Im Angesicht der Schöpfungswunde

Straßenexerzitien-Wochenende am Garzweiler II-Tagebau, 12.-14.11.2021

„Gott, du mein Gott, dich suche ich“. Mit diesen Worten aus dem 63. Psalm starteten wir zu dritt am zweiten Novemberwochenende in unseren ersten Straßenexerzitientag am Braunkohletagebau Garzweiler. Um flexibel zu sein, waren wir mit einem Wohnmobil gekommen und standen im Dorf Keyenberg, wenige hundert Meter entfernt vom „Loch“. In diesen zwei Tagen wollten wir uns von der lebendigen Geistkraft führen lassen.

Nach dem Morgengebet machen wir uns auf. Die Umgebung des Dorfes wirkt idyllisch: Felder im Novembernebel, Pferde, die auf der Wiese grasen, in der Ferne sind Ortschaften mit Kirchtürmen zu sehen. Nur von einem kleinen Erdhügel umgrenzt ist das Bekannte jedoch plötzlich überschritten. Vor mir gähnt ein riesiges Loch. „Heiliger Boden“? Groß bis zum Horizont und unschätzbar tief, mit kahlen Hängen aus Erde, Sand und Kohle am Grund liegt es da. Nichts ist mehr dort, wo vorher auf Äckern Nahrungsmittel angebaut wurden, wo in Dörfern Menschen gelebt haben, wo sie ihr Zuhause hatten, ihre Familie und ihre Freund:innen. Fehlen, Abwesenheit.

Die „Schöpfungswunde“ reißt im eigenen Innern fast körperlich und verschlägt mir die Sprache, es breitet sich Traurigkeit aus. Nach gar nicht langer Zeit kommt Security und macht mich unsanft darauf aufmerksam, dass der Boden, auf dem ich stehe, Eigentum der RWE sei und ich ihn zu verlassen hätte. Mutter Erde – angeeignet und ausgenutzt von einem riesigen Energiekonzern. Ich gehe also ins Dorf. In Keyenberg sehe ich leere Geschäfte, verwilderte Vorgärten, verlassene Häuser mit herunter gelassenen Rollos. Das, was Menschen sich hier über Jahrzehnte und Generationen aufgebaut haben, der Ort, an dem sie geboren wurden, miteinander gelebt haben, z.T. gestorben sind, ist jetzt auch „Eigentum der RWE“. Trostlosigkeit liegt wie eine erdrückende Decke über dem Dorf. Selbst die Kirche ist geschlossen. Ganz wenige Häuser sind noch bewohnt, fast trotzig wirken die herausgeputzten Vorgärten, die sauberen Fenster und doch ist Resignation auch hier spürbar. Wie lebt es sich wohl als letzte/r Bewohner/in einer Straße – ohne Nachbar:innen, ohne Vereine, ohne Schule, Geschäfte, Gemeindeleben…? Ich sehne mich nach Trost und Schönheit angesichts dieser Zerstörung.

Am Nachmittag verabreden wir uns zum Besuch der Messe. Sie muss draußen vor der Kirche von Kuckum stattfinden, weil die Kirche selbst verschlossen bleibt: Sie soll entwidmet werden. Die Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“ hat den Gottesdienst vorbereitet. Als Leitfaden dient der Satz: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Wir sind hier immerhin ungefähr 20 Menschen und fühlen uns ermutigt. Als wir gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen, ist für mich erstmals Hoffnung spürbar: So geborgen, „erwarten wir getrost, was kommen mag“. Gott ist anwesend, hier unter uns Menschen. In ihm geborgen mit unserer Verzweiflung und Angst über die Folgen der Klimakatastrophe. Ganz zart öffnet sich ein neuer Horizont.

Am Abend treffen wir die meisten Teilnehmenden des Gottesdienstes beim Lichtergang in Lützerath wieder. Dieses Dorf unmittelbar am Rand der Kohlegrube ist schon halb abgerissen worden. Dort formiert sich der Widerstand der Klimaschützer:innen sichtbar in Form von Baumhäusern und einer großen Zeltstadt auf einer Wiese – an diesem regnerischen Wochenende versinkt sie im Matsch. Meine Achtung für diejenigen, die hier in der Kälte leben, um weiteren Abbau zu verhindern, wächst. Die Menschen, die am Lichtergang teilnehmen, haben Laternen mitgebracht und erinnern mit Fackeln an verschiedenen Stellen des Rest-Ortes an Aktionen des Widerstandes in Lützerath.

Zu Beginn erzählt eine ältere Frau, wie sie „mit vier alten Frauen“ den Abriss der Landstraße 277 zu verhindern versuchten. Zu dem Zeitpunkt waren sie allein. Eingekesselt von der Polizei mussten sie dem Abriss zusehen. Ältere Frauen machen den Anfang und widerstehen. Eine adventliche Stimmung breitet sich aus:  Durch die aufgestellten Fackeln wird es heller im Rest-Dorf, das Licht nimmt zu – Symbol der Hoffnung an diesem dunklen Ort. Wir kommen mit unserem Zug an der „Eibenkapelle“ vorbei. Die Bäume bilden einen kleinen Raum, in dem gebetet wird, Kerzen flackern in der Dunkelheit, Bilder von Ikonen sind gleich neben dem gelben Kreuz, das aus Gorleben hierher getragen wurde, aufgestellt. Hier wird Gott offenbar von vielen Menschen angebetet. Hier zu sein lässt in mir das Vertrauen und die Überzeugung wachsen, dass Gott stärkt für den Widerstand gegen den Raubbau an unserer Erde.

