Abendmahl mit Schokoriegel: Klaus Mertes über seine Erfahrung mit Straßenexerzitien

Schokoriegel WunderBar

Klaus Mertes ist Jesuit. Er wurde bundesweit bekannt, als er vor 10 Jahren als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin sexuellen Mißbrauch in der Institution bekannt machte. Heute ist er Rektor des Kollegs in St. Blasien.

In einem Interview mit dem ZEITmagazin erzählt er, wie er von Gegnern in der Kirche verleumdet wurde, und sich ausgegrenzt führlte. Er habe es beim Katholikentag nicht mehr über mich gebracht, zur großen Eucharistiefeier zu gehen.

ZEITmagazin: Was macht man als Kirchenmann, wenn einem das wichtigste Miteinander der Kirche, das Abendmahl, zuwider wird?

Mertes: Ich habe „Exerzitien auf der Straße“ gemacht, eine geistliche Übung, bei der man ohne Ziel rausgeht ins Freie: mittellos, planlos und offen für das, was einem begegnet. Um ein Mittagessen in der Obdachlosenküche zu bitten, das kostete echte Überwindung. Ich musste, biblisch gesprochen, meine Schuhe ausziehen: die Schuhe des Helfers, des Lehrers, der Überlegenheit und des Status. Und dann saß beim Essen ein Obdachloser neben mir, der sah, dass ich keinen Schokoriegel als Nachtisch habe. Er nahm seinen, brach ihn durch und gab mir die Hälfte. – Genau die Geste Jesu am Tisch mit den Jüngern. Und plötzlich hatte das Abendmahl wieder Sinn.

Klaus Mertes begleitet regelmäßig auch Exerzitien auf der Straße.

„Über das Begleiten“: Maria Jans-Wenstrup im Gespräch mit Christian Herwartz SJ

Maria Jans-Wenstrup ist eine Begleiterin von Straßenexerzitien der ersten Stunde. In einem Gespräch mit Christian Herwartz SJ, dem Gründer der Straßenexerzitien, geht sie den Fragen nach, die sich beim Begleiten stellen. Ein spannendes Gespräch für alle, die sich für geistliches Begleiten und für Straßenexerzitien interessieren.

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Weihnachten im Anthropozän

Zu Beginn der katholischen Liturgie zur Christmette wird die Geburt Christi in der Zeit verortet im sogenannten Martyrologium Romanum: Die Gründung der Welt, die Erschaffung des Menschen, die Urväter Abraham und Mose, das Königtum Davids, die Gründung Roms, das Kaisertum des Augustus – das alles sind Referenzpunkte des welthistorischen Ereignisses der Geburt Christi.

Als ich dem gestern lauschte, kam mir etwas in den Sinn: all diese historischen Ereignisse (mit Ausnahme der Erschaffung der Welt und des Lebens auf Erden), Abraham, Mose, David, die ganze biblische Geschichte, auch die ganze lange Kirchengeschichte, auf die Kirche zurückblicken kann – sie spielten sich unter den Bedingungen eines relativ stabilen Klimas ab.

Holozän nennen die Geologen die Epoche, die vor etwa 10.000 Jahren begann, und die die Grundlage für die Entwicklung der gesamten menschlichen Zivilisation bildete. All unsere jüdische und christliche Tradition bildete sich unter diesen relativ günstigen und stabilen Bedingungen – die Dürren und Fluten sind dabei durchaus eingeschlossen.

Das ist nun unwiederruflich vorbei. In abenteuerlichem Tempo katapultiert die Menschheit gerade ihren Heimatplaneten aus diesem lebensdienlichen Zustand heraus. Sie gräbt abgestorbene, einst lebendige Materie – fossile Brennstoffe – aus den Tiefen der Erde heraus, verbrennt sie binnen weniger Jahrzehnte, und gibt so dem Erdsystem einen gigantischen Impuls. Die Vertreibung aus dem Paradies, hat dies mein Freund Christoph Bals einmal genannt. Anthropozän – das vom Menschen gemachte geologische Zeitalter – ist der wissenschaftliche Begriff für diese neue, unbekannte Welt.

