof konnte ich gut auf Abstand achten. Da ich eine knappe Woche mich täglich dort aufhielt, konnte ich wiederholt mit einigen Obdachlosen gut in Kontakt kommen. So merkte ich, wie sehr sie sich umeinander kümmerten, sie Blickkontakt mit den Polizeistreifen hielten, sie sich auf Fremde wie mich einließen, die nicht auf ihre Bettelaktionen reagierten. Schwierig fand ich die Gruppe rumänischer (?) Bettler, die systematisch die Region um Dom und HBF abliefen. Als ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, konnten sie kein deutsch.

Ein Novum war für mich meine Intuition, mich unter die Flaschensammler zu mischen. Das war eine vielschichtige Erfahrung. Ich spürte an mir Ekel, in dunkle Mülleimer zu fassen wegen des Drecks; Frust, wenn jemand anders vor mir gerade alles abgegrast hatte und ich also leer ausging; Ambivalenz, wenn ich anderen Sammlern begegnete; Scham, wenn mich andere Passanten dabei beobachteten; eine Mischung von Erfolgsfreude und Peinlichkeit, wenn ich die Flaschen in einem Discounter einlöste… Ich merkte, wie diese Sammler allein unterwegs waren. Das Flaschensammeln ist eine Aktivität, die den Tag füllen kann.

Ob ich dabei irgendwann Gott begegnet bin, weiß ich nicht. In jedem Fall bin ich Brüdern und Schwestern von der Straße begegnet. Manchmal entstand eine Nähe, meistens blieb Fremdheit. Vielleicht war das der verborgene Gott…

Kurs in Essen

Nach meiner Woche in Köln folgte bald darauf mein Kurs in Essen, den ich ausgeschrieben hatte als Veranstalter und Begleiter. Drei Teilnehmende rangen sich trotz Corona durch (allerdings ohne Lockdown Bedingungen) und kamen ins Abuna-Frans-Haus. Eine Woche verbrachten sie in der Ruhrmetropole, die sich gut eignet für Straßenexerzitien. Drei Personen konnte ich gut in Einzelzimmern in unserem Haus, das eine WG mit Flüchtlingen beherbergt, unterbringen. Wie üblich, gab es morgens einen Morgenimpuls mit Frühstück, tagsüber waren alle unterwegs auf der Straße, abends kochte meist eine/einer aus der Gruppe ein Abendessen vor der Austauschrunde. Diese nenne ich lieber „Lesezeit“, weil es darum geht, die Erfahrungen des Tages miteinander aufzunehmen, stehen zu lassen und zu lesen. Mir scheint, das Wort „Lesezeit“ bringt dies deutlicher zum Ausdruck als der Begriff „Austauschrunde“.

Unsere Eucharistiefeiern fanden fast jeden Tag an einem anderen Ort statt. Meist konnten wir Elemente aus der Lesezeit des Vortags integrieren. So feierten wir im Park, an einem Brunnen, im Gewerbegebiet, vor einer verschlossenen Kirche, im Garten und in der Kirche.

Die Teilnehmenden machten naturgemäß ganz verschiedene Erfahrungen, je nachdem wie sie unterwegs waren: allein, mit Fremden, barfuß, kommunikativ oder schweigsam, mit persönlicher Agenda, suchend, mit oder ohne Geld, mit oder ohne Handy, mit oder ohne Blasen an den Füßen, sich öffnend oder sich verschließend, …

Es ergaben sich verschiedene Räume innerhalb der Straßenexerzitien: ein Bibliolog, ein Grillabend, eine Fußwaschung, Begegnungen mit den Flüchtlingen des Hauses, gemeinsames Kochen,…

Am letzten Tag, ein Sonntag, hielt ich in der Gemeindemesse eine Predigt zu den Straßenexerzitien. Ich freute mich sehr, als alle drei Teilnehmenden sich entschlossen, ein Zeugnis einzubringen und etwas von ihren Erfahrungen auf der Straße mit der Gemeinde zu teilen. So stand Corona nicht täglich im Mittelpunkt, prägte dennoch den Umgangsstil miteinander, verhinderte aber nicht die Exerzitien.

Vielfalt #1: Was ist Anti-Bias?

Wippe
Vielfalt-Logo

Ein Impuls für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steiof und Elisabeth Kämmerling

„Anti-Bias ist wie eine lebenslange Reise, die bei uns selbst beginnt“
(Louise Derman-Sparks)

Menschen sind vielfältig. Sie unterscheiden sich in ihrer kulturellen und religiösen Zugehörigkeit, in Geschlecht, Lebensform, sexueller Identität, Alter, Weltanschauung, körperlichen Merkmalen, sozialem Status, Bildung und vielem mehr. Jeder Mensch ist so wie er ist einzigartig.

Wir begegnen dieser Vielfalt in unserem persönlichen Umfeld, bei der Arbeit, in der Begleitung von Straßenexerzitien und letztlich bei uns selbst. Vielfalt ist immer schon da. Oft denken wir nicht darüber nach. Vieles erscheint uns selbstverständlich. Untersuchungen zeigen jedoch, dass schon Kinder ab dem 3. Lebensjahr lernen, dass bestimmte Merkmale (wie Religion, Geschlecht, Hautfarbe …) in der Gesellschaft unterschiedlich bewertet und dadurch auch unterschiedlich mit Macht und Privilegien ausgestattet werden. Hier setzt der Anti-Bias Ansatz an.

Bias“ kommt aus dem Englischen und bedeutet Schieflage, Einseitigkeit oder Voreingenommenheit. Es geht bei Anti-Bias um diese „Schieflagen“ und „Voreingenommenheiten“ (und „Vor-urteile“) in unserer Wahrnehmung und in unserem Handeln. Wir schauen mit einer bestimmten „Brille“ auf Menschen: So erscheinen uns manche Merkmale als „normal“ – andere als „unnormal“ oder „besonders“; manche Menschen gehören selbstverständlich dazu (zum „Wir“), andere bleiben immer die „Fremden“ („Ihr“) … Was meinen wir z.B., wenn wir in der Apotheke ein hautfarbenes Pflaster verlangen?

Wir bewegen uns immer – ob wir wollen oder nicht – in diesen „Schieflagen“ und Einteilungen. Wir sind in diese „verstrickt“. Je nachdem, wo wir uns auf der Wippe befinden, hat dies Auswirkungen, wie wir uns zeigen und in Gruppen verhalten. Anti-Bias möchte für diese „Schieflagen“ und Verstrickungen sensibilisieren.

Der Ansatz geht davon aus, dass wir alle Vorurteile haben. Es geht also nicht darum, „vorurteilsfrei“ zu werden. Mit diesem Anspruch überfordern wir uns. Das entlastet. Aber wir können uns für unsere Vorurteile sensibilisieren, uns diese bewusst machen. Mit dieser neu gewonnenen „Vorurteilsbewusstheit“ können wir nicht nur unser persönliches Verhalten verändern, sondern auch auf den Abbau von ungerechten und diskriminierenden Strukturen in der Gesellschaft hinwirken.

Wir laden dich ein, dich mit anderen auszutauschen:

  • Welche Merkmale machen dich aus? Wie würdest du diese Merkmale auf der Wippe positionieren?
  • Wenn du jetzt an die Menschen denkst, die du in den Straßenexerzitien begleitest: Die Teilnehmenden oder die Menschen, denen die Teilnehmenden „auf der Straße“ begegnen? Wo erscheinen sie auf der Wippe?

Anti-Bias

  • richtet sich an alle Menschen und geht alle an!
  • reflektiert die unterschiedliche Bewertung von (Heterogenitäts-)Merkmalen in der Gesellschaft.
  • geht davon aus, dass wir alle Vorurteile haben, aber das ein bewusster Umgang mit Vorurteilen möglich ist.
  • arbeitet an einer veränderten Haltung und zielt von da aus auf eine Veränderung gesellschaftlicher Strukturen.
  • ist eine lebenslange Reise, die dein Leben und unser Miteinander bereichert.

Straßenexerzitien als Praxis von „Freestyle Religion“

Uwe Habenicht, geboren 1969, verheiratet, drei Kinder; evangelischer Theologe; er arbeitete als Pfarrer in Deutschland und Italien. Seit 2017 ist er Pfarrer in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit. Bei seiner Erkundung der spirituellen Aufbrüche der Gegenwart unter dem Titel „Freestyle Relition“ fragt er nach Merkmalen einer tragfähigen christlichen Spiritualität. Ausgangspunkt ist für ihn die religiöse Autonomie des Einzelnen. Anschaulich beschreibt er, dass sich dabei die eigenen, auch mystischen Erfahrungen nicht gegen gemeinsames Beten und politisches Engagement ausspielen lassen. Und wie in solchen neuen Formen des Religiösen, auch in neuen Formen des Umgangs mit traditioneller Religion, individuelle Freiheit und Gemeinsinn miteinander zu dem verbunden werden, was „Freestyle Religion“ als Religion für das 21. Jahrhundert ausmacht. Im „Praxisteil“ am Ende des Buches schreibt er über die Straßenexerzitien.