Am nächsten Morgen beten wir gemeinsam das Abschlussgebet aus der Enzyklika „Laudato si“. Wie schutzwürdig unsere Mutter Erde ist, haben wir hier unmittelbar erfahren. Und ein Zitat von Hannah Malcolm wird uns gesandt und ermutigt uns mit ihrer Aussage: „Ich entscheide mich dafür, zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, wichtig ist, ob Hospizarbeit oder prophetischer Widerstand, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das ist möglich, weil unsere Aufgabe die Auferstehung ist – die Aufgabe, Leben aus dem Tod zu bringen“.

Gabriele Spliethoff, 21.11.2021

David: Die weitreichenden Folgen einer Begegnung

Die weitreichenden Folgen einer Begegnung Knapp 15 amerikanische Studierende der Landschaftsarchitektur sitzen in einem Raum und lauschen gespannt und leicht irritiert den Ausführungen und Ideen eines wohnungslosen Deutschen. Wie kommt es zu der überraschenden Szene? Um dies zu verstehen müssen wir knapp drei Monate in der Zeit zurückgehen.

Ich bin David und im Sommer nehme ich an Straßenexerzitien, in der Kirche der Obdachlosenseelsorge in Köln teil. Diese finden direkt vor meiner neuen Tätigkeit als Honorardozent für amerikanische Studierende statt. Als Landschaftsarchitekt arbeite ich inzwischen seit 15 Jahren, als Dozent habe ich auch schon mehrfach gearbeitet. Diese Exerzitien gönne ich mir als Auszeit vor dem spannenden neuen Projekt.

Die Exerzitien sind anstrengend, aber sie tun mir auch gut. Während dieser Zeit lerne ich Lothar einen Kölner Wohnungslosen kennen und schätzen. Wir sind ein einer Austauschrunde und sind uns sympathisch.

Die Exerzitien vergehen und meine neue Tätigkeit beginnt. Die Studierenden sollen unter anderem drei Spezialkonzepte für einen Platz erstellen, eines der Themen ist die Gestaltung bei einem hohen Nutzerdruck, also möglichst viele menschliche Interessen zu erfüllen. Die Arbeit geht gut voran.

Nach einigen Wochen bin ich das erste Mal wieder in der Innenstadt (in der ich eher selten bin) und gehe an Lothars Platz vorbei. Er ist da und ich setze mich zu ihm. Wir erzählen, wie es uns ergangen ist. Ich erzähle von den Studierenden, Lothar erzählt von einer Stadtführung, die er gegeben hat. Da habe ich eine Idee. Statt mit den Studierenden über mögliche Nutzungen durch Menschen, wie zum Beispiel Lothar, zu sprechen, könnte man Lothar selber fragen und einladen. So frage ich ihn, ob er kommen und uns etwas drüber erzählen würde, wie seiner Meinung nach ein guter Platz aussehen müsste. Lothar stimmt sofort zu.

Zwei Wochen später sitzt er vor den Studierenden, zeichnet auf dem Smartbord und erklärt Ideen und Ansichten. Da sein Englisch im üblichen Mittelfeld liegt, übersetzt eine Angestellte der Akademie für ihn. Zuerst trauen sich die Studierenden kaum Fragen zu stellen. Beide Seiten sind ein wenig vorsichtig. Nach einiger Zeit fällt es leichter. Die Studierenden fragen Lothar zu seinem Konzept, zu den Bedürfnissen und Wünschen von Menschen auf der Straße. Eine Vorsicht auf Grund der unbekannten Situation ist noch immer da, aber auch eine Kommunikation auf Augenhöhe mit Wertschätzung.​

Für die Studierenden war es eine außergewöhnliche Erfahrung. Sie wirken bewegt und auch nach-denklich. Den restlichen heutigen Tag kam das Thema immer wieder auf. Konzepte wurden umgeändert und ergänzt. Als Lothar nach seinem Vortrag geht habe ich den Eindruck, auch er ist zufrieden und erfüllt. Wenn ich ihn demnächst wieder besuche, werde ich es ihn fragen. Und wer weiß, vielleicht erzählt er den Studierenden im nächsten oder übernächsten Semester ja wieder etwas.

Die Straße als Anders-Ort — Gott auf der Straße begegnen? Wie soll das gehen?

Looking for a sign? This is it!