Die Temperaturkurve auf dem folgenden Diagramm veranschaulicht dies: *Die blaue Kurve ist die der letzten 10.000 Jahre, das Holozän, die grüne ist die Kurve des Pariser Klimaabkommens, die zunehmend unrealistischer wird, die gelb, orange und roten Kurven sind der Pfad, auf dem wir uns gerade befinden.

Die Entwicklung der mittleren Temperatur auf der Erde seit der letzten Eiszeit und die Prognosen unter verschiedenen Emissionsszenarien – sowie die Kipppunkte im Erdsystem. Quelle: Schellnhuber, H. J., Rahmstorf, S. & Winkelmann, R. Why the right climate target was agreed in Paris. Nature Climate Change 6, 649-653 (2016). doi:10.1038/nclimate3013. Erläuterungen für Laien finden sich hier und hier, wer Englisch kann auch hier.

Und die neue Welt, sie hat immer öfter Züge eines Infernos (inferno = italienisch für Hölle). Am 20. Dezember 2019 postete Bo Kitty auf ihrer Facebook-Seite dieses Foto eines australischen Feuerwehrmanns inmitten eines brennenden Waldes:

Quelle: https://www.instagram.com/p/B6KCOM5h-YE/

Sie schreibt dazu (meine Übersetzung mit Erläuterungen in eckigen Klammern):

Für alle in der restlichen Welt: Australien brennt und hat seit etwa 2 Monaten nicht mehr aufgehört. Heute ist es landesweit um die 50 Grad Celsius. In Melbourne sind es 111 Grad Fahrenheit [44°C]. Unser Regierungschef [Scott Morrisson] ist vor diesem nationalen Notstand geflohen, um eine Kirche in Übersee zu gründen [er war anscheinend auf Hawaii im Urlaub, hat jetzt den Urlaub abgebrochen https://www.sueddeutsche.de/…/profil-scott-morrison-1.47316… ].

Ich weiß, dass Australien wie eine malerische Insel am Ende der Welt aussieht, aber es ist ein wirklich schöner Ort, nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen. Ich habe mir hier unter all den Orten, an denen ich gewesen bin, ein Zuhause gemacht. Früher nannte man es das glückliche Land. Keiner von uns fühlt sich im Moment glücklich. Wir haben Hunderte von Häusern und 2,5 Millionen (ja Millionen) Hektar unseres natürlichen Lebensraums verloren, und bisher sind es Freiwillige, die diese Brände bekämpfen. Und wir alle sind durch die Nachricht aufgewacht, dass zwei von ihnen heute Morgen gestorben sind. Zwei junge Väter.

Ich schreibe dies für alle Menschen auf der ganzen Welt, die ich versammelt habe, weil Australien Angst hat und nicht weiß, was wir tun sollen, um dies zu bekämpfen. Es wird eine weiße Weihnacht für uns sein, aber statt Schnee ist es Asche, von unseren alten Bäumen, von unserem Busch, der wie nirgendwo sonst auf der Erde ist.

Währenddessen werden furchterregende Gesetze gemacht, unsere bürgerlichen Freiheiten werden ausgehöhlt, wir haben Pfingstler an der Macht [Premier Morrison ist Mitglied einer Pfingstkirche, die verkündet dass am Ende der Zeiten die Gerechten in den Himmel entführt werden, während die anderen im Feuer untergehen]. In der Tat scheint es das Ende der Zeiten.

Es findet ein massiver Wandel statt. Überall auf der Welt gibt es einen Wachwechsel. Wir leben buchstäblich mitten in der Zerstörung. An alle, die sich auflehnen, macht weiter. Gigantische Wellen menschlicher Uneinigkeit werden die Gesellschaft verändern. Das ist eine geschichtliche Tatsache.

Im Moment hat keiner von uns alle Antworten klar, denn jetzt verstecken wir uns drinnen in klimatisierten Räumen, wenn wir können. Im Moment reden wir im Internet, das überwacht und manipuliert wird, aber wir sind immer noch viel mehr als sie [ich denke sie meint die Klimaleugner und Autoritären]. Und wir sind verdammt mutiger. Genau wie das junge Mädchen, das vor dem Haus unseres Premierministers stand, mit einem Schild, auf dem stand: „Sieh, was du uns hinterlassen hast, sieh zu, wie wir dagegen ankämpfen, sieh zu, wie wir gewinnen“… der von der Bereitschaftspolizei mit Verhaftung gedroht wurde [zu dieser Geschichte mehr hier ].

