Leseprobe aus „Auf nackten Sohlen“

„Dahin wage ich mich nicht“

Von Christian Herwartz

Leseprobe Seite 69/70 aus Herwartz, Christian (2006) Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße. Ignatianische Impulse, Band 18. Echter Verlag, Würzburg.

Im Sommer 2003 fragte eine kleine Gruppe aus der Emmausbewegung an, ob sie zu Exerzitien nach Berlin kommen könnten. Sie wurde vom schon verstorbenen Bruder Jan gegründet, der regelmäßig in Gefängnisse ging, dort Bibelgesprächsgruppen gründete und der auch Land, auf Land ab die Treffpunkte von Drogenabhängigen kannte. Er ging vielen Menschen nach und lud sie zu Treffen ein. „Die Menschen in unserer Gruppe sind alle aus bedrückenden Lebensumständen umgekehrt. Sie wurden oft mit ihren Hoffnungen, mit ihren Fragen nach erfülltem Leben, nach Gott nicht ernst genommen,“ sagte er mir einmal. „Und sie sind mit ihrem Hunger nach Antworten und Liebe aus den herrschenden Anpassungsdruck ausgestiegen.“ „Leseprobe aus „Auf nackten Sohlen““ weiterlesen

„Auf nackten Sohlen“: Buchbesprechung von Michael Hainz

Von Michael Hainz

Dass „Exerzitien auf der Straße“ eine wirksames Instrument persönlicher Gottsuche, Heilung und Bekehrung sind, beginnt sich langsam herumzusprechen (www.strassenexerzitien.de). Bei dieser Exerzitienform sind Menschen sehr schlicht mitten in einer Stadt untergebracht und werden dazu angeleitet und dabei begleitet, Gottes Fingerzeige in der urbanen Wirklichkeit selbst lesen zu lernen und sich in scheinbar alltäglichen Begebenheiten vom Herrn selbst ansprechen und wandeln zu lassen.

P. Christian Herwartz, Jesuit und Arbeiterpriester in Berlin, erzählt nun erstmals anhand seiner Biographie, wie er in einem langen Prozess spirituellen Experimentierens dieses kostbare Geschenk der Exerzitien auf der Straße entdeckt und ihre grundlegenden Elemente allmählich entfaltet hat. Zur Sprache kommen so einzelne Etappen eines persönlichen Berufungsweges: die Ausbildung im Jesuitenorden, Lehrjahre bei französischen Arbeiterpriestern, die Gründung einer Kommunität in Berlin-Kreuzberg, überraschende persönliche Begegnungen, Einladungen zur Begleitung von Exerzitien usw.

Herwartz erzählt von sich und seinem „Schatz“, aber für andere: so nämlich, dass die Leserin, der Leser für ihr eigenes Leben Frucht ziehen können. Dazu trägt bei, dass am Ende jedes Abschnitts die geistliche Essenz des Erzählten nochmals kurz als „Übersetzungshilfe“ oder Tipp gebündelt wird. So werden die Episoden und Lernerfahrungen eines ungewöhnlichen Lebens zu Anstößen und Einladungen, sich selbst, als Leser und Leserin, auf den Weg mit Jesus und zu den von ihm bevorzugten armen Menschen einzulassen.

Kein konventioneller, abgestandener, bürgerlich abgesicherter Weg wird hier vorgestellt, sondern im Gegenteil einer, der immer wieder neu, lebendig und voller Überraschungen ist und gewiss auch aus dem gewohnten kirchlichen Rahmen fällt. Herwartz erzeugt keinen moralischen Druck und beansprucht nicht sein Leben als Maßstab für andere. Was seine Erzählungen vielmehr so wohltuend und einladend macht, ist der immer wieder durchscheinende Glaube an den Herrn, der als der Auferstandene den Weg des Menschen mitgeht und sich von ihm finden lässt. Exerzitien auf der Straße sind, so wird mit guten Gründen deutlich, eine privilegierte Zeit von – in der Regel – acht Tagen, ein „heiliger Ort“, um im je „persönlichen Dornbusch“ Gott zu begegnen.

