VIELFALT #8: Missbrauch in Begleitung vorbeugen

Aus der Impulsreihe für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steif und Elisabeth Kämmerling

Beginnen wir mit einer kleinen Übung:Ich hole mir ein paar gute Erinnerungen an Straßenexerzitien vors innere Auge.Angesichts dessen frage ich mich: Worin liegt für mich der Reiz des Begleitens, was machtmir daran Lust, was motiviert mich?Evtl. schreibe ich einige Stichworte, die mir spontan kommen, auf.Vor diesem Hintergrund lasse ich folgende Begriffe auf mich wirken und spüre, was sie in mir auslösen: Macht/Kontrolle –Steuerung; Voyeurismus –Neugier; Selbsttherapie –Selbstreflexion Wichtig: Dabei geht es nicht um Selbstverurteilung, sondern um Ehrlichkeit!Jetzt lassen wir noch einmal Doris Wagner zu Wort kommen:Wie vermeiden Begleiterinnen und Begleiter es, spirituellen Missbrauch zu begehen? Ganz grundlegend scheint mir zu sein, dass sie selbst spirituell handlungsfähig sind und dass ihr Ziel in der Begleitung in nichts anderem besteht als darin, die spirituelle Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit der von ihnen begleiteten Menschen zu unterstützen. Das verhindert vor allem spirituelle Gewalt und ist eine ganz allgemeine Voraussetzung dafür, selbst keinen Missbrauch in der Begleitung zu begehen. Es ist aber nicht die einzige.Ebenso wichtig ist es, sich der eigenen Möglichkeiten in der Begleitung bewusst zu sein, denn natürlich kann es vorkommen, dass der spirituelle Bedarf eines Menschen die Möglichkeiten eines Begleiters übersteigt, beispielsweise weil er die Erfahrungen und die Situation der Person nicht gut genug verste-hen kann , weil er mit den von ihr genutzten Ressourcen nicht vertraut ist oder über keine passenden zusätzlichen Ressourcen verfügt, die er anbieten kann. (…) In solchen Situationen kommt es darauf an, dass Begleiter sich diese Überforderung auch ehrlich eingestehen. Ideal ist es, wenn sie die Personen außerdem an jemanden weitervermitteln, der in der Lage ist, ihnen hilfreiche spirituelle Ressourcen anzubieten. (…)Wer andere Menschen begleiten will, ohne sie zu manipulieren, der sollte sorgfältig auf die eigenen Emotionen achten: Was empfinde ich, wenn eine von mir begleitete Person ein von mir gemachtes An-gebot zurückweist? Was empfinde ich, wenn sie mir mit leuchtenden Augen zuhört? Bin ich selbst inner-lich frei gegenüber den Reaktionen der von mir begleiteten Menschen und kann ich sie frei lassen? Vor allem aber ist es notwendig, sich intensiv mit der eigenen Motivation in der geistlichen Begleitung aus-einanderzusetzen, das heißt, man sollte sich ganz ehrlich die Frage stellen: Was gibt es mir, was habe ich davon, andere geistlich zu begleiten, und wo kommt meine Motivation vielleicht mit den Bedürfnis-sen der Begleiteten in Konflikt? Nur wer einem solchen möglichen Konflikt offen in die Augen sieht, hat eine Chance, diesen Konflikt auszuräumen, indem er an sich und den eigenen Bedürfnissen arbeitet und sich möglicherweise einen Ort außerhalb der geistlichen Begleitung sucht, um die Bedürfnisse, die in der Begleitung nur auf Kosten der Selbstbestimmung des Begleiteten gestillt werden können, woanders zu befriedigen –beispielsweise das eigene Bedürfnis nach Anerkennung, Nähe oder Gebrauchtwerden.(Auszug aus: D. Wagner, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Freiburg 2019, S. 165ff.)Schließlich haben wir in den Straßenexerzitien noch einen wichtigen Schatz, der uns hilft, geistlichem Missbrauch vorzubeugen oder ihn zu erkennen: Die Begleitung zu zweit, oft sogar in einer Vierergrup-pe.Sie ist nicht nur eine Bereicherung, sondern legt uns die gegenseitige Verantwortung auf für das, was wir voneinander mitbekommen: Wann spiele ich nicht mehr mit, wann sage ich Stopp?Abschließend dazu noch ein Zitat aus unserem Papier über die Haltung des Begleitens:Die beiden Begleiter*innen bringen unterschiedliche Fähigkeiten, Erfahrungshintergründe und Zunei-gungen ein. Sie ergänzen einander und teilen die Verantwortung.Sie achten darauf, dass sie gleichberechtigt den Prozess begleiten. Sie reflektieren miteinander die Rol-le, die ihnen Teilnehmer*innen zuschreiben und unterstützen einander, damit verantwortlich umzuge-hen. Das dient auch dazu, geistlichen Machtmissbrauch zu verhindern.