Ich sende Liebe an alle Feuerwehrleute. An alle, die ihr Zuhause verloren haben und vertrieben wurden.
Und drängt alle auf der ganzen Welt, die Geschehnisse in Australien zu verfolgen. ❤️

Was gerade in Australien passiert – die Hitzewellen, die jedes Maß sprengen, die Buschbrände, die die Luft mit Rauch und Asche vergiften, das hat apokalyptische Züge. Und es ist erst ein Vorgeschmack: Die Erde hat sich gerade 1,1°C erwärmt, und die Möglichkeit die Erwärmung bei 1,5°C zu stoppen wie in Paris vereinbart, zerrinnt uns gerade Tag um Tag zwischen den Fingern.

Was bleibt angesichts der Aussicht auf eine Katastrophe, die unsere Vorstellungskraft überschreitet, und die nur in apokalyptischen Bildern fassbar ist?

Was bleibt sind Glaube, Hoffnung, Liebe. Zur Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe schreibt die großartige junge britische Theologin Hannah Malcolm (Übersetzung und Hervorhebungen durch mich):

God comes down to dwell with God’s people forever. And I choose to believe this, choose to be hopeful, even on the days I do not feel hopeful at all. I choose to believe that what we do on earth matters, even if we cannot now reverse the tide of death that we face. This is because we are in the business of resurrection – the business of bringing life out of death.
[Gott kommt herab, um für immer bei seinem Volk zu wohnen. Und ich entscheide mich dafür, daran zu glauben und hoffnungsvoll zu sein, sogar an den Tagen, an denen ich überhaupt keine Hoffnung habe. Ich entscheide mich dafür, daran zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, von Bedeutung ist, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das liegt daran, dass unser Aufgabe die Auferstehung ist – das Geschäft, Leben aus dem Tod zu holen.]

Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe aber ist das Größte unter ihnen. Das feiern wir an Weihnachten: Dass Gottes Liebe vor 2000 Jahren als Mensch auf die Erde gekommen ist – und dass er uns auch im Inferno des Anthropozäns nicht verlassen wird.

Darauf setze ich. Angst und Hass bringen uns um. Nur dank der Liebe werden wir im Anthropozän überleben.

Berlin, Kino International, Weihnachten 2019 (Foto: Jörg Haas)


Wenn Menschen das Heilige im Alltäglichen entdecken

von Anja Schmitz

„Exerzitien“ bedeutet „Übung“. Ich verbinde damit Tage der Stille und inneren Einkehr, abgelegen in einem Kloster. Doch „Straßenexerzitien“?

Auf der Internetseite lese ich: „Das wahrzunehmen und wahr sein zu lassen, was in mir und um mich herum ist. Das sind Regungen, Bewegungen, Situationen, meine Umwelt, meine Mitmenschen und die Beziehung zu ihnen – und darin die Spur des Geheimnisses, das wir Gott nennen.“ Gebannt lese ich weiter und mir wird klar: Das ist nicht nur eine geistige Übung. Das ist, wie ich leben möchte.

Gottessuche und Selbsterkenntnis

Wenn ich ohne bestimmtes Ziel in die Welt gehe, mir Zeit nehme, mit den neugierigen Augen eines Kindes die Welt betrachte und offen für Unerwartetes bin, kommt es vor, dass kleine Details mich ansprechen, dass sich Gespräche mit Fremden ergeben oder kurze Augenblicke zum Wendepunkt in meinem Leben werden. Es geht darum, Schweigen als innere Haltung zu erlernen, die es mir ermöglicht, Dinge um mich herum wirklich wahrzunehmen und nicht nur das Gewohnte zu sehen und zu denken.