Bericht von Straßenexerzitien in Essen

Einen Eindruck davon erhielten fünf interessierte Frauen am 10.09.2020. Pater Lutz Müller SJ hatte ins Abuna-Frans-Haus nach Essen-Frohnhausen eingeladen. Der Leitgedanke des „Schnuppertags Straßenexerzitien“ war, Gott an einem ungewöhnlichen und ungewohnten Ort zu suchen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde führte Pater Müller in das Format ein: Bei Straßenexerzitien sind die Teilnehmenden auf der Straße unterwegs. Sie folgen den Bewegungen der eigenen Sehnsucht. Lassen sich ein auf ungewohnte Lebenswelten — oft auf Menschen am Rande der Gesellschaft. So üben sie, sich selbst, den anderen und Gott darin zu begegnen. Die Leitfragen des ersten Schnuppertages entwickelte Pater Müller aus dem Gleichnis des brennenden Dornbusches. Was ist (m)ein heiliger Ort für diesen Tag? Wo und wie verlasse ich meine Komfortzone und gehe dorthin, wo es unangenehm wird?

Nach diesem Einführungsimpuls ging es für die fünf Frauen bei strahlendem Sommerwetter hinaus. Vier Stunden Zeit lagen nun vor den Teilnehmerinnen. Zeit für Begegnungen mit dem Innen und Außen, mit dem eigenen Herzen oder Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Einige Teilnehmerinnen verzichteten dabei auf jegliche Hilfsmittel wie Handy, Geld oder die Fahrkarte für den ÖPNV. Für andere war die Fahrt mit der Straßenbahn die erste Begegnung mit Menschen, die ebenfalls unterwegs waren. Wieder andere ließen mit dem Fahrrad die Welt an sich vorbeiziehen.

Um 15 Uhr traf sich die Gruppe wieder im Garten des Abuna-Frans-Hauses. Eine intensive Zeit lag hinter den Teilnehmerinnen, die nun nacheinander von ihren Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen berichteten – und die ihre eigenen Antworten auf die Leitfragen gefunden hatten. Der Austausch über diese Antworten rundete den Tag ab. Sechs Stunden intensiver Erfahrungen lagen hinter den Teilnehmerinnen, die sie als „Urlaub vom Alltag“, „Auszeit“ oder „wertvollen Impuls“ bezeichneten. Alle Frauen dankten dem Gastgeber und der Organisatorin, Barbara Weß, Kollegin aus dem Fachbereich Integration und Migration, von Herzen. Damit verbunden war der innige Wunsch, diese Veranstaltung zu wiederholen. Wir dürfen gespannt sein: Frau Weß und Pater Müller haben bereits mit den Planungen für eine weitere Veranstaltung begonnen.

Erfahrungen von Strassenexerzitien unter Corona-Bedingungen

"Coronakrise in Berlin" by tim.lueddemann is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Lutz Müller SJ

Einzelexerzitien in Köln

Als ein gelungenes Experiment habe ich es empfunden, als ich Ende Mai 2020 Strassenexerzitien in Köln machte. Unter Corona-Bedingungen ist es ja herausfordernd, auf der Straße unterwegs zu sein. Abstand, Hygienemaßnahmen und Alltagsmaske stellen mich auf die Probe, wie ernst und konsequent ich dies auf der Straße befolge. Folgendes war für mich gut lebbar:

  • Ich suchte mir ein gastfreundliches Kloster, das mich als Einzelgast aufnahm. Das waren die Karmelitinnen, bei denen ich auch täglich die hl. Messe mitfeierte.
  • Da ich allein ohne Gruppe unterwegs war, suchte ich mir einen Begleiter, der sich täglich eine halbe Stunde Zeit nahm.
  • Die Stadt Köln bietet Wohnungslosen, Obdachlosen und anderen Armen eine gute Infrastruktur der Hilfe. Mir scheint, dort ist ein guter Ort, um Strassenexerzitien zu machen.

So hatte ich einen Rahmen vorgefunden und geschaffen, unter dem ich dies ausprobieren wollte. Als mein Hauptplatz stellte sich die Treppe vor dem Hauptbahnhof heraus, direkt unterhalb des Domes. Das ist ein Platz voller Menschen mit vielen Bewegungen. Dort passieren nicht nur Reisende aus aller Welt, sondern viele Kölner machen dort Pause; die Straßenreinigung hält den Platz im 30 Minuten Takt sauber, weil es ein Vorzeigeobjekt ist; mehrere Gruppen von Obdachlosen treffen sich, über den Tag verteilt. Verschiedene Künstler versuchen dort ihr Glück, Menschen anzuziehen. Es herrscht aber ein solches Gewusel auf dem Platz, dass fast alle nach kurzer Zeit entnervt weiterziehen zum Domplatz hinauf.

Ich lernte auch den Neumarkt kennen, ein Treffpunkt von Dealern und Drogenkonsumenten. Ein sehr verschmutzter, großer, unappetitlicher Platz, wo ich mich nur unwohl fühlte. Am Appellhofplatz war es einsam, dort trafen sich meist nur einige Männer, die ich vom HBF her kannte. Eine Kontaktaufnahme gelang mir nicht.

Zur Verpflegung: Der Sozialdienst katholischer Männer verteilte wochentags eine Frühstückstüte. Oft war die Schlange der Anstehenden länger und größer als die Zahl der Tüten. Dort fiel mir die Kontaktaufnahme leicht. Mit einem der Männer kam ich intensiver ins Gespräch. Als er anfing, mich über meinen Herkunftsort Essen auszufragen, welche Anlauforte es dort gäbe, merkte ich, wie wenig ich über meine Stadt wusste….

