31. Oktober 2016 Radio Vatikan

Der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen und der Lutherische Weltbund (LWB) wollen gemeinsam das Reformationsgedenken begehen. Im kommenden Jahr soll am Reformationstag (31. Oktober) im schwedischen Lund, dem LWB-Gründungsort, gemeinsam an Martin Luthers Thesenanschlag von 1517 erinnert werden. Zudem sollen das 50-jährige Jubiläum des lutherisch-römisch-katholischen Dialogs und das 70-jährige Bestehen des Weltbundes begangen werden. Die Veranstaltung wird aus einem gemeinsamen Gottesdienst und einem Symposium bestehen und soll die gemeinsame Freude über das wiederentdeckte Evangelium, das Bedauern über das gegenseitig zugefügte Leid und das gemeinsame Zeugnis in der heutigen Welt ausdrücken. (kna)

Gottesdienste auf der Straße

Erfahrungen von zwei Gottesdiensten auf der Straße

Von zwei Gottesdiensten während Straßenexerzitien berichten Elisabeth Steiff, Martina Fröhlinger, Christian Herwartz, Nadine Gatzweiler

Gottesdienst zu Gefangensein und Befreiung an einem ehemaligen Frauengefängnis

Bei der Gottesdienstvorbereitung begleitete uns das Thema „Befreiung“. Was lag näher als Ort dafür ein Gefängnis zu wählen?! Angewärmt war dieser Ort durch einen Teilnehmer, der am Tag vorher mit einem Audioguide auf den Spuren eines ehemaligen Frauengefängnisses war. In der anderen Austauschgruppe war das Thema „Respekt“ virulent. So konnten wir beides miteinander verbinden.

Mit einer kurzen Statio begannen wir, um für den Weg dorthin aufmerksam und ausgerichtet zu sein. Die Leitfrage lautete: Mit welchem Ziel bin ich auf dem Weg zu einem Gefängnis? Welche Schuhe möchte ich ausziehen? Die Schuhe der Distanz, der Ausgrenzung, des Besser Wissens, der Verachtung, der Überheblichkeit usw. jeder und jede möge eigene Konkretisierungen für sein Leben finden.

In einem gemeinsamen Gang, die Entfernung betrug etwa 15 min, erreichten wir einen hellblauen Streifen auf dem Boden, der den Weg zum Gefängnis weist. Dort waren Zitate von ehemaligen Insassinnen auf den Boden geschrieben, die verschiedene Empfindungen und Erfahrungen widerspiegeln:

„Da ist nachts, sie wollen schlafen, dann hören Sie wie jemand fürchterlich schreit“ – „Naja, die Frauen schreien“ –  „Ich hab so fest dran geglaubt“ –  „Sie ist leichtsinnig, dass sie sich so dafür einsetzt“ – „Das würde sich ja ausbreiten“ – „wenn man alles weiß und trotzdem nichts macht.“

An der Gedenktafel angekommen, standen wir vor einem eingezäunten Gelände, das heute ein Verkehrsübungsplatz für Kinder ist. Von dem Gefängnis steht kein Stein mehr. Vielleicht gerade gut. Somit konnte die Geschichte eines jeden Einzelnen mehr an Bedeutung gewinnen. Dieses Gefängnis gab es von 1864 bis 1972. In fünf verschiedenen Regimen wurden ausreichend Gründe gefunden, Frauen, die anders waren oder andere Meinung waren, hier einzusperren. Auch Rosa Luxemburg war  dort eingesperrt und zu DDR-Zeiten wurde ihre Zelle als Gedenkraum mit frischen Blumen versehen. Die Widersprüchlichkeit war ein großes Thema, ebenso der Umgang mit schwangeren Gefangenen inklusive Entbindungsstation.

Um uns zu ermöglichen, unsere eigene Lebenssituation mit diesem Ort zu verbinden und unsere eigenen Mauern zu spüren, wählten wir die biblische Geschichte von Zachäus: Wo spüre ich das Gefängnis in mir? Wo versuche ich auszubrechen und gebe meiner Sehnsucht nach? Wo erfahre ich Befreiung? Zachäus begegnet uns als der Privilegierte, der Macht hat und gerade darum von der Gemeinschaft ausgeschlossen und gemieden wird. Sein Leben im Reichtum macht ihn jedoch nicht wirklich satt. Darum sucht er die Nähe zu Jesus. Um dorthin zu gelangen, nützen ihm seine Privilegien nichts, es gibt keine Logenplätze für Reiche auf der Straße und so wird er aktiv und sucht sich einen Ort, der ihn gleichzeitig vor den Blicken der anderen verbirgt. Mit seiner brennenden Sehnsucht in einer Art Versteck sitzend, wird er von Jesus gesehen und erhält die Zusage, dass er ihn als Gast empfangen darf. Wo begegnet uns Jesus und lädt sich bei uns ein?

Es war bestimmt kein Zufall, dass gerade in diesem Augenblick jemand mit Schlüssel kam, um uns Zugang zu dem Gelände zu ermöglichen. Mit den Anregungen der Bibelstelle schritt jede und jeder Teilnehmende das Gelände in Stille auf die je eigene Weise ab, manch einer legte sich sogar auf den Boden. Nach dem gemeinsamen Lied „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ mündete die persönliche Zeit im gemeinsamen Fürbittgebet im Kreis stehend.

Sich gemeinsam als Exerzitiengruppe auf die Straße zu machen, war für viele nach einem vollen Tag eine gewisse Herausforderung; für viele wirkte das Erlebnis noch nach und sie nahmen das Thema im Austausch und am nächsten Tag auf der Straße nochmal auf.

Gottesdienst zum Körper als heiliger Tempel auf dem Spielplatz

Während der Begleitung der vorausgegangenen Tage hatten wir gespürt, dass viele Teilnehmer/-innen das Thema „Körper- Sexualität“ beschäftigte; auch eine Missbrauchserfahrung war angesprochen worden. Deshalb beschlossen wir, den Körper als heiligen Boden zum Thema des Gottesdienstes zu machen und seine Schönheit der Körperfeindlichkeit, wie sie viele TeilnehmerInnen in der katholischen Kirche immer wieder wahrnehmen, gegenüberzustellen.

Nach einer Einführung in das Thema im Garten der Unterkunft lasen wir dort Jes 43,4

„Weil du so wert bist vor meinen Augen, geachtet, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb; darum gebe ich Menschen an deine Statt und Völker für deine Seele.“

Dann gingen wir gemeinsam auf den Kinderspielplatz in der angrenzenden Grünanlage. Dort ließen wir uns auf den Steinen, die den Sandkasten begrenzten, bzw. im Sand selbst nieder. Als Antwort beteten wir gemeinsam Auszüge aus Psalm 139 wie zum Beispiel die Verse 13-15:

„Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen.“

Als Evangelium hatten wir Mt 21,12-17 (Jesus reinigt den Tempel) ausgewählt. Ausgehend von der Idee, dass unser Körper Tempel Gottes ist, fragten wir nach dem, was wir „rauswerfen“, wozu wir Nein sagen müssen, um unseren Körper respektieren und seine Würde achten zu können. Dazu gehören neben krankmachenden Gewohnheiten/Süchten auch alle Vorstellungen, die den Körper als eine Art „Ware“ ansehen. Jesus sagt, dass der Tempel ein Ort des Gebetes sein soll – und so ist unser Körper ein Ort der Begegnung mit Gott, weil er uns über die Sinne die Erfahrung seiner Gegenwart ermöglicht. Gleichzeitig schafft er z.B. über den Atem eine enge Verbindung zu der uns umgebenden Welt, die wir mit allen Lebewesen teilen. Darüber hinaus kann nur über das Einswerden zweier Körper neues Leben entstehen.

Diesen Gedanken folgte ein intensiver und persönlicher Austausch der TeilnehmerInnen über die (Un-) Fähigkeit, den eigenen Körper so anzunehmen, wie er uns gegeben wurde oder sich z.B. durch Alter, Krankheit etc. verändert.

Nach der Tempelreinigung heilt Jesus im Tempel Blinde und Lahme. An anderer Stelle heilte Jesus einen Blinden, dem er einen Brei aus Spucke und Erde auf die Augen strich. Als Zeichen für dieses Heilwerden und unsere Verbundenheit mit dem Körper der Erde strichen wir uns gegenseitig (nach entsprechender Rückfrage) etwas Brei aus Wasser und dem Sand, in  und vor dem wir saßen, auf verschiedene Körperstellen. Mit dem Vaterunser schlossen wir den Gottesdienst ab, der bei einigen Teilnehmenden noch intensiv in die Austauschrunde einbezogen wurde. Auch die Schaukeln konnten im Anschluss noch ausprobiert werden.

Es war sehr fruchtbar, die Themen, die in der Gruppe da waren im Gottesdienst aufzugreifen, ja vielmehr noch davon auszugehen und dann einen Ort und eine Bibelstelle dazu zu suchen. Die Teilnehmenden hat das sehr berührt und auch wir konnten uns noch einmal intensiver den Themen nähern. Ein weiterer Aspekt, der dafür spricht, Gottesdienste auf der Straße zu machen, ist in der Unplanbarkeit und Offenheit des Tages zu bleiben, sich aber gemeinsam auf den Weg zu machen und so auch ein gemeinsames Thema und eine Mitte zu finden.

 

Das Reformationsfest 2017

Diese Veranstaltung in der Zionskirche auf dem Weg zum 500. Jahrestag der Reformation ist schon vorbei. Doch der Hinweis auf eine neu verstehende und praktizierte Reformation »Die Reformation radikalisieren – herausgefordert durch Bibel und Krise« bleibt aktuell:

Vortrag, Podium und Diskussion zur Bedeutung der Reformation heute. Am 22. April um 19 Uhr in der Zionskirche. Mit Bischof Markus Dröge (Berlin), Prof. Ulrich Duchrow (Heidelberg), Dr. Magdalene Bussmann (Essen), Jan von Campenhausen (Wittenberg). Moderation: Prof. Axel Noack (Halle).


Veranstaltende: Leserinitiative Publik-Forum e.V., Universität Halle-Wittenberg, Projekt »Die Reformation radikalisieren – herausgefordert durch Bibel und Krise«.
In Kooperation mit der Zionskirche Berlin.

