Was haben mir 2016 die „Straßenexerzitien“ in Berlin gezeigt?

Lebe dein Leben (Foto:Kathrin Happe)

Von Lore Weber

Der Begriff „Exerzitien“ war für mich besetzt von dem Verständnis eines Erlebens der inneren Hinwendung zu Gott. In den Strassenexerzitien fand ich ein ganz anderes Verständnis: Jesus unter den Menschen und zwischen den Menschen zu erleben. Er, der von sich sagt, dass Er die Strasse ist – „ich bin der Weg…..“ (Joh. 14,6) – Ihm wollte ich in und bei den Menschen begegnen und Seine Sprache verstehen, wenn Er sagt: „kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid.“ (Mat 11,28). „Was haben mir 2016 die „Straßenexerzitien“ in Berlin gezeigt?“ weiterlesen

Straßenexerzitien auf dem Katholikentag 2016

Rucksackberge_klein (Foto: Gabriele Hesse)

Rucksackberge (Foto: Gabriele Hesse)

Auf dem Katholikentag 2016 in Leipzig haben sich an zwei Tagen jeweils gut 50 Menschen für 2 Stunden auf die Straße begeben mit Lk 10, 1-9 als Impuls. Darin gibt Jesus uns folgendes mit auf den Weg:

Geht!
Ich sende euch wie Schafe mitten unter die W
Nehmt keinen Geldbeutel mit,
keine Vorratstasche und keine Schuhe!
Grüßt niemand unterwegs! (k 10, 3-4)

 

Viele haben ihre Taschen und Geldbeutel weggelassen.

Verein für Liebesübungen

Heute ging ich recht spontan in Halle (Saale) eine Stunde auf die Straße – ohne große Erwartungen und Vorsätze. Und doch wurde ich mit einer überraschenden Einsicht beschenkt.

Auf meinem Weg kam ich an einen Laternenpfosten. Dort sah ich einen kleinen Aufkleber: Verein für Liebesübungen stand drauf, unter einem Foto, auf dem ein Mann eine Schimpansin küsst.

Das Wortspiel mit dem Vereinsnamen des VfL Halle 96 ging mir in der Folge weiter durch den Kopf.

Eigentlich, so erschien es mir, sind wir mit den Straßenexerzitien nichts anderes: ein „Verein für Liebesübungen“.

Denn „Gott ist Liebe“ – und wenn wir auf die Straße gehen, um Gott zu begegnen, dann begegnen wir letztlich seiner Liebe.

Exerzitien sind „Übungen“, und bei Exerzitien auf der Straße üben wir ein, Gottes Liebe auf den Straßen zu sehen, und zu erwidern.

Auf meinem Weg durch Halle drangen dann Posaunenklänge an mein Ohr. „Am Brunnen vor dem Tore“ und andere Volkslieder, angestimmt im Garten des Gemeindehauses der evangelischen Paulusgemeinde, aus Anlass eines Frühlingsfestes für Einheimische und Flüchtlinge.

Eine bunte Runde saß da zusammen, über alle Nationen und Hautfarben vereint. Ganz unspektakulär und doch so schön.

„Verein für Liebesübungen“ – so kam es mir dann vor – das könnte auch eine gute Beschreibung für die Kirche sein. Denn „Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave oder Freier, sondern alles und in allen Christus“, so schreibt Paulus über die Urkirche. Und Christus, das ist Liebe.

Vielleicht ist das unser Auftrag in der heutigen Zeit mehr denn je: Verein für Liebesübungen zu werden. Was denkt ihr?

 

 

München: Treffen der Begleiter/innen von Straßenexerzitien

Jeder Kurs von Straßenexerzitien wird begleitet von meist vier oder mehr ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleitern. Ihre Aufgabe ist es, die Teilnehmer in ihren Erfahrungen geistlich zu begleiten.

Jedes Jahr trifft sich der Kreis ehrenamtlicher Begleiter von Straßenexerzitien zu einem Jahrestreffen, um sich auszutauschen. Vom diesjährigen Treffen in München berichtet Iris Weiss (zuerst auf dem Naunynblog veröffentlicht):

Für mich war es das erste Treffen der Begleiterinnen und Begleiter von Straßenexerzitien, an dem ich am letzten Januarwochenende im spirituellen Zentrum St. Martin in München teilgenommen habe. Vierzig Menschen aus Deutschland, der Schweiz (2) und Frankreich (2) hatten sich angemeldet.

Einige bekannte Gesichter würde ich dort wohl treffen, aber großenteils würde ich auf Unbekannte stoßen – so meine Vorstellung. Einige Begleitende kenne ich, weil sie in der Naunynstraße zu Besuch waren, dort Straßenexerzitien in der Form von Einzelexerzitien machten oder als Begleitende von Straßen-exerzitien dort wohnten. Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich feststellte, daß ich fast drei Viertel der Anwesenden bereits kannte. Ich traf sozusagen auf unbekannte Bekannte – oder andersrum, wie man es nimmt 😉 Bei der Vorstellungsrunde sollten wir uns mit einer (noch) unbekannten Person zusammentun und uns zu einer Impulsfrage austauschen (z.B. wann und in welcher Situation hast du zum ersten Mal von Exerzitien auf der Straße erfahren). Es gab mehrere Durchgänge mit unterschiedlichen Fragen und mit wechselnden Unbekannten. Ich hatte richtig Schwierigkeiten unter den bis zu diesem Zeitpunkt Anwesenden so viele Unbekannte zu finden. Von einigen Leuten, die im letzten Jahr seit ich dazugekommenbin in der Naunynstraße waren, hatte ich gar nicht gewußt, daß sie zum Kreis der Begleiterinnen und Begleiter gehören.

Das Vorbereitungsteam hatte Lebensmittel gekauft, die Räume und das Abendessen vorbereitet. Alles andere lag in der Verantwortung der gesamten Gruppe. Wir sammelten die Fragestellungen, die uns auf dem Herzen lagen und entwickelten daraus, welche Themen bedacht werden sollten.

So wurde etwa der Stellenwert einzelner “Basics” in den Blick genommen und daraufhin befragt, was diese aus der Sicht von Teilnehmenden und aus der Sicht von Begleitenden bedeuten. Welchen Stellenwert hat die abendliche Erzählrunde, in der Erfahrungen des Tages benannt werden können? Wie ist das mit den abendlichen Gottesdienst als freiwilligem oder verbindlichem Angebot? Mit großer Offenheit und großem Respekt konnten die unterschiedlichen Sichtweisen thematisiert werden.

Christian wies darauf hin, daß in Zukunft der Anteil der Priester, die Straßenexerzitien begleiten werden, kleiner werden wird. Von daher werden die Begleitenden vor der Herausforderung stehen, in der jeweiligen Situation kreativ Gottesdienstformen zu entwickeln und andere Arten von Impulsen auszuprobieren. Diese Realität war mir bis dahin noch gar nicht in den Blick gekommen, weil bei den Straßenexerzitien, die ich bis jetzt begleitet habe, immer mindestens ein katholischer Prieser und eine evangelische Pfarrerin begleