Heilsames Vermissen?

Auferstandener Christus (Bs. Aires) Foto: J. Haas

von Jutta Maier*

Ja, ich vermisse es sehr: das „Exsultet“ der Osternacht und das gemeinsam geschmetterte „Halleluja“, die Freude am Licht der großen Osterkerze und auch das Osterfrühstück bei meinem Bruder. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich mich gerade in diesem „Vermissen“ mit vielen Glaubenden österlich verbunden fühlen darf. Dabei ist mir klar, dass es ein „Vermissen“ in diesen Wochen gibt, das für viele Mitmenschen ganz andere, große, schmerzhafte und dauerhaft einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Beziehungen hat.

Darum glaube ich, dass der AUFERSTANDENE, wie Papst Franziskus meint, längst von innen an den Türen unserer Kirchen und unserer Denkgebäude gerüttelt hat und sie mit seiner gewaltigen Liebesenergie aufsprengt. ER bewegt sich frei in Raum und Zeit, um sich –unerkannt- auf den Straßen und in den (Kranken)-Häusern, Pflegeheimen und an den Arbeitsplätzen zu den Menschen zu gesellen.

So möchte ich es zulassen, dass durch das Vermissen der gewohnten, festlichen Gottesdienste und Bräuche auch meine vielleicht zu eng gefassten, liturgisch genormten Vorstellungen von Gott und seinem Gnaden-Wirken aufgesprengt werden. Ich möchte mich selber von innen her aufmachen und ihn neu suchen, den österlichen Christus. Lest in den Evangelien nach: Er ist als AUFERSTANDENER nicht im Tempel erschienen. Aber er wurde auf dem Friedhof, auf dem Heimweg ins Dorf, von Freunden in ihrer ‚Quarantäne‘ und bei der Arbeit am See gesichtet.

Ich wünsche uns allen ein NEUES HERZ, das sich auf einen lebendigen und überraschend anderen Christus einstellt. Ich wünsche uns OSTERAUGEN, die ihn erkennen, weil er seine und unsere Wunden trägt und weil von ihm ein Friede ausgeht, der Mut zum Leben macht.

Die erste Strophe eines Osterliedes der Dichterin Silja Walter geht mir nicht aus dem Sinn:

Größer als alle Bedrängnis ist deine Treue, Herr.

Du sprengtest unser Gefängnis, du bringst uns das Neue, Herr.

Dein Leben will singen aus Tod und Misslingen.

Halleluja, lobet Gott!

*Jutta Maier ist als Gemeindereferentin im Bistum Augsburg tätig und im Raum Mindelheim mit dem Projekt „Kirche am Weg“ unterwegs mit einem Schälferwagen (der wegen Corona gerade ruht) www.bistum-augsburg.de/kircheamweg

Christentum in Zeiten der Krankheit

Mausoleum in Buenos Aires (Foto: J. Haas)

Der folgende Text des tschechichen Soziologieprofessors und Pfarrers Tomáš Halík wurde auf Deutsch zuerst im Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (2.4.2020) als PDF veröffentlicht. Weil es viele Bezüge zur Praxis der Exerzitien auf der Straße gibt (Gott in allen Dingen, Gottesbegegnung in den Wunden der Welt, ohne proselytische Absichten, etc.), und um der besseren Lesbarkeit auf Smartphones willen, nehmen wir uns die Freiheit den wichtigen Text hier zu reproduzieren.

Christentum in Zeiten der Krankheit

von Tomáš Halík

Unsere Welt ist krank. Ich meine damit nicht nur die Pandemie des Coronavirus, sondern auch den Zustand unserer Zivilisation. Das globale Phänomen der Corona-Pandemie macht dies deutlich. Es ist, biblisch gesagt, ein Zeichen der Zeit.

Viele von uns haben noch zu Beginn dieser ungewöhnlichen Fastenzeit gedacht, dass diese Epidemie zwar einen kurzfristigen Blackout verursache, eine Störung der gewöhnlichen Abläufe der Gesellschaft, dass wir aber alles irgendwie überstehen werden und dann bald wieder zum alten Modus zurückkehren könnten. Aber so wird es nicht kommen. Und es wäre schlecht, wenn wir uns darum bemühen würden. Nach dieser globalen Erfahrung wird die Welt nicht mehr die selbe sein wie vorher – und offensichtlich soll sie auch nicht mehr die selbe sein.

Es ist natürlich, dass wir uns in Zeiten einer Katastrophe zunächst für die zum Überleben notwendigen materiellen Dinge interessieren. Aber es gilt weiterhin: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Es ist nun an der Zeit, auch die tieferen Zusammenhänge dieser Erschütterung der Sicherheiten unserer Welt in den Blick zu nehmen. Der unausweichliche Prozess der Globalisierung hat anscheinend seinen Höhepunkt erreicht: Jetzt zeigt sich die globale Verwundbarkeit der globalisierten Welt.

Die Kirche als Feldlazarett

Welche Herausforderung stellt diese Situation für das Christentum, für die Kirche – also einen der ersten „Global Player“ – und für die Theologie dar?

Die Kirche sollte so sein, wie sie Papst Franziskus haben möchte: „ein Feldlazarett“. Der Papst meint mit dieser Metapher, dass die Kirche sich nicht in der bequemen „splendid isolation“ von der Welt absondern sollte, sondern über ihre Grenzen hinausgehen und denen helfen sollte, die physisch, psychisch, sozial und geistlich verwundet werden. Dadurch kann sie auch dafür Buße tun, dass auch ihre Repräsentanten noch bis vor kurzem Verletzungen von Menschen zuließen, sogar der wehrlosesten. Versuchen wir jedoch, diese Metapher weiter zu denken – und sie noch tiefer mit dem Leben zu konfrontieren.

Wenn die Kirche ein „Lazarett“ sein soll, soll sie auf jeden Fall gesundheitliche, soziale und karitative Dienste anbieten, wie sie das seit Anbeginn ihrer Geschichte tat. Die Kirche soll jedoch wie ein gutes Krankenhaus noch weitere Aufgaben erfüllen: die Diagnose („die Zeichen der Zeit“ zu erkennen), die Prävention (Gesellschaften, in denen sich die bösartigen Viren der Angst, des Hasses, des Populismus und des Nationalismus verbreiten, zu immunisieren) und die Rekonvaleszenz (durch die Vergebung die Traumata der Vergangenheit aufzulösen).

Leere Kirchen als Zeichen und Aufruf

Letztes Jahr brannte vor Ostern die Pariser Kathedrale Notre Dame nieder. Dieses Jahr finden in der Fastenzeit in Hunderttausenden von Kirchen vieler Kontinente – und auch in Synagogen und Moscheen – keine Gottesdienste statt. Als Priester und Theologe denke ich über die leeren und geschlossenen Kirchen nach. Ich sehe sie als ein Zeichen Gottes und als einen Aufruf.

Die Sprache Gottes in den Ereignissen unserer Welt zu verstehen erfordert die Kunst der geistigen Unterscheidung, und diese setzt eine kontemplative Distanz zu unseren erregten Emotionen und Vorurteilen, zu den Projektionen unserer Ängste und Wünsche voraus. In Momenten der Katastrophe werden die „schlafenden Agenten eines bösen, rachsüchtigen Gottes“ lebendig; sie verbreiten Angst und versuchen, religiöses Kapital für sich aus der Situation herauszuschlagen. Ihre Vision von Gott ist schon seit Jahrhunderten Wasser auf die Mühlen des Atheismus.

In Katastrophen-Zeiten suche ich nicht einen Gott, der wie ein zorniger Regisseur sich hinter die Bühne unserer Welt gesetzt hat, sondern ich nehme ihn als Kraftquelle wahr, die in denen wirkt, die in solchen Situationen eine solidarische und aufopfernde Liebe erweisen – ja auch in denen, die dazu keine „religiöse Motivation“ haben. Gott ist eine demütige und diskrete Liebe.

Ich werde jedoch die Frage nicht los, ob die Zeit der leeren und geschlossenen Kirchen für die Kirche nicht einen warnenden Blick durch das Fernrohr in eine verhältnismäßig nahe Zukunft darstellt: So könnte das in ein paar Jahren in einem Großteil unserer Welt aussehen. Sind wir denn nicht genug gewarnt durch die Entwicklung in vielen Ländern, in denen sich die Kirchen, Klöster und Priesterseminare immer weiter leerten und schlossen? Warum machten wir für diese Entwicklung so lange äußere Einflüsse („den Tsunami des Säkularismus“) verantwortlich und wollten nicht zur Kenntnis nehmen, dass ein weiteres Kapitel der Geschichte des Christentums zu Ende geht, und es daher notwendig ist, sich auf das nächste vorzubereiten?

