Strassenexerzitien im Juli in Berlin

Marita (2006)

Am ersten Tag meiner Exercitien begann erst einmal mit mir selbst. Es war ein unseliger Vormittag des erbarmungslosen inneren Dialogs: Das hast Du nicht recht gemacht und dieses stimmt an Dir nicht – jenes musst Du unbedingt ändern… Von diesen Dämonen getrieben, war ich auch etwas ungehalten mit Gott: „Komm schon, Gott – wofür fahre ich sonst auf Exercitien. Du könntest jetzt endlich einmal mit mir sprechen.“ Während ich so mit mir selbst und mit Gott schimpfte, räusperte sich auf der Bank neben mir ein Mann mit seiner Dose Bier in der Hand. Ich überlegte, ob das ein erster Wink Gottes wäre, wusste aber nicht recht, wie ich den Mann ansprechen sollte. Ich war auch unsicher, ob dieses Räuspern überhaupt mir galt. „Du musst schon deutlicher mit mir sprechen, Gott, so dass ich es auch hören kann, sonst kannst Du es Dir auch sparen…“

Ich wanderte in die Gegend vom U-Bahnhof Kottbusser Damm, diese krasse, ungeschützte und erbarmungslose Welt schien mir gerade der rechte Ort bei meiner Verfassung. Dort sass ich im spärrlichen Schatten eines kleinen Baumes. Eine kleine und offensichtlich verwirrte Frau rannte an mir vorbei. Sie war für die Hitze viel zu warm gekleidet, hatte zwei verschiedene, schwere Schuhe an und ein paar Tücher auf dem Kopf gelegt. Sie schimpfte laut und unverständlich vor sich hin. Mir kam der Gedanke: Sie ist, wie ich – wütend, impulsiv und schnell. Die Frau rannte dreimal an mir vorbei, dann war sie aus dem Blick. Während ich ihr nachschaute, sehnte ich mich danach, sie noch einmal zu sehen und ahnte gleichzeitig, dass sie nicht wiederkommen würde. Mir fiel die Geschichte von Mose an der Felsspalte ein. Mose will Gott sehen, und Gott stellt ihn in eine Felsspalte, hält die Hand darüber und geht an ihm vorbei – dann kann Mose hinter ihm herschauen. So wie Mose, schaue ich hinter der Frau her. Da begreife ich, dass Gott gerade an mir vorbei gegangen ist. In den kurzen fünf Minuten, die ich diese Frau beobachtete, hat sich mir Gott gezeigt: ganz menschlich – wütend, impulsiv und schnell. Es kam mir so zärtlich vor, dass Gott zu mir in meiner Sprache spricht: kurz, direkt und deutlich. Ist das nicht liebevoll, dass Gott mir erscheint von einer Seite, die ich an mir selbst nicht besonders mag: wütend, ungeduldig und impulsiv. In diesem Augenblick an der Felsspalte habe ich begriffen, was das bedeutet: Gott liebt Dich.

Im Laufe der Exercitien hat Gott mit mir durch sehr verschiedene Menschen gesprochen. Da waren vor allem die Leute, die den ganzen Tag am Oranienplatz sitzen und ihr Bier trinken. Sie waren mir Prediger, Seelsorger und Weggefährten. Auch in Frauen vom Drogenstrich ist mir Gott begegnet, auf eine unnachahmlich liebevolle und direkte Art.

Ein Erlebnis will ich noch ausführlicher erzählen.

Am letzten Tag der Exercitien, dem Samstag, hat uns schon morgens in der Andacht ein Kollege erinnert: „Heute ist Sabbat, seht zu, dass ihr auf eure Art heute Sabbat haltet.“ Ich habe nicht auf ihn gehört. Ich habe auch nicht darauf geachtet, dass mein Herz mich gerade nirgendwohin ruft und bin einfach losgezogen. Ich habe ignoriert, dass ich kein Geld für einen Fahrschein mehr hatte und bin schwarz gefahren. Auf einer kleinen Stufe am Drogenstrich sass ich und wusste eigentlich nicht, was ich da soll. Dann erschien ein bulliger Boxer vor mir mit einem ebenso bulligen Herrchen, um mich von der Stufe zu vertreiben. Aber ich habe immer noch nicht verstanden, und habe mich einfach zehn Meter weiter gesetzt. So trieb ich noch zwei Stunden ohne Sinn und Verstand durch die Stadt und ignorierte alle Zeichen, die mich einfach nach Hause wiesen. Erst als ich schon müde war, begriff ich plötzlich: Du sollst heute Sabbat halten – darum geht es. Ich muss heute darüber lächeln, wie schwer von Begriff ich damals war. Und ich freue mich aus ganzem Herzen, dass Gott nicht aufgehört hat, mir geduldig Zeichen zu geben – auch wenn er mir zehnmal das gleiche sagen musste: Mach Pause! Gut zu wissen, dass Gott nicht aufgibt.

Am Nachmittag dieses Samstages sass ich dann endlich auf meiner Bank am Oranienplatz und döste. Auf diesem Platz hatte Gott noch ein schönes Geschenk für mich bereitet, zum Abschluss der Exercitien. Ein ziemlich Betrunkener zwei Bänke weiter fing an laut ein Gedicht zu rezitieren:

„Gott spricht: …“

Bei so einer Einleitung hörte ich natürlich auf. Die ersten Zeilen des Gedichtes habe ich leider vergessen. Dann hiess es:

„Glaubst Du allen Ernstes, wir sehen Dich nicht?!

Glaubst Du allen Ernstes, wir verlassen Dich?!

Glaubst Du allen Ernstes, wir sind nicht für Dich da?!

Du bist wunderbar!

In nomine patris, et filii, et spiritus sancti. Amen.

Und jetzt denk genau nach, was zu tun ist.“