Auf Augenhöhe in Los Angeles

Greg Boyle (Foto: BBC World Service cc-by-nc 2.0)

Augenhöhe: das ist ein Stichwort um das es bei Straßenexerzitien auch geht. Nicht als Helfer, sondern als Mitmensch, als Brüder und Schwestern begegnen uns Menschen auf der Straße. Und manchmal erkennen wir, dass in ihnen Jesus Christus gegenwärtig ist.

Diese „Augenhöhe“ ist auch die  Perspektive des Jesuitenpaters Greg Boyle, der seit Jahrzehnten in den „härtesten“ Vierteln von Los Angeles mit Jugendlichen arbeitet, die oft in kriminellen Gangs verstrickt sind.  Es sind bewegende Geschichten, die er erzählt. Gotteserfahrungen auf den Straßen von Los Angeles – und was Nachfolge da heisst. „Auf Augenhöhe in Los Angeles“ weiterlesen

Was sind Straßenexerzitien?

strex-2 (Foto: K. Happe)

Bei Straßenexerzitien sind die Teilnehmenden auf der Straße unterwegs. Hierbei folgen sie den Bewegungen der eigenen Sehnsucht. Sie lassen sich ein auf ungewohnte Lebenswelten — oft auf Menschen am Rande der Gesellschaft. So üben sie, sich selbst, den anderen und darin Gott zu begegnen.

Die Straßenexerzitien werden getragen von Frauen und Männern verschiedener Konfessionen, die selbst bei diesen Exerzitien prägende Erfahrungen gemacht haben. Wir begleiten Menschen unterschiedlicher Lebenswelten und Weltanschauungen aus persönlichem Engagement. Dabei schöpfen wir aus dem Reichtum biblischer Überlieferung und christlicher Tradition. Einmal jährlich treffen wir uns zum Austausch und zur Weiterentwicklung der Praxis.

Die Straßenexerzitien sind eng verbunden mit dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz (*1943). Er lebte in einer offenen Kommunität mit ausgegrenzten Menschen in Berlin-Kreuzberg. Ende der 1990er-Jahre baten ihn Einzelne, ihre persönliche geistliche Auszeit gerade in diesem Umfeld zu begleiten: Sie gingen auf die Straße, um ihrer inneren Sehnsucht zu folgen und dabei die Stimme Gottes zu entdecken. Aus diesen Anfängen entwickelten sich vielfältige Formen von Straßenexerzitien. Sie werden heute an verschiedenen Orten in Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Österreich und der Schweiz angeboten.

Wenn du mehr über Straßenexerzitien erfahren willst, lies hier weiter.

Hier geht es zu den häufig gestellten Fragen (FAQ).

Die nächsten Exerzitienangebote findest du hier.

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Gott läßt sich nicht verstrukturieren

 

Christian Herwartz ist dafür bekannt, dass er vieles auf sich zukommen lässt, vieles spontan tut und entscheidet. Er selber würde wohl dazu sagen: „sich von Gott in jeder Situation beschenken“ lässt. Von diesem Geist sind auch die Straßenexerzitien sehr geprägt. Da stellt es natürlich eine besondere Herausforderung dar, wenn es Gruppen gibt, die klare Formen und Strukturen einfordern. Ein Erfahrungsbericht: „Gott läßt sich nicht verstrukturieren“ weiterlesen

Abschlussgottesdienst – Straßenexerzitien Berlin Moabit 2012

2012 – Predigt in der baptistischen Gemeinde Bethania Berlin-Moabit
Am Ende von drei Exerzitientagen auf der Straße wurde beim Gottesdienst am 17.6.12 die Predigt von Christian Herwartz (Jo 8: Jesus und die angeklagte Frau) aufgezeichnet:

und die Predigt vom Gemeindeleiter Wolfgang Tepp (Jo 14: Ich bin Weg/Straße, Wahrheit und Leben)

Kurse 2017

wie schön (Foto: K. Happe)

Es gibt einzelne Stunden zum „Schnuppern“, etwa auf dem Kirchentag in Berlin, oder mehrtägige Angebote für Einzelne und Paare an verschiedenen Orten in Deutschland, zum Beispiel in Flensburg, Hamburg, Ludwigshafen, Köln, Berlin. Die Angebote werden in den nächsten Monaten weiter ergänzt.

–> zu den Terminen

Wer sich unsicher ist, ob Exerzitien auf der Straße etwas für ihn/sie ist: erst mal diesen Artikel lesen – und dann einfach Kontakt aufnehmen mit den Veranstaltern oder mit mail@strassenexerzitien.de.

Vielfältiges Material, Erfahrungen und Verweise auf Literatur finden sich unter Erfahrungen und Materialien.

Von der Straße zum Papst

Christian Herwartz war am 11. November 2016 zusammen mit 6000 Pilgern bei einer Papst-Audienz. Bei der Gelegenheit hat er Papst Franziskus die Bücher „Gott auf der Straße“ von Michael Johannes Schindler und „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ übergeben. Ihr könnt das hier ansehen: Aufzeichnungen des Treffens, insbesondere Minute 3:15 bis 3:38 des Beitrags.

„Von der Straße zum Papst“ weiterlesen

Was haben mir 2016 die „Straßenexerzitien“ in Berlin gezeigt?