VIELFALT #7: Formen geistlichen Missbrauchs

Aus der Impulsreihe für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steif und Elisabeth Kämmerling

Mit der Begleitung von Menschen, die sich übend auf die Straße begeben, übernehmen wir eine einflussreiche, gestalterische Aufgabe. Spirituelle Verantwortung ist immer auch eine Form von Machtausübung, die behutsam und angemessen erfolgen sollte, damit die Menschen, die wir begleiten, ihren eigenen Weg gut suchen und finden können. Um hilfreich die eigene Macht einzusetzen, hilft der Blick auf die drei Formen schädlicher Machtausübung, wie sie Doris Wagner herausgearbeitet hat.

Spirituelle Vernachlässigung

(…) Wer als Kind, als junger Mensch oder als Erwachsener in einer neuen Lebensphase keine angemessene Unterstützung dabei erhalten hat, den eigenen Erfahrungen Bedeutungen zu geben, mit denen er oder sie gut leben kann, wer nicht gelernt hat, sich und seine Umwelt spirituell zu erfassen, oder wer in einer Umgebung aufgewachsen ist, die stark von einer Spiritualität der Unterordnung und der Verbote geprägt war, wird es sehr schwer finden, selbst zu einer anderen, vielschichtigen und beglückenden Spiritualität zu finden. Spirituelle Vernachlässigung geschieht überall dort, wo Menschen die Aufgabe haben, die spirituelle Handlungsfähigkeit anderer Menschen zu unterstützen, das aber nicht tun.

(…) Spirituelle Vernachlässigung kann verschiedene Gesichter haben. Nur sehr selten wird sie darin bestehen, dass ein Begleiter einer begleiteten Person gar nichts anbietet. In den meisten Fällen wird die Vernachlässigung darin bestehen, dass er ihr nicht das anbietet, was sie braucht: Er begleitet, ohne auf die Bedürfnisse der Menschen, die er begleitet, zu achten. Er lässt sich auf die Lebensrealität, die spirituellen Ressourcen und Bedürfnisse der Menschen, die er begleitet, nicht ein und bietet ihnen stattdessen spirituelle Ressourcen an, die diesen Menschen nicht helfen, weil sie für sie nicht passen oder weil sie sie gefährden oder ihnen direkt schaden. (…)

Spirituelle Manipulation

Spirituelle Manipulation liegt dann vor, wenn die spirituelle Freiheit der begleiteten Person (…) subtil mit Hilfe verschiedener Techniken untergraben wird. Wer jemand anderen spirituell manipuliert, macht ihn glauben, er habe selbst und aus freien Stücken auf bestimmte Weise gehandelt – beispielsweise einen bestimmten Blick auf sein eigenes Leben bekommen, eine bestimmte Lebensentscheidung getroffen, ein bestimmtes Gebet gesprochen, Geld gespendet -, während er in Wirklichkeit mit Hilfe bestimmter Techniken dazu gebracht worden ist. (…)

Die Täter haben in der Regel das Ziel, die begleitete Person zu einer bestimmten spirituellen Wahrnehmung oder zu bestimmten Entscheidungen und Handlungen zu drängen. (…) In einigen Fällen sind die Täter zwar wohlmeinend, folgen aber einer bei Licht besehen unhaltbaren Annahme. Sie meinen, sie selbst wüssten, im Unterschied zu den meisten anderen Menschen, was „richtig“ sei, und müssten die Menschen, die das von alleine nicht wissen könnten, mit Tricks dazu bewegen, das „Richtige“ zu glauben und zu tun.