Vielleicht zeigt diese Zeit der leeren Kirchen den Kirchen symbolisch ihre verborgene Leere und eine mögliche Zukunft auf, die eintreten könnte, wenn die Kirchen nicht ernsthaft versuchen, der Welt eine ganz andere Gestalt des Christentums zu präsentieren. Zu sehr waren wir darauf bedacht, dass die „Welt“ (die anderen) umkehren müsste, als dass wir an unsere eigene „Umkehr“ gedacht hätten – nicht nur an eine „Verbesserung“, sondern an die Wende vom statischen „Christ sein“ zum dynamischen „Christ werden“.

Als im Mittelalter die Kirche die Strafe des Interdikts im Übermaß verhängte und in Folge dieses „Generalstreiks“ des gesamten kirchlichen Apparats in vielen Regionen keine Gottesdienste stattfanden und keine Sakramente gespendet wurden, begannen die Menschen, eine persönliche Beziehung zu Gott, den „nackten Glauben“, zu suchen Laien- Bruderschaften und die Mystik erlebten einen großen Aufschwung. Dieser Aufschwung der Mystik hat bestimmt zur Entstehung der Reformationen beigetragen, sowohl der von Luther, als auch der von Calvin, als auch der katholischen Reformation, die mit den Jesuiten und der spanischen Mystik verbunden war. Vielleicht könnte auch heute die Wiederentdeckung der Kontemplation die „synodalen Wege“ zu einem neuen Reformkonzil ergänzen.

Aufruf zu einer Reform

Vielleicht sollen wir das jetzige Fasten von den Gottesdiensten und vom kirchlichen Betrieb als einen kairos annehmen, als eine Zeit der Gelegenheit zum Innehalten und zu einem gründlichen Nachdenken vor Gott und mit Gott. Ich bin überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, in der man überlegen sollte, wie man auf dem Weg der Reform weitergehen will, von deren Notwendigkeit Papst Franziskus spricht: weder Versuche einer Rückkehr in eine Welt, die es nicht mehr gibt, noch ein Sich-Verlassen auf bloße äußere Reformen von Strukturen, sondern eine Wende hin zum Kern des Evangeliums, ein „Weg in die Tiefe“.

Ich sehe keine glückliche Lösung darin, dass wir uns während des Verbots öffentlicher Gottesdienste allzu schnell mit künstlichen Ersatzmitteln in Form von Fernsehübertragungen von Heiligen Messen behelfen. Eine Wende hin zu einer „virtuellen Frömmigkeit“, zum „Mahl aus der Ferne“ und das Knien vor dem Bildschirm ist in der Tat eine seltsame Sache. Vielleicht sollen wir eher die Wahrheit des Wortes Jesu erleben: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Haben wir denn wirklich gedacht, dass wir den Mangel an Priestern in Europa mit dem Import von „Ersatzteilen“ aus den scheinbar unergründlichen Lagern in Polen, Asien und Afrika ausgleichen könnten, um die Maschinerie der Kirche am Laufen zu halten? Sicher sollen wir die Impulse der Amazonas-Synode ernst nehmen, aber gleichzeitig einen größeren Raum für den Dienst der Laien in der Kirche schaffen; vergessen wir nicht, dass die Kirche in vielen Gebieten ganze Jahrhunderte ohne Priester überstand.

Vielleicht ist dieser „Ausnahmezustand“ nur ein Hinweis auf eine neue Form der Kirche, von der es jedoch bereits in der Geschichte Präzedenzfälle gab. Ich bin davon überzeugt, dass sich unsere christlichen Kommunitäten, Pfarreien, Kollegien, kirchliche Bewegungen und Ordenskommunitäten dem Ideal annähern sollten, aus dem die europäischen Universitäten entstanden sind: eine Gemeinschaft von Schülern und Lehrern zu sein, eine Schule der Weisheit, in der die Wahrheit durch freie Disputation und durch tiefe Kontemplation gesucht wird. Aus solchen Inseln der Spiritualität und des Dialogs kann eine genesende Kraft für die kranke Welt hervorgehen.

Kardinal Bergoglio zitierte einen Tag vor seiner Wahl zum Papst eine Aussage aus der Apokalypse: Christus steht an der Tür und klopft an. Er fügte hinzu: Heute klopft jedoch Christus aus dem Inneren der Kirche an und will hinaus gehen. Vielleicht hat er das gerade getan.

Wo ist das Galiläa unserer Zeit?

Schon viele Jahre denke ich über den bekannten Text Friedrich Nietzsches über den „tollen Menschen“ nach (einem Narr, dem einzigen, dem es erlaubt ist, die Wahrheit zu sagen), der den „Tod Gottes“ verkündet. Das Kapitel endet damit, dass jener „tolle Mensch“ in die Kirchen ging, um dort das „Requiem aeternam Deo“ anzustimmen und fragte: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“ Ich gestehe ein, dass mich schon lange verschiedene Formen der Kirche an kühle und prachtvolle Grabmale eines toten Gottes erinnern.

Dieses Jahr an Ostern werden wahrscheinlich viele unsere Kirchen leer sein. An irgendeinem anderen Ort werden wir das Evangelium vom leeren Grab vortragen. Wenn uns die Leere der Kirche an ein leeres Grab erinnern wird, sollten wir nicht die Stimme von oben überhören: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa.“

Die Anregung zur Meditation für dieses seltsame Ostern lautet: Wo ist dieses Galiläa von heute, wo können wir dem lebendigen Christus begegnen?

Soziologische Studien sagen uns, dass in unserer Welt die „Beheimateten“ weniger werden (und zwar sowohl diejenigen Menschen, die sich völlig mit einer traditionellen Form von Religion identifizieren als auch die Anhänger eines dogmatischen Atheismus) und die „Suchenden“ mehr werden. Darüber hinaus steigt jedoch die Anzahl der „Apatheisten“ – Menschen, die sowohl religiöse Fragen als auch traditionelle Antworten gleichgültig lassen.

Die Hauptlinie der Aufteilung läuft nicht mehr zwischen denjenigen, die sich für Gläubige halten und denjenigen, die sich für Ungläubige halten. „Suchende“ gibt es sowohl unter den Gläubigen (das sind diejenigen, für die der Glaube nicht ein „ererbtes Eigentum“ ist, sondern eher „ein Weg“), als auch unter den „Ungläubigen“, die religiöse Vorstellungen ablehnen, die ihnen ihre Umgebung vorlegt, die jedoch trotzdem die Sehnsucht nach einer Quelle spüren, die ihren Durst nach dem Sinn stillen könnte.

Ich bin davon überzeugt, dass dieses „Galiläa von heute“, wohin man gehen soll, um den Gott zu suchen, der durch den Tod hindurch ging, die Welt der Suchenden ist.

Die Suche nach Christus bei den Suchenden

Die Befreiungstheologie lehrte uns, Christus bei den Menschen am Rande der Gesellschaft zu suchen; es ist jedoch notwendig, ihn auch bei den Menschen zu suchen, die in der Kirche marginalisiert sind; bei denen, die „nicht mit uns gehen“. Wenn wir als Jünger Jesu dort eintreten wollen, müssen wir zunächst viele Dinge ablegen.

Wir müssen unsere bisherigen Vorstellungen von Christus ablegen. Der Auferstandene ist durch die Erfahrung des Todes radikal verändert. Wie wir in den Evangelien lesen, konnten ihn nicht einmal seine Nächsten und Liebsten erkennen. Wir müssen nicht gleich alles glauben, was uns berichtet wird. Wir können darauf bestehen, dass wir seine Wunden berühren wollen. Wo begegnen wir ihm heute übrigens mit größerer Gewissheit, wenn nicht gerade in den Wunden der Welt und in den Wunden der Kirche, in den Wunden des Körpers, die er auf sich genommen hat?

Wir müssen unsere proselytischen Absichten ablegen. Wir dürfen deshalb in die Welt der Suchenden nicht eintreten, um diese schnellstmöglich zu „bekehren“ und sie in die bestehenden institutionellen und mentalen Grenzen unserer Kirchen einzuengen Auch Jesus, der „die verlorenen Schafe des Hauses Israel“ suchte, führte diese nicht in die bestehenden Strukturen der damaligen jüdischen Religion hinein. Er wusste, dass man neuen Wein in neue Schläuche einfüllen muss.

Wir wollen aus dem Schatz der Tradition, die uns anvertraut wurde, sowohl neue als auch alte Sachen herausholen, um sie zum Bestandteil des Dialoges mit den Suchenden zu machen; eines Dialoges, in dem wir voneinander lernen können und sollen. Wir sollen lernen, die Grenzen unseres Verständnisses von Kirche radikal zu erweitern. Es reicht nicht mehr aus, dass wir im Tempel der Kirche den „Vorhof für die Heiden“ großzügig öffnen. Der Herr hat bereits „von innen“ angeklopft und er ist bereits hinausgegangen und es ist unsere Aufgabe, ihn zu suchen und ihm zu folgen. Christus ist durch jene Tür hindurch gegangen, die wir aus Angst vor den anderen verschlossen hatten, er ging durch die Wand, hinter der wir uns verschanzten, er öffnet uns einen Raum, vor dessen Breite und Tiefe uns schwindelig wurde.