WissenschaftlerInnen aus allen Kontinenten haben in 5 Bänden Studien und 94 Thesen erarbeitet, die gerade veröffentlicht werden (die Thesen sind auf der website www.radicalizing-reformation.com zu lesen). Damit soll angesichts des Reformationsjubiläums 2017 eine öffentliche, kritische Diskussion über die Reformation und ihre Folgen angeregt werden.
Hält Luthers Theologie heutigen Ergebnissen der sozialgeschichtlichen Bibelforschung, besonders dem neuen Verständnis des Apostels Paulus, stand? Was bedeutet seine scharfe Kritik des Frühkapitalismus für die Stellung der Kirchen heute zu einer globalen -»Wirtschaft, die tötet« (Papst Franziskus)? Wie gehen wir mit Luthers Pamphleten gegen Juden, Muslimen und »Täufern« (den späteren Friedenskirchen) um?
Über diese und andere Fragen soll gesprochen werden.

Egalisierung und Versammlungsfreiheit

Die Egalisierung der Innenstädte, Fußgängerzonen, Bahnhöfe und Flughäfen hat zu der Vorstellung geführt, Öffentlichkeit gäbe es nur dort, wo es auch Konsum gibt. Dass das nicht stimmt, zeigt das aktuelle BGH-Urteil zur Demonstration vor dem Abschiebeknast des Berliner Flughafens.

Keine Öffentlichkeit für Hässlichkeit und Elend

Unangenehme Orte wie Gefängnisse oder Flüchtlingsheime passen nicht in die egalisierten Städte, sie sind an hässlichen und unwirtlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten. Auch wenn sie umzäunt oder hässlich sind, sie sind trotzdem öffentlich. Man darf sich dort verfassungsgemäß versammeln und gegen Unrecht demonstrieren. Die Demonstranten halten die Hässlichkeit aus.

Das jüngste BGH-Urteil hat die Versammlungsfreiheit gestärkt. Vor dem Abschiebegewahrsam am Berliner Flughafen dürfen jetzt doch Mahnwachen abgehalten werden. Öffentlicher (Straßen-)Raum ist demnach nicht erst dann öffentlich, wenn er zum Flanieren, Verweilen und Kommunizieren einlädt. Das „Fraport-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 2011 hatte Demonstrationen am Frankfurter Flughafen für rechtens erklärt, weil der Flughafen einem Marktplatz ähnle. Der Berliner Flughafenbetreiber wollte das nutzen: das Gelände rund um den Abschiebegewahrsam sei ja eher ein Gewerbegebiet als ein Marktplatz. Schließlich gibt es dort keine Cafés oder Läden, die zum Verweilen und zur Kommunikation einladen.

Öffentlichkeit durch Konsum

Dahinter steckt die Vorstellung, dass gesellschaftliche Zusammenkunft und Kommunikation mit Konsum gleichzusetzen sind. In den letzten 20 Jahren sind zunehmend Orte entstanden, die sich zwar in verschiedenen Städten und Gebieten befinden, aber zum Verwechseln ähnlich aussehen. Die großen Textil – und Systemgastronomieketten beherrschen die Innenstädte. In deutschen und europäischen Städten findet man verblüffend ähnlich aufgebaute Einkaufszentren, mit denselben Läden und Gastronomieangeboten, fast identisch aussehende Fußgängerzonen. Die Innen- und Wartebereiche der größeren Bahnhöfe kann man kaum voneinander unterscheiden. Würde man mit verbundenen Augen an einen dieser Orte geführt und öffnete dort die Augen – man wüsste nicht, wo man sich befindet.

Besonders auffällig ist dieses Phänomen in den Flughäfen. Egal, wo man abfliegt oder ankommt, man findet dieselben Läden, dieselben Cafés und Restaurants – bis hin zu denselben Schriftarten, Symbolen und Farben auf den Wegweisern zu den Gates und denselben Sicherheitsansagen aus den Lautsprechern.

Nicht-Orte

Der französische Anthropologe Marc Augé bezeichnete solche mono-funktional genutzten Flächen im urbanen und suburbanen Raum als „Nicht-Orte“. Sie haben keine Geschichte, keine Relation oder Identität und sie sind kommunikativ verwahrlost. Es gibt dort keine echte Kommunikation, denn es gibt nichts zu Besprechen, keine ungeklärten Fragen. Eingecheckt, Sicherheitsschleuse passiert („Haben Sie einen Laptop dabei? Flüssigkeiten?“), Produkt gewählt, Produkt bezahlt: „Have a good flight!“ Mehr Kommunikation ist an Flughäfen nicht zu erwarten.

Wer konsumiert, fragt nicht nach

Niemand sagt: „Haben Sie schon den Starbucks-Store da vorne gesehen? Das ist ja mal etwas Neues!“ – Denn den hat jeder schon überall gesehen. Bei McDonalds sind die Burger auch überall gleich. Menschen sollen nicht einfach auf ihren Anschlussflug warten, sie sollen währenddessen einkaufen. Die Betreiber der Einkaufszentren und der Flughäfen wollen, dass die Fluggäste Geld ausgeben. Das hat nichts mit Kommunikation zu tun. Sie sollen sich nicht langweilen. Zweckfreie Orte und Zeiten sind gefährlich, weil dann nicht konsumiert wird. Man muss die Leute beschäftigen, sonst fangen sie an, Dinge in Frage zu stellen.

Demonstrierende stellen fragen

Wer eine Mahnwache gegen das Unrecht der Abschiebegefängnisse und des sogenannten Flughafenverfahrens macht, der stellt Dinge in Frage, will aufmerksam machen auf die Orte, die nicht konsum-ideologisch egalisiert sind. Daher sind Abschiebeknast, Gefängnisse, psychotherapeutische Kliniken, Kasernen, Seniorenheime in den allermeisten Fällen absichtlich nicht da, wo die Leute konsumieren sollen. Sie sind an unwirtlichen und manchmal hässlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten.

„Wenn man im öffentlichen Straßenraum demonstriert, ist es oft auch unwirtlich und hässlich“, sagte die Vorsitzende BGH-Richterin Christina Stresemann in der Begründung des Urteils.

An die hässlichen Orte gehen

Wer gegen Unrecht demonstriert, geht absichtlich an die unwirtlichen und vielleicht hässlichen Orte. Auf diese Weise solidarisieren sich die Demonstranten mit denjenigen, die gerade nicht gastfreundlich behandelt werden, die wohl nicht in das egalisierte Städtebild reinpassen sollen: die Flüchtlinge, die man direkt am Flughafen abfängt, um sie möglichst schnell zurückzuschicken – ohne dass sie je deutschen Boden betreten haben.

Wer herausfinden möchte, was im eigenen Leben zählt, welche Sehnsucht und welchen Auftrag er oder sie hat, geht an die unangenehmen, an die leeren Orte. Es sind Orte, die augenscheinlich keinen Zweck haben, an denen es nichts zu holen gibt. Diese Orte findet man in den egalisierten Innenstädten und Einkaufspassagen nur dann, wenn man keinen Geldbeutel dabei hat. Individualität und Identität kann man nämlich nur scheinbar kaufen.
In der Wüste kann man nichts kaufen

Wüste kann es auch in den Innenstädten geben. In der Wüste gibt es eben nichts zu Trinken. Trotzdem muss man manchmal in die Wüste gehen. Der Jesuitenpater Christian Herwartz ist untrennbar verbunden mit der Entstehung der Exerzitien (Geistlichen Übungen) auf der Straße. Er organisiert außerdem die Mahnwachen am Abschiebeknast und hat die Klage gegen den Berliner Flughafen geführt und gewonnen. Am Anfang der Straßenexerzitien steht die Einladung, nichts mitzunehmen auf die Straße: kein Proviant, kein Geld, wenn nötig die Schuhe auszuziehen und offen zu sein für das, was einem auf der Straße begegnen kann (vgl. Lukasevangelium 10,1-11). Wenn Jesus sagte, er selbst sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannesevangelium 14,6), bedeutet das in der Sprache der Straßenexerzitien: „Jesus ist die Straße“.

Solidarität mit den Ausgegrenzten

Wie Mose am brennenden Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt, halten die Demonstrierenden am Abschiebeknast die Schmerzen und die Leere des Ortes aus. Deswegen müssen sie auch direkt, unmittelbar vor dem Abschiebegewahrsam stehen – und nicht auf der anderen Straßenseite. Sie gehen ganz nah ran. Mose geht in die zunächst lebensverneinende und gefährliche Wüste, weil er eine Sehnsucht in sich spürt. In der Leere der unwirtlichen Wüste begegnet er im Gewöhnlichen, im Langweiligen, nämlich einem brennenden Dornbusch, dem Außergewöhnlichen, nämlich der Liebe Gottes. Mose erfährt dort seine Berufung und die seines Volkes: Er soll das Volk aus dem Exil herausführen. Er solidarisiert sich mit denen, die ausgegrenzt und gefangen sind – so tun es auch die Demonstrierenden bei der Mahnwache.

Schmerzen aushalten, in Scherben treten

Die Schuhe auszuziehen, wie Mose es am Dornbusch tut, bedeutet gleichsam, einen Schritt zurück zu treten, anzuerkennen, dass dort etwas ist, was ich vielleicht nicht verstehe und vor dem ich Ehrfurcht habe: Gott ist im Gewöhnlichen, Gewohnten, Alltäglichen, auch in der Langeweile und dem Aushalten von Schmerzen. Er will sich genau dort zeigen, wenn man denn hinsieht und hinhört. Der Übende ist bei den Straßenexerzitien eingeladen, offen zu sein für solche Orte – auch in der Stadt, an denen Armut und Leid vorkommen.
So öffnen sich auch die Demonstrierenden auf der Straße für das Unrecht, was dort geschieht. Indem man an diese Orte geht und dort die Schuhe auszieht (ob die echten oder im übertragenen Sinn), riskiert man, in Scherben oder Schmutz zu treten und sich zu verletzen. Die Verletzungen und die Schmerzen auszuhalten, bedeutet, sich mit denen zu solidarisieren, die Unrecht am eigenen Leib erleiden. Es bedeutet, das echte Leben auszuhalten, das nicht auf Hochglanz poliert ist.

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

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20. Juli 15 Gottesdienst unter dem Galgen in Plötzensee

In der Gedenkstätte Plötzensee findet alljährliche ein ökumenische Gottesdienst im Gedenken an die Opfer des Widerstands statt. Dieses Jahr unter der Leitung von Klaus Mertes SJ und dem evangelischen Superintendenten Carsten Bolz. Während in den Vorjahren ein evangelisches Abendmahl und eine katholische Eucharistie nacheinander gefeiert wurden, soll zukünftig jährlich abwechselnd eine Mahlfeier unter evangelischer bzw. katholischer Leitung gefeiert werden, zu der ausdrücklich die Angehörigen der jeweils anderen Konfession eingeladen sind. In diesem Jahr wurde mit einer evangelischen Abendmahlfeier begonnen. Unter dem Galgen von Plötzensee war es eine sehr bewegende Feier in Erinnerung an die Ökumene der Martyrer.
In diesem Jahr fanden auch Exerzitien auf der Straße mit diesem Thema vom 29.3.15 (Palmsonntag) bis zum 1.4.15 in Berlin statt. Sie sollen im nächsten Jahr wiederholt werden.