Spirituelle Gewalt

(…) Ein Begleiter, der spirituelle Gewalt ausübt, gibt sich nicht damit zufrieden, den Willen des Begleiteten subtil zu beeinflussen, sondern er setzt sich offen und brutal über ihn hin-weg. Diese Form der spirituellen Gewalt ist nur möglich, weil das Opfer zuvor schon spirituell vernachlässigt und manipuliert worden ist: In dem Moment, in dem einer Person diese Form der Gewalt begegnet, weiß sie zwar, dass der Begleiter sich über ihren Willen, ihre Rechte und Bedürfnisse hinwegsetzt, sie leidet auch unter dieser Gewalt und spürt, dass ihr Unrecht angetan wird, aber weil sie zuvor glauben gemacht worden ist, der Begleiter hätte immer Recht und ihre eigenen Bedürfnisse wären nichts wert oder gar verdorben und schlecht, kann sie dieser Gewalt nichts entgegensetzen, im Gegenteil: Sie wird versuchen, die Taten zu rechtfertigen und den Täter gegenüber Außenstehenden zu verteidigen.

Auszug aus: D. Wagner, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Freiburg 2019, S. 79ff.

VIELFALT #6: Macht und Privilegien

Aus der Impulsreihe für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steif und Elisabeth Kämmerling

Wenn wir von „Randgruppen“ und den „Ausgegrenzten“ sprechen und von der „Mitte der Gesellschaft“ –wen meinen wir da eigentlich? Und wer definiert, wer Mitte und wer Rand ist? Und wie ist gesellschaftliche Macht damit verknüpft?Unsere Bilder von Norm und „Normalität“ sind nicht naturgegeben, sondern werden gesell-schaftlich ausgehandelt. Dabei profitieren Gruppen, die der Norm entsprechen,von dieser Einteilung und brauchen einen „Rand“, um sich als „Mitte“ verorten zu können. Diese anonyme, sehr subtile Art der Macht kann bewusst ausgeübt werden, aber auch unbewusst reproduziert werden. Die Vielschichtigkeit und Einzig-artigkeit von Menschen hat in solchen „Normalitätskonstruktionen“ keinen Platz. Privilegierte Menschen sind viel mehr repräsentiert in Gesellschaft, Medien, Politik und Kirche. Wo dominieren Weiße, nicht-beeinträchtigte, heterosexuelle Akademiker unsere Gesellschaft und entscheiden aus ihrer Erfahrungswelt über Menschen, die viel diverser sind und mit unterschiedlichen Erfahrungen und Bezugspunkten unsere Gesellschaft ausmachen? Diskriminierung stellt daher ein gesellschaftliches Verhältnis dar, bei dem niemand außen steht. Einer Grup-pe, die Diskriminierung erfährt, steht immer auch eine Gruppe gegenüber, die daher Vorteile genießt. Diese werden auch als Privilegien bezeichnet. Privilegien ermöglichen leichtere Zugänge und Teilhabe aufgrund bestimmter, nicht frei wählbarer Zugehörigkeiten wie etwa Geschlecht, Herkunft, sozialer Status oder sexu-eller Identität. Somit profitieren z.B. Männer davon, dass andere Geschlechtszugehörigkeiten abgewertet werden, oder Weiße Menschen, dass People of Color und Schwarze Menschen benachteiligt werden. Privile-gien werden jedoch oft als so selbstverständlich erlebt, dass sienicht bewusst wahrgenommen werden: If you can’t feel it, it is a privilege. (Dt.: Wenn du es nicht fühlst, ist es ein Privileg.) Mit einem Bild gesprochen: Privilegien zu haben ist wie mit Rückenwind fahren: Es geht irgendwie leichter und ich komme schneller voran als andere und ich bin mir oft nicht bewusst, warum. Wer immer mit Gegenwind fahren muss, spürt dies sofort.Diese Privilegien können jedoch nicht nur für den eigenen Vorteil und das eigene Vorankommen genutzt werden, sondern auch, um Ungleichheiten abzubauen und anderen Menschen Zugänge zu ermöglichen („power-sharing“). Dafür ist es zunächst nötig, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Übung:Nimm dir kurz Zeit!Welche Vielfalts-Aspekte machen dich aus? Welche soziale Gruppenzugehö-rigkeiten haben dich geprägt? Schreibe spontan 4-5 Aspekte auf, die dir als erstes kommen. Wenn du jetzt auf deine Liste schaust: Welche Aspekte fehlen? Hast du z.B.: Besitzer*in eines deutschen Passes, heterosexuell oder körperlich gesund bzw. nicht beeinträchtigt geschrieben? Warum ist uns dies ver-mutlich weniger präsent?Strukturelle Diskriminierung geschieht anhand von Geschlecht, Herkunft/Hautfarbe, soziale Herkunft/Status, sexueller Identität, Religionszugehörigkeit, Alter und Beeinträchtigung/Behinderung. Welche deiner Aspekte würdest du unter „nicht-privilegiert –nicht der Norm entsprechend“ und welche unter „privilegiert –der Norm entsprechend“ einordnen?Welche Aspekte sind besonders wichtig für Teilhabe und Anerkennung in der Gesellschaft? Welche eher nicht? Und wie wird es sein, wenn sich jemand in mehreren Kategorien als nicht-privilegiert und nicht der Norm entsprechend einordnen muss? Welche Macht ist mit deinen Privilegien verbunden?In Gruppen und somit auch bei Straßenexerzitien beeinflussen die sozialen Gruppenzugehörigkeiten, wie viel Raum und Redezeit jemand einnimmt, ob der Person zugehört und Aufmerksamkeit geschenkt wird und welche Rolle sie in der Gruppe einnimmt. Als Begleiter*innen sind wir bereits durch unsere Rolle mit mehr Macht ausgestattet und tragen auch eine Verantwortung für unser Miteinander. Gleichzeitig wiegen unsere Be-Wertungenschwer und können Menschen verunsichern oder sie von ihrem persönlichen spirituellen Weg abbringen. Wir sind eingeladen, auch in der Begleitung vonStraßenexerzitien unsere eigene Machtposition zu erkennen, zu reflektieren und so zu nutzen, dass sich alle auf gute Weise beteiligen können.