Straßenexerzitien und Alltagsexerzitien – vom Abschreiten aller drei Kreise                     

Etliche Aspekte der bisher beschriebenen Kreise fließen in der Form der Straßenexerzitien zusammen, die ich abschließend noch kurz skizzieren möchte: In den Straßenexerzitien zieht man sich nicht aus der Hektik und dem Getriebe der Städte aufs Land zurück, um Einkehr zu hallten. Vielmehr sucht diese Form der Exerzitien die Gegenwart des Auferstandenen im Alltag der Straße. Die Wahrnehmung der Wunden der Zeit, der Ausgestossenen und Leidenden bekommen dabei ein besonderes Gewicht, Spiritualität mit dem Gesicht zur Welt: Aufmerksam, offen und absichtslos gehen die Übenden eigensinnig und allein auf die Straßen und Plätze und suchen nach einem Echo des biblischen Wortes, mit dem sie am Morgen aufgebrochen sind. „Sich auf die Exerzitien zu begeben bedeutet zu ‚üben‘. Wir üben aufmerksamer zu werden, unsere innere Aufmerksamkeit zu bemerken und ihr zu folgen. Um auf die innere Stimmen besser zu hören, werden solche Übungszeiten normaler Weise in einem Kloster oder in einem Haus angeboten, das dafür besonders geeignet erscheint, mit landschaftlich schöner Umgebung oder einem Meditationssaal. Bei den Exerzitien auf der Straße gehen wir raus in die Stadt. Üblicherweise zehn Tage lang, jeden morgen und jeden Nachmittag. Abends kommen wir wieder zusammen, feitern Gottesdienst und erzählen uns in kleinen Gruppen, was uns begegnet ist.“[1]

Hier verschränken sich Wahrnehmung des Leidens Meditation und gemeinschaftlich liturgische Feier. „Wir üben, das Leben in Fülle zu suchen, den Lebendigen und die Lebendige, die tausend Namen hat, die wir Gott nennen. Wir üben ihr unser Herz zu öffnen. Warum ‚üben‘? Wir üben vielleicht weniger im Sinne von trainieren, sondern von: immer wieder neu anfangen. Ich übe ins Jetzt zu kommen. Ich werde langsamer und spüre Neues. Nach und nach entdecke ich eine Stille in mir und kann mein Inneres spüren. Im Lassen vom Tun und Arbeiten, vom Denken und Handeln finde ich zu einem Dialog in mir und bin im Gebet. Ich übe, mehr ins Hören zu kommen. Wer will mir heute begegnen? Wo oder in wem will sich Gott, die Quelle des Lebens, mir heute zeigen?

Unverschämte Übungen – immer wieder unverschämt Neues. Da, wo ich es vielleicht am wenigsten erwarte! Gott, die liebende Gegenwart, suchen im Jetzt, in allen Dingen, wie Ignatius, der Begründer des Jesuitenordens, sagt. Auch in jedem Menschen kann ich dieses Schönem das Gott ist, finden. Unverschämt – vielleicht gerade in jenen Menschen, die ich sonst eher beiseiteschiebe, die am Rande leben, die am Brennpunkt des Lebens stehen.“[2]

Dieses hörende Schweigen ist die Voraussetzung für jede Form von kooperativem Engagement zugunsten derer, denen man begegnet ist – auch wenn die Straßenexerzitien diesen letzten praktischen Schritt nicht leisten können, der für das Ganze der Freestyle Religion konstitutiv ist.

Straßenexerzitien lassen sich als Grundübung von Freestyle Religion verstehen, die sich eben nicht im stillen Kämmerlein versteckt, sondern die Straße als Ort gelebter Religion wiederentdeckt – so wie sich Parcours oder Free Running den herausfordernden Gegebenheiten der Straße stellen oder die zeitgenössische Kunst auf die Straße geht, um im alltäglichen Leben Spuren zu hinterlassen.[3]

„Wenn ich auf die Straße gehe, lasse ich die Kontrolle weg, mit der ich bestimme, wer mir begegnen kann und wer nicht. Ich gehe in die Offenheit der Begegnung und lasse mich in dieser Offenheit frei, soweit ich es vermag, begegne Überraschendem und schaue, ob dieses ‚Ungeborgene‘ mein Herz entzündet und mich in unvorstellbarer Weise beherbergen, mir Geborgenheit und Gottes Anwesenheit zeigen will. Ich stimme dem offenen Ausgang des Tages zu, gehe aus dem Gewohnten hinaus, sage ja dazu, dem Fremden, dem Unbekannten entgegen zu gehen, will erproben, was geschieht, und schauen, was sich ereignet.“[4]

Wenn Religion ihre schützenden Räume, in denen sie das Göttliche feiert und die Augen vor der Zerrissenheit der Welt nicht verschlossen hat, verlässt und ihre vertiefte Verankerung im Göttlichen hinaus auf die Straße trägt, um die Welt mit anderen kooperativ zu gestalten, und wenn die diesem Weg immer wieder und wieder eigensinnig gehtm wird aus Religion Freestyle Religion. Dann ist Religion mehr als frommes Selbstgespräch meiner Seele mit mir selbst. Dann ereignet sich wunderbares Wirken weit über mich hinaus.    


[1]    Herwartz, Im Alltag der Straße, 27

[2]    Ebd.

[3]    Aus dem Galler Tageblatt vom 4.8.2019

[4]    Herwartz, Im Alltag der Straße, 29

Leseprobe aus: Uwe Habenicht, Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt – eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert © Echter Verlag Würzburg 2020, S. 135-138