Hier die Predigt von Klaus Mertes zu den Schriftlesungen Epheser 4,1-6 und Johannes 17.

20. Juli 2015, Plötzensee

Gedenken ist mehr als historisches Erinnern. Gedenken ist Vergegenwärtigen. Wir treten aus dem bloßen Kalender-Datum des heutigen Tages, 20. Juli 2015, heraus und lassen uns jetzt von Christus Brot und Kelch reichen als sein hingegebenes Leben. Solches Gedenken hat die Kraft, Tod und Hass zu überwinden, unseren Blick aus der Trauer heraus nach vorne zu richten und uns zu Mitwirkenden am Heil der Welt zu machen. Es geht um mehr als um uns. Das glauben wir, wenn wir hier stehen – ich jedenfalls.

Die Feier des Abendmahls ist verbunden mit der Feier des Lebens und auch der Todes Jesu. In der Weise, wie Jesus starb, wurde sein Ja zum Leben sichtbar, sein Ja zur Würde aller Menschen, und auch sein Vertrauen, das aus dem Sterben, auch aus grausamen Sterben am Kreuz einen Akt des Lebens machen kann: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46) Weil das so war und ist, ist der Tod Jesu nicht bloß Ende von Leben, sondern Anfang von Leben, nicht bloßes von Weiterleben, sondern von neuem Leben. Deswegen ist diese Feier auch wirklich eine Feier. Wir feiern den Tod Christi – und seine Auferstehung, die es uns ermöglicht, auch heute seinen Tod zu feiern – nicht wegen des Todes, nicht wegen der grausamen Umstände seines Todes, sondern deswegen, weil er genau dadurch neues Leben geschaffen hat. Dasselbe dürfen wir auch vom Tod derjenigen sagen, die hier ermordet wurden.

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Im Epheserbrief heißt es: „Er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile, Juden und Nicht-Juden und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder.“ (Eph 2,14) Wohlgemerkt: Durch sein Sterben. Dieses Niederreißen der trennenden Mauer ist ein Aspekt des neuen Lebens, das aus diesem – nicht aus jedem! – Tod entsteht. So verstehe ich auch die Erfahrung, die die christlichen Märtyrer des Widerstandes in Deutschland machten. Je näher sie dem Tod kamen, umso mehr fielen die trennenden Mauern, umso mehr wurden sie eins. Was immer sie dazu veranlasste, in den Widerstand gegen die Tyrannei zu gehen, was immer sie an Vorgeschichten mitbrachten, wie rein oder wie vermischt ihre Motive waren – im Widerstand entdeckten sie jedenfalls, dass sie mehr vereinte, als sie je für möglich gehalten hatten. Sie fanden zum gemeinsamen Menschsein. Philipp von Boeselager formulierte in seinem letzten Interview: „Ich hoffe, ich habe das klar gemacht. Ich bin als Nicht-Preuße, Anti-Protestant groß geworden und als Anti-Franzose. Meine Preußenfeindlichkeit hat sich durch Tresckow, Kleist, Oertzen, Schulze-Büttner und diese Kerle gelegt. Ich habe dann die richtigen Preußen kennen gelernt. Und besonders die protestantische Kirche, mit denen wir verfeindet waren, schätzen gelernt, und ich behaupte immer, die Ökumene hatte ihren Ursprung im KZ und im Widerstand.“ Ich stelle die Worte des Protestanten Helmut James von Moltke daneben, der wegen seines Kontaktes zu Jesuiten und katholischen Bischöfen zum Tode verurteilt wurde: „Dass ich als Märtyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami wird wohl nicht ganz einverstanden sein.“ Es fielen trennende Mauern.
Ich möchte diese Fallen der Mauern als „Frucht“ des Widerstandes bezeichnen. Sie war nicht das geplante Ziel. Die Geschichte der Märtyrer von Plötzensee, die Geschichte der Weißen Rose und vieler anderer zeigt, dass es vor Gott nicht um das Erreichen von geplanten Resultaten geht, sondern um die Frucht. Intendiert war der Widerstand gegen die Barbarei, Frucht war, dass die trennenden Mauern der Konfessionen fielen; weitgehend fielen; im gemeinsamen Sterben hier an diesem und vergleichbaren Orten definitiv fielen. Deswegen sprechen wir auch innerchristlich von einer „Ökumene der Märtyrer“: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die Gemeinschaft der Heiligen spricht mit lauterer Stimme als die Urheber der Spaltung.“ (Johannes Paul II, Tertio Millennio Adveniente)

Hören wir diese Stimme heute? Ökumenische Einheit liegt nicht bloß vor uns, sie liegt bereits hinter uns. Wir fallen hinter sie zurück, je weiter der zeitliche Abstand ist, der uns von ihr entfernt. Deswegen ringen wir an diesem Ort immer wieder um die Form der ökumenischen Einheit. Dieses Ringen allein schon ist ein Ausdruck dafür, dass die Stimme uns immer noch bewegt. Das Ringen hat in den letzten Monaten immer wieder auch wehgetan. Keine Form haben wir bisher gefunden, die die Einheit schon ganz und vollkommen ausdrückt. Die Märtyrer sind uns eben mit ihrem Tod voraus, gerade auch im Vollzug der vollen Einheit. Uns bleibt aber ein Auftrag, der über unsere persönliche Trauer hinausweist auf die gesamte Christenheit: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ (Eph 4,5) Die Trennung der Christenheit ist vor dem Hintergrund des Gebetes Christi im Abendmahlsaal (vgl. Joh 17,21) ein tiefer Schmerz und ein empörender Skandal. Sie ist es auch unter diesen Galgen, an denen wie am Kreuz die trennende Mauer zwischen Christen und letztlich zwischen allen Menschen guten Willens niedergerissen wurde.

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Alfred Delp schreibt: „Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild der zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben. Wir sollen uns damit abfinden, die Spaltung als geschichtliches Schicksal zu tragen und zugleich als Kreuz. Von den heute Lebenden würde sie keiner noch einmal nachvollziehen.“ Diese Worte wurden im Winter 1944/1945 geschrieben. Ich spüre in diesen Worten eine tiefe Zerrissenheit: „Wir sollen uns damit (= mit der Spaltung) abfinden … Von den heute Lebenden würde sie keiner mehr nachvollziehen.“ Soll ein Weitergehen tatsächlich nicht möglich sein, wenn doch keiner mehr die Trennungen, die vor Jahrhunderten vollzogen würde, nachvollziehen kann? Stimmt das überhaupt für mich, dass ich sie nicht nachvollziehen kann? Oder kann ich sie im Unterschied zu Delp und den anderen Märtyrern des Wuederstandes doch noch nachvollziehen? Bin ich, der ich hier stehe, schon so weit wie mein Mitbruder Alfred Delp, der so spricht? Und wenn es anders ist: Überschreite ich nicht schon die erste Grenze, wenn ich das heute so ausspreche – dass ich nicht mehr verstehen kann, wieso ich mich von der anderen Christen abgrenzen soll? Dass ich anderen christlichen Konfessionen etwas absprechen soll, was sie angeblich nicht haben? Dass ich nicht begreife, warum immer noch gelehrte theologische Streitereien geführt werden, so als wüssten wir nicht längst, dass Rechthaberei, Pochen auf den Buchstaben, Sturheit und anderer Ungeist auf allen Seiten am Werke ist, wenn Christen sich streiten und Konfessionen sich spalten? Dass ich nicht begreife, warum die Einheit in Respekt vor aller Verschiedenheit am Ende an Identitätsängsten und Machtfragen scheitert?
Tradition ist nicht nur ein Schatz – das ist sie ja auch –, sondern auch eine Last. Ich stimme Alfred Delp zu: Es wäre zu leicht, diese Last einfach abzuwerfen. „Wir sollen die Spaltung tragen als geschichtliches Schicksal und zugleich als Kreuz.“ Wenn wir schon über die Grenzen gehen, dann mit dieser Last. Es geht um Einheit in respektvoller Verschiedenheit. Aber die Einheit in respektvoller Verschiedenheit überwindet dann auch die Spaltung. Das Kreuz der Spaltung wird verwandelt, wenn das Kreuz auf Golgota oder eben auch der Galgen von Plötzensee der Ort wird, an dem die Mauern fallen und die Spaltung überwunden wird. Wir dürfen also gerade hier, an diesem Ort, in der Zerrissenheit weitergehen – und jedenfalls nicht stehen bleiben.

*

Es gibt Zeugnisse der Ermordeten des Widerstandes, die zeigen, dass sie in der Konfrontation mit den Vertretern der Barbarei etwas entdeckten, was ich die Macht Gottes über die Geschichte nennen möchte. Es ist nicht leicht, das auszudrücken, ohne sich Risiken des Missverständnisses auszusetzen. Ich versuche diese Erkenntnis so zu formulieren: Nicht die Mächtigen machen die Geschichte, und schon gar nicht die Mächte des Bösen, sondern Gott. Das gilt für das Kreuz von Golgota, und das gilt für die Galgen von Plötzensee. Deswegen sind Kreuz und Galgen auch Zeichen der Hoffnung.