Gleich zu Beginn ihrer Geschichte erlebte die junge Kirche aus Juden und Heiden die Zerstörung des Tempels, in dem Jesus gebetet und seine Jünger gelehrt hatte. Die damaligen Juden fanden darauf eine mutige und kreative Antwort: Den Altar des zerstörten Tempels ersetzte der Tisch der jüdischen Familie, die Opferbestimmungen wurden durch die Bestimmungen zum privaten oder gemeinsamen Gebetes ersetzt, die Brandopfer und die blutigen Opfer wurden ersetzt durch die Opfer der Lippen, der Gedanken und des Herzens, das Gebet und das Studium der Schrift. Ungefähr zur selben Zeit suchte das junge Christentum, das man aus den Synagogen vertrieb, seine neue Identität. Juden und Christen lernten, auf den Ruinen der Traditionen das Gesetz und die Propheten neu zu lesen und auszulegen. Sind wir in unserer heutigen Zeit nicht in einer ähnlichen Situation?

Gott in allen Dingen

Als an der Schwelle des fünften Jahrhunderts Rom fiel, hatten viele eine schnelle Erklärung parat: Für die Heiden war der Fall Roms die Strafe der Götter für die Annahme des Christentums, und für die Christen war sein Fall die Strafe Gottes für ein Rom, das noch nicht aufgehört hatte, die Hure Babylon zu sein. Der heilige Augustinus lehnte beide Auslegungen ab: In dieser Umbruchszeit entwickelte er seine Theologie des ewigen Kampfes der beiden „Reiche“ (civitates): nicht der Christen und der Heiden, sondern der beiden „Lieben“, die im menschlichen Herzen wohnen: der Selbstliebe, der die Transzendenz verschlossen bleibt (amor sui usque ad contemptum Dei) und der Liebe, die sich hingibt und dadurch Gott findet (amor Dei usque ad contemptum sui). Ruft nicht diese Zeit der Zivilisationsveränderungen nach einer neuen Theologie der gegenwärtigen Geschichte und nach einem neuen Verständnis von Kirche?

„Wir wissen, wo die Kirche ist, aber wir wissen nicht, wo sie nicht ist“, lehrte der orthodoxe Theologe Evdokimov. Vielleicht sollen die Worte über die Katholizität und den Ökumenismus, die vom letzten Konzil ausgesprochen wurden, einen neuen und tieferen Inhalt bekommen: Es ist die Zeit gekommen für einen breiteren und tieferen Ökumenismus, für ein mutigeres „Suchen Gottes in allen Dingen“.

Diese Fastenzeit der leeren und schweigenden Kirchen können wir entweder nur als ein kurzes Provisorium annehmen, das wir dann bald vergessen werden. Wir können sie jedoch auch als kairos annehmen – als eine Zeit der Gelegenheit „in die Tiefen hinabzusteigen“ und eine neue Identität des Christentums in einer Welt zu suchen, die sich vor unseren Augen radikal verwandelt. Die gegenwärtige Pandemie ist sicher nicht die einzige globale Bedrohung, die unsere Welt begegnet und noch begegnen wird.

Nehmen wir die kommende österliche Zeit als Aufruf zu einem neuen Suchen von Christus an. Suchen wir nicht den Lebenden unter den Toten. Suchen wir ihn mutig und ausdauernd und lassen wir uns nicht dadurch verwirren, dass er uns wie ein Fremder erscheinen mag. Wir werden ihn erkennen an seinen Wunden, an seiner Stimme, wenn er uns vertraut anspricht, an seinem Geist, der den Frieden bringt und die Angst vertreibt.

Tomáš Halík (Jahrgang 1948) ist Professor für Soziologie an der Karls-Universität in Prag, Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag. In der Zeit der Kommunismus wirkte er in der „Untergrundkirche“. Er ist Träger des Tempelton-Preises und Ehrendoktor der Universität Oxford.

Aus dem Tschechischen übersetzt von Markéta Barth, Radolfzell.

Eucharistie auf der Straße

Brot

Im folgenden Artikel reflektiert Klaus Mertes, Begleiter von Straßenexerzitien und Rektor des Kollegs von St. Blasien, die biblischen Berichte der Mähler Jesu, und die Erfahrungen, die Exerzitanden bei Straßenexerzitien machen durften.

Klaus Mertes SJ*

1. Vor- und nachösterliches Mahl

Das lukanische Geschichtswerk, bestehend aus Lukasevangelium und Apostelgeschichte, ist in der Mitte durch eine redaktioneller Zwischenbemerkung geteilt (Apg 1,1-3), an die Apg 1,4 anschließt:  „Und da er mit (ihnen) speiste, gebot er ihnen …“ Die Begegnungen mit dem Auferstandenen sind signifikant mit einem gemeinsamen Mahl verbunden. Das bestätigt auch rückblickend der Auferstehungszeuge Petrus, der für „uns“ spricht, „die wir mit ihm zusammen gegessen und getrunken haben nach seiner Auferstehung von den Toten.“ (Apg 10,41) Damit ist auch die erzählerische Kontinuität zum Schluss des ersten Teils des lukanischen Geschichtswerkes hergestellt. Zweimal erscheint der Auferstandene dort den Seinen in Verbindung mit Mahlzeiten. In Emmaus: „Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen.“ (Lk 24,28.30). In Jerusalem: „Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch, er nahm es und aß es vor ihren Augen.“ (Lk 24,42f)

Die Verbindung von österlicher Erscheinung und gemeinsamem Mahl fällt in den Berichten von Lukas besonders auf. In den beiden anderen synoptischen Evangelien werden die nachösterlichen Mahlzeiten nicht hervorgehoben; dafür umso mehr, wie im Übrigen auch bei Lukas, das letzte Abendmahl vor der Hinrichtung Jesu. Immerhin heißt es in dem sekundären Abschluss des Markusevangeliums: „Später erschien er den Elf, als sie bei Tisch waren.“ (Mk 16,14) Im Johannesevangelium sind zwar nicht alle Erscheinungen des Auferstandenen mit Mahlzeiten verbunden, aber doch ganz markant im Schlusskapitel: „Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst … Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.“ (Joh 21,12f)

Der Auferstandene erscheint den Seinen also vornehmlich bei Mahlzeiten. Mit der Eucharistiefeier als dem „letzten Abendmahl“ Jesu steht allerdings nicht ein nachösterliches, sondern ein vorösterliches Mahl im Mittelpunkt der Vergegenwärtigung des Auferstandenen. Das ist kein Gegensatz. Im Gegenteil: Die Kontinuität zwischen der Mahlpraxis des vorösterlichen und des nachösterlichen Jesus wird auf diese Weise greifbar. Ohne Ostern keine Eucharistie. Ohne Eucharistie kein Ostern. Einerseits verbindet die Eucharistie die Gemeinde mit der vorösterlichen Geschichte Jesu, besonders mit dem Vorabend seiner Kreuzigung. Andererseits sind bereits die Berichte der synoptischen Evangelien aus der österlichen Perspektive verfasst; sie spiegeln den Glauben der Autoren und ihrer Gemeinden vor dem Hintergrund ihrer Begegnungen mit dem Auferstandenen wieder. Die Verschränkung zwischen vor- und nachösterlicher Präsenz Jesu ist also gerade in der Eucharistiefeier unauflösbar.

So wird es auch möglich, die Praxis der nachösterlichen Eucharistie durch die Osterberichte durchschimmern zu sehen. Neutestamentler sprechen „von dem eucharistischen Rahmen …, der die Offenbarung des Auferstandenen an die Emmausjünger umgibt.“[1] Vergleichbares gilt für andere nachösterliche Mahlzeiten mit dem Auferstandenen. Die zeitliche Situierung der Tiberias-Szene (Joh 21,12f) in der frühen Morgenstunde lässt sich „vom Brauch der Christen her“ verstehen, „ihr kultisches Mahl am Sonntag in der Morgenfrühe zu halten.“ Und weiter: „Jesus … hat für sie (die Jünger) die lebendig machende Gabe der Eucharistie bereit. Die Jünger tragen dazu bei durch die von ihnen gefangenen Fische.“[2]

2. Die Fußwaschung

Dass nicht alle Getauften heute gemeinsam Eucharistie feiern können, gehört zu den Nöten der getrennten Christenheit. Es gibt heute keine geeinte, über den ganzen Erdkreis verteilte „katholische“ Christenheit, solange die Mahlgemeinschaft der Getauften untereinander und mit dem Auferstandenen – aus welchen Gründen auch immer – nicht in vollem Umfang besteht. Das gilt jedenfalls dann, wenn man, wie das Zweite Vatikanische Konzil es tut, die Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“[3] versteht. In dieser Situation erhalten einige Besonderheiten in den Mahl-Berichten der Evangelien zunächst praktische Bedeutung, die den Stillstand der Trennung unterlaufen: Sie enthalten Perspektiven für eine vorliturgische Praxis mit Bezug auf die Mahlpraxis Jesu mitten in der Trennungssituation.