 

Buchtipp „Auf nackten Sohlen“

Buchtipp

Von Hannes König SJ

Als von Dezember 1974 bis März 1975 in Rom die 32. Generalkongregation des Jesuitenordens stattfand, war sie geprägt von der Frage nach der Identität des Jesuiten. Dort fiel die Grundentscheidung, „dass die Teilnahme am Kampf für Glauben und Gerechtigkeit das ist, was den Jesuiten in unserer Zeit ausmacht“.
In diesem Zusammenhang ging der Orden im deutschen Sprachraum zwei Projekte an: Zum einen begann ein Team von vier Jesuiten die ignatianische Spiritualität unter dem genannten Aspekt zu studieren und neu zu vermitteln und fing auch an, Exerzitien im Alltag anzubieten. Zum anderen begannen drei Jesuiten in Berlin-Kreuzberg eine Kommunität in einer kleinen Wohnung und nahmen eine manuelle Arbeit auf.

So beschreibt Christian Herwartz selbst in diesem Band einen entscheidenden Moment in der Geschichte des Ordens und auch in seinem eigenen Leben als neugieriger und suchender Mensch und Ordensmann. In klarer und einfacher Sprache erzählt er knapp die ganze Geschichte seines Fragens nach dem Leben und nach Gott, und wie er dem, was den Orden ursprünglich ausmacht, auf die Spur kam.
Dass er mit ein paar Freunden mitten in unserer (gut)bürgerlichen Gesellschaft einen Weg an der Seite der Armen fand und ging, hat ihn zu einem Entdeckungsreisenden werden lassen. Viele haben inzwischen an seiner Reise teilgenommen, die im Sommer 1998 zu den ersten Exerzitien auf der Straße mit ein paar Jesuiten in Berlin geführt hat. In diesem Experiment sind die zwei oben genannten Projekte in der Person von Alex Lefrank SJ und Christian Herwartz SJ zusammengekommen.
Was sich in den nächsten acht Jahren daraus entwickelt hat, wird knapp und geradezu packend in der zweiten Hälfte des Bandes erzählt. Danke, Christian!

Christian Herwartz (2006) Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße. Ignatianische Impulse, Band 18. Echter Verlag, Würzburg.

Buchbesprechung zu „Auf nackten Sohlen“

Hunger nach Glauben und Gerechtigkeit

Von Heinz-Jürgen Metzger

Wie kann ein Christ in einem Staat, in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, seinen Glauben leben? In seinem Buch „Auf nackten Sohlen“ beschreibt Christian Herwartz sein Leben an der Seite von Arbeitern, Armen und Ausgestoßenen. Er zeigt einen Weg, den „auferstandenen Jesus in unserer Mitte zu entdecken – besonders in Hungrigen, Kranken, Obdachlosen und Gefangenen“.

Herwartz, 1943 geboren, arbeitete zunächst als Maschinenbauer auf einer Kieler Werft. Auch nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden 1969 blieb er der Arbeitswelt verbunden. Lange Jahre lebte er als Arbeiterpriester in Frankreich und Deutschland. In Berlin war er an der Gründung einer kleinen Jesuitenkommunität beteiligt, in der er auch heute noch wohnt.

Getrieben vom „Hunger nach Glauben und Gerechtigkeit“ wird er zum Grenzgänger, zu jemandem, der immer wieder Grenzen überschreitet und die Begegnung mit Ausgegrenzten sucht. Stationen seines Weges schildert Herwartz kurz: 1989 – Hungerstreik von politischen Gefangenen in der BRD, 1993 – Räumung der Wagenburg in Berlin, seit 1995 Mahn- und Gebetswachen vor der Abschiebehaftanstalt für Flüchtlinge in Berlin-Köpenick.

„Der Hunger nach Gerechtigkeit ist ein Schmerz, mit dem wir unsere Umwelt neu sehen lernen. Wenn wir ihn nicht betäuben, öffnet er uns den Blick auf Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden. Deshalb preist Jesus den Hunger in der Bergpredigt und nennt die Menschen selig, die sich von ihm leiten lassen.“ schreibt Herwartz.