Im Johannesevangelium spricht Kajaphas das Todesurteil über Jesus mit den Worten aus: „Es ist besser, das einer für das Volk stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht.“ Der Evangelist fügt hinzu: „Das sagte er nicht aus sich selbst, sondern weil er Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben würde.“ (Joh 11,51) Genauso sagt Freisler seinen christlichen Gegnern: „Eines haben wir Nationalsozialisten und das Christentum gemeinsam: Wir fordern den ganzen Menschen.“ Aus dem Mund des Blutrichters kommt ein wahres Wort heraus, dessen tiefe Wahrheit er selbst gar nicht begreift. Und auch hier vollzieht er die Unterscheidung in Katholik, Protestant oder Orthodoxer nicht. Er spricht einfach vom Christentum. Papst Franziskus sagte kürzlich im einem US-amerikanischen Sender folgendes: „Die Trennung der Christen ist eine Wunde im Leib der Kirche Christi. Wir wollen nicht, dass diese Wunde bleibt. Die Trennung ist das Werk des Vaters der Lügen und der Zwietracht, der mit allen Mitteln versucht, die Christen zu entzweien … Er weiß genau, dass die Christen im Glauben an Jesus Christus bereits vereint und Brüder und Schwestern sind. Deshalb überzieht er sie unterschiedslos mit Verfolgung. Ihn kümmert es nicht, ob sie Evangelikale oder Orthodoxe, Lutheraner, Katholiken oder Apostolische Christen sind. Dieses Blut vereint sich.“ (Papst Franziskus, radiovaticana. va/news/2015/05/24)

Man könnte es auch so sagen: Die Feinde der Christenheit interessierte damals wie heute nicht, ob einer Katholik oder Protestant oder etwas anderes derartiges ist. Die Unterschiede sind ihnen gleichgültig. Sie haben mehr vom Christentum begriffen als sie ahnen. Sie sehen das Gemeinsame und bekämpfen es. Ich nehme das als Zusage. Der Spruch des Kajaphas war eine Zusage an den Evangelisten; er erkannte dadurch etwas über den Tod Jesu. Die Worte Freislers waren eine Zusage an Moltke; er begriff etwas über den tiefsten Grund seiner Ermordung. Die Gewalt gegen Christen und überhaupt gegen Menschen guten Willens heute hat uns etwas über uns selbst zu sagen, auf das wir mit geistlicher Unterscheidung eingehen
sollten. Denn es zeigt sich in der Zusage ein Auftrag, der gerade nicht den Intentionen der Kajaphasse und Freisslers entspricht und sie damit entmachtet. Gott ist der Herr der Geschichte, nicht die Tyrannen.

Lasst uns also in dieser Feier zusammen sein und so viel von der Einheit mit Christus und mit den ermordeten Vorfahren im Glauben leben, wie uns jetzt und heute möglich ist – jedem und jeder von uns in der ihm oder ihr jetzt möglichen Weise. Und es möge daraus eine Kraft wachsen, die uns nicht auf diesen Ort fixiert, sondern uns auch formt zu Menschen des Widersprechens und Widerstehens gegen Barbarei, Spaltung, Feigheit und Gewalt.

Wir sagen nein zu allen Formen der Kolonialisierung

Die Ankunft des Papstes beim Treffen mit den Volksbewegungen – 10/07/2015

Ansprache von Papst Franziskus beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, Bolivien, am 9. Juli 2015
Ihnen allen einen guten Abend! Vor einigen Monaten haben wir uns in Rom versammelt, und mir ist diese unsere erste Begegnung noch gegenwärtig. Während dieser Zeit habe ich Sie in meinem Herzen und in meinen Gebeten getragen. Ich freue mich, Sie erneut hier zu haben, in einem Gespräch über die besten Wege, wie die Situationen schwerer Ungerechtigkeit überwunden werden können, unter denen die Ausgeschlossenen in aller Welt leiden. Danke, Herr Präsident Evo Morales, dass Sie diese Begegnung so entschlossen begleiten.Damals in Rom habe ich etwas sehr Schönes empfunden: Geschwisterlichkeit, Charisma, Engagement, Durst nach Gerechtigkeit. Heute in Santa Cruz de la Sierra spüre ich wieder das Gleiche. Danke dafür! Durch den Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden unter dem Vorsitzt von Kardinal Turkson habe ich auch erfahren, dass es viele in der Kirche gibt, die den Volksbewegungen nahe stehen. Das freut mich sehr! Zu sehen, dass die Kirche Ihnen allen ihre Türen öffnet, sich begleitend einbringt und es ihr gelingt, in jeder Diözese und jeder Kommission für Gerechtigkeit und Frieden eine wirkliche, ständige und engagierte Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen zu strukturieren. Alle – Bischöfe, Priester und Laien gemeinsam mit den sozialen Einrichtungen der städtischen und ländlichen Randgebiete – lade ich ein, diese Begegnung zu vertiefen.Gott hat es gewährt, dass wir uns heute ein weiteres Mal sehen. Die Bibel erinnert uns daran, dass Gott die Klage seines Volkes hört, und auch ich möchte erneut meine Stimme mit der Ihren vereinen: Grund und Boden, Wohnung und Arbeit für alle unsere Brüder und Schwestern! Das habe ich gesagt, und ich wiederhole es: Es sind unantastbare Rechte. Es lohnt sich, es lohnt sich, für sie zu kämpfen. Möge die Klage der Ausgeschlossenen in Lateinamerika und auf der ganzen Erde gehört werden!1.      Beginnen wir mit der Einsicht, dass wir eine Veränderung brauchen. Damit es keine Missverständnisse gibt, möchte ich klarstellen, dass ich von den gemeinsamen Problemen aller Lateinamerikaner – und generell der ganzen Menschheit – spreche. Von Problemen, die globalen Charakter haben und die heute kein Staat im Alleingang lösen kann. Nach dieser Klärung schlage ich vor, dass wir uns folgende Fragen stellen:Sehen wir ein, dass etwas nicht in Ordnung ist in einer Welt, in der es so viele Campesinos ohne Grund und Boden, so viele Familien ohne Wohnung, so viele Arbeiter ohne Rechte gibt, so viele Menschen, die in ihrer Würde verletzt sind?

Sehen wir ein, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn so viele sinnlose Kriege ausbrechen und  die brudermörderische Gewalt sich selbst unserer Stadtviertel bemächtigt? Sehen wir ein, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn der Boden, das Wasser, die Luft und alle Wesen der Schöpfung einer ständigen Bedrohung ausgesetzt sind?

Sagen wir es ganz unerschrocken: Wir brauchen und wir wollen eine Veränderung.

In Ihren Briefen und in unseren Begegnungen haben Sie mir die vielfältigen Ausschließungen und Ungerechtigkeiten geschildert, die Sie bei jeder Arbeit, in jedem Stadtviertel, in jedem Territorium erleiden. Sie sind so zahlreich und so unterschiedlich, wie Ihre Formen, ihnen entgegenzutreten, zahlreich und unterschiedlich sind. Es gibt jedoch einen unsichtbaren Faden, der alle diese Ausschließungen miteinander verbindet. Können wir ihn erkennen? Es handelt sich nämlich nicht um isolierte Probleme. Ich frage mich, ob wir fähig sind zu erkennen, dass diese zerstörerischen Wirklichkeiten einem System entsprechen, das sich über den ganzen Globus erstreckt. Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken?

Ja, so ist es, ich beharre darauf, sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht… Und ebenso wenig erträgt es die Erde, „unsere Schwester, Mutter Erde“, wie der heilige Franziskus sagte.

Wir wollen eine Veränderung in unserem Leben, in unseren Wohnvierteln, in der niedrigen Bezahlung, in unserer unmittelbaren Wirklichkeit; auch eine Veränderung, welche die ganze Welt berührt, denn heute verlangt die weltweite Interdependenz globale Antworten auf die lokalen Probleme. Die Globalisierung der Hoffnung, die in den Völkern aufkeimt und unter den Armen wächst, muss an die Stelle der Globalisierung der Ausschließung und der Gleichgültigkeit treten!

Ich möchte heute mit Ihnen über die Veränderung nachdenken, die wir wollen und brauchen. Sie wissen, dass ich vor Kurzem über die Probleme des Klimawandels geschrieben habe. Doch diesmal möchte ich über einen Wandel im anderen Sinn sprechen. Über einen positiven Wandel, eine Veränderung, die uns gut tut, einen „erlösenden“ Wandel, könnten wir sagen. Denn wir brauchen ihn. Ich weiß, dass Sie eine Veränderung suchen, und nicht nur Sie: Bei den verschiedenen Begegnungen, auf den verschiedenen Reisen habe ich festgestellt, dass es in allen Völkern der Welt eine Erwartung gibt, eine starke Suche, ein Sehnen nach Veränderung. Selbst in dieser immer kleineren Minderheit, die glaubt, von diesem System zu profitieren, herrscht die Unzufriedenheit und besonders die Traurigkeit. Viele erhoffen einen Wandel, der sie von dieser individualistischen, versklavenden Traurigkeit befreit.

Die Zeit, Brüder und Schwestern, die Zeit scheint reif. Es reichte nicht, dass wir untereinander gestritten haben, sondern wir wüten sogar gegen unser Haus. Heute gibt die Wissenschaft zu, was die einfachen Leute schon seit langer Zeit anprangern: Dem Ökosystem werden Schäden zugefügt, die vielleicht irreversibel sind. Die Erde, die Völker und die einzelnen Menschen werden auf fast barbarische Weise gezüchtigt. Und hinter so viel Schmerz, so viel Tod und Zerstörung riecht man den Gestank dessen, was Basilius von Cäsarea den „Mist des Teufels“ nannte. Das hemmungslose Streben nach Geld, das regiert. Der Dienst am Gemeinwohl wird außer Acht gelassen. Wenn das Kapital sich in einen Götzen verwandelt und die Optionen der Menschen bestimmt, wenn die Geldgier das ganze sozioökonomische System bevormundet, zerrüttet es die Gesellschaft, verwirft es den Menschen, macht ihn zum Sklaven, zerstört die Brüderlichkeit unter den Menschen, bringt Völker gegeneinander auf und gefährdet – wie wir sehen – dieses unser gemeinsames Haus.

Ich möchte mich nicht damit aufhalten, die üblen Auswirkungen dieser subtilen Diktatur zu beschreiben; Sie kennen sie. Es reicht auch nicht, die strukturellen Ursachen des augenblicklichen sozialen und ökologischen Dramas aufzuzeigen. Wir leiden unter einem gewissen Übermaß an Diagnose, das uns manchmal in einen wortreichen Pessimismus führt oder dazu, uns am Negativen zu ergötzen. Wenn wir die schwarze Chronik jedes Tages sehen, meinen wir, dass man nichts tun kann, als sich um sich selbst und den kleinen Kreis von Familie und Freunden zu kümmern.

Was kann ich, ein Cartonero, eine Catadora, ein Müllsucher, eine Müllsortiererin angesichts so vieler Probleme tun, wenn ich kaum genug zum Essen verdiene? Was kann ich Handwerker, Straßenhändler, Fernfahrer, ausgeschlossener Arbeiter tun, wenn ich nicht einmal Arbeitsrechte habe? Was kann ich Bäuerin, ich Indio, ich Fischer tun, wenn ich kaum der Unterwerfung durch die großen Genossenschaften widerstehen kann? Was kann ich von meinem Elendsviertel, meiner Bruchbude, meinem Dörfchen, meiner Barackensiedlung aus tun, wenn ich täglich diskriminiert und ausgegrenzt werde? Was kann dieser Student, dieser Jugendliche, dieser Vorkämpfer, dieser Missionar tun, der durch die Stadtviertel und die Gegenden läuft mit dem Herzen voller Träume, doch nahezu ohne irgendeine Lösung für meine Probleme? – Viel! Sie können viel tun. Sie, die Unbedeutendsten, die Ausgebeuteten, die Armen und Ausgeschlossenen, können viel und tun viel. Ich wage, Ihnen zu sagen, dass die Zukunft der Menschheit großenteils in Ihren Händen liegt, in Ihren Fähigkeiten, sich zusammenzuschließen und kreative Alternativen zu fördern, im täglichen Streben nach den „drei T“ (trabajo, techo, tierra – Arbeit, Wohnung, Grund und Boden) und auch in Ihrer Beteiligung als Protagonisten an den großen Wandlungsprozessen auf nationaler, regionaler und weltweiter Ebene. Lassen Sie sich nicht einschüchtern!