Eine solche Besonderheit bietet bekanntlich der johanneische Bericht über das letzte Mahl Jesu vor seinem Tod. „Es fand ein Mahl statt“ (Joh 13,1), bei dem Jesus den Anwesenden die Füße wäscht. „Johannes berichtet von der Fußwaschung an der Stelle, an der in den anderen Evangelien von der Einsetzung der Eucharistie berichtet worden war. In diesem Sinne schildert uns Johannes bewusst oder unbewusst die Innenseite der Eucharistie. Wo Christen sich zum Mahl Jesu versammeln, kann dies nur in der Weise und in der Gesinnung geschehen, in der Jesus in sein Leiden hineinging: in Liebe und Dienstbereitschaft.“[4]

Welche geistliche Kraft von der Geste der Fußwaschung ausgeht, beschreibt jüngst Emmanuel Carrère in seinem Roman über den Evangelisten Lukas.[5] Eine Brieffreundin hatte ihn, der mit seinem Verlust des christlichen Glaubens ringt, zum Besuch von Einkehrtagen in der Arche von Jean Vanier angeregt:[6] „Ich will Ihnen eine Lösung vorschlagen. Sie ist durchaus greifbar. Konkret befindet sie sich in einer Schüssel, in der jemand Ihnen die Füße wäscht und Sie die eines anderen waschen, am besten die eines Behinderten.“ Carrère findet sich nun „mit etwa vierzig, in Siebenergruppen aufgeteilten Christen in einem Raum eines restaurierten Bauerhofs unter einem Kruzifix und – guck mal einer an – einer großen Reproduktion von Rembrandts Verlorenem Sohn wieder.“ Er beschreibt auf anrührende Weise die Zusammensetzung der Gruppe, lässt den geistlichen Weg des Arche-Gründers Revue passieren, geht auf die Fußwaschungsszene im Johannesevangelium ein[7] und referiert die Ansprache von Jean Vanier[8]. Dann kommt die Fußwaschung. „Wir ziehen uns die Schuhe und Strümpfe aus und krempeln die Hosenbeine auf. Der Personalchef beginnt. Er kniet vor dem Schuldirektor nieder, gießt aus dem Krug lauwarmes Wasser über seine Füße und rubbelt sie vorsichtig ab – zehn Sekunden, zwanzig, es dauert ziemlich lang, und ich habe den Eindruck, dass er gegen die Versuchung ankämpft, zu schnell vorzugehen und das Ritual auf etwas rein Symbolisches zu reduzieren. Den einen Fuß, den anderen Fuß, dann trocknet er ihn mit einem Handtuch ab. Dann ist der Schuldirektor an der Reihe, und er kniet vor mir nieder und wäscht mir die Füße, bevor ich die der Caritas-Funktionärin wasche. Es ist wirklich sehr seltsam, Unbekannten die Füße zu waschen. Ein schöner Satz von Emanuel Levinas fällt mit ein, den Bérengère (die Brieffreundin – KM) in einer Mail zitiert hat: über das menschliche Gesicht, das es einem verbietet zu töten, sobald man es sieht. Sie sagte: Ja, das stimmt, aber auf die Füße trifft es noch mehr zu, Füße sind noch bedürftiger, noch verletzlicher, tatsächlich sind sie das Verletzlichste, das Kind in jedem von uns. Und obwohl ich es etwas peinlich finde, finde ich es auch schön, dass Leute zu diesem Zweck zusammenkommen, um dem so nahe wie möglich zu sein, was das Bedürftigste und Verletzlichste in der Welt und in ihnen selbst ist. Das ist Christentum, sage ich mir.“

Die Umsetzung der johanneischen Fußwaschungsszene vermag einige Probleme zu umgehen, die die gegenwärtige Praxis der Eucharistie – jedenfalls in der katholischen und orthodoxen Variante – nicht zu lösen vermag. Zum einen setzt die Teilnahme an der Fußwaschung kein ausdrückliches Glaubensbekenntnis voraus. Die Geste darf ohne Einschränkung zweifelnde, zögernde und suchende Personen, noch- oder nicht-mehr-dazugehörende, wiederverheiratet geschiedene, evangelische, katholische, orthodoxe und anderen Personen einbeziehen.

Zum anderen wird im Vollzug der Fußwaschung die missionarische Bedeutung von Liturgie sichtbar. Dafür gibt es auch andere neutestamentliche Zeugnisse. Von Paulus ist zum Beispiel die Erinnerung an eine Gottesdienst-Situation der Urgemeinde erhalten, bei der offensichtlich vorausgesetzt ist, dass auch „Unkundige und Ungläubige“ Zugang haben, und die im Vollzug eine missionarische Wirkung entfaltet. Konkret geht es Paulus in der betreffenden Passage (1 Kor 14) darum, den Vorrang der verständlichen prophetischen Rede vor der unverständlichen Zungenrede aufzuweisen. Er tut dies mit dem Argument, dass die prophetische Rede im Unterschied zur Zungenrede für die hinzutretende unkundige Person verständlich ist. Sie bewirkt, dass die von außen Hinzutretenden auf „ihr Antlitz fallen, Gott anbeten und offen bekennen: Gott ist wirklich unter Euch.“ (1 Kor 14,25) Ähnlich erscheint in Carrères Bericht die Wirkung der Fußwaschung auf ihn als teilnehmenden Ungläubigen zu sein: „Das ist Christentum, sage ich mir.“ Zwar beendet er seinen Bericht mit einer Einschränkung: „Trotzdem möchte ich nicht von der Gnade berührt werden, und, nur weil ich die Füße gewaschen habe, bekehrt nach Hause zurückkommen wie vierundzwanzig Jahre zuvor. Zum Glück passiert nichts dergleichen.“ Dennoch: Es hätte passieren können, vielleicht gerade deswegen, weil die Feier der Fußwaschung absichtslos war, ganz auf die Gegenwart Christi hin ausgerichtet, und darum umso kraftvoller in der Wirkung.

3. Mähler auf der Straße

Noch ein anderer Aspekt des johanneischen Berichts gibt zu denken: Das vorösterliche „Mahl“, das Jesus am Abend vor seiner Hinrichtung feiert, ist nicht das Paschamahl, von dem die Synoptiker berichten: „Freilich gibt es bei Johannes keinen Hinweis darauf, dass es sich um ein Paschamahl gehandelt haben könnte. Die Motive eines solchen Mahles erscheinen bei dem Paschafest, das Jesus mit seinen Jüngern feiert, in Joh 6,51c-58. Dort ist das Paschafest offenbar schon verchristlicht“[9]  Und auch das ist wiederum bezeichnend für den Erzählstil des Johannesevangelisten: Er bezieht die ausführliche Pascha-Erinnerung souverän auf eine nicht-kultische Situation, auf die wunderbare Brotvermehrung (Joh 6,1-15). Das Mahl am See Tiberias findet zwar zeitlich nahe zum Pascha statt (vgl. Joh 6,4), ist aber selbst – noch  offensichtlicher als „das Mahl“ in Joh 13,1 – kein Paschamahl. Vielmehr wird eine große Menschenmenge unter freiem Himmel gesättigt, sozusagen auf der Straße, d.h. ohne Vorordnung einer Arkandisziplin, die in diesem Falle ja auch nicht situationsgerecht wäre, genauso wenig wie bei den nachösterlichen Mählern. Im Umkehrschluss wird man deswegen auch sagen müssen, dass die vorösterliche Mahlpraxis Jesu, wie sie die Synoptiker berichten, ebenfalls, beginnend mit den Mählern mit „Zöllner und Sündern“ in Kafarnaum, in die Erinnerung und Gestalt der nachösterlichen Mähler mit dem Auferstandenen einfließt und einfließen soll, und nicht nur der „eucharistische Rahmen“ (s.o.) des Paschamahles am Abend vor der Hinrichtung Jesu. Das wird auch in den einschlägigen Texten von Paulus deutlich. Denn die nachösterliche Praxis kannte offensichtlich beides: Die Eucharistie (1 Kor 11,17ff) mit den Einsetzungsworten sowie die mit dem Kiddusch eingeleitete Hausfeier (1 Kor 10.7ff).[10]

Doch damit nicht genug. Die Exegese neigt aktuell dazu, die johanneischen Berichte auch historisch wieder ernster zu nehmen.[11] Josef Ratzinger/Benedikt XVI erwägt, den Bericht in Joh 13,1, was die zeitliche Situierung betrifft, für historisch glaubwürdiger zu halten als die der Synoptiker. Das führt ihn zu Frage nach der Gestalt des Mahles: „Aber was war Jesu Letztes Mahl dann eigentlich? Und wie kam es zu der gewiss sehr frühen Auffassung von seinem bevorstehenden Pascha-Charakter? Die Antwort von Meier ist verblüffend einfach und in vieler Hinsicht überzeugend: Jesus wusste von seinem bevorstehenden Tod. Er wusste, dass er das Pascha nicht mehr werde essen können. In diesem vollen Wissen lud er die Seinen zu einem Letzten Mahl ganz besonderer Art ein, das keinem bestimmten Ritus zugehörte, sondern sein Abschied war, in dem er Neues gab, sich selbst als das wahre Lamm schenkte und damit sein Pascha stiftete.“[12]

Praktische Relevanz jedenfalls erhalten diese Beobachtungen vor dem Hintergrund von „Eucharistien auf der Straße“, wie sie von Teilnehmerinnen und Teilnehmer der in den letzten Jahren entstandenen „Exerzitien auf der Straße“[13] berichtet werden. Es handelt sich um österliche Erfahrungen, die über die Strukturähnlichkeit mit den nachösterlichen Mählern eine Brücke zur Eucharistie bilden. Also: „Eucharistien auf der Straße“.

Eine Exerzitantin berichtet: „Mein Lieblingsplatz ist besetzt. Zwei Kinder und ihr Hund sind auf dem Heimweg vom Elbstrand und legen eine Pause ein. Das Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, wird meine Retterin, indem sie einfach fragt: Willst du dich zu uns setzten? Ja, ich will. Ich setze mich, wir unterhalten uns, wir spielen Kronenkorkenverstecken, es wird dunkel. Eine ältere Frau kommt von ihrer Putzstelle und bietet uns von den Brötchen an, die sie hat mit nach Hause nehmen dürfen. Es wird ein kleines Abendmahl. Ich gehöre dazu. Und ich bin dankbar.“[14] Oder: Ein Exerzitant trifft in Berlin auf dem Tempelhofer Feld im Winter eine Gruppe von „äußerlich etwas verwahrlosten Männern“, die an einem großen Iglu bauen. „Interessiert fragte ich, wie lange sie für dieses riesige Teil gebraucht hätten. Wenn du mithilfst, werden wir fertig, bevor alles wieder schmilzt. … Also setzte ich meinen Rucksack ab, zog meine Handschuhe aus und schleppte jede Menge Schnee an, damit das Iglu dicker wurde und möglichst lange halten konnte. Niemand fragte mich, wer ich sei und was ich hier mache. Als wir eine Pause machten, wurde ich eingeladen, mit ins Iglu zu kommen. Ich staunte nicht schlecht als ich sah, dass Platz für vier Plastikstühle und einen kleinen Tisch im Innenraum war. Auf einem der Stühle nahm ich Platz. Ein Mann hatte eine Thermoskanne mit heißem Kaffee dabei. Jeder durfte einen Schluck aus dem Deckel der Kanne trinken. Ich packte meine Mandelhörnchen aus, die ich eigentlich für mich gekauft hatte, und teilte es unter uns auf. Die Augen der Männer glänzten.“[15]  Oder: Eine Exerzitantin lernt auf der Straße Willy kennen, einen obdachlosen Mann. Aus der ersten zufälligen Begegnung werden im Laufe der Tage mehrere Wiedersehen und zum Schluss eine Abschiedsbegegnung. „Er strahlte und sagte: Ja was, die Elisabeth ist wieder da. Er sagte nicht wie beim allerersten Mal: Darf ich Dame zu einem Glas Wein einladen? Sondern: Wo lassen wir uns nieder? Ich schlug vor: Beim Italiener im Hinterhof war es doch sehr gemütlich. Da hatten wir nämlich schon mal über Mittag gesessen. Als nichts wie hin. Willy mit seinem aufgebockten Rollator mit Unterarmgehhilfe. Er nennt ihn Hundeschlitten. Als wir in der Pizzeria angekommen sind, wird eingeparkt, wir setzen uns an denselben Tisch wie beim letzten Mal und sind mit den BASF-Angestellten im schicken Anzug oder Minirock in bester Gesellschaft. Ich bemerke, dass Willy etwas mehr Zeit braucht als sonst, und vermute, dass er noch einen Schluck aus seiner Eierlikörflasche nehmen will wie sonst auch. Aber so ist es nicht. Willy holt aus seiner blauen Sporttasche eine Plastiktüte heraus und legt sie auf den Tisch. Ich kann nicht sofort erkennen, was darin ist, ein Pfirsisch vermutlich. Stimmt aber wieder nicht. Er holt aus der Tüte eine frische, große, violettfarbene Feige heraus, teilt sie mit dem rechten Daumennagel, reicht mir die eine Hälfte und steckt sich die andere in seinen Mund, in dem keine Zähne mehr sind. Dabei schaut er mir über den Rand seiner Brill tief in die Augen und sagt kein Wort. Das braucht es auch nicht. Die Geste genügt … Heute Abend habe ich verstanden, was Eucharistie heißt: Das Leben miteinander feiern, weil Gotten mitten da ist.“[16]

4. Konsequenzen

Ähnlich wie bei der Fußwaschung verhält es sich mit den Eucharistien auf der Straße: Die Teilnahme setzt zunächst einmal nicht mehr voraus als eine grundlegende Sehnsucht nach geistlicher Erfahrung im Rahmen der erzählerischen Vorgaben der biblischen Tradition. Wie die Fußwaschung vermögen die Erfahrungen auf der Straße eine missionarische Wirkung zu entfalten, gerade für diejenige Personen, die sich von der Einladung der Straße überraschen lassen und sie annehmen. Doch was bedeuten solche niedrigschwelligen Mahl-Erfahrungen, solche eucharistischen Begegnungen für die Feier der Eucharistie in ihrer kirchlichen, durch Arkandisziplin geschützten Form?

Zunächst: Arkandisziplin hat sinnvollerweise eine markierende Funktion, um den Bereich der sakralen Handlungen von dem der profanen Handlungen zu unterscheiden; sie hat eine mystagogische Funktion, um schrittweise in die Fülle der Liturgie einzuführen; sie hat eine schützende Funktion, um solche Personen fernzuhalten, die „kein Hochzeitsgewand anhaben“ (vgl. Mt 22,11). Und es ist für die Kirche ein unhintergehbares Faktum, dass sich alle Berichte über vor- und nachösterliche Mahlfeiern Jesu bündeln in der Feier des einen Abendmahles am Abend vor seinem Leiden und Sterben. So wird im Rückblick ausdrücklich das Brechen des Brotes mit der Treue Jesu zu seiner Sendung bis in den Tod hinein verbunden: „Vater, in deine Hände lege ich meinem Geist.“ (Lk 23,46) Dieser Zusammenhang  macht dann auch die Eucharistiefeier tatsächlich zu „Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens“. Das gilt es zu bewahren.

Doch „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ ist nicht einfach ein abgrenzender, sondern vor allem auch ein hinweisender Begriff. Die Eucharistie weist über sich selbst hinaus. Sie hat ihren Ursprung von der Straße des Lebens her. Ohne den ganzen Weg, den Jesus gegangen ist, gäbe es die Eucharistie nicht. Und sie endet mit der Sendung nach draußen, auf die Straße, um den Auferstandenen im Leben zu entdecken – und auch da eucharistisch, also dankend seine Hingabe anzunehmen, wie sie sich eben auf der Straße des Lebens ereignet.

Das hat mehrere praktische Konsequenzen: Keine noch so sinnvolle Arkandisziplin kann den Zugang zu dem Auferstandenen vollkommen versperren, gerade auch nicht zur eucharistischen Begegnung mit ihm. Mehr noch: Es kann nicht das Ziel einer sinnvollen Arkandisziplin sein, absolute Zugangssperren einzubauen. Denn gerade auf der Straße des Lebens achtet der Auferstandene nicht auf Zugangsbeschränkungen zu sich selbst, genauso wenig wie Jesus vorösterlich die Sünder am Katzentisch Platz nehmen ließ. Der Gott der Überraschungen lässt sich nicht auf eine Feier beschränken, zu deren Selbstverständnis es gehört, vor Überraschungen so gesichert wie möglich zu sein, gerade auch gesichert vor dem „Fremden“ (vgl. Lk 24,18), dem die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus begegneten.

Die alttestamentliche Kultkritik konnte im Verhältnis zu den höchsten liturgischen Feierlichkeiten Israels scharf formulieren: „Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben dar, sie sind für mich widerliches Räucherwerk. Neumond und Sabbat – ich ertrage nicht eure schändlichen Feste.“ (Jes 1,13) Aus einer total abgesicherten Eucharistie entweicht das Leben. Dem in Brot und Wein hingegebenen Jesus wird quasi die Luft zum Atmen/Beatmen genommen. Das wird zwar niemals ganz gelingen, aber zugleich ist es eine ernste Frage an die Praxis der Ausgrenzung. In der eucharistischen Begegnung auf der Straße gibt es diese Ausgrenzung von Seiten des Auferstandenen her nicht. Darin ist er vielmehr ganz derselbe wie der Jesus, der seinen Gästen und Jüngern vorösterlich das Brot brach, und der das Brot als bleibendes Medium seiner Präsenz nach seinem Tod[17] erwählte.