VIELFALT #3: Gewaltfreie Kommunikation

Aus der Impulsreihe für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steiof und Elisabeth Kämmerling

Marshall Rosenberg (1934-2015) war ein amerikanischer Psychologe, der mit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) die Verbindung zwischen Menschen stärken wollte, ein Mitschwingen mit dem Gegenüber – fernab von der in unserer Sozialisation erlernten Unart, Menschen und ihr Verhalten zu bewerten, zu kategorisieren oder gar mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen zu belegen. Um gewaltfrei kommunizieren zu können, bedarf es der Selbstwahrnehmung mit dem Ziel eines Ruhens in sich selbst. Wenn ich spüre, dass ich gerade nicht in mir ruhe, geht es darum, genau diese Unruhe in mir wahrzunehmen – und anzunehmen! Wenn ich meine Gefühle und Bedürfnisse spüre und ebenfalls annehme, ist das eine gute Voraussetzung dafür, dass ich – auch als Begleiter*in in Straßenexerzitien – von mir absehen und im Gespräch ganz beim Gegenüber und bei der Gruppe sein kann. Mein Gegenüber ist eine Person, die für mich geheimnisvoll bleibt und eine Würde hat – in jeder Person spiegelt sich die absolute, göttliche Transzendenz wider.

Eine große Bedeutung in der Gewaltfreien Kommunikation kommt dem aufmerksamen Zuhören zu. Es geht darum, ganz beim Gegenüber zu sein und die eigenen Gedanken und Gefühle zurückzustellen. Fragen an mein Gegenüber sollen ehrlich offene Fragen und sensible Fragen sein, die Bewertungen und erst recht ein Bloßstellen und ein Etikettieren vermeiden.

Anstelle eines Ausfragens ist es gut, offene Fragen zu stellen („Mich interessiert, was Dir wichtig ist im Leben. Was möchtest Du erzählen?“). Es liegt dann an meinem Gegenüber, was er/sie mitteilen will.

Empathische gewaltfreie Kommunikation kennt verschiedene Methoden, ist in erster Linie aber eine Haltung. Sie erfordert Achtsamkeit, inneres Gewahrsein und ein Freisein von emotionalen Blockaden.

Wenn ich von einer inneren Unruhe getrieben mit mir selbst beschäftigt bin, kann ich innerlich nicht bei meinem Gegenüber sein. Achtsamkeit führt zu Empathie und auch zu Authentizität. Wenn ich im Gespräch Äußerungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen bei Gesprächspartner*innen wahrnehme, die verletzen, diskriminieren und das Leben beeinträchtigen, kann ich meine Irritation, mein Gefühl, mein Bedürfnis dazu ehrlich benennen. Liebevolle Zugewandtheit und Ehrlichkeit mit sich selber und mit Gesprächspartner*innen sind die Basis von Kommunikation.