2.      Sie sind Aussäer von Veränderung. Hier in Bolivien habe ich einen Ausdruck gehört, der mir sehr gefällt: „Wandlungsprozess“. Die Veränderung, nicht verstanden als etwas, das eines Tages eintreffen wird, weil diese oder jene politische Option sich durchgesetzt hat oder weil diese oder jene soziale Struktur errichtet wurde. Wir haben die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass ein Wandel der Strukturen, der nicht mit einer aufrichtigen Umkehr des Verhaltens und des Herzens einhergeht, darauf hinausläuft, früher oder später zu verbürokratisieren, zu verderben und unterzugehen. Darum gefällt mir das Bild des Prozesses so sehr, wo die Freude am Aussäen und gelassenen Begießen von etwas, dessen Erblühen später andere sehen werden, an die Stelle der ängstlichen Sorge tritt, alle verfügbaren Machtbereiche zu besetzen und unmittelbare Ergebnisse zu sehen. Jeder von uns ist nicht mehr als ein Teil eines komplexen und vielschichtigen Ganzen, das in wechselseitiger Beeinflussung durch die Zeit geht – Bevölkerungsgruppen, die um Bedeutung ringen, für ein Ziel kämpfen, um in Würde zu leben, um „gut zu leben“.

Sie aus den Volksbewegungen übernehmen die immer gleichen Arbeiten, motiviert durch die Bruderliebe, die sich gegen die soziale Ungerechtigkeit auflehnt. Wenn wir das Gesicht der Leidenden sehen, das Gesicht des bedrohten Campesinos, des ausgeschlossenen Arbeiters, des unterdrückten Ureinwohners, der obdachlosen Familie, des verfolgten Migranten, des arbeitslosen Jugendlichen, des ausgebeuteten Kindes; das Gesicht der Mutter, die ihren Sohn in einer Schießerei verloren hat, weil das Quartier vom Drogenhandel eingenommen war; das Gesicht des Vaters, der seine Tochter verloren hat, weil sie der Sklaverei unterworfen wurde; wenn wir an diese „Gesichter und Namen“ denken, erschauern wir im Innersten und sind erschüttert… Denn „wir haben gesehen und gehört“ – nicht die kalte Statistik, sondern die Wunden der verletzten Menschheit, unsere Wunden, unser Fleisch. Das ist etwas ganz anderes als das abstrakte Theoretisieren oder die vornehme Entrüstung. Das erschüttert uns, bringt uns in Bewegung, und wir suchen den anderen, um uns gemeinsam zu bewegen. Diese zu gemeinschaftlichem Handeln gewordene Ergriffenheit kann man nicht mit dem Verstand allein begreifen: Sie besitzt ein Mehr an Sinngehalt, das nur die Leute aus dem Volk verstehen und das den wirklichen Volksbewegungen ihre besondere Mystik verleiht.

Sie leben Tag für Tag im Zentrum des menschlichen Unwetters, gleichsam darin eingetaucht. Sie haben mir von Ihren Anliegen erzählt, mich teilhaben lassen an Ihrem Ringen, und ich danke Ihnen dafür. Sie, liebe Brüder, arbeiten oftmals im Kleinen, im Naheliegenden, in der ungerechten Wirklichkeit, die Ihnen aufgezwungen wurde und mit der Sie sich nicht abfinden, sondern dem götzendienerischen System, das ausschließt, demütigt und tötet, aktiven Widerstand entgegensetzen. Ich habe Sie unermüdlich arbeiten sehen für den Boden und die kleinbäuerliche Landwirtschaft, für Ihre Territorien und Gemeinschaften, für die Achtung der Würde der volksnahen Wirtschaft, für die städtische Eingliederung Ihrer Vororte und Siedlungen, für den Eigenbau von Wohnungen und die Entwicklung einer Infrastruktur der Wohnviertel sowie in vielen gemeinschaftlichen Aktivitäten, die auf die erneute Bekräftigung von etwas so Elementarem und unbestreitbar Notwendigem abzielen wie das Recht auf die „drei T“: tierra, techo, trabajo – Boden, Wohnung und Arbeit.

Diese Verwurzelung im Stadtviertel, im Grund und Boden, im Territorium, im Handwerk, in der Genossenschaft, dieses Sich-Erkennen im Gesicht des anderen, diese Nähe im Alltag mit seinem Elend und seinem täglichen Heldentum – all das erlaubt, die Sendung der Liebe zu praktizieren, nicht aufgrund von Ideen und Konzepten, sondern aufgrund der echten Begegnung zwischen Menschen, denn was man liebt, sind nicht die Konzepte und die Ideen; man liebt die Menschen. Die Hingabe, die wahre Hingabe geht aus der Liebe hervor, aus der Liebe zu Männern und Frauen, zu Kindern und Alten, zu Volksgruppen und Gemeinschaften…Gesichter und Namen, die das Herz erfüllen. Aus diesen Samen der Hoffnung, die geduldig in den vergessenen Peripherien des Planeten ausgesät werden, aus diesen Sprossen der Zärtlichkeit, die in der Dunkelheit des Ausgeschlossenseins ums Überleben kämpfen, werden große Bäume heranwachsen, werden dichte Wälder der Hoffnung entstehen, um diese Welt mit Sauerstoff zu versorgen.

Ich sehe mit Freude, dass Sie im Naheliegenden arbeiten und pflegen, was aufsprosst, zugleich aber in einer weiter reichenden Perspektive die Baumpflanzung schützen. Sie arbeiten in einer Perspektive, die nicht nur den jeweiligen Sektor der Wirklichkeit in Angriff nimmt, den jeder von Ihnen vertritt und in dem er glücklich verwurzelt ist, sondern Sie versuchen auch, die allgemeinen Probleme von Armut, Ungleichheit und Ausschließung von Grund auf zu lösen.

 

Dafür beglückwünsche ich Sie. Es ist unerlässlich, dass die Völker und ihre sozialen Organisationen zugleich mit der Einforderung ihrer legitimen Rechte eine menschliche Alternative zur ausschließenden Globalisierung aufbauen. Sie sind Aussäer der Veränderung. Möge Gott Ihnen Mut, Freude, Ausdauer und Leidenschaft schenken, mit dem Säen fortzufahren! Seien Sie gewiss, dass wir früher oder später die Früchte sehen werden. Die Leiter bitte ich: Seien Sie kreativ und verlieren Sie nie die Verwurzelung im Naheliegenden, denn der Vater der Lüge weiß edle Worte anderer für seine Zwecke zu gebrauchen, geistige Moderichtungen zu fördern und ideologische Posen anzunehmen. Wenn Sie aber auf soliden Fundamenten aufbauen, auf den realen Bedürfnissen und der lebendigen Erfahrung Ihrer Brüder und Schwestern – der Campesinos und der Ureinwohner, der ausgeschlossenen Arbeiter und der ausgegrenzten Familien –, dann werden Sie mit Sicherheit nicht fehlgehen.

Die Kirche kann und darf in ihrer Verkündigung des Evangeliums diesem Prozess nicht fern stehen. Viele Priester und Pastoralarbeiter erfüllen eine gewaltige Aufgabe der Begleitung und Förderung der Ausgeschlossenen in aller Welt, indem sie – gemeinsam mit Genossenschaften – Unternehmen vorantreiben, Wohnungen bauen und hingebungsvoll in den Bereichen des Gesundheitswesens, des Sports und des Erziehungswesens arbeiten. Ich bin überzeugt, dass die respektvolle Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen diese Bemühungen stärken und die Wandlungsprozesse unterstützen kann.

Halten wir immer die Jungfrau Maria in unserem Herzen, ein einfaches Mädchen aus einem kleinen, abgelegenen Dorf am Rande eines großen Kaiserreiches, eine obdachlose Mutter, die es verstand, eine Grotte für die Tiere in das Haus Jesu zu verwandeln – mit ein paar Windeln und einem Überschwang an zärtlicher Liebe. Maria ist ein Zeichen der Hoffnung für die Bevölkerungsgruppen, die „Geburtswehen“ erleiden, bis die Gerechtigkeit zum Durchbruch kommt. Ich bete zur Jungfrau vom Berge Karmel, der Patronin Boliviens, damit sie ermöglicht, dass diese unsere Begegnung ein Ferment des Wandels sei.

3.      Als Letztes möchte ich, dass wir gemeinsam nachdenken über einige wichtige Aufgaben für diesen historischen Moment, denn wir wollen eine positive Veränderung zum Wohl aller unserer Brüder und Schwestern, das ist klar. Wir wollen eine Veränderung, die durch die Zusammenarbeit zwischen den Regierungen, den Volksbewegungen und anderen sozialen Kräften bereichert wird, auch das ist klar. Doch es ist nicht so leicht, den Inhalt der Veränderung, sozusagen das soziale Programm zu bestimmen, das diesen Plan der Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit, die wir erhoffen,  widerspiegelt. In diesem Sinn erwarten Sie bitte kein Rezept von diesem Papst. Weder der Papst, noch die Kirche besitzen das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit, und sie haben auch keine Lösungsvorschläge für die gegenwärtigen Probleme. Ich wage zu behaupten, dass es gar kein Rezept gibt. Die Geschichte wird von den aufeinander folgenden Generationen aufgebaut im Rahmen von Völkern, die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind und die Werte achten, die Gott ihnen ins Herz gelegt hat.

Dennoch möchte ich drei große Aufgaben vorschlagen, die den entscheidenden Beitrag der Gesamtheit der Volksbewegungen erfordern:

3.1.   Die erste Aufgabe ist, die Wirtschaft in den Dienst der Völker zu stellen: Die Menschen und die Natur dürfen nicht im Dienst des Geldes stehen. Wir sagen Nein  zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der sozialen Ungerechtigkeit, wo das Geld regiert, anstatt zu dienen. Diese Wirtschaft tötet. Diese Wirtschaft schließt aus. Diese Wirtschaft zerstört die Mutter Erde.