Die Pfarrei St. Maria in der Kupfergasse verschenkte täglich ab 14 Uhr belegte Brote in großer Menge. Dort waren auch immer Leute unterwegs. So kam ich in puncto Ernährung gut über die Runden.

Zur Begleitung: Unter der einfühlsamen Begleitung von Markus Röntgen wurden mir zusätzliche Aspekte meines Weges bewusst. Täglich traf ich ihn für 30 Minuten in einer Kirche in Bahnhofsnähe zum Gespräch. Es war schön, einen kompetenten Kollegen zu erleben, der aus eigener Erfahrung informiert Fragen stellte, Anteil nahm an den Fragmenten meiner Tage, mir zuhörte und mich so begleitete. Sehr interessant waren seine selbst verfassten Haikus (japanische Kurzgedichte) von Begegnungen mit dem Selbst und dem Fremden.

Mit Maske war es mühsamer als ohne, aber es ging. Auf der Treppe am Bahnhof konnte ich gut auf Abstand achten. Da ich eine knappe Woche mich täglich dort aufhielt, konnte ich wiederholt mit einigen Obdachlosen gut in Kontakt kommen. So merkte ich, wie sehr sie sich umeinander kümmerten, sie Blickkontakt mit den Polizeistreifen hielten, sie sich auf Fremde wie mich einließen, die nicht auf ihre Bettelaktionen reagierten. Schwierig fand ich die Gruppe rumänischer (?) Bettler, die systematisch die Region um Dom und HBF abliefen. Als ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, konnten sie kein deutsch.

Ein Novum war für mich meine Intuition, mich unter die Flaschensammler zu mischen. Das war eine vielschichtige Erfahrung. Ich spürte an mir Ekel, in dunkle Mülleimer zu fassen wegen des Drecks; Frust, wenn jemand anders vor mir gerade alles abgegrast hatte und ich also leer ausging; Ambivalenz, wenn ich anderen Sammlern begegnete; Scham, wenn mich andere Passanten dabei beobachteten; eine Mischung von Erfolgsfreude und Peinlichkeit, wenn ich die Flaschen in einem Discounter einlöste… Ich merkte, wie diese Sammler allein unterwegs waren. Das Flaschensammeln ist eine Aktivität, die den Tag füllen kann.

Ob ich dabei irgendwann Gott begegnet bin, weiß ich nicht. In jedem Fall bin ich Brüdern und Schwestern von der Straße begegnet. Manchmal entstand eine Nähe, meistens blieb Fremdheit. Vielleicht war das der verborgene Gott…

Kurs in Essen

Nach meiner Woche in Köln folgte bald darauf mein Kurs in Essen, den ich ausgeschrieben hatte als Veranstalter und Begleiter. Drei Teilnehmende rangen sich trotz Corona durch (allerdings ohne Lockdown Bedingungen) und kamen ins Abuna-Frans-Haus. Eine Woche verbrachten sie in der Ruhrmetropole, die sich gut eignet für Straßenexerzitien. Drei Personen konnte ich gut in Einzelzimmern in unserem Haus, das eine WG mit Flüchtlingen beherbergt, unterbringen. Wie üblich, gab es morgens einen Morgenimpuls mit Frühstück, tagsüber waren alle unterwegs auf der Straße, abends kochte meist eine/einer aus der Gruppe ein Abendessen vor der Austauschrunde. Diese nenne ich lieber „Lesezeit“, weil es darum geht, die Erfahrungen des Tages miteinander aufzunehmen, stehen zu lassen und zu lesen. Mir scheint, das Wort „Lesezeit“ bringt dies deutlicher zum Ausdruck als der Begriff „Austauschrunde“.

Unsere Eucharistiefeiern fanden fast jeden Tag an einem anderen Ort statt. Meist konnten wir Elemente aus der Lesezeit des Vortags integrieren. So feierten wir im Park, an einem Brunnen, im Gewerbegebiet, vor einer verschlossenen Kirche, im Garten und in der Kirche.

Die Teilnehmenden machten naturgemäß ganz verschiedene Erfahrungen, je nachdem wie sie unterwegs waren: allein, mit Fremden, barfuß, kommunikativ oder schweigsam, mit persönlicher Agenda, suchend, mit oder ohne Geld, mit oder ohne Handy, mit oder ohne Blasen an den Füßen, sich öffnend oder sich verschließend, …

Es ergaben sich verschiedene Räume innerhalb der Straßenexerzitien: ein Bibliolog, ein Grillabend, eine Fußwaschung, Begegnungen mit den Flüchtlingen des Hauses, gemeinsames Kochen,…

Am letzten Tag, ein Sonntag, hielt ich in der Gemeindemesse eine Predigt zu den Straßenexerzitien. Ich freute mich sehr, als alle drei Teilnehmenden sich entschlossen, ein Zeugnis einzubringen und etwas von ihren Erfahrungen auf der Straße mit der Gemeinde zu teilen. So stand Corona nicht täglich im Mittelpunkt, prägte dennoch den Umgangsstil miteinander, verhinderte aber nicht die Exerzitien.