Vorurteile kann ich nicht einfach abstellen, aber wenn ich aufmerksam nicht nur nach außen, sondern auch nach innen schaue, kann ich sie wahrnehmen und betrachten. Wenn ich spüre, dass sie mich einengen, kann ich mich bewusst entscheiden, sie abzulegen. Im bewussten Betrachten meiner inneren und der äußeren Welt, ohne im Hamsterrad des Alltags zu stecken, kann ich Gott begegnen. Er manifestiert sich in Menschen, in Worten, in Situationen, in mir. Das Heilige ist mittendrin in alltäglichen Situationen, wenn ich nur genau hinschaue.

Gott auf der Straße entdecken

Nicht das abgeschiedene Kloster, sondern „die Straße“ ist hier das ideale Umfeld. Unterschiedlichste Menschen, Szenen, die sich vor meinen Augen abspielen: banal und alltäglich, aber auch konfrontierend, irritierend, befremdend. Hier kann ich bis an die Grenzen meiner Toleranz kommen. Wenn der andere mir dann ein Stück entgegen kommt, kann eine Begegnung stattfinden, in der sich Gott offenbart. Jesus sagt: Ich bin der Weg. Ich übersetze es: Ich bin die Straße.

Straßenexerzitien praktisch

Auf der Internetseite finde ich verschiedene Angebote in diversen deutschen Städten. Nur zwei oder bis zu zehn Tage lang kann man sich auf dieses Experiment einlassen. Auf dem Kirchentag in Dortmund gibt es ein dreistündiges Angebot zum Kennenlernen.

Das Zusammenleben in der Gruppe in einer spartanischen Unterkunft gehört zum Programm. Nach einem gemeinsamen Tagesbeginn geht man seiner eigenen Wege und lässt sich inneren oder äußeren Impulsen folgend durch die Stadt treiben.

Ganz wesentlicher Bestandteil ist der abendliche Austausch mit den anderen Teilnehmern und den Kursleitern. Das in Worte fassen der Erlebnisse und die Resonanz der anderen hilft, das Erlebte einzuordnen, oft wird erst hier die Bedeutung klar. Im Zuhören und Wahrnehmen, im Schweigen und ganz da sein lebt man auch hier die Grundhaltung der Straßenexerzitien weiter.

Ich bin fest entschlossen, bei nächster Gelegenheit an Straßenexerzitien teilzunehmen. Und ich erhoffe mir davon, eine neue Grundhaltung für meinen Alltag zu erlernen. Ich stelle mir vor, dass ich lernen kann, das Heilige in jedem Augenblick zu erkennen.

Meine rosafarbene Daunenjacke

U-Bahnhof Leopoldplatz

von Lena Monshausen / kontinente

Der Alltagsstress hält uns alle gefangen. Jeder kennt das Gefühl, nur noch zu funktionieren und von A nach B zu hasten. Auf der Suche nach sich selbst in den Straßen von Berlin – ein Selbstversuch.

Meine Welt gleicht sozusagen einer Hängematte. Ich stehe jeden Morgen auf, gehe zur Arbeit, gehe danach vielleicht einkaufen, treffe Freunde. Ich esse, ich schlafe. Jeden Tag das gleiche. Ich funktioniere in meinem Alltag, aber ist es wirklich das, was mich als Person ausmacht? Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich die Alltagsroutine wie eine Kette um den Hals legt, Glied für Glied. Wie schaffe ich es bloß, diese Fessel loszuwerden? Mich wieder selbst zu spüren?

Die Katholiken kennen die Tradition der Exerzitien schon lange – seit dem 16. Jahrhundert geben sie nach Ignatius von Loyola Anleitungen für Gebete, Meditationen und Besinnung. Ich wage stattdessen einen Selbstversuch: Straßenexerzitien im Herzen Berlins. Das Angebot ist in den 90-er Jahren von dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz geprägt worden, eine wachsende bundesweite ökumenische Gemeinschaft bietet seitdem Straßenexerzitien an. Mit einem geistlichen Impuls und emotionaler Begleitung werden die Teilnehmer auf die Straße geschickt – um schließlich sich selbst, und vielleicht auch Gott, im Alltag zu begegnen. „Ich bemerke seit einigen Jahren eine vermehrte Sehnsucht der Menschen, sich wieder selbst begegnen zu wollen“, sagt Marita Lersner. Die evangelische Pfarrerin ist heute meine Begleiterin. Im Vorgespräch in ihrer Gemeindekirche sagt sie: „Das wichtigste ist die Zwecklosigkeit.“ Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum etwa 100 solcher Begleiter für Straßenexerzitien.