Die Wirtschaft dürfte nicht ein Mechanismus zur Anhäufung sein, sondern die geeignete Verwaltung des gemeinsamen Hauses. Das beinhaltet, das Haus sehr bedacht zu pflegen und die Güter angemessen unter allen zu verteilen. Ihr Zweck besteht nicht allein darin, die Nahrung bzw. einen „anständigen Lebensunterhalt“ zu sichern. Nicht einmal darin, den Zugang zu den „drei T“ zu gewährleisten, für den Sie kämpfen, auch wenn das schon ein großer Schritt wäre. Eine wirklich gemeinschaftliche Wirtschaft – eine christlich inspirierte Wirtschaft, würde ich sagen – muss den Völkern Würde garantieren, „Wohlstand in seinen vielfältigen Aspekten“[1]. Das schließt die „drei T“ ein, aber auch den Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen, zur Innovation, zu künstlerischen und kulturellen Darbietungen, zum Kommunikationswesen sowie zu Sport und Erholung. Eine gerechte Wirtschaft muss die Bedingungen dafür schaffen, dass jeder Mensch eine Kindheit ohne Entbehrungen genießen, während der Jugend seine Talente entfalten, in den Jahren der Aktivität einer rechtlich gesicherten Arbeit nachgehen und im Alter zu einer würdigen Rente gelangen kann. Es ist eine Wirtschaft, in der der Mensch im Einklang mit der Natur das gesamte System von Produktion und Distribution so gestaltet, dass die Fähigkeiten und die Bedürfnisse jedes Einzelnen einen angemessenen Rahmen im Gemeinwesen finden. Sie – und auch andere Volksgruppen – fassen diese Sehnsucht auf einfache und schöne Weise in dem Ausdruck „gut leben“ zusammen.

Diese Wirtschaft ist nicht nur wünschenswert und notwendig, sondern auch möglich. Sie ist weder Utopie, noch Fantasie. Sie ist eine äußerst realistische Perspektive. Wir können sie erreichen. Die in der Welt verfügbaren Ressourcen – eine Frucht der generationsübergreifenden Arbeit der Völker und der Gaben der Schöpfung – sind mehr als ausreichend für die ganzheitliche Entwicklung eines jeden Menschen und des ganzen Menschen[2]. Das Problem ist hingegen ein anderes. Es existiert ein System mit anderen Zielen. Ein System, das trotz der unverantwortlichen Beschleunigung der Produktionsrhythmen, trotz der Einführung von Methoden in Industrie und Landwirtschaft, welche um der „Produktivität“ willen die Mutter Erde schädigen, weiterhin Milliarden unserer Brüder und Schwestern die elementarsten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte verweigert. Dieses System verstößt gegen den Plan Jesu.

Die gerechte Verteilung der Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit ist keine bloße Philanthropie. Es ist eine moralische Pflicht. Für die Christen ist die Verpflichtung noch stärker: Es ist ein Gebot. Es geht darum, den Armen und den Völkern das zurückzugeben, was ihnen gehört. Die universale Bestimmung der Güter ist nicht eine wortgewandte Ausschmückung der Soziallehre der Kirche. Es ist eine Wirklichkeit, die dem Privateigentum vorausgeht. Der Besitz – ganz besonders wenn er die natürlichen Ressourcen betrifft – muss immer den Bedürfnissen der Völker zugeordnet sein. Und diese Bedürfnisse beschränken sich nicht auf den Konsum. Es reicht nicht, ein paar Tropfen fallen zu lassen, wenn die Armen diesen Becher schütteln, der niemals von sich aus etwas ausgießt. Die Hilfspläne, die gewisse Dringlichkeiten versorgen, müssten nur als vorübergehende Antworten gedacht werden. Niemals werden sie die wahre Einbeziehung ersetzen können: die, welche die würdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt.

Auf diesem Weg spielen die Volksbewegungen eine wesentliche Rolle, nicht nur indem sie fordern und anmahnen, sondern grundsätzlich, indem sie schöpferisch tätig sind. Sie sind soziale Poeten: Arbeitsbeschaffer, Wohnungsbauer, Lebensmittelproduzenten – vor allem für diejenigen, die vom Weltmarkt ausgeschlossen sind.

Ich habe aus der Nähe verschiedene Experimente kennen gelernt, in denen es den in Genossenschaften und anderen gemeinschaftlichen Organisationen zusammengeschlossenen Arbeitern gelungen ist, Arbeit zu schaffen, wo es nur Abfälle der götzendienerischen Wirtschaft gab. Die sanierten Unternehmen, die kleinen freien Märkte und die Kooperativen der Cartoneros sind Beispiele dieser volksnahen Wirtschaft, die aus der Ausschließung hervorgeht und allmählich, mit Einsatz und Geduld, solidarische Formen annimmt, die ihr Würde verleihen. Welch ein Unterschied dazu, dass die Ausgeschlossenen durch den offiziellen Markt wie Sklaven ausgebeutet werden!

Die Regierungen, die sich die Aufgabe zu Eigen machen, die Wirtschaft in den Dienst des Volkes zu stellen, müssen die Stärkung, die Verbesserung, die Koordinierung und die Ausbreitung dieser Formen von volksnaher Wirtschaft und Gemeinschaftsproduktion fördern. Das beinhaltet, die Arbeitsprozesse zu verbessern, für eine geeignete Infrastruktur zu sorgen und den Arbeitern dieses alternativen Sektors volle Rechte zu garantieren. Wenn Staat und soziale Organisationen gemeinsam die Aufgabe der „drei T“ übernehmen, kommen die Grundsätze von Solidarität und Subsidiarität zum Tragen und ermöglichen, das Gemeinwohl in einer vollkommenen und partizipativen Demokratie aufzubauen.

3.2.   Die zweite Aufgabe ist, unsere Völker auf dem Weg des Friedens und der Gerechtigkeit zu vereinen.

Die Völker der Welt wollen ihr Schicksal selbst bestimmen. Sie wollen in Frieden ihren Weg zur Gerechtigkeit gehen. Sie wollen weder Bevormundung noch Einmischung, wo der Stärkere den Schwächeren unterordnet. Sie wollen, dass ihre Kultur, ihre Sprache, ihre gesellschaftlichen Prozesse und ihre religiösen Traditionen respektiert werden. Keine faktische oder konstituierte Macht hat das Recht, den armen Ländern die volle Ausübung ihrer Souveränität abzuerkennen, und wenn es dennoch geschieht, sehen wir neue Formen von Kolonialismus, welche die Möglichkeiten zu Frieden und Gerechtigkeit ernsthaft schädigen, denn „Grundlagen des Friedens sind nicht nur die Achtung der Menschenrechte, sondern auch der Respekt vor den Rechten der Völker, insbesondere dem Recht auf Unabhängigkeit“[3].

Die Völker Lateinamerikas haben ihre politische Unabhängigkeit unter Schmerzen geboren und seitdem fast zwei Jahrhunderte einer dramatischen Geschichte voller Widersprüche erlebt, in dem Versuch, die volle Unabhängigkeit zu erlangen.

Nach viel Entfremdung konnten in diesen letzten Jahren zahlreiche lateinamerikanische Länder eine Zunahme an Geschwisterlichkeit unter ihren Völkern beobachten. Die Regierungen der Region haben ihre Kräfte vereint, um dafür zu sorgen, dass ihre Souveränität respektiert wird, und zwar die eines jeden Landes und die der Region im Ganzen, die sie – wie einst unsere Väter – mit dem schönen Namen die „Große Heimat“ bezeichnen. Ich bitte Sie, liebe Brüder und Schwestern aus den Volksbewegungen, diese Einheit zu hüten und auszubauen. Angesichts aller Spaltungsversuche ist es notwendig, die Einheit zu bewahren, damit die Region in Frieden und Gerechtigkeit wächst.

Trotz dieser Fortschritte gibt es immer noch Faktoren, die diese gerechte menschliche Entwicklung untergraben und die Souveränität der Länder der „Großen Heimat“ und anderer Regionen einschränken. Der neue Kolonialismus nimmt verschiedene Gestalten an. Manchmal ist es die anonyme Macht des Götzen Geld: Körperschaften, Kreditvermittler, einige sogenannte „Freihandelsabkommen“ und die Auferlegung von „Sparmaßnahmen“, die immer den Gürtel der Arbeiter und der Armen enger schnallen. Die lateinamerikanischen Bischöfe prangern das im Dokument von Aparecida in aller Deutlichkeit an, wenn sie sagen: „Finanzinstitutionen und transnationale Konzerne entwickeln eine solche Macht, dass sie sich die jeweilige lokale Wirtschaft untertan machen, vor allem aber die Staaten schwächen, die kaum noch die Macht haben, Entwicklungsprojekte zugunsten ihrer Bevölkerungen voranzubringen.“[4] In anderen Fällen sehen wir, dass unter dem edlen Mantel des Kampfes gegen Korruption, Drogenhandel und Terrorismus – schwerwiegende Übel unserer Zeiten, die ein koordiniertes internationales Eingreifen erfordern – den Staaten Maßnahmen auferlegt werden, die wenig mit der Lösung dieser Problemkreise zu tun haben und oftmals die Dinge verschlimmern.

In gleicher Weise ist die monopolistische Konzentration der sozialen Kommunikationsmittel, die entfremdende Konsummodelle und eine gewisse kulturelle Uniformität durchzusetzen versucht, eine weitere Gestalt, die der neue Kolonialismus annimmt. Es ist der ideologische Kolonialismus. Wie die Bischöfe von Afrika sagen, wird oft versucht, die armen Länder zu „Rädern eines Mechanismus, zu Teilen einer gewaltigen Maschinerie“[5] zu machen.

Man muss erkennen, dass keines der schweren Probleme der Menschheit gelöst werden kann ohne Interaktion zwischen den Staaten und Völkern auf internationaler Ebene. Jede Handlung von einer gewissen Tragweite, die in einem Teil des Planeten durchgeführt wird, wirkt sich in wirtschaftlichem, ökologischem, sozialem und kulturellem Sinn auf das Ganze aus. Sogar das Verbrechen und die Gewalt haben sich globalisiert. Deshalb kann sich keine Regierung bei ihrem Handeln einer allgemeinen Verantwortung entziehen. Wenn wir wirklich eine positive Veränderung wollen, müssen wir demütig unsere wechselseitige Abhängigkeit akzeptieren. Interaktion ist aber nicht gleichbedeutend mit Auferlegung, es ist keine Unterordnung der einen zugunsten der Interessen der anderen. Der neue wie der alte Kolonialismus, der die armen Länder zu bloßen Rohstofflieferanten und Zulieferern kostengünstiger Arbeit herabwürdigt, erzeugt Gewalt, Elend, Zwangsmigrationen und all die Übel, die wir vor Augen haben… und zwar aus dem einfachen Grund, weil er dadurch, dass er die Peripherie vom Zentrum abhängig macht, ihr das Recht auf eine ganzheitliche Entwicklung verweigert. Das ist soziale Ungerechtigkeit, und die erzeugt eine Gewalt, die weder mit polizeilichen, noch mit militärischen oder geheimdienstlichen Mitteln aufgehalten werden kann.