Kann ein Lächeln verloren gehen?

Lächeln

von Christoph Albrecht SJ

Ein Mann, der einsam ist, ein Pfarrer, der ihn nicht anschaut, ein Lächeln, das verloren geht. Auch mir hätte schon mal ein bewusster, wohlwollender Blick genügt, um die tiefe Sehnsucht nach Leben zu stillen. Umso wertvoller meine Erfahrungen mit Exerzitien auf der Straße.

«Nach dem Gottesdienst stand der Pfarrer am Ausgang der Kirche und grüßte alle, auch wenn er wegen der Corona-Krise niemandem die Hand geben konnte. Leider hat er mich nicht angeschaut.» Das sagte mir kürzlich ein Mann, der öfters unter Einsamkeit leidet.

Auch ich erinnere mich an Situationen, wo ich gerne Beachtung gefunden hätte, ein bewusster, wohlwollender Blick hätte genügt. Doch der kam nicht. Ein schleichendes, dumpfes Gefühl, für andere nicht zu existieren, überkam mich damals. Ist es dem Menschen auf dem Kirchplatz auch so ergangen? Was hätte ein bewusster Blickkontakt bei ihm wohl verändert? Was hätte die Begegnung beim betreffenden Pfarrer ausgelöst? Ich kenne ihn. Er ist nicht einer, der über die Köpfe der Menschen hinwegblickt. Es mag ein dummer Zufall gewesen sein. Wenn er einen Fehler gemacht hat, dann lag dieser wohl in der Meinung, viele Menschen im gleichen Moment persönlich begrüßen zu können. Das ist eine vorprogrammierte Überforderung.

Ich wollte nun meinerseits das eben Ausgesprochene nicht überhören und fragte nach: «Hättest du gerne mit ihm gesprochen?» Er: «Nein, ich hätte ihn in diesem Moment nicht aufhalten wollen, aber ich hätte ihm gerne mein Lächeln geschenkt. – Weißt du», sagte er weiter, «wir übersehen so viele Dinge im Leben, die uns glücklich machen wollen. Hätte er mich nicht übersehen, wären wir beide beschenkt weitergegangen. Auch ich übersehe immer wieder Dinge und nur manchmal bemerke ich im Nachhinein überhaupt, dass ich was übersehen habe. Unsere Aufmerksamkeit ist so begrenzt, dass ich mich manchmal frage, ob wir nicht halbblind durchs Leben gehen. Würden wir all das wahrnehmen, was uns an Eindrücken geschenkt wird, wären wir vielleicht auch dankbarer für die Fülle eines Tages. Oder würden wir das Leben kaum aushalten, weil wir wohl auch mehr negative Eindrücke zu verarbeiten hätten?»

Unser Gespräch entwickelte sich weiter. Worauf sind wir aufmerksam? Und worauf nicht? Was steuert unseren Blick auf die Welt? Erkennen wir nur, was wir bewusst beachten, oder sind wir fähig, uns von etwas völlig Neuem überraschen zu lassen, sozusagen aus dem Nichts  Aufmerksamkeit für etwas zu entwickeln, das wir vorher nie beachteten? Ich musste an wichtige Erfahrungen während den Exerzitien auf der Straße denken. Das sind geistliche Übungen, wo wir nicht in einem Bildungszentrum oder in einem Kloster meditieren, sondern irgendwo in der Stadt. Die Gruppe der Übenden trifft sich zwar jeden Abend mit den Begleiter*innen am Ort einer einfachen Unterkunft, doch tagsüber lässt sich jede und jeder so, wie es gerade möglich ist, auf das ein, was ihr oder ihm unterwegs begegnet. Offen für Menschen und für Begebenheiten, die ich sonst schnell mal übersehe, komme ich dabei immer auch mit meiner eigenen tiefen Sehnsucht nach Leben in Kontakt. Seltsam und fast paradox, dass meine sowieso immer beschränkte Aufmerksamkeit auf wesentliche Dimensionen meines Lebend gelenkt wird, ohne dass ich das planen könnte.

Ich bin froh um die Erfahrungen der Straßenexerzitien. Sie ermutigen mich, auch im Alltag nicht ängstlich und angestrengt nach den Lücken meiner Aufmerksamkeit zu suchen, sondern mich bewusst immer wieder in eine Stimmung zu versetzen, in der ich ansprechbar bleibe für andere Menschen, interessiert, neue, mir unbekannte Phänomene wahrzunehmen, und größere oder feinere Zusammenhänge zu erkennen.

Vielleicht haben Sie in diesem Sommer Gelegenheit und Zeit, unverplant und unverzweckt an Orten zu verweilen, wo man nicht nur mit bestimmten Privilegien hinkommt.