Um andere an dieser Öffnung hin zu den Ausgegrenzten Teil haben zu lassen, hat er „Exerzitien auf der Straße“ entwickelt. „Das Wort ‚Straße‘ weist auf die offenen, grenzenlosen Plätze im Leben hin, auf denen wir besondere, für unsere Leben entscheidende Begegnungsorte entdecken.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind eingeladen, die Begegnung mit Jesus in der Großstadt zu suchen. Wie einigen von ihnen Jesus begegnet ist, auch das schildert das Buch.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass es konkret, immer auf Leben und Erleben bezogen ist. Dies macht es auch für mich als Buddhisten lesenswert. Mich hätte aber auch interessiert, wie das deutlich werdende Jesus-Bild in einem größeren theologischen Zusammenhang einzuordnen ist. Herwartz beschränkt sich darauf, seinen Weg und seine Arbeit in den Zusammenhang der Herausforderungen des Jesuitenordens zu stellen. Dessen Generalkongregation hatte 1974/75 entschieden, ‚dass die Teilnahme am Kampf für Glauben und Gerechtigkeit das ist, was den Jesuiten in unserer Zeit ausmacht‘.

„Auf nackten Sohlen“ ist ein Buch für alle die, die den Kampf für Glauben und Gerechtigkeit noch nicht verloren gegeben haben.

Heinz-Jürgen Metzger ist Zen-Mönch und leitet die BUDDHAWEG-SANGHA. Er arbeitet als Geschäftsführer der PEACEMAKER GEMEINSCHAFT DEUTSCHLAND

4-tägige Exerzitien in Lüneburg

Datum Donnerstag, 27. August 2015 – Sonntag 30. August 2015
Beginn: 17.00 Uhr; Ende: gegen 14.00 Uhr.

Begleitung Christoph Albrecht, Jesuitenpater, Universitätssseelsorger, Basel
Gabriele Löding, Diakonin, Referentin für Diakonie im Bund Ev. Freikirchl. Gemeinden, Lüneburg

Ort Friedenskirche EFG Lüneburg, Wichernstr.32, 21335 Lüneburg

Übernachtung Bewusst einfach, im Gemeindezentrum auf mitgebrachten Unterlagen

Kosten Verpflegungsumlage

Anmeldung und weitere Informationen bei G.Löding, Gloeding(at)baptisten.de, Telefon 04131 61076

weitere Informationen hier

Exerzitien zur Ökumene der Märtyrer, Berlin

vom 29. März − 1. April 2015

Vor 500 Jahren fand in Deutschland die Reformation statt. Vor 70 Jahren wurde die Trennung im Land der Reformation durch die „Ökumene der Märtyrer“ überwunden.

Ein Beispiel von mehreren: Der Vorsitzende des NS-Volksgerichtshofs Freisler verurteilte den Protestanten Helmuth James von Moltke und den Katholiken Alfred Delp SJ in einem gemeinsamen Urteil am 10. Januar 1945 zum Tod durch den Strang. Moltke schreibt zwei Tage nach dem Urteil an seine Frau Freya:

Helmuth James Graf von Moltke

… und dann wird dein Wirt [Moltke selbst] ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft zu Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurchsteht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher – das alles ist ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen (…) – sondern als Christ und gar nichts anderes.

 

Und er fügt hinzu:

 Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist dein Wirt ausersehen gewesen: all die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzack-Kurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war.

 

Alfred Delp

Die in Kreisau begonnene fruchtbare ökumenische Auseinandersetzung fand im Gefängnis in Tegel ihre Fortführung: Moltke und Delp verbrachten die letzten Monate ihres Lebens zusammen mit anderen Zelle an Zelle in ökumenischer Lese-, Bet- und Gesprächsgemeinschaft. Sie vereinbarten eine gemeinsame Schriftlesung, beteten mehrmals gemeinsam eine Novene (ein neuntägiges Gebet), sie nutzten die Hofgänge zu intensivem theologischen Austausch, der auch den mitangeklagten evangelischen Theologen Eugen Gerstenmaier und den Katholiken Fugger von Glött einschloss. Nicht zuletzt verband sie die geistliche Mitfeier des Abendmahls.

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