Wer mehr über die Gewaltfreie Kommunikation erfahren will, findet im Internet ausführliche Erläuterungen, auch Videos mit Marshall Rosenberg selber. Sehr hilfreich ist es, irgendwann mal an Gesprächskursen zur Gewaltfreien Kommunikation teilzunehmen. Die Kurse geben Hilfen – üben kann ich dann mein Leben lang.

Hier kommen noch einige Links:

Infoportal Gewaltfreie Kommunikation mit Trainer*innen und Seminaren: https://www.gfk-info.de; Eine Sendung des Deutschlandfunks: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lange-nacht-ueber-gewaltfreie-kommunikation-eine-sprache.1024.de.html?dram:article_id=385322 Video mit Marshall Rosenberg auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=1cskKfGxurM Artikel zur Gewaltfreien Kommunikation als Ansatz gegen Vorurteile und Diskriminierung: https://www.paxchristi.de/artikel/view/5216505297895424/Gewaltfreie%20Kommunikation

VIELFALT #2: Identität und Vielfalt

Aus der Impulsreihe für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steiof und Elisabeth Kämmerling

Wer bist du? Was macht dich aus? Nimm dir einige Minuten Zeit: Welche Eigenschaften, Merkmale kommen dir spontan in den Sinn? Welche Eigenschaften /Merkmale sind dir besonders wichtig –welche eher unwichtig? Wenn du dir jetzt vorstellst: Bei der Arbeit, beim Begleiten der Straßenexerzitien, auf der Straße –welche Facetten von dir stehen für die Menschen, die dir begegnen, im Vordergrund? Welche Aspekte von dir kommen gar nicht in den Blick?Wir können nicht anders –wir nehmen Menschen immer aus einer bestimmten Perspektive wahr –wir „reduzieren“ Menschen auf ein „Set“ von Merkmalen: Der Gastarbeiter, die Muslima, der Obdachlose, da kam eine Frau mit Kopftuch, mein homosexuellerKollege …Und doch haben wir alle die tiefe Sehnsucht, in unserer Ganzheit und Komplexität wahrgenommen zu werden. Wir merken, wie fließend und veränderlich unsere eigene Identität ist. Wir wollen als einzigartige und vielschichtige Personen wahrgenommen werden und nicht nur als Repräsentant*in einer „Gruppe“. Und wir wollen selbst bestimmen, was unsere Identität ausmacht. Kübra Gümüsay veranschaulicht dies in ihrem Buch „Sprache und Sein“ (Berlin, 2020) am Beispiel Kopftuch:„Auf kein Attribut werden muslimische Frauen derart reduziert wie auf dieses Kleidungsstück. Sie werden sogar danach benannt: Kopftuchträgerin. Ein Leben als wandelnde Informationssäule einer Religion und allem, was damit assoziiert wird, lässt sich kaum aushalten. Trotzdem ist es das Leben, das so viele Musliminnen in unserer Gesellschaft führen. (…) Sie werden nicht als Menschen wahrgenommen, sondern als Pressesprecherinnen ihrer Religion. Sie werden mit ihrem Glauben vorgestellt –weil sie so lange der Inspektion ausgesetzt waren, dass ihnen das Bewusstsein ihrer eigenen Individualität, Ambiguität, Komplexität verlorengeht. Dass sie vereinnahmt werden von der Perspektive der anderen.“(S. 72-73)„Die Dichterin Anja Saleh hat mir dazu einmal Folgendes gesagt: Man kann nicht alles verstehen. Ich verstehe auch nicht, warum Leute bergsteigen. Ich muss es auch nicht unbedingt verstehen. Und ich glaube, genau darin liegt die Kunst: Menschen nicht zu drängen, ihnen Dinge so verständlich zu machen, dass sie es auf sich übertragen können. Wenn jemand verstehen möchte, warum ich ein Kopftuch trage, dann denke ich mir: Da ist so viel im Hin-tergrund. Du kannst das nicht einfach verstehen, denn da steht ein Prozess, ein Leben dahinter: Wie willst du das verstehen? Versuchen Sie mal, sich selbst einem anderen Menschen verständlich zu machen. Ihre ganze Person, Ihre Widersprüchlichkeiten, Ihre Entwicklung, Ihre Ängste, Ihre Hoffnungen, Ihre Wünsche. Und stellen Sie sich vor, Sie müssten es immer wieder tun, täglich. Es ist erniedrigend. Erschöpfend. Beraubend.“(S. 73-74).