Vielleicht mögen Sie die Geschichte von Mose (in der Bibel Exodus 2 und 3) lesen. Eines Tages geht Mose als Schafhirt über das Gewohnte hinaus in die Wüste. Er entdeckt einen brennenden Dornbusch, der nicht verbrennt. Er hat also hingeschaut und bemerkt, dass hier etwas ungewöhnliches vor sich geht. Als er näher kommen möchte, hört er eine Stimme, er soll seine Schuhe ausziehen, er stehe auf heiligem Boden. Und dann spricht die Stimme seinen eigenen tiefen Schmerz an: «Ich habe die Not meines Volkes gesehen, ich habe ihre Schreie gehört.» Mose wird aufmerksam auf eine Wirklichkeit, die weit über seine eigenen Sorgen hinausgeht und ihn doch auch persönlich betrifft. Er kann es nicht fassen und schöpft doch einen unglaublichen Mut für neue Schritte in eine Richtung, die er sich nie von selbst zugetraut hätte.

Oder vielleicht inspiriert Sie diese Kurzgeschichte. Vielleicht eben nicht nur an Weihnachten…

Ins Herz Gottes gelangen

Weihnachten

schien mir eine gute Gelegenheit,

das Kloster jenseits der Zeit aufzusuchen.

Am Fuss des Aufstiegs jedoch sass ein blinder Bettler,

und als ich näher kam,

um ihm ein wenig Geld zu geben,

hörte ich ihn wimmern:

«Wer nimmt mich mit ins Herz Gottes?»

Unmöglich konnte ich weitergehen.

Wer würde ihn ins Herz Gottes mitnehmen?

Ich setzte mich ihm gegenüber.

Ich nahm seine Hände.

«Gemeinsam», sagte ich,

«gemeinsam werden wir ins Herz Gottes gelangen».

Aus: Theophan, Das Kloster jenseits der Zeit

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Schweizer Jesuiten.

Abendmahl mit Schokoriegel: Klaus Mertes über seine Erfahrung mit Straßenexerzitien

Schokoriegel WunderBar

Klaus Mertes ist Jesuit. Er wurde bundesweit bekannt, als er vor 10 Jahren als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin sexuellen Mißbrauch in der Institution bekannt machte. Heute ist er Rektor des Kollegs in St. Blasien.

In einem Interview mit dem ZEITmagazin erzählt er, wie er von Gegnern in der Kirche verleumdet wurde, und sich ausgegrenzt führlte. Er habe es beim Katholikentag nicht mehr über mich gebracht, zur großen Eucharistiefeier zu gehen.

ZEITmagazin: Was macht man als Kirchenmann, wenn einem das wichtigste Miteinander der Kirche, das Abendmahl, zuwider wird?

Mertes: Ich habe „Exerzitien auf der Straße“ gemacht, eine geistliche Übung, bei der man ohne Ziel rausgeht ins Freie: mittellos, planlos und offen für das, was einem begegnet. Um ein Mittagessen in der Obdachlosenküche zu bitten, das kostete echte Überwindung. Ich musste, biblisch gesprochen, meine Schuhe ausziehen: die Schuhe des Helfers, des Lehrers, der Überlegenheit und des Status. Und dann saß beim Essen ein Obdachloser neben mir, der sah, dass ich keinen Schokoriegel als Nachtisch habe. Er nahm seinen, brach ihn durch und gab mir die Hälfte. – Genau die Geste Jesu am Tisch mit den Jüngern. Und plötzlich hatte das Abendmahl wieder Sinn.

Klaus Mertes begleitet regelmäßig auch Exerzitien auf der Straße.

Wenn Menschen das Heilige im Alltäglichen entdecken

von Anja Schmitz

„Exerzitien“ bedeutet „Übung“. Ich verbinde damit Tage der Stille und inneren Einkehr, abgelegen in einem Kloster. Doch „Straßenexerzitien“?

Auf der Internetseite lese ich: „Das wahrzunehmen und wahr sein zu lassen, was in mir und um mich herum ist. Das sind Regungen, Bewegungen, Situationen, meine Umwelt, meine Mitmenschen und die Beziehung zu ihnen – und darin die Spur des Geheimnisses, das wir Gott nennen.“ Gebannt lese ich weiter und mir wird klar: Das ist nicht nur eine geistige Übung. Das ist, wie ich leben möchte.

Gottessuche und Selbsterkenntnis

Wenn ich ohne bestimmtes Ziel in die Welt gehe, mir Zeit nehme, mit den neugierigen Augen eines Kindes die Welt betrachte und offen für Unerwartetes bin, kommt es vor, dass kleine Details mich ansprechen, dass sich Gespräche mit Fremden ergeben oder kurze Augenblicke zum Wendepunkt in meinem Leben werden. Es geht darum, Schweigen als innere Haltung zu erlernen, die es mir ermöglicht, Dinge um mich herum wirklich wahrzunehmen und nicht nur das Gewohnte zu sehen und zu denken.

Vorurteile kann ich nicht einfach abstellen, aber wenn ich aufmerksam nicht nur nach außen, sondern auch nach innen schaue, kann ich sie wahrnehmen und betrachten. Wenn ich spüre, dass sie mich einengen, kann ich mich bewusst entscheiden, sie abzulegen. Im bewussten Betrachten meiner inneren und der äußeren Welt, ohne im Hamsterrad des Alltags zu stecken, kann ich Gott begegnen. Er manifestiert sich in Menschen, in Worten, in Situationen, in mir. Das Heilige ist mittendrin in alltäglichen Situationen, wenn ich nur genau hinschaue.