* Der Artikel erschien zuerst in Stimmen der Zeit, Heft 4, 2020


[1] Francois Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/4, Düsseldorf 2009, S.563

[2] Johannes Beutler, Das Johannesevangelium, Kommentar, Freiburg 2013, S. 547f

[3] Lumen Gentium 11, dazu auch: Katechismus der katholischen Kirche, Nr.1324-1326

[4] Ebd, S. 384

[5] Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes, Berlin 2017

[6] Ebd., S.496-506

[7] „Das wichtigste Sakrament des Christentums hätte auch die Fußwaschung werden können statt die Eucharistie.“ S.503

[8] Wenn Jesus „die Eucharistie einführt, spricht er zu allen zwölf Jüngern als Gruppe. Doch wenn er niederkniet, um die Füße zu waschen, dann kniet er vor jedem Einzelnen nieder …“ S.504

[9] Ebd, S. 376f / „Brot vom Himmel“: Einen neuer Hinweis zur eucharistischen Relevanz der vorösterlichen Mahlpraxis Jesu stammt von Eckhard Nordhofen (Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus. Freiburg 2018). Er weist darauf hin, dass die Brot-Bitte Jesu im Vaterunser auf das eucharistische Brot bezogen werden sollte. Sein Argument lautet, dass der Schlüsselkonflikt zwischen Jesus und den Schriftgelehrten um die Frage nach dem Medium der Gottesgegenwart kreist. Für die „Schriftler“ (Nordhofen) ist es die Schrift, für Jesus ist es der „Menschensohn“. Das Wort Gottes ist Fleisch geworden (vgl. Joh 1,14). Bereits vorösterlich ergibt sich daraus die Frage, in welchem Medium Jesus selbst seine bleibende Gegenwart nach seinem Tode sieht. Diese kann ja nicht wieder durch die Schrift gegeben sein, auch nicht eine Schrift über ihn. So kommt bereits vorösterlich das Brot als Medium ins Spiel, wie das Vaterunser, welches das Gebet Jesu ist, zeigt. „Unser himmlisches (überwesentliches) Brot gib uns täglich.“

[10] Vgl. Norbert Baumert, Die Sorgen des Seelsorgers, Übersetzung und Auslegung des Ersten Korintherbriefs, Würzburg 2007,  S.145 ff. Baumert unterscheidet zwischen „Brechen des Brotes“ (Kidusch) und „Mahl des Herrn“ (Eucharistie) als zwei unterschiedlichen Mählern.  In 1 Kor 10 ist vorausgesetzt, dass man durch die Taufe bereits Gemeinschaft untereinander ist, und nicht erst durch das Essen des Brotes in Gemeinschaft mit Christus tritt. „Leib Christi“ ist in 1 Kor 10 wäre also ekklesiologisch zu verstehen.

[11] Anderes Beispiel: Die Vorverlegung des Vorfalls im Tempels an den Anfang der Erzählung vom öffentlichen Auftritt Jesu (Joh 2,13-22), vgl. dazu: Alber Nolan, Jesus vor dem Christentum, Luzern 1993, S.142-148.

[12] Benedikt XVI, Jesus von Nazareth II, Freiburg 2011, S.133

[13] Christian Herwartz u.a., Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen, Persönliche Begegnungen in Straßenexerzitien, Neukirchen 2016

[14] Ebd., S.52f

[15] Ebd., S.66f

[16] Ebd., S.85f

[17] Vgl. Eckhard Nordhofen, aaO, 229-263

Abendmahl mit Schokoriegel: Klaus Mertes über seine Erfahrung mit Straßenexerzitien

Schokoriegel WunderBar

Klaus Mertes ist Jesuit. Er wurde bundesweit bekannt, als er vor 10 Jahren als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin sexuellen Mißbrauch in der Institution bekannt machte. Heute ist er Rektor des Kollegs in St. Blasien.

In einem Interview mit dem ZEITmagazin erzählt er, wie er von Gegnern in der Kirche verleumdet wurde, und sich ausgegrenzt führlte. Er habe es beim Katholikentag nicht mehr über mich gebracht, zur großen Eucharistiefeier zu gehen.

ZEITmagazin: Was macht man als Kirchenmann, wenn einem das wichtigste Miteinander der Kirche, das Abendmahl, zuwider wird?

Mertes: Ich habe „Exerzitien auf der Straße“ gemacht, eine geistliche Übung, bei der man ohne Ziel rausgeht ins Freie: mittellos, planlos und offen für das, was einem begegnet. Um ein Mittagessen in der Obdachlosenküche zu bitten, das kostete echte Überwindung. Ich musste, biblisch gesprochen, meine Schuhe ausziehen: die Schuhe des Helfers, des Lehrers, der Überlegenheit und des Status. Und dann saß beim Essen ein Obdachloser neben mir, der sah, dass ich keinen Schokoriegel als Nachtisch habe. Er nahm seinen, brach ihn durch und gab mir die Hälfte. – Genau die Geste Jesu am Tisch mit den Jüngern. Und plötzlich hatte das Abendmahl wieder Sinn.

Klaus Mertes begleitet regelmäßig auch Exerzitien auf der Straße.

„Über das Begleiten“: Maria Jans-Wenstrup im Gespräch mit Christian Herwartz SJ

Maria Jans-Wenstrup ist eine Begleiterin von Straßenexerzitien der ersten Stunde. In einem Gespräch mit Christian Herwartz SJ, dem Gründer der Straßenexerzitien, geht sie den Fragen nach, die sich beim Begleiten stellen. Ein spannendes Gespräch für alle, die sich für geistliches Begleiten und für Straßenexerzitien interessieren.

Hier klicken, um das Interview anzuhören

Weihnachten im Anthropozän

Zu Beginn der katholischen Liturgie zur Christmette wird die Geburt Christi in der Zeit verortet im sogenannten Martyrologium Romanum: Die Gründung der Welt, die Erschaffung des Menschen, die Urväter Abraham und Mose, das Königtum Davids, die Gründung Roms, das Kaisertum des Augustus – das alles sind Referenzpunkte des welthistorischen Ereignisses der Geburt Christi.

Als ich dem gestern lauschte, kam mir etwas in den Sinn: all diese historischen Ereignisse (mit Ausnahme der Erschaffung der Welt und des Lebens auf Erden), Abraham, Mose, David, die ganze biblische Geschichte, auch die ganze lange Kirchengeschichte, auf die Kirche zurückblicken kann – sie spielten sich unter den Bedingungen eines relativ stabilen Klimas ab.

Holozän nennen die Geologen die Epoche, die vor etwa 10.000 Jahren begann, und die die Grundlage für die Entwicklung der gesamten menschlichen Zivilisation bildete. All unsere jüdische und christliche Tradition bildete sich unter diesen relativ günstigen und stabilen Bedingungen – die Dürren und Fluten sind dabei durchaus eingeschlossen.

Das ist nun unwiederruflich vorbei. In abenteuerlichem Tempo katapultiert die Menschheit gerade ihren Heimatplaneten aus diesem lebensdienlichen Zustand heraus. Sie gräbt abgestorbene, einst lebendige Materie – fossile Brennstoffe – aus den Tiefen der Erde heraus, verbrennt sie binnen weniger Jahrzehnte, und gibt so dem Erdsystem einen gigantischen Impuls. Die Vertreibung aus dem Paradies, hat dies mein Freund Christoph Bals einmal genannt. Anthropozän – das vom Menschen gemachte geologische Zeitalter – ist der wissenschaftliche Begriff für diese neue, unbekannte Welt.

Die Temperaturkurve auf dem folgenden Diagramm veranschaulicht dies: *Die blaue Kurve ist die der letzten 10.000 Jahre, das Holozän, die grüne ist die Kurve des Pariser Klimaabkommens, die zunehmend unrealistischer wird, die gelb, orange und roten Kurven sind der Pfad, auf dem wir uns gerade befinden.

Die Entwicklung der mittleren Temperatur auf der Erde seit der letzten Eiszeit und die Prognosen unter verschiedenen Emissionsszenarien – sowie die Kipppunkte im Erdsystem. Quelle: Schellnhuber, H. J., Rahmstorf, S. & Winkelmann, R. Why the right climate target was agreed in Paris. Nature Climate Change 6, 649-653 (2016). doi:10.1038/nclimate3013. Erläuterungen für Laien finden sich hier und hier, wer Englisch kann auch hier.