Wenn ihr Feuergefangen habt, findet ihr hier noch zwei Filmtipps:

Ted Talk von Chimamanda Adichie: The danger of a single story (19 Min) https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg

All that we share (3 Min)https://www.youtube.com/watch?v=i1AjvFjVXUg&vl=de

Vielfalt #1: Was ist Anti-Bias?

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Ein Impuls für Begleiter*innen von Straßenexerzitien von Nadine Sylla, Josef Freise, Maria Jans-Wenstrup, Dorothee Steiof und Elisabeth Kämmerling

„Anti-Bias ist wie eine lebenslange Reise, die bei uns selbst beginnt“
(Louise Derman-Sparks)

Menschen sind vielfältig. Sie unterscheiden sich in ihrer kulturellen und religiösen Zugehörigkeit, in Geschlecht, Lebensform, sexueller Identität, Alter, Weltanschauung, körperlichen Merkmalen, sozialem Status, Bildung und vielem mehr. Jeder Mensch ist so wie er ist einzigartig.

Wir begegnen dieser Vielfalt in unserem persönlichen Umfeld, bei der Arbeit, in der Begleitung von Straßenexerzitien und letztlich bei uns selbst. Vielfalt ist immer schon da. Oft denken wir nicht darüber nach. Vieles erscheint uns selbstverständlich. Untersuchungen zeigen jedoch, dass schon Kinder ab dem 3. Lebensjahr lernen, dass bestimmte Merkmale (wie Religion, Geschlecht, Hautfarbe …) in der Gesellschaft unterschiedlich bewertet und dadurch auch unterschiedlich mit Macht und Privilegien ausgestattet werden. Hier setzt der Anti-Bias Ansatz an.

Bias“ kommt aus dem Englischen und bedeutet Schieflage, Einseitigkeit oder Voreingenommenheit. Es geht bei Anti-Bias um diese „Schieflagen“ und „Voreingenommenheiten“ (und „Vor-urteile“) in unserer Wahrnehmung und in unserem Handeln. Wir schauen mit einer bestimmten „Brille“ auf Menschen: So erscheinen uns manche Merkmale als „normal“ – andere als „unnormal“ oder „besonders“; manche Menschen gehören selbstverständlich dazu (zum „Wir“), andere bleiben immer die „Fremden“ („Ihr“) … Was meinen wir z.B., wenn wir in der Apotheke ein hautfarbenes Pflaster verlangen?

Wir bewegen uns immer – ob wir wollen oder nicht – in diesen „Schieflagen“ und Einteilungen. Wir sind in diese „verstrickt“. Je nachdem, wo wir uns auf der Wippe befinden, hat dies Auswirkungen, wie wir uns zeigen und in Gruppen verhalten. Anti-Bias möchte für diese „Schieflagen“ und Verstrickungen sensibilisieren.

Der Ansatz geht davon aus, dass wir alle Vorurteile haben. Es geht also nicht darum, „vorurteilsfrei“ zu werden. Mit diesem Anspruch überfordern wir uns. Das entlastet. Aber wir können uns für unsere Vorurteile sensibilisieren, uns diese bewusst machen. Mit dieser neu gewonnenen „Vorurteilsbewusstheit“ können wir nicht nur unser persönliches Verhalten verändern, sondern auch auf den Abbau von ungerechten und diskriminierenden Strukturen in der Gesellschaft hinwirken.

Wir laden dich ein, dich mit anderen auszutauschen:

  • Welche Merkmale machen dich aus? Wie würdest du diese Merkmale auf der Wippe positionieren?
  • Wenn du jetzt an die Menschen denkst, die du in den Straßenexerzitien begleitest: Die Teilnehmenden oder die Menschen, denen die Teilnehmenden „auf der Straße“ begegnen? Wo erscheinen sie auf der Wippe?

Anti-Bias

  • richtet sich an alle Menschen und geht alle an!
  • reflektiert die unterschiedliche Bewertung von (Heterogenitäts-)Merkmalen in der Gesellschaft.
  • geht davon aus, dass wir alle Vorurteile haben, aber das ein bewusster Umgang mit Vorurteilen möglich ist.
  • arbeitet an einer veränderten Haltung und zielt von da aus auf eine Veränderung gesellschaftlicher Strukturen.
  • ist eine lebenslange Reise, die dein Leben und unser Miteinander bereichert.