Kirchenasyl: Die lebendigste Basisbewegung

Meine Straßenexerzitien haben mich – zufällig – zum Ausländeramt geführt. Menschen, klassifiziert nach Herkunft und Aufenthaltsstatus, wartend in den Korridoren.

Manche Menschen tauchen auf auf den Ämter und der Straße nicht auf – weil sie dort Gefahr laufen, aufgegriffen und abgeschoben zu werden. Wie die Flüchtlinge, die im Kirchenasyl Schutz gesucht haben.

Aktuell lodert dazu eine Debatte auf. Innenminister de Maiziere, Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags, hat die Kirchen scharf angegriffen. Bei einem Treffen mit katholischen Bischöfen sagte er „er lehne Kirchenasyl prinzipiell und fundamental ab“.

Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, hat dazu einen sehr guten Kommentar (LINK) geschrieben in dem es u.a. heisst:

Eigentlich sollten dem Gesetz nach auch hier „Härtefälle“ berücksichtigt werden. In der Praxis ist das nicht so. „Die Durchführung der gesetzlich vorgesehenen humanitären Einzelfallprüfung durch das Bundesamt ist nicht erkennbar“, sagt Stephan Theo Reichel, der im Auftrag der evangelisch-lutherischen Landeskirche seit 1. Oktober 2014 die Kirchenasyle in Bayern hauptamtlich koordiniert. „Vorgelegte Gutachten und Eingaben werden ignoriert, mit allen Mitteln werden Abschiebungen juristisch durchgesetzt.“ Er klagt über Abschiebungen „ohne Prüfung und Rücksichtnahme“ – „nach Bulgarien und Ungarn ins Gefängnis oder nach Italien auf die Straße“.
Das wollen immer mehr Kirchengemeinden verhindern: Sie wollen den Flüchtlingen geben, was der Staat des Grundgesetzes ihnen verweigert – Schutz und Hilfe in bedrohlicher Situation. „Die Hilfe für Flüchtlinge ist als Anliegen tief in vielen unserer Gemeinden verwurzelt. Und das ist auch gut so“, sagte Heinrich Bedford-Strohm der Süddeutschen Zeitung. Und: „Das Kirchenasyl bedroht weder das Recht noch taugt es zu einer Grundsatzdebatte.“
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, sagte der SZ, dass er den Kirchengemeinden dankbar sei, „die sich um die Not von Flüchtlingen kümmern“. Die Gemeinden gingen in aller Regel sehr sorgfältig mit dem Kirchenasyl um. Und die Praxis der zurückliegenden Jahrzehnte zeige, „dass während eines solchen Kirchenasyls fast immer eine bessere und rechtsstaatlich einwandfreie Lösung gefunden werden kann“.

Und weiter heisst es da:

Die Kirchenasyl-Bewegung ist die lebendigste Basisbewegung, die es derzeit in den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland gibt. Seit 31 Jahren gibt es ein Kirchenasyl in Deutschland, vor 21 Jahren wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“ von evangelischen und katholischen Christen gegründet.
In kaum einer anderen Frage sind Kirchengemeinden so engagiert, in keiner anderen Frage funktioniert Ökumene, die Zusammenarbeit zwischen evangelischen und katholischen Pfarreien so gut. Kirchenasyl ist für sie die Übersetzung des Evangeliums in die Gegenwart. Da steht im Matthäus-Evangelium das Jesus-Wort: „Ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt. Ich war verfolgt, und ihr habt mir Schutz gewährt“. Und: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.

 

Heribert Prantl
Heribert Prantl

 

Mannheim: Gottes Spuren entdecken in der Großstadt

Exerzitien auf der Straße – 19.-28. Juni 2015 Mannheim
Die Herausforderung:

Sich Gott nähern auf den Straßen der Stadt.
In den Obdachlosen und Randständigen.
Im Bus und im Park.
An gewöhnlichen und besonderen Orten.
In der Kirche und in der Moschee.
Bei Durstigen und Hungrigen.
Bei Menschen mit anderen Hoffnungen.
Wo Menschen andere Kleidung tragen,
anders essen, anders wohnen,
an Anderes glauben, sich anders verhalten.

Der Rahmen:

Exerzitien auf der Straße,
vom 19.-28. Juni 2015.
Gott suchen und erfragen in der Begegnung.
Respektvolles Sehen und Hören.
Ohne Besserwissen und ohne Verurteilung.
Mit unverplanter Zeit. Mit Raum für Ungeahntes. Gott suchen in der Urbanität.
„Ich suche Gott, können Sie mir dabei helfen?“

Der Beginn in Mannheim:

2015 ausschreibungUnterbringung im Schlafraum mit anderen, die diese Exerzitien auf der Straße machen.
Mit Feldbett und Schlafsack.
In Räumen einer Mannheimer Pfarrei.
In Selbstverpflegung und in Abhängigkeit von der „Mannheimer Tafel“.

Der biblische Ausgangspunkt:

Mose macht beim brennenden Dornbusch in der Wüste die Erfahrung, dass er Abstand wahren und seine Schuhe ausziehen soll. Er hört dort seinen Namen und erlebt seinen „heiligen Ort“.

In Straßenexerzitien begegnen auch wir den Dornbüschen unseres Lebens, dem Verdrängten, Übersehenem, Missachtetem unter und in uns. Sich Gott nähern, wo er auf uns wartet – in Hungernden, Durstigen, Fremden, Obdachlosen, Drogenabhängigen, Gefangenen, Kranken – in den verdrängten Themen und den gemiedenen Orten unserer Lebensgeschichte.

Ein Weg der inneren Heilung:

Diese Exerzitienreise zu Orten der Gottesbegegnung ist ein tastender Weg, auf dem wir unsere Schuhe des Besserwissens, des Hochmutes, des Besserseins ausziehen, um wie Mose vor dem brennenden Dornbusch zu stehen – vor Dornbüschen, die uns unangenehm sind, die wir in unserem Leben nicht gern sehen – um auf Gott zu hören, uns innerlich ansprechen zu lassen und mit Gott zu reden.

Die Anmeldung zu diesen Exerzitien auf der Straße:

bei Lutz  Müller SJ, Tel. 0621-16066 lutz.mueller@offene-tuer.net
Kosten für die 10 Tage: ca. € 80.
Beginn am 19.06. gegen 17 Uhr; Ende am 28.06. gegen 14 Uhr.
Begleitung: Ulrike Groß, Lutz Müller.

Für Frauen in allen Lebens- und Liebesformen

13. – 17. Mai 2015 in Berlin
Exerzitien auf der Straße für Frauen in allen Lebens- und Liebesformen

 

Exerzitienflyer3

Geht in euren Tag hinaus …

ohne vorgefasste Ideen,

                          ohne Plan von Gott,

ohne Bescheid wissen,

ohne Bibliothek

geht so auf die Begegnung zu.

Brecht auf ohne Landkarte –
wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist

                               lasst euch finden
im Leben

                                        nach Madeleine Delbrêl

Exerzitienflyer2

Achtsam schauend und hörend die Impulse der Straße wahrnehmen. Erspürend und neugierig sich öffnen für das Schauen der Wirklichkeit in mir und um mich herum.

Ein einfacher Unterbringungsort, viel unverplante Zeit und eine schlichte Selbstversorgung unterstützen unseren Suchweg.

Abends laden wir dazu ein, gemeinsam auf den Tag zu schauen und davon zu erzählen, um vielleicht das Geheimnis Gottes in alldem zu entdecken. Näheres zu den Straßenexerzitien hier.

Beginnen wollen wir am Mittwoch, den 13.05.2015 um 19:00 Uhr.

Ende wird am Sonntag, den 17.05.2015 um 14:00 Uhr sein.

Die Kosten für die Verpflegung werden umgelegt (ca. 35,- Euro). Teilnehmen können bis zu acht Frauen.

Begleiterinnen:
Claudia Keysers, Berlin
Maria Jans-Wenstrup, Oberhausen
Manuela Knopp, Horb am Neckar

Ort: Ev. Martha-Gemeinde, Berlin-Kreuzberg

 

Impulse für die Fastenzeit

Ich bekomme seit gestern „Blaue Briefe“. Jeden Tag einen, per email. Sie enthalten kurze geistliche Impulse für den Tag. Wollt Ihr das ausprobieren? Dann hier bestellen.

Bei „He@ven OnLine“ kann man sich begleiten lassen durch die Fastenzeit. Unter den 70 Weggefährten und –gefährtinnen sind auch Menschen, die Straßenexerzitien begleiten.

 

Exerzitien auf der Straße in Hamburg

Mose hütete die Schafe seines Schwiegervaters Jetro, des Priesters von Midian. Einmal trieb er die Schafe über die Steppe hinaus und kam zu dem Berge Gottes, zum Horeb. Da erschien ihm der Engel Jahwes in einer Feuerflamme, mitten aus einem Dornbusch heraus. Und er sah hin, und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Da dachte Mose: „Ich will doch hingehen und dieses seltsame Schauspiel betrachten, warum der Dornbusch nicht verbrennt.“ Als Jahwe sah, daß er herantrat, um nachzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: „Mose, Mose!“ Dieser antwortete: „Hier bin ich!“ Da sprach Er: „Tritt nicht näher heran! Ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!“ Und er fuhr fort: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, Der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Da verhüllte Mose sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Exodus 3, 1-6

Exerzitien auf der Straße in Hamburg-Altona

Respektvolles Sehen und Hören üben

vom Freitag, den 17. bis Sonntag, den 26. Juli 2015

in der Kirchengemeinde der Hauptkirche St. Trinitatis, Altona „Exerzitien auf der Straße in Hamburg“ weiterlesen

Theologische Überlegungen nach Exerzitien in Kreuzberg

Kottbusser Tor bei Nacht. Boris Niehaus. cc-by-sa https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Kottbusser_Tor_Panorama.jpg

THEOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN
nach den Exerzitien in Kreuzberg (August 2001)

Klaus Mertes SJ

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Das Fundament der Exerzitien ist die Ausgangsfrage: „Was macht mich am meisten zornig? Was ärgert mich am meisten?“ Die Frage ist gestellt, um hinter dem Nein des Zornes dem Ja auf die Spur zu kommen, das ich ganz tief in meinem Leben bejahe, mehr vielleicht, als ich es selbst weiß. In dieser Ausgangsfrage, als Frage nach meinem Fundament gestellt, steckt eine Erinnerung an das Glaubenbekenntnis in der Taufe. „Theologische Überlegungen nach Exerzitien in Kreuzberg“ weiterlesen

Franziskus zur Straße als Ort der Gegenwart Gottes

Papst Franziskus hat in seinem ersten apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium (Nr. 71) einige Sätze geschrieben, die sich wie eine Einladung zu Exerzitien auf der Straße lesen:

Papst Franziskus (Quelle: Wikimedia)Das neue Jerusalem, die heilige Stadt (vgl. Offb 21,2-4) ist das Ziel, zu dem die gesamte Menschheit unterwegs ist. Es ist interessant, dass die Offenbarung uns sagt, dass die Erfüllung der Menschheit und der Geschichte sich in einer Stadt verwirklicht. Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche, die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden. Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Brüderlichkeit und das Verlangen nach dem Guten, nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese Gegenwart muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden. Gott verbirgt sich nicht vor denen, die ihn mit ehrlichem Herzen suchen, auch wenn sie das tastend, auf unsichere und weitschweifige Weise, tun.

Ökumene der Märtyrer

Klaus Mertes SJ

In seiner Enzyklika „Tertio Millennio Adveniente“ schreibt Johannes Paul II.: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die Gemeinschaft der Heiligen spricht mit lauterer Stimme als die Urheber der Spaltung.“ (Nr. 37) Wenn das so ist – und es ist ja so –, warum wird dann im Land der Reformation nur so leise darüber gesprochen, dass in demselben Land, „Gott unter den Getauften die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens“ aufrecht erhielt (vgl. Ut unum sint, Nr. 84). Wie kann man auf 1517 zurückblicken, ohne sich den Blick durch 1944/45 verstellen zu lassen?

Kurze Erinnerung an das besonders markante Beispiel der Märtyrer-Gefährtenschaft von Alfred Delp SJ und Helmuth J. von Moltke: Gemeinsam standen sie am 10. Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof, der sie zum Tode verurteilte: da man ihnen nichts anderes nachweisen konnte als dies, dass sie miteinander im Kreisauer Kreis gesprochen hatten. Was die Gefährten aber am Prozessverlauf überraschte, war: Der Anklagepunkt wurde dahingehend präzisiert, dass sie als Christen miteinander über die Zukunft Deutschlands konferiert hatten. Seiner Frau Freya schreibt Moltke: „Und dann wird dein Wirt [„Wirt“ ist die übliche Selbstbezeichnung Moltkes in den Briefen an seine Frau] ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher – das ist alles ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen –, sondern als Christ und als gar nichts anderes … Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist Dein Wirt ausersehen gewesen: All die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war.“ Und er fügt in eindrucksvoller Souveränität hinzu: „Das hat den ungeheuren Vorteil, dass wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a. gemacht haben, und was b. sich lohnt.“

Das Jubiläum 2017 wäre eigentlich ein Anlass, diese beiden Texte radikal ernst zu nehmen. Eine „gewaltige Aufgabe“ entdeckt Moltke. Es ist nicht mehr die Aufgabe, Deutschland nach dem Krieg wieder aufzubauen, sondern die noch größere, die Konfessionsgrenzen durch das Martyrium zu überschreiten, letztlich also: Die Kirche neu aufzubauen. Dazu sieht er sich rückblickend „ausersehen“. Das ist biblischer Sprachstil, „passivum divinum“. Moltke, der mit seinen Gefährten in der Gefangenschaft intensiv die Bibel gelesen hat, kennt die Sprache der Bibel. Er deutet sein Todesurteil geschichtstheologisch: Gott handelt in diesem Prozess selbst. Er hat Moltke „ausersehen“. Er gibt den ganzen Jahren vorher bis hin zum Prozess„nachträglich einen Sinn, der verborgen war.“ Und dieser Sinn heißt: Ökumene. Für Moltke „lohnt“ es sich, dafür zu sterben. Das ist der innere Friede, die „ignatianische“ Tröstung im Heiligen Geist, welche die theologische Erkenntnis Moltkes bestätigt.

Glauben wir als Katholiken und Protestanten heute das, was Moltke da sagt? Wenn wir es glauben, dann hat das Konsequenzen. Dann ist das, was am 31.10.1517 in Wittenberg seinen sichtbaren Ausgang nahm, am 10.1.1945 in Berlin schon von Gott her überwunden worden. Wie kann man dann stehen bleiben und nicht eilends Schritte auf die volle Communio hinmachen wollen? Die Ökumene der Märtyrer jedenfalls ist die eigentliche theologische Herausforderung an die Christenheit heute.

Zuerst publiziert in  in Jesuiten 2/2014