Exerzitienbericht von Matthias Schnegg mit Zeichnungen

Ex 2010 -01

Man kann es sozialpsychologisch sehen.

Man kann es als Raum der Gottberührung sehen.

Es ist eine Frage der Welt-Anschauung.

Zweifelsohne liegen sie beide nahe beieinander.

Eine Deutung aus der Möglichkeit Gottes.

1. Tag

Am Montagnachmittag habe ich mich auf den Oranienplatz gesetzt. Ich kenne mich schon etwas aus – sowohl im Haus an der Naunynstraße, aber auch in der Struktur der Exerzitien auf der Straße. Mit fast suchendem Blick nehme ich wahr, was in meiner Nähe geschieht.

Die Bänke auf dem Oranienplatz sind recht eng einander in der Mitte des Platzes gegenüber aufgestellt. Ich setzte mich auf eine Bank. Schräg gegenüber sitzt eine Mutter, liest in aller Gelassenheit ein Buch. Vor sich ein kleines Mädchen, schwer behindert, in einem Rollstuhl. Sie bewegt sich unkontrolliert (wenigstens nach meinem Augenschein), sabbelt etwas, schaut intensiv in das nicht Festmachbare.

Ex 2010 -04Ich schaue zu den Menschen mir gegenüber. Ich überlege, ob ich fragen soll, ob ich mich neben sie setzen darf. Meine ‚innere Stimme‘ – ich nenne sie im Laufe der Exerzitien meinen ‚Ruf‘ – sagt mir, ich möge mich bitte zurückhalten. Etwas später kommt der Vater des Kindes und noch ein Geschwisterkind dazu. Er trinkt seine Flasche Bier, die Frau liest, der Geschwisterjunge fährt mit seinem Fahrrad um das Geschehen herum. Alles mit einer selbstverständlichen Normalität. Ich schaute hin. Ich lächelte hinüber, was sie dort -zumindest für mich nicht erkenntlich – nicht weiter wahrnehmen.

Mein ‚Ruf’ sagt mir, dass das nicht mein Eingang in die Exerzitien auf der Straße ist. Es geht nicht um ‚Trophäen‘, die später erzählerisch vorweisbar sind.

Auf dem Rad des Rollstuhls steht – geziert mit einem Motiv aus dem Kleinen Prinzen: Pauline.

Pauline ist nicht der Anfang meiner Exerzitien. Insoweit schon, als sie mich lehrt, dass ich das, was es zu begegnen gibt, nicht kalkuliere.

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Herzlichen Dank unseren Gastgeberinnen 2014

In Berlin Anfang April die alt-katholische Gemeinde

In Berlin Ende April für Frauen liebende Frauen

In Berlin Mitte Mai Studentengruppe in einer Jugendherberge

In Hamburg Ende Mai Missionsakademie

In Luxemburg Ende Mai kath. Pfarrei Bonneweg

In Regensburg Ende Mai Katholikentag

In Mannheim Ende Juni Kirche in der City

In Schwerin Ende Juni,kath. Gemeinde

In Ratzeburg Ende Juni Dom

In Salzburg/Österreich Mitte Juli kath. Gemeinde St. Elisabeth

In Hamburg Ende Juli ev. Gemeinde St. Trinitatis Hamburg Altona

In Straßburg Ende Juli im FEC

InOberhausen Anfang August

In Flensburg: Mitte August, ev. Gemeinde St. Marien

In Bremen Ende August

In Dortmund Mitte September Veranstalter Kath. Jugendaeilung Ordinariat Paderborn

In Pullach/München Ende September Pedigerseminar

In Berlin Ende Oktober zwei Tage Hochschule für soziale Arbeit

In München Ende Oktober im ev. spirituellen Zentrum in der Hinterhofkirche St. Martin mit Pilgerherberge auf der Empore

In Windischeschenbach Ende November Haus Johannesthal

 

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Wieder in Berlin

Wie auch in den letzten Jahren fand auch 2014 ein Ausbildungsabschnitt für angehende Freiwillige in Berlin statt. Die jungen Menschen wollen für ein Jahr als Missionarinnen auf Zeit (MAZ) das Engagement mit den Steyler Missionsschwestern und den Hiltruper Schwestern in Afrika, Asien und Südamerika teilen. In der Berliner Woche lernen sie die Armut in Deutschland zu sehen, um nicht hochmütig die deutsche Lebensweise für das in jeder Weise ideale anzupreisen und damit in sich eine Tür zum Lernen und Austausch geschlossen zu halten.