Gott auf der Straße entdecken

Nicht das abgeschiedene Kloster, sondern „die Straße“ ist hier das ideale Umfeld. Unterschiedlichste Menschen, Szenen, die sich vor meinen Augen abspielen: banal und alltäglich, aber auch konfrontierend, irritierend, befremdend. Hier kann ich bis an die Grenzen meiner Toleranz kommen. Wenn der andere mir dann ein Stück entgegen kommt, kann eine Begegnung stattfinden, in der sich Gott offenbart. Jesus sagt: Ich bin der Weg. Ich übersetze es: Ich bin die Straße.

Straßenexerzitien praktisch

Auf der Internetseite finde ich verschiedene Angebote in diversen deutschen Städten. Nur zwei oder bis zu zehn Tage lang kann man sich auf dieses Experiment einlassen. Auf dem Kirchentag in Dortmund gibt es ein dreistündiges Angebot zum Kennenlernen.

Das Zusammenleben in der Gruppe in einer spartanischen Unterkunft gehört zum Programm. Nach einem gemeinsamen Tagesbeginn geht man seiner eigenen Wege und lässt sich inneren oder äußeren Impulsen folgend durch die Stadt treiben.

Ganz wesentlicher Bestandteil ist der abendliche Austausch mit den anderen Teilnehmern und den Kursleitern. Das in Worte fassen der Erlebnisse und die Resonanz der anderen hilft, das Erlebte einzuordnen, oft wird erst hier die Bedeutung klar. Im Zuhören und Wahrnehmen, im Schweigen und ganz da sein lebt man auch hier die Grundhaltung der Straßenexerzitien weiter.

Ich bin fest entschlossen, bei nächster Gelegenheit an Straßenexerzitien teilzunehmen. Und ich erhoffe mir davon, eine neue Grundhaltung für meinen Alltag zu erlernen. Ich stelle mir vor, dass ich lernen kann, das Heilige in jedem Augenblick zu erkennen.

Meine rosafarbene Daunenjacke

U-Bahnhof Leopoldplatz

von Lena Monshausen / kontinente

Der Alltagsstress hält uns alle gefangen. Jeder kennt das Gefühl, nur noch zu funktionieren und von A nach B zu hasten. Auf der Suche nach sich selbst in den Straßen von Berlin – ein Selbstversuch.

Meine Welt gleicht sozusagen einer Hängematte. Ich stehe jeden Morgen auf, gehe zur Arbeit, gehe danach vielleicht einkaufen, treffe Freunde. Ich esse, ich schlafe. Jeden Tag das gleiche. Ich funktioniere in meinem Alltag, aber ist es wirklich das, was mich als Person ausmacht? Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich die Alltagsroutine wie eine Kette um den Hals legt, Glied für Glied. Wie schaffe ich es bloß, diese Fessel loszuwerden? Mich wieder selbst zu spüren?

Die Katholiken kennen die Tradition der Exerzitien schon lange – seit dem 16. Jahrhundert geben sie nach Ignatius von Loyola Anleitungen für Gebete, Meditationen und Besinnung. Ich wage stattdessen einen Selbstversuch: Straßenexerzitien im Herzen Berlins. Das Angebot ist in den 90-er Jahren von dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz geprägt worden, eine wachsende bundesweite ökumenische Gemeinschaft bietet seitdem Straßenexerzitien an. Mit einem geistlichen Impuls und emotionaler Begleitung werden die Teilnehmer auf die Straße geschickt – um schließlich sich selbst, und vielleicht auch Gott, im Alltag zu begegnen. „Ich bemerke seit einigen Jahren eine vermehrte Sehnsucht der Menschen, sich wieder selbst begegnen zu wollen“, sagt Marita Lersner. Die evangelische Pfarrerin ist heute meine Begleiterin. Im Vorgespräch in ihrer Gemeindekirche sagt sie: „Das wichtigste ist die Zwecklosigkeit.“ Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum etwa 100 solcher Begleiter für Straßenexerzitien.

Nichts
Als ich losgehen soll, sträubt sich in mir alles. Ich habe nichts bei mir, kein Handy, kein Geld, keinen Plan. Was mache ich denn in den nächsten zwei Stunden? Ich stehe auf der Straße, eine große Kreuzung, die Ampel gerade auf grün strömen die Menschen links und rechts an mir vorbei. Ich gehe mit. Bin langsam. Setze Fuß vor Fuß, die Hände in den Taschen, der Schal fest um meinen Hals gewickelt. An der Seestraße entlang, Richtung Leopoldplatz. Sie sind alle schneller als ich. Die Fassade zu meiner rechten wird gerade neu gebaut: ein hölzerner Fußgängertunnel verengt den Gehweg. Ich merke, wie ich den vorbeihastenden Passanten ein Hindernis bin. Ich hole tief Luft.