Wir sagen Nein zu den alten und neuen Formen der Kolonialisierung. Wir sagen Ja zur Begegnung von Völkern und Kulturen. Selig, die für den Frieden arbeiten.

Und hier möchte ich bei einem wichtigen Thema innehalten. Es könnte nämlich jemand mit Recht sagen: „Wenn der Papst von Kolonialismus redet, vergisst er gewisse Handlungen der Kirche.“ Ich sage Ihnen mit Bedauern: Im Namen Gottes sind viele und schwere Sünden gegen die Ureinwohner Amerikas begangen worden. Das haben meine Vorgänger eingestanden, das hat die CELAM gesagt, und auch ich möchte es sagen. Wie Johannes Paul II. bitte ich, dass die Kirche „vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht“[6]. Ich will Ihnen sagen – und ich möchte dabei ganz freimütig sein, wie es der heilige Johannes Paul II. war –: Ich bitte demütig um Vergebung, nicht nur für die von der eigenen Kirche begangenen Sünden, sondern für die Verbrechen gegen die Urbevölkerungen während der sogenannten Eroberung Amerikas. Gemeinsam mit dieser Vergebungsbitte möchte ich auch um gerecht zu sein die tausende von Priestern und Bischöfen nennen, die sich mit der Kraft des Kreuzes gegen die Logik der Ausbeutung gewandt haben. Es gab Sünden, schwere Sünden, und für die Bitte ich um Vergebung. Aber wie es der heilige Paulus sagt, wo es viel Sünde gibt, gibt es überreiche Gnade, und zwar durch die Menschen, welche die Rechte der indigenen Völker verteidigt haben.

Desgleichen bitte ich Sie alle – Gläubige und Nichtgläubige –, sich an die vielen Bischöfe, Priester und Laien zu erinnern, welche die Frohe Botschaft Jesu mutig und sanftmütig, respektvoll und friedlich verkündet haben und verkünden; die auf ihrem Weg durch dieses Leben bewegende Werke der menschlichen Förderung und der Liebe hinterlassen haben, oft gemeinsam mit den einheimischen Bevölkerungen oder indem sie deren Volksbewegungen begleiteten, sogar bis zum Martyrium. Die Kirche, ihre Söhne und Töchter, sind ein Teil der Identität der Völker Lateinamerikas – einer Identität, die einige Mächte hier wie in anderen Ländern unbedingt auslöschen wollen, manchmal weil unser Glaube revolutionär ist, weil unser Glaube der Tyrannei des Götzen Geld die Stirn bietet. Heute sehen wir mit Grauen, wie im Nahen Osten oder an anderen Orten der Welt viele unserer Brüder und Schwestern um ihres Glaubens an Jesus willen verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Und wir müssen es auch anprangern: In diesem dritten Weltkrieg „in Raten“, den wir erleben, ist eine Art Völkermord im Gange, der aufhören muss.

Lassen Sie mich den Brüdern und Schwestern der lateinamerikanischen Eingeborenenbewegung meine zutiefst empfundene Zuneigung ausdrücken und sie beglückwünschen zu ihrem Versuch, ihre Völker und Kulturen zu vereinen. Es ist das, was ich „Polyeder“ nenne: eine Form des Zusammenlebens, in der die einzelnen Teile ihre Identität bewahren und gemeinsam eine Pluralität aufbauen, welche die Einheit nicht gefährdet, sondern stärkt. Ihre Suche nach diesem Miteinander in der Multikulturalität, welche die erneute Bekräftigung der Rechte der Urbevölkerungen mit der Achtung gegenüber der territorialen Ungeteiltheit der Staaten verbindet, bereichert und stärkt uns alle.

3.3    Die dritte, vielleicht wichtigste Aufgabe, die wir übernehmen müssen, ist die Verteidigung der Mutter Erde.

Unser aller gemeinsames Haus wird ungestraft ausgeplündert, verwüstet und misshandelt. Die Feigheit bei ihrer Verteidigung ist eine schwere Sünde. Mit zunehmender Enttäuschung sehen wir, wie ein internationales Gipfeltreffen dem anderen folgt ohne irgendein bedeutendes Ergebnis. Es gibt ein klares, definitives und unaufschiebbares ethisches Gebot, zu handeln, das nicht befolgt wird. Man darf nicht zulassen, dass gewisse Interessen – die globalen aber nicht universalen Charakters sind – sich durchsetzen, die Staaten und die internationalen Organisationen unterwerfen und fortfahren, die Schöpfung zu zerstören. Die Völker und ihre Bewegungen sind berufen, ihre Stimme zu erheben, sich zu mobilisieren und friedlich aber hartnäckig zu fordern, dass unverzüglich geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Ich bitte Sie im Namen Gottes, die Mutter Erde zu verteidigen. Zu diesem Thema habe ich mich in der Enzyklika Laudato si‘ gebührend geäußert.

4.      Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einmal sagen:  Die Zukunft der Menschheit liegt nicht allein in den Händen der großen Verantwortungsträger, der bedeutenden Mächte und der Eliten. Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker; in ihrer Organisationsfähigkeit und auch in ihren Händen, die in Demut und mit Überzeugung diesen Wandlungsprozess „begießen“. Ich begleite Sie. Sprechen wir gemeinsam aus vollem Herzen: keine Familie ohne Wohnung, kein Campesino ohne Grund und Boden, kein Arbeiter ohne Rechte, kein Volk ohne Souveränität, kein Mensch ohne Würde, kein Kind ohne Kindheit, kein Jugendlicher ohne Möglichkeiten, kein alter Mensch ohne ein ehrwürdiges Alter. Fahren Sie fort in Ihrem Kampf und, bitte, sorgen Sie sehr für die Mutter Erde! Ich bete für Sie, ich bete mit Ihnen, und ich möchte Gott, unseren Vater, bitten, Sie zu begleiten und zu segnen, Sie mit seiner Liebe zu erfüllen und auf Ihrem Weg zu verteidigen, indem er Ihnen reichlich jene Kraft verleiht, die uns auf den Beinen hält: Diese Kraft ist die Hoffnung, die Hoffnung, die nicht enttäuscht. Danke. Und bitte beten Sie für mich!


[1] Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Mater et Magister (15. Mai 1961), 3: AAS53 (1961), 402.

[2] Vgl. Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, (16. März 1967), 14: AAS 59 (1967), 264.

[3] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 157.

[4] V. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 66.

[5] Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Africa(14. September 1995), 52: AAS 88 (1996), 32-33; Ders., Enzyklika  Sollicitudo rei socialis (30. Dezember 1987), 22: AAS 80 (1988), 539.

[6] Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000 Incarnationis mysterium (29. November 1998), 11: AAS 91 (1999), 140.

Der Briefwechsel zum Reformationsfest

Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD, und Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, haben zum Reformationsjubiläum Briefe gewechselt, die für jeden ökumenisch Interessierten spannend zu lesen sind. Sie zeigen einen großen Willen, das Reformationsfest als Christusfest ökumenisch zu begehen, und zeigen einige gemeinsame Vorhaben auf.

Die beiden Briefe finden sich zum Download hier (PDF).

Konkrete Absprachen zu Reformationsgedenken

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz haben konkrete Verabredungen darüber getroffen, wie der 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017 gemeinsam begangen werden soll. Dazu haben der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, einen ausführlich Briefwechsel geführt, der an diesem Montag vorgestellt wurde.

In den Briefen wird unter anderem vereinbart, am 11. März 2017 in Berlin einen gemeinsamen Versöhnungsgottesdienst zu feiern. Der Gottesdienst soll danach in den Ortsgemeinden „regional nachgefeiert“ werden können. So soll dieses ökumenische Zeichen der Versöhnung zwischen den Konfessionen Breitenwirkung entfalten. In dem Briefwechsel werden noch weitere gemeinsame Veranstaltungen verabredet, darunter auch eine gemeinsame Pilgerfahrt beider Kirchenleitungen ins Heilige Land. .

Bisher war offen geblieben, ob sich die katholische Kirche überhaupt an der Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren beteiligt, da es in der jüngeren Vergangenheit mehrfach auf beiden Seiten zu Irritationen gekommen war. In seinem Brief schreibt der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm, die evangelische Kirche beabsichtige „nicht allein alle traditionelle Polemik abzustreifen, sondern alle christlichen Kirchen und Konfessionen zum Mitfeiern einzuladen, selbst wenn sie ein anderes und kritischeres Bild von der Reformation und ihren Wirkungen haben“.

Kardinal Marx antwortet in seinem Schreiben, die katholische Bischofskonferenz sehe „in dieser Einladung einen Ausdruck verlässlicher Beziehungen“. Den evangelischen Begriff des „Reformationsjubiläums“ macht sich Marx aber nicht zu eigen, obwohl die EKD inzwischen selbst den katholischen Begriff des „Reformationsgedenkens“ aufgegriffen hat.
(kna 29.06.2015 sk)

Der Briefwechsel

Der BGH fand den angemessenen Vergleichspunkt

Die Flughafengesellschaft in Berlin-Schönefeld betreibt neben dem Flugfeld eine Art Industriegebiet, dessen Straßen öffentlich zugänglich sind. Für die Rechtsprechung war dies bisher kein Gebiet, das zum Flanieren einlädt wie die Gänge des Terminals. Deshalb wurden die Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis dort verboten.
Der BGH löste sich von dieser Auffassung und fand den angemessenen Vergleichspunkt: Straßenland. Nun sind Mahnwachen vor diesem höchst problematischen Ort der Freiheitsberaubung vor einer möglichen Einreise und ohne eine gründliche Überprüfung der Fluchtgründe möglich.

Dieses Beispiel ist alltagstauglich: Welche Leitbilder leiten uns bei unseren Entscheidungen?

Christian Herwartz

(Text bei hinsehen.net-Katholische Wochenzeitung mit Bildern)

Egalisierung und Versammlungsfreiheit

Die Egalisierung der Innenstädte, Fußgängerzonen, Bahnhöfe und Flughäfen hat zu der Vorstellung geführt, Öffentlichkeit gäbe es nur dort, wo es auch Konsum gibt. Dass das nicht stimmt, zeigt das aktuelle BGH-Urteil zur Demonstration vor dem Abschiebeknast des Berliner Flughafens.