Und die neue Welt, sie hat immer öfter Züge eines Infernos (inferno = italienisch für Hölle). Am 20. Dezember 2019 postete Bo Kitty auf ihrer Facebook-Seite dieses Foto eines australischen Feuerwehrmanns inmitten eines brennenden Waldes:

Quelle: https://www.instagram.com/p/B6KCOM5h-YE/

Sie schreibt dazu (meine Übersetzung mit Erläuterungen in eckigen Klammern):

Für alle in der restlichen Welt: Australien brennt und hat seit etwa 2 Monaten nicht mehr aufgehört. Heute ist es landesweit um die 50 Grad Celsius. In Melbourne sind es 111 Grad Fahrenheit [44°C]. Unser Regierungschef [Scott Morrisson] ist vor diesem nationalen Notstand geflohen, um eine Kirche in Übersee zu gründen [er war anscheinend auf Hawaii im Urlaub, hat jetzt den Urlaub abgebrochen https://www.sueddeutsche.de/…/profil-scott-morrison-1.47316… ].

Ich weiß, dass Australien wie eine malerische Insel am Ende der Welt aussieht, aber es ist ein wirklich schöner Ort, nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen. Ich habe mir hier unter all den Orten, an denen ich gewesen bin, ein Zuhause gemacht. Früher nannte man es das glückliche Land. Keiner von uns fühlt sich im Moment glücklich. Wir haben Hunderte von Häusern und 2,5 Millionen (ja Millionen) Hektar unseres natürlichen Lebensraums verloren, und bisher sind es Freiwillige, die diese Brände bekämpfen. Und wir alle sind durch die Nachricht aufgewacht, dass zwei von ihnen heute Morgen gestorben sind. Zwei junge Väter.

Ich schreibe dies für alle Menschen auf der ganzen Welt, die ich versammelt habe, weil Australien Angst hat und nicht weiß, was wir tun sollen, um dies zu bekämpfen. Es wird eine weiße Weihnacht für uns sein, aber statt Schnee ist es Asche, von unseren alten Bäumen, von unserem Busch, der wie nirgendwo sonst auf der Erde ist.

Währenddessen werden furchterregende Gesetze gemacht, unsere bürgerlichen Freiheiten werden ausgehöhlt, wir haben Pfingstler an der Macht [Premier Morrison ist Mitglied einer Pfingstkirche, die verkündet dass am Ende der Zeiten die Gerechten in den Himmel entführt werden, während die anderen im Feuer untergehen]. In der Tat scheint es das Ende der Zeiten.

Es findet ein massiver Wandel statt. Überall auf der Welt gibt es einen Wachwechsel. Wir leben buchstäblich mitten in der Zerstörung. An alle, die sich auflehnen, macht weiter. Gigantische Wellen menschlicher Uneinigkeit werden die Gesellschaft verändern. Das ist eine geschichtliche Tatsache.

Im Moment hat keiner von uns alle Antworten klar, denn jetzt verstecken wir uns drinnen in klimatisierten Räumen, wenn wir können. Im Moment reden wir im Internet, das überwacht und manipuliert wird, aber wir sind immer noch viel mehr als sie [ich denke sie meint die Klimaleugner und Autoritären]. Und wir sind verdammt mutiger. Genau wie das junge Mädchen, das vor dem Haus unseres Premierministers stand, mit einem Schild, auf dem stand: „Sieh, was du uns hinterlassen hast, sieh zu, wie wir dagegen ankämpfen, sieh zu, wie wir gewinnen“… der von der Bereitschaftspolizei mit Verhaftung gedroht wurde [zu dieser Geschichte mehr hier ].

Ich sende Liebe an alle Feuerwehrleute. An alle, die ihr Zuhause verloren haben und vertrieben wurden.
Und drängt alle auf der ganzen Welt, die Geschehnisse in Australien zu verfolgen. ❤️

Was gerade in Australien passiert – die Hitzewellen, die jedes Maß sprengen, die Buschbrände, die die Luft mit Rauch und Asche vergiften, das hat apokalyptische Züge. Und es ist erst ein Vorgeschmack: Die Erde hat sich gerade 1,1°C erwärmt, und die Möglichkeit die Erwärmung bei 1,5°C zu stoppen wie in Paris vereinbart, zerrinnt uns gerade Tag um Tag zwischen den Fingern.

Was bleibt angesichts der Aussicht auf eine Katastrophe, die unsere Vorstellungskraft überschreitet, und die nur in apokalyptischen Bildern fassbar ist?

Was bleibt sind Glaube, Hoffnung, Liebe. Zur Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe schreibt die großartige junge britische Theologin Hannah Malcolm (Übersetzung und Hervorhebungen durch mich):

God comes down to dwell with God’s people forever. And I choose to believe this, choose to be hopeful, even on the days I do not feel hopeful at all. I choose to believe that what we do on earth matters, even if we cannot now reverse the tide of death that we face. This is because we are in the business of resurrection – the business of bringing life out of death.
[Gott kommt herab, um für immer bei seinem Volk zu wohnen. Und ich entscheide mich dafür, daran zu glauben und hoffnungsvoll zu sein, sogar an den Tagen, an denen ich überhaupt keine Hoffnung habe. Ich entscheide mich dafür, daran zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, von Bedeutung ist, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das liegt daran, dass unser Aufgabe die Auferstehung ist – das Geschäft, Leben aus dem Tod zu holen.]

Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe aber ist das Größte unter ihnen. Das feiern wir an Weihnachten: Dass Gottes Liebe vor 2000 Jahren als Mensch auf die Erde gekommen ist – und dass er uns auch im Inferno des Anthropozäns nicht verlassen wird.

Darauf setze ich. Angst und Hass bringen uns um. Nur dank der Liebe werden wir im Anthropozän überleben.

Berlin, Kino International, Weihnachten 2019 (Foto: Jörg Haas)


Wenn Menschen das Heilige im Alltäglichen entdecken

von Anja Schmitz

„Exerzitien“ bedeutet „Übung“. Ich verbinde damit Tage der Stille und inneren Einkehr, abgelegen in einem Kloster. Doch „Straßenexerzitien“?

Auf der Internetseite lese ich: „Das wahrzunehmen und wahr sein zu lassen, was in mir und um mich herum ist. Das sind Regungen, Bewegungen, Situationen, meine Umwelt, meine Mitmenschen und die Beziehung zu ihnen – und darin die Spur des Geheimnisses, das wir Gott nennen.“ Gebannt lese ich weiter und mir wird klar: Das ist nicht nur eine geistige Übung. Das ist, wie ich leben möchte.

Gottessuche und Selbsterkenntnis

Wenn ich ohne bestimmtes Ziel in die Welt gehe, mir Zeit nehme, mit den neugierigen Augen eines Kindes die Welt betrachte und offen für Unerwartetes bin, kommt es vor, dass kleine Details mich ansprechen, dass sich Gespräche mit Fremden ergeben oder kurze Augenblicke zum Wendepunkt in meinem Leben werden. Es geht darum, Schweigen als innere Haltung zu erlernen, die es mir ermöglicht, Dinge um mich herum wirklich wahrzunehmen und nicht nur das Gewohnte zu sehen und zu denken.

Vorurteile kann ich nicht einfach abstellen, aber wenn ich aufmerksam nicht nur nach außen, sondern auch nach innen schaue, kann ich sie wahrnehmen und betrachten. Wenn ich spüre, dass sie mich einengen, kann ich mich bewusst entscheiden, sie abzulegen. Im bewussten Betrachten meiner inneren und der äußeren Welt, ohne im Hamsterrad des Alltags zu stecken, kann ich Gott begegnen. Er manifestiert sich in Menschen, in Worten, in Situationen, in mir. Das Heilige ist mittendrin in alltäglichen Situationen, wenn ich nur genau hinschaue.

Gott auf der Straße entdecken

Nicht das abgeschiedene Kloster, sondern „die Straße“ ist hier das ideale Umfeld. Unterschiedlichste Menschen, Szenen, die sich vor meinen Augen abspielen: banal und alltäglich, aber auch konfrontierend, irritierend, befremdend. Hier kann ich bis an die Grenzen meiner Toleranz kommen. Wenn der andere mir dann ein Stück entgegen kommt, kann eine Begegnung stattfinden, in der sich Gott offenbart. Jesus sagt: Ich bin der Weg. Ich übersetze es: Ich bin die Straße.

Straßenexerzitien praktisch

Auf der Internetseite finde ich verschiedene Angebote in diversen deutschen Städten. Nur zwei oder bis zu zehn Tage lang kann man sich auf dieses Experiment einlassen. Auf dem Kirchentag in Dortmund gibt es ein dreistündiges Angebot zum Kennenlernen.

Das Zusammenleben in der Gruppe in einer spartanischen Unterkunft gehört zum Programm. Nach einem gemeinsamen Tagesbeginn geht man seiner eigenen Wege und lässt sich inneren oder äußeren Impulsen folgend durch die Stadt treiben.