Andere wahrnehmen
Eine Frau ist damit beschäftigt, sich eine rosafarbene Daunenjacke überzustreifen. Der rechte Arm ist schon in der Jacke, während sie Mühe hat, den linken ebenfalls in den engen Ärmel zu schieben. Ihre strähnigen blonden Haare werden von einer roten Strickmütze mit Ohren bedeckt. Eine große Plastiktüte trägt sie bei sich, aus der Tasche ihres Fleecepullis ragt eine Packung Zigaretten. Gleich fallen die Zigaretten. In einem Hauseingang verharrt sie, bemüht sich, den Pullover unter der Jacke auszuziehen, denn die rosafarbene Jacke wird sie besser warmhalten. Die Zigaretten fallen. Ich friere. Der eisige Wind zieht beißend meine Beine hoch und unter die Jacke. Eine Passantin sieht die Zigarettenpackung auf dem Boden liegen, hebt sie auf – und nimmt sie mit. Am liebsten würde ich ihr hinterhereilen, ‚Das sind doch gar nicht Ihre Zigaretten!‘
Ich gehe weiter. Gehe zur U-Bahn-Station am Leopoldplatz, die Stufen runter. Erleichtert lasse ich die Schultern wieder fallen und entspanne meinen Kiefer. Mein Herz pocht noch, ich hätte was machen müssen, die Welt ist doch ungerecht.

Normalerweise finden die Angebote der Straßenexerzitien über mehrere, bis zu zehn Tage statt. Die Teilnehmer sind auf der Straße zwar alleine, bilden aber eine Gruppe und treffen sich abends nach ihren Erlebnissen wieder im gemeinsamen Kreis. Im Austausch mit den geistlichen Begleitern und der Gruppe begreifen sie häufig erst, was sie am Tag erlebt haben und lassen auch die anderen an ihren Erfahrungen teilhaben. Gemeinsam wird außerdem während dieser Zeit gekocht und gewohnt, meist in einfachen Unterkünften in Schlafsäcken. Jeder gibt so viel zum Unterhalt, wie er bezahlen kann.

Spüren die mich überhaupt?
Am Gleis der U6 nach Alt-Tegel sitze ich auf einer Bank. Links und rechts sind die Sitze frei.  Zwei Männer lassen sich rechts von mir nieder. Sie sind ins Gespräch vertieft, beachten mich gar nicht. Ich bleibe sitzen. Der eine nippt an seiner Bierflasche, sein Blick verwirrt, er lallt schon morgens. Der andere gestikuliert und stellt auf seiner linken Hand eine zerlaufene Tätowierung zur Schau. Links neben mich setzt sich plötzlich ein Mann im Handwerkeranzug. Ich rutsche auf meinem Sitz hin und her. Die Hände im Schoß. Putze mir die Nase. Rücke mein Stirnband zurecht. Ich spüre die anderen viel zu nah an mir, aber sie spüren mich nicht. Die U6 rattert regelmäßig von links in den Bahnhof, die Türen quietschen, Menschen hasten aus dem Wagen und andere hasten hinein. Der Mann zu meiner Linken muss niesen, ich biete ihm ein Taschentuch an. Er will es nicht. Jeder ist für sich alleine hier.

Ich bin mein eigener Halt
Ich halte die Nähe nicht mehr aus und stürze die Treppe zum Leopoldplatz hinauf. Ich atme tief durch und lasse das Sonnenlicht in mein Gesicht scheinen. Gehe mit großen Schritten über den Platz, muss weg von den Menschen. Um bei mir zu sein. Ich folge der Sonne, durch den Schatten muss ich rennen. Weg von der Kälte. Auf einem Spielplatz sehe ich eine Schaukel – eine Schaukel in der Sonne. Ich schaukle in die Sonne und jauchze wie ein Kind ob der wieder gewonnenen Freiheit. Am höchsten Punkt habe ich das Gefühl, die weißen Wölkchen im strahlend blauen Himmel berühren zu können. Meine Arme halten mich in der Waagerechten. Ich bin mein eigener Halt im Hier und Jetzt – und muss lächeln. Vielleicht ist es auch Gott, der mir Halt gibt. Aber das will ich jetzt nicht entscheiden.

Marita Lersner sprach von dem Mut, die Kontrolle abzugeben. Die Kontrolle über seine Zeit, seine Wege und Ziele. Für eine kurze Zeit bin ich aus meinem eigenen Leben herausgetreten und in das Leben auf der Straße eingetaucht. Meine Sorge galt den anderen, das Erlebte lässt mich erkennen, dass auch ich mich selbst darum kümmern muss, mir eine warme Daunenjacke anzuziehen.

Zeit zum Nachdenken
Das wird mir allerdings erst klar, als ich wieder mit meiner Begleiterin spreche, die mich nach meinem Spaziergang auf der Straße im Warmen empfängt. Es brauchte eine Zeit des Nachdenkens und des Darübersprechens, um seine eigenen Sorgen wahrzunehmen. Menschen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters nehmen an den regelmäßigen Angeboten für Straßenexerzitien teil. „Gerade diejenigen Menschen, die in ihrem Stress oft versinken, kommen manchmal gar nicht auf die Idee, dass eine spirituelle Suche nach sich selbst durchaus im Alltag stattfinden kann“, sagt sie. „An den Orten, die man sonst auch besucht – aber mit Menschen, die man sonst nicht wahrnimmt.“ Ich freue mich auf meine Hängematte.