Keine Öffentlichkeit für Hässlichkeit und Elend

Unangenehme Orte wie Gefängnisse oder Flüchtlingsheime passen nicht in die egalisierten Städte, sie sind an hässlichen und unwirtlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten. Auch wenn sie umzäunt oder hässlich sind, sie sind trotzdem öffentlich. Man darf sich dort verfassungsgemäß versammeln und gegen Unrecht demonstrieren. Die Demonstranten halten die Hässlichkeit aus.

Das jüngste BGH-Urteil hat die Versammlungsfreiheit gestärkt. Vor dem Abschiebegewahrsam am Berliner Flughafen dürfen jetzt doch Mahnwachen abgehalten werden. Öffentlicher (Straßen-)Raum ist demnach nicht erst dann öffentlich, wenn er zum Flanieren, Verweilen und Kommunizieren einlädt. Das „Fraport-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 2011 hatte Demonstrationen am Frankfurter Flughafen für rechtens erklärt, weil der Flughafen einem Marktplatz ähnle. Der Berliner Flughafenbetreiber wollte das nutzen: das Gelände rund um den Abschiebegewahrsam sei ja eher ein Gewerbegebiet als ein Marktplatz. Schließlich gibt es dort keine Cafés oder Läden, die zum Verweilen und zur Kommunikation einladen.

Öffentlichkeit durch Konsum

Dahinter steckt die Vorstellung, dass gesellschaftliche Zusammenkunft und Kommunikation mit Konsum gleichzusetzen sind. In den letzten 20 Jahren sind zunehmend Orte entstanden, die sich zwar in verschiedenen Städten und Gebieten befinden, aber zum Verwechseln ähnlich aussehen. Die großen Textil – und Systemgastronomieketten beherrschen die Innenstädte. In deutschen und europäischen Städten findet man verblüffend ähnlich aufgebaute Einkaufszentren, mit denselben Läden und Gastronomieangeboten, fast identisch aussehende Fußgängerzonen. Die Innen- und Wartebereiche der größeren Bahnhöfe kann man kaum voneinander unterscheiden. Würde man mit verbundenen Augen an einen dieser Orte geführt und öffnete dort die Augen – man wüsste nicht, wo man sich befindet.

Besonders auffällig ist dieses Phänomen in den Flughäfen. Egal, wo man abfliegt oder ankommt, man findet dieselben Läden, dieselben Cafés und Restaurants – bis hin zu denselben Schriftarten, Symbolen und Farben auf den Wegweisern zu den Gates und denselben Sicherheitsansagen aus den Lautsprechern.

Nicht-Orte

Der französische Anthropologe Marc Augé bezeichnete solche mono-funktional genutzten Flächen im urbanen und suburbanen Raum als „Nicht-Orte“. Sie haben keine Geschichte, keine Relation oder Identität und sie sind kommunikativ verwahrlost. Es gibt dort keine echte Kommunikation, denn es gibt nichts zu Besprechen, keine ungeklärten Fragen. Eingecheckt, Sicherheitsschleuse passiert („Haben Sie einen Laptop dabei? Flüssigkeiten?“), Produkt gewählt, Produkt bezahlt: „Have a good flight!“ Mehr Kommunikation ist an Flughäfen nicht zu erwarten.

Wer konsumiert, fragt nicht nach

Niemand sagt: „Haben Sie schon den Starbucks-Store da vorne gesehen? Das ist ja mal etwas Neues!“ – Denn den hat jeder schon überall gesehen. Bei McDonalds sind die Burger auch überall gleich. Menschen sollen nicht einfach auf ihren Anschlussflug warten, sie sollen währenddessen einkaufen. Die Betreiber der Einkaufszentren und der Flughäfen wollen, dass die Fluggäste Geld ausgeben. Das hat nichts mit Kommunikation zu tun. Sie sollen sich nicht langweilen. Zweckfreie Orte und Zeiten sind gefährlich, weil dann nicht konsumiert wird. Man muss die Leute beschäftigen, sonst fangen sie an, Dinge in Frage zu stellen.

Demonstrierende stellen fragen

Wer eine Mahnwache gegen das Unrecht der Abschiebegefängnisse und des sogenannten Flughafenverfahrens macht, der stellt Dinge in Frage, will aufmerksam machen auf die Orte, die nicht konsum-ideologisch egalisiert sind. Daher sind Abschiebeknast, Gefängnisse, psychotherapeutische Kliniken, Kasernen, Seniorenheime in den allermeisten Fällen absichtlich nicht da, wo die Leute konsumieren sollen. Sie sind an unwirtlichen und manchmal hässlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten.

„Wenn man im öffentlichen Straßenraum demonstriert, ist es oft auch unwirtlich und hässlich“, sagte die Vorsitzende BGH-Richterin Christina Stresemann in der Begründung des Urteils.

An die hässlichen Orte gehen

Wer gegen Unrecht demonstriert, geht absichtlich an die unwirtlichen und vielleicht hässlichen Orte. Auf diese Weise solidarisieren sich die Demonstranten mit denjenigen, die gerade nicht gastfreundlich behandelt werden, die wohl nicht in das egalisierte Städtebild reinpassen sollen: die Flüchtlinge, die man direkt am Flughafen abfängt, um sie möglichst schnell zurückzuschicken – ohne dass sie je deutschen Boden betreten haben.

Foto: flughafenverfahren.wordpress.com
Foto: flughafenverfahren.wordpress.com

Wer herausfinden möchte, was im eigenen Leben zählt, welche Sehnsucht und welchen Auftrag er oder sie hat, geht an die unangenehmen, an die leeren Orte. Es sind Orte, die augenscheinlich keinen Zweck haben, an denen es nichts zu holen gibt. Diese Orte findet man in den egalisierten Innenstädten und Einkaufspassagen nur dann, wenn man keinen Geldbeutel dabei hat. Individualität und Identität kann man nämlich nur scheinbar kaufen.
In der Wüste kann man nichts kaufen

Wüste kann es auch in den Innenstädten geben. In der Wüste gibt es eben nichts zu Trinken. Trotzdem muss man manchmal in die Wüste gehen. Der Jesuitenpater Christian Herwartz ist untrennbar verbunden mit der Entstehung der Exerzitien (Geistlichen Übungen) auf der Straße. Er organisiert außerdem die Mahnwachen am Abschiebeknast und hat die Klage gegen den Berliner Flughafen geführt und gewonnen. Am Anfang der Straßenexerzitien steht die Einladung, nichts mitzunehmen auf die Straße: kein Proviant, kein Geld, wenn nötig die Schuhe auszuziehen und offen zu sein für das, was einem auf der Straße begegnen kann (vgl. Lukasevangelium 10,1-11). Wenn Jesus sagte, er selbst sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannesevangelium 14,6), bedeutet das in der Sprache der Straßenexerzitien: „Jesus ist die Straße“.

Solidarität mit den Ausgegrenzten

Wie Mose am brennenden Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt, halten die Demonstrierenden am Abschiebeknast die Schmerzen und die Leere des Ortes aus. Deswegen müssen sie auch direkt, unmittelbar vor dem Abschiebegewahrsam stehen – und nicht auf der anderen Straßenseite. Sie gehen ganz nah ran. Mose geht in die zunächst lebensverneinende und gefährliche Wüste, weil er eine Sehnsucht in sich spürt. In der Leere der unwirtlichen Wüste begegnet er im Gewöhnlichen, im Langweiligen, nämlich einem brennenden Dornbusch, dem Außergewöhnlichen, nämlich der Liebe Gottes. Mose erfährt dort seine Berufung und die seines Volkes: Er soll das Volk aus dem Exil herausführen. Er solidarisiert sich mit denen, die ausgegrenzt und gefangen sind – so tun es auch die Demonstrierenden bei der Mahnwache.

Schmerzen aushalten, in Scherben treten
Foto: flughafenverfahren.wordpress.com

Die Schuhe auszuziehen, wie Mose es am Dornbusch tut, bedeutet gleichsam, einen Schritt zurück zu treten, anzuerkennen, dass dort etwas ist, was ich vielleicht nicht verstehe und vor dem ich Ehrfurcht habe: Gott ist im Gewöhnlichen, Gewohnten, Alltäglichen, auch in der Langeweile und dem Aushalten von Schmerzen. Er will sich genau dort zeigen, wenn man denn hinsieht und hinhört. Der Übende ist bei den Straßenexerzitien eingeladen, offen zu sein für solche Orte – auch in der Stadt, an denen Armut und Leid vorkommen.
So öffnen sich auch die Demonstrierenden auf der Straße für das Unrecht, was dort geschieht. Indem man an diese Orte geht und dort die Schuhe auszieht (ob die echten oder im übertragenen Sinn), riskiert man, in Scherben oder Schmutz zu treten und sich zu verletzen. Die Verletzungen und die Schmerzen auszuhalten, bedeutet, sich mit denen zu solidarisieren, die Unrecht am eigenen Leib erleiden. Es bedeutet, das echte Leben auszuhalten, das nicht auf Hochglanz poliert ist.

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

Das Leid sehen wollen

Eine Solidaritätsaktion des Erzbistums Köln für Flüchtlinge hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt.

Hunderte Kirchenglocken der rheinischen Erzdiözese schlugen am Freitagabend 23.000 Mal um an die gestorbenen Mittelmeerflüchtlinge zu erinnern. Dabei sollte jeder Glockenschlag für einen der seit dem Jahr 2000 auf der Flucht nach Europa verstorbenen Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika stehen. Der Kölner Kardinal Woelki wollte die Aktion als Weckruf für die Politik verstehen. „Die Totenglocken sollen eine europäische Flüchtlingspolitik einfordern, die einen legalen Weg für Flüchtlinge nach Europa schafft“, so der Kölner Oberhirte.

Zudem lud das Erzbistum zu einem, die Aktion begleitenden, Solidaritätsabend vor dem Dom ein. Mit einer ökumenischen Andacht wurde dort der 23.000 Opfer gedacht. Zahlreiche Bistümer und Kirchengemeinden in ganz Deutschland schlossen sich der zeichenhaften Aktion an und ließen ebenfalls ihre Glocken erklingen.

Dazu: Glocken läuten für tote Flüchtlinge (Süddeutsche Zeitung, 19.06.2015)
23.000 Glockenschläge für 23.000 tote Flüchtlinge (Westdeutscher Rundfunk, 19.06.2015)

aus www.kath.de vom 20.6.15