Nichts
Als ich losgehen soll, sträubt sich in mir alles. Ich habe nichts bei mir, kein Handy, kein Geld, keinen Plan. Was mache ich denn in den nächsten zwei Stunden? Ich stehe auf der Straße, eine große Kreuzung, die Ampel gerade auf grün strömen die Menschen links und rechts an mir vorbei. Ich gehe mit. Bin langsam. Setze Fuß vor Fuß, die Hände in den Taschen, der Schal fest um meinen Hals gewickelt. An der Seestraße entlang, Richtung Leopoldplatz. Sie sind alle schneller als ich. Die Fassade zu meiner rechten wird gerade neu gebaut: ein hölzerner Fußgängertunnel verengt den Gehweg. Ich merke, wie ich den vorbeihastenden Passanten ein Hindernis bin. Ich hole tief Luft.

Andere wahrnehmen
Eine Frau ist damit beschäftigt, sich eine rosafarbene Daunenjacke überzustreifen. Der rechte Arm ist schon in der Jacke, während sie Mühe hat, den linken ebenfalls in den engen Ärmel zu schieben. Ihre strähnigen blonden Haare werden von einer roten Strickmütze mit Ohren bedeckt. Eine große Plastiktüte trägt sie bei sich, aus der Tasche ihres Fleecepullis ragt eine Packung Zigaretten. Gleich fallen die Zigaretten. In einem Hauseingang verharrt sie, bemüht sich, den Pullover unter der Jacke auszuziehen, denn die rosafarbene Jacke wird sie besser warmhalten. Die Zigaretten fallen. Ich friere. Der eisige Wind zieht beißend meine Beine hoch und unter die Jacke. Eine Passantin sieht die Zigarettenpackung auf dem Boden liegen, hebt sie auf – und nimmt sie mit. Am liebsten würde ich ihr hinterhereilen, ‚Das sind doch gar nicht Ihre Zigaretten!‘
Ich gehe weiter. Gehe zur U-Bahn-Station am Leopoldplatz, die Stufen runter. Erleichtert lasse ich die Schultern wieder fallen und entspanne meinen Kiefer. Mein Herz pocht noch, ich hätte was machen müssen, die Welt ist doch ungerecht.

Normalerweise finden die Angebote der Straßenexerzitien über mehrere, bis zu zehn Tage statt. Die Teilnehmer sind auf der Straße zwar alleine, bilden aber eine Gruppe und treffen sich abends nach ihren Erlebnissen wieder im gemeinsamen Kreis. Im Austausch mit den geistlichen Begleitern und der Gruppe begreifen sie häufig erst, was sie am Tag erlebt haben und lassen auch die anderen an ihren Erfahrungen teilhaben. Gemeinsam wird außerdem während dieser Zeit gekocht und gewohnt, meist in einfachen Unterkünften in Schlafsäcken. Jeder gibt so viel zum Unterhalt, wie er bezahlen kann.

Spüren die mich überhaupt?
Am Gleis der U6 nach Alt-Tegel sitze ich auf einer Bank. Links und rechts sind die Sitze frei.  Zwei Männer lassen sich rechts von mir nieder. Sie sind ins Gespräch vertieft, beachten mich gar nicht. Ich bleibe sitzen. Der eine nippt an seiner Bierflasche, sein Blick verwirrt, er lallt schon morgens. Der andere gestikuliert und stellt auf seiner linken Hand eine zerlaufene Tätowierung zur Schau. Links neben mich setzt sich plötzlich ein Mann im Handwerkeranzug. Ich rutsche auf meinem Sitz hin und her. Die Hände im Schoß. Putze mir die Nase. Rücke mein Stirnband zurecht. Ich spüre die anderen viel zu nah an mir, aber sie spüren mich nicht. Die U6 rattert regelmäßig von links in den Bahnhof, die Türen quietschen, Menschen hasten aus dem Wagen und andere hasten hinein. Der Mann zu meiner Linken muss niesen, ich biete ihm ein Taschentuch an. Er will es nicht. Jeder ist für sich alleine hier.