Ganz wesentlicher Bestandteil ist der abendliche Austausch mit den anderen Teilnehmern und den Kursleitern. Das in Worte fassen der Erlebnisse und die Resonanz der anderen hilft, das Erlebte einzuordnen, oft wird erst hier die Bedeutung klar. Im Zuhören und Wahrnehmen, im Schweigen und ganz da sein lebt man auch hier die Grundhaltung der Straßenexerzitien weiter.

Ich bin fest entschlossen, bei nächster Gelegenheit an Straßenexerzitien teilzunehmen. Und ich erhoffe mir davon, eine neue Grundhaltung für meinen Alltag zu erlernen. Ich stelle mir vor, dass ich lernen kann, das Heilige in jedem Augenblick zu erkennen.

Meine rosafarbene Daunenjacke

U-Bahnhof Leopoldplatz

von Lena Monshausen / kontinente

Der Alltagsstress hält uns alle gefangen. Jeder kennt das Gefühl, nur noch zu funktionieren und von A nach B zu hasten. Auf der Suche nach sich selbst in den Straßen von Berlin – ein Selbstversuch.

Meine Welt gleicht sozusagen einer Hängematte. Ich stehe jeden Morgen auf, gehe zur Arbeit, gehe danach vielleicht einkaufen, treffe Freunde. Ich esse, ich schlafe. Jeden Tag das gleiche. Ich funktioniere in meinem Alltag, aber ist es wirklich das, was mich als Person ausmacht? Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich die Alltagsroutine wie eine Kette um den Hals legt, Glied für Glied. Wie schaffe ich es bloß, diese Fessel loszuwerden? Mich wieder selbst zu spüren?

Die Katholiken kennen die Tradition der Exerzitien schon lange – seit dem 16. Jahrhundert geben sie nach Ignatius von Loyola Anleitungen für Gebete, Meditationen und Besinnung. Ich wage stattdessen einen Selbstversuch: Straßenexerzitien im Herzen Berlins. Das Angebot ist in den 90-er Jahren von dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz geprägt worden, eine wachsende bundesweite ökumenische Gemeinschaft bietet seitdem Straßenexerzitien an. Mit einem geistlichen Impuls und emotionaler Begleitung werden die Teilnehmer auf die Straße geschickt – um schließlich sich selbst, und vielleicht auch Gott, im Alltag zu begegnen. „Ich bemerke seit einigen Jahren eine vermehrte Sehnsucht der Menschen, sich wieder selbst begegnen zu wollen“, sagt Marita Lersner. Die evangelische Pfarrerin ist heute meine Begleiterin. Im Vorgespräch in ihrer Gemeindekirche sagt sie: „Das wichtigste ist die Zwecklosigkeit.“ Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum etwa 100 solcher Begleiter für Straßenexerzitien.

Nichts
Als ich losgehen soll, sträubt sich in mir alles. Ich habe nichts bei mir, kein Handy, kein Geld, keinen Plan. Was mache ich denn in den nächsten zwei Stunden? Ich stehe auf der Straße, eine große Kreuzung, die Ampel gerade auf grün strömen die Menschen links und rechts an mir vorbei. Ich gehe mit. Bin langsam. Setze Fuß vor Fuß, die Hände in den Taschen, der Schal fest um meinen Hals gewickelt. An der Seestraße entlang, Richtung Leopoldplatz. Sie sind alle schneller als ich. Die Fassade zu meiner rechten wird gerade neu gebaut: ein hölzerner Fußgängertunnel verengt den Gehweg. Ich merke, wie ich den vorbeihastenden Passanten ein Hindernis bin. Ich hole tief Luft.

Andere wahrnehmen
Eine Frau ist damit beschäftigt, sich eine rosafarbene Daunenjacke überzustreifen. Der rechte Arm ist schon in der Jacke, während sie Mühe hat, den linken ebenfalls in den engen Ärmel zu schieben. Ihre strähnigen blonden Haare werden von einer roten Strickmütze mit Ohren bedeckt. Eine große Plastiktüte trägt sie bei sich, aus der Tasche ihres Fleecepullis ragt eine Packung Zigaretten. Gleich fallen die Zigaretten. In einem Hauseingang verharrt sie, bemüht sich, den Pullover unter der Jacke auszuziehen, denn die rosafarbene Jacke wird sie besser warmhalten. Die Zigaretten fallen. Ich friere. Der eisige Wind zieht beißend meine Beine hoch und unter die Jacke. Eine Passantin sieht die Zigarettenpackung auf dem Boden liegen, hebt sie auf – und nimmt sie mit. Am liebsten würde ich ihr hinterhereilen, ‚Das sind doch gar nicht Ihre Zigaretten!‘
Ich gehe weiter. Gehe zur U-Bahn-Station am Leopoldplatz, die Stufen runter. Erleichtert lasse ich die Schultern wieder fallen und entspanne meinen Kiefer. Mein Herz pocht noch, ich hätte was machen müssen, die Welt ist doch ungerecht.

Normalerweise finden die Angebote der Straßenexerzitien über mehrere, bis zu zehn Tage statt. Die Teilnehmer sind auf der Straße zwar alleine, bilden aber eine Gruppe und treffen sich abends nach ihren Erlebnissen wieder im gemeinsamen Kreis. Im Austausch mit den geistlichen Begleitern und der Gruppe begreifen sie häufig erst, was sie am Tag erlebt haben und lassen auch die anderen an ihren Erfahrungen teilhaben. Gemeinsam wird außerdem während dieser Zeit gekocht und gewohnt, meist in einfachen Unterkünften in Schlafsäcken. Jeder gibt so viel zum Unterhalt, wie er bezahlen kann.

Spüren die mich überhaupt?
Am Gleis der U6 nach Alt-Tegel sitze ich auf einer Bank. Links und rechts sind die Sitze frei.  Zwei Männer lassen sich rechts von mir nieder. Sie sind ins Gespräch vertieft, beachten mich gar nicht. Ich bleibe sitzen. Der eine nippt an seiner Bierflasche, sein Blick verwirrt, er lallt schon morgens. Der andere gestikuliert und stellt auf seiner linken Hand eine zerlaufene Tätowierung zur Schau. Links neben mich setzt sich plötzlich ein Mann im Handwerkeranzug. Ich rutsche auf meinem Sitz hin und her. Die Hände im Schoß. Putze mir die Nase. Rücke mein Stirnband zurecht. Ich spüre die anderen viel zu nah an mir, aber sie spüren mich nicht. Die U6 rattert regelmäßig von links in den Bahnhof, die Türen quietschen, Menschen hasten aus dem Wagen und andere hasten hinein. Der Mann zu meiner Linken muss niesen, ich biete ihm ein Taschentuch an. Er will es nicht. Jeder ist für sich alleine hier.

Ich bin mein eigener Halt
Ich halte die Nähe nicht mehr aus und stürze die Treppe zum Leopoldplatz hinauf. Ich atme tief durch und lasse das Sonnenlicht in mein Gesicht scheinen. Gehe mit großen Schritten über den Platz, muss weg von den Menschen. Um bei mir zu sein. Ich folge der Sonne, durch den Schatten muss ich rennen. Weg von der Kälte. Auf einem Spielplatz sehe ich eine Schaukel – eine Schaukel in der Sonne. Ich schaukle in die Sonne und jauchze wie ein Kind ob der wieder gewonnenen Freiheit. Am höchsten Punkt habe ich das Gefühl, die weißen Wölkchen im strahlend blauen Himmel berühren zu können. Meine Arme halten mich in der Waagerechten. Ich bin mein eigener Halt im Hier und Jetzt – und muss lächeln. Vielleicht ist es auch Gott, der mir Halt gibt. Aber das will ich jetzt nicht entscheiden.

Marita Lersner sprach von dem Mut, die Kontrolle abzugeben. Die Kontrolle über seine Zeit, seine Wege und Ziele. Für eine kurze Zeit bin ich aus meinem eigenen Leben herausgetreten und in das Leben auf der Straße eingetaucht. Meine Sorge galt den anderen, das Erlebte lässt mich erkennen, dass auch ich mich selbst darum kümmern muss, mir eine warme Daunenjacke anzuziehen.

Zeit zum Nachdenken
Das wird mir allerdings erst klar, als ich wieder mit meiner Begleiterin spreche, die mich nach meinem Spaziergang auf der Straße im Warmen empfängt. Es brauchte eine Zeit des Nachdenkens und des Darübersprechens, um seine eigenen Sorgen wahrzunehmen. Menschen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters nehmen an den regelmäßigen Angeboten für Straßenexerzitien teil. „Gerade diejenigen Menschen, die in ihrem Stress oft versinken, kommen manchmal gar nicht auf die Idee, dass eine spirituelle Suche nach sich selbst durchaus im Alltag stattfinden kann“, sagt sie. „An den Orten, die man sonst auch besucht – aber mit Menschen, die man sonst nicht wahrnimmt.“ Ich freue mich auf meine Hängematte.