Im letzten Jahr begleitete die Gruppe ein Filmteam. Herzliche Einladung, ihre Arbeit hier anzusehen.

Auch die 40 Freiwilligen, also zukünftige MAZlerInnen der Steyler und Hiltrupper Schwestern, durchliefen ein ähnliches Programm. Dazu gehört auch am Gründonnerstag ein Tag Exerzitien auf der Straße und am Karfreitag ein Mahnwachengottesdienst vor dem Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenick. Außerdem gehörte dieses Jahr die gewaltsame Räumung des Flüchtlingslagers auf dem Oranienplatz in Berlin Kreuzberg zu den Ereignissen.

Die aktuelle Berichterstattung findet sich unter
https://www.facebook.com/pages/Steylerinnen-MaZ/313987838668077?ref=ts&fref=ts

„Den Unmut sterben lassen“

Zur Zeit laufen die Exerzitien im Alltag in der Fasten- und Passionszeit 2014
in St. Michael Berlin-Kreuzberg Die Impulse an den 6 Abenden wollen wir hier veröffentlichen. Sie werden von uns abwechselnd geschrieben und mit einem Bild aus den diesjährigen Misereor-Kreuzwegen den TeilnehmerInnen mit in die Woche gegeben.
Jutta Becker, Reinhard Herbolte, Christian Herwartz

6. Impuls

Auferstehung

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Einladung: Exerzitien auf der Straße in Luxemburg

30. Mai – 1. Juni 2014

Einübung in respektvolles Sehen und Hören

„Ich bin da“ ist die Zusage Gottes an uns alle. Er kann mit seinem Ruf an ganz unterschiedlichen Orten auf uns warten – unter den Armen und Ausgegrenzten, in einer Kirche, aber auch in einer Moschee, an einem Denkmal, in der Natur oder in uns selbst. Um ihn zu hören, braucht es Aufmerksamkeit und Offenheit.

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Zieh deine Schuhe an einem Ort aus, der dir unangenehm ist

Christian Herwartz (2011)

Vielleicht fragst du dich: Die Schuhe ausziehen – warum denn das? Und was hat das mit meinem Glauben zu tun? Gewöhnlich zieht man ja seine Schuhe aus, wenn man nach Hause kommt oder ins Bett gehen will. Und macht sich meist keine weiteren Gedanken darüber. Aber ich kann dem „Vorgang“ des Schuheausziehens auch mal ein wenig mehr Beachtung schenken und sie als ein Bild mit einer tieferen Bedeutung betrachten.

Bei den Jesuiten, zu denen ich gehöre, gibt es eine Gruppe von Ordensleuten, die regelmäßig Kurse anbietet, in denen es ums „Schuheausziehen“ geht. Das heißt, im Kern geht es darum, seine Umwelt intensiver und bewusster wahrzunehmen. Die Schuhe sind ein Symbol. Sie stehen für meine eigenen Vorurteile, Ängste, Zweifel und falschen Wahrnehmungen. Wenn ich sie „ausziehe“, dann bekomme ich Bodenkontakt mit der Realität – und kann das, was um mich herum geschieht, plötzlich aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten. Um das in der Praxis – im Rahmen eines Kurses auszuprobieren – wohnen die Teilnehmer in einer Notunterkunft für Obdachlose mitten in Berlin-Kreuzberg, die im Sommer leersteht. Tagsüber laufen sie durch die Stadt und bleiben an Orten stehen, wo sie innerlich bewegt werden. Dort ziehen sie dann – zumindest gedanklich – ihre Schuhe aus und üben sich darin, die Welt um sich herum aufmerksamer wahrzunehmen.