Ich bin mein eigener Halt
Ich halte die Nähe nicht mehr aus und stürze die Treppe zum Leopoldplatz hinauf. Ich atme tief durch und lasse das Sonnenlicht in mein Gesicht scheinen. Gehe mit großen Schritten über den Platz, muss weg von den Menschen. Um bei mir zu sein. Ich folge der Sonne, durch den Schatten muss ich rennen. Weg von der Kälte. Auf einem Spielplatz sehe ich eine Schaukel – eine Schaukel in der Sonne. Ich schaukle in die Sonne und jauchze wie ein Kind ob der wieder gewonnenen Freiheit. Am höchsten Punkt habe ich das Gefühl, die weißen Wölkchen im strahlend blauen Himmel berühren zu können. Meine Arme halten mich in der Waagerechten. Ich bin mein eigener Halt im Hier und Jetzt – und muss lächeln. Vielleicht ist es auch Gott, der mir Halt gibt. Aber das will ich jetzt nicht entscheiden.

Marita Lersner sprach von dem Mut, die Kontrolle abzugeben. Die Kontrolle über seine Zeit, seine Wege und Ziele. Für eine kurze Zeit bin ich aus meinem eigenen Leben herausgetreten und in das Leben auf der Straße eingetaucht. Meine Sorge galt den anderen, das Erlebte lässt mich erkennen, dass auch ich mich selbst darum kümmern muss, mir eine warme Daunenjacke anzuziehen.

Zeit zum Nachdenken
Das wird mir allerdings erst klar, als ich wieder mit meiner Begleiterin spreche, die mich nach meinem Spaziergang auf der Straße im Warmen empfängt. Es brauchte eine Zeit des Nachdenkens und des Darübersprechens, um seine eigenen Sorgen wahrzunehmen. Menschen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters nehmen an den regelmäßigen Angeboten für Straßenexerzitien teil. „Gerade diejenigen Menschen, die in ihrem Stress oft versinken, kommen manchmal gar nicht auf die Idee, dass eine spirituelle Suche nach sich selbst durchaus im Alltag stattfinden kann“, sagt sie. „An den Orten, die man sonst auch besucht – aber mit Menschen, die man sonst nicht wahrnimmt.“ Ich freue mich auf meine Hängematte.

Goldene Brüche

Kintsugi, von Pomax auf flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Kintsugi (jap. 金継ぎ, dt. „Goldverbindung, -flicken“) oder seltener Kintsukuroi (金繕い, „Goldreparatur“)[1] ist eine japanische Reparaturmethode für Keramik. Wenn ein wertvolles Stück zerbricht, werden die Bruchstücke nicht weggeworfen. Stattdessen werden mit einer Kittmasse geklebt, in die feinstes Pulvergold eingestreut wird. Am Ende entsteht ein einmaliges Einzelstück, das oftmals schöner ist als je zuvor.

„Jede wiederhergestellte Schale zeigt: Ich bin gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig.“

Iris Macke

Solcherlei Heilung erfahren viele Menschen bei Straßenexerzitien. Unsere Brüche Schmerzen werden uns in der Begegnung mit anderen Menschen auf der Straße bewusst – und sie heilen mit dem Gold der Liebe Gottes, die uns geschenkt wird.

 

Auf Augenhöhe in Los Angeles

Greg Boyle (Foto: BBC World Service cc-by-nc 2.0)

Augenhöhe: das ist ein Stichwort um das es bei Straßenexerzitien auch geht. Nicht als Helfer, sondern als Mitmensch, als Brüder und Schwestern begegnen uns Menschen auf der Straße. Und manchmal erkennen wir, dass in ihnen Jesus Christus gegenwärtig ist.

Diese „Augenhöhe“ ist auch die  Perspektive des Jesuitenpaters Greg Boyle, der seit Jahrzehnten in den „härtesten“ Vierteln von Los Angeles mit Jugendlichen arbeitet, die oft in kriminellen Gangs verstrickt sind.  Es sind bewegende Geschichten, die er erzählt. Gotteserfahrungen auf den Straßen von Los Angeles – und was Nachfolge da heisst. „Auf Augenhöhe in Los Angeles“ weiterlesen