Lebe dein Leben (Foto:Kathrin Happe)

Von Lore Weber

Der Begriff „Exerzitien“ war für mich besetzt von dem Verständnis eines Erlebens der inneren Hinwendung zu Gott. In den Strassenexerzitien fand ich ein ganz anderes Verständnis: Jesus unter den Menschen und zwischen den Menschen zu erleben. Er, der von sich sagt, dass Er die Strasse ist – „ich bin der Weg…..“ (Joh. 14,6) – Ihm wollte ich in und bei den Menschen begegnen und Seine Sprache verstehen, wenn Er sagt: „kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid.“ (Mat 11,28). „Was haben mir 2016 die „Straßenexerzitien“ in Berlin gezeigt?“ weiterlesen

Der eigenen Sehnsucht folgen

Im Herzen jedes Menschen liegt seine ganz eigene Sehnsucht. Sie zu entdecken ist in jedem Leben ein großer Schritt nach vorne. Niemand hat sich diese Sehnsucht selbst gemacht. Sie ist ein persönliches Geschenk, das unser Handeln von innen her bestimmt. Diese persönliche Sehnsucht können wir nicht durch Gedankenspiele ergründen, aber wollen uns doch von ihr leiten lassen. Kein Fremder kann sie mir wie ein Geheimwort zuflüstern. Besonders ist die Sehnsucht für gläubige Menschen die persönliche Richtungsweisung Gottes im Leben. Wie kann ich ihr auf die Spur kommen?

Gute Erfahrungen habe ich am Anfang von Exerzitien damit gemacht, nach dem Ärger der TeilnehmerInnen zu fragen oder, wenn jemand keinen Ärger kennt, darum zu bitten, auf die Auslöser ihrer Trauer zu schauen. In beiden Fällen sind sie von einer Situation betrübt, die ihrer Lebenssehnsucht widerspricht. So kann mit der Frage offen angesprochen werden: Wie sollte die Situation sein, mit der Sie zufrieden wären?

Auf die erste wie auf die zweite Frage kann jeweils ein Bündel Antworten kommen. Gute Zuhörer und Zuhörerinnen helfen nach zentralen Schlüsselwörtern zu suchen, mit denen der Ärger oder die Traurigkeit und dann die Sehnsucht ausgedrückt wurden. Die Begleiterinnen und Begleiter spüren sofort, wenn die Übenden bei den vorgeschlagenen Schlüsselwörtern innerliche Widerstände spüren. Im nächsten Schritt werden sie aufgefordert, die vorläufigen Aussagen mitzunehmen und auf ihre Stimmigkeit zu prüfen.

Die eigene Sehnsucht führt oft mehrere Aspekte zusammen. So können pauschale Aussagen vermieden werden und die Übenden können auch später an der Feinabstimmung arbeiten.

Auch im Exerzitienbuch nutzt der Ignatius einen ähnlichen Einstieg in die Übungen. Er formuliert ihn in einem einfachen Ge- bet, was nicht jedem Übenden heute sofort möglich ist. Doch er ist noch einen Schritt weiter gegangen, der auch für uns sinnvoll ist. Versuchen wir einmal von der gefundenen Sehnsucht her nach dem Namen des Gottes zu fragen, der oder die uns unsere Sehnsucht mit auf den Weg gab.

Hagar ist in der Bibel die erste Person, deren persönlichen Namen Gott ausspricht (Gen 16,8). Mitten im heftigen Ärger mit Sarei floh Hagar – verzweifelt und hochschwanger – in die für sie besonders lebensbedrohliche Wüste. Dort spricht sie Gott an: „Du, der Du nach mir schaust.“ Die Frau Abrahams hatte sich sehr abweisend ihr gegenüber verhalten, die den Kinderlosen einen Nachkommen schenken sollte. Mit diesem Namen Gottes und mit einer Verheißung konnte sie sogar wieder an ihren alten Platz zurückkehren und einen vitalen Sohn gebären, der der Vater des arabischen Volkes werden sollte.

Auch Mose lebt mit einer herausfordernden Sehnsucht. Er sucht sein Volk. Mose wurde als kleines Kind inmitten einer Vernichtungsaktion des Pharaos von einer von dessen Töchtern gerettet. Mit 40 Jahren fand er dieses Volk bei harter Fronarbeit, durch die es klein gehalten werden sollte. Vor Wut erschlug Mose einen der Peiniger. Ihm gelang die Flucht in die Steppe. Dort heiratete er und hütete das Vieh seines Schwiegervaters. Seinen Sohn nannte er Gerschom, Gast in der Fremde. Doch mit 80 Jahren machte er sich nochmals auf die Suche und ging über die Steppe hinaus (Ex 3) und bekam von Gott den atemberaubenden Auftrag, sein Volk aus der Knechtschaft zu befreien. Da fragte er ihn in seiner Not: „Wie heißt Du?“ Und er hörte: „Ich bin da und werde da sein. Das ist mein Name.“ Nun hatte er in ihm eine mitziehende Heimat gefunden.

Diese Heimat ist jedem Menschen mit dem eigenen persönlichen Namen verheißen, mit dem wir uns auf den Weg machen.

Eine junge Frau fand nach Ausgrenzungserfahrungen ihren Gottesnamen in den Straßenexerzitien: „Du, der (und später die) Du mich schön ansiehst.“ – Ich selber fand über meinen Wunsch nach Solidarität seinen Namen: „Du, der Du mit uns Menschen solidarisch bist“ – mitten in einer Gesellschaft, die so stark am Kapital orientiert und damit oft zutiefst unsolidarisch ist.

(zuerst erschienen in: Jesuiten 2016, 2)