Ein junger Mann ging beispielsweise auf einen Platz, an dem sich regelmäßig Ausländer trafen, die eine Arbeit suchten. Unfallversicherung und Steuern sollten nicht gezahlt werden; alles musste im Verborgenen geschehen. An diesen zwielichtigen Ort wagte sich der Mann also und zog sich schon am Rand des Platzes seine Schuhe aus. Dann gesellte er sich unbehelligt zu der Gruppe der Arbeit(er)suchenden. Er wollte das, was um ihn herum passierte, aus einem neuen Blickwinkel sehen – die unverblümte Wirklichkeit – und die Welt nicht durch die Brille seiner Vorurteile betrachten. Er wollte die Menschen aus der Perspektive Jesu sehen lernen, nach einem Ort suchen, wo ihm der Auferstandene begegnen konnte – mitten im Großstadttrubel. Voll Freude kehrte er abends nach Hause zurück. Er hatte an diesem Tag fünf Mal staunend seine Schuhe und vor allem seine Vorurteile ausgezogen.

Eine Frau stoppte beim Gang durch die Stadt an einen Drogenumschlagplatz in der Nähe einer U-Bahnstation. Sie mied diesen Ort sonst, besonders wegen des Lärmes, der dort herrschte. An einem „Tag der Besinnung“ jedoch ging sie ganz bewusst zu diesem Junkie-Treffpunkt und nahm die Menschen, die ihr so fremd waren, in den Blick. Sie zog die „Schuhe ihres Herzens“ – ihren Hochmut, ihre Verurteilungen aus. Staunend blieb sie in Sichtweite zu der Gruppe stehen. Als sie beobachtete, wie diese Leute miteinander umgingen, tat ihr das in der Seele weh. Aber sie sah auch ganz zärtliche Szenen: wie Menschen achtsam mit denen umgingen, die in ihrem Rausch die Orientierung verloren hatten. Fast unbemerkt hatte sie ihre Schuhe ausgezogen. Sie hatte mit den Füßen „sehen“ und „fühlen“ gelernt.

Die Schuhe ausziehen – das ist also ein Bild für die Bereitschaft, aufmerksam und mit Respekt die Menschen seiner Umgebung wahrzunehmen.

Auch in der Bibel ist an einer Stelle vom Schuheausziehen die Rede. „Zieh die Schuhe aus!“, sagte Gott zu Mose, als dieser sich mitten in der Wüste neugierig einem brennenden Dornbusch näherte, dessen Zweige nicht verbrannten (siehe 2. Mose 3,5). Mose sollte seine Schuhe ausziehen, weil er auf heiligem Boden stand. Und dann sah er etwas, was er gerade eben noch nicht wahrgenommen hatte: Mitten in den Dornen des Lebens erkannte er die Liebe Gottes, die den Menschen erwärmt, aber ihn nicht verbrennt. Mose wurde bewusst: Sein Volk litt große Not und wartete intuitiv auf seine Befreiung. Und Gott wollte ihn – als 80-Jährigen – dafür in seinen Dienst nehmen.

Gehst du auch manchmal bestimmten Leuten aus dem Weg? Ich will dich ermutigen: Nähere dich ihnen einmal und sei gespannt darauf, was du entdecken wirst … Wage es, die hochhackigen Schuhe, in denen man so leicht auf andere herabsehen kann, auszuziehen. Oder die Turnschuhe, mit denen man so schnell die Flucht vor einer bestimmten Situation ergreifen kann. Oder die bunten Schuhe der Eitelkeit. Natürlich kann keiner das Ergebnis voraussehen. Doch wenn wir uns mit Gott an der Seite auf dieses Abenteuer einlassen – und zu den Menschen gehen, die unbeachtet oder sogar an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, dann bekommt das Leben eine neue Kraft.

Weitere Anregungen dafür, mitten in der Stadt auf andere aufmerksam zu werden und bewusst wahrzunehmen, was um uns herum geschieht, findest du unter www.strassenexerzitien.de und in dem kleinen Buch „Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße„, das im Echterverlag erschienen ist.

Aus: Verena Keil / Nicole Schol. Pimp your Faith. 77 Ideen, die deinen Glauben nach vorn bringen. Taschenbuch, 240 Seiten Gerth Medien http://www.gerth.de/index.php?id=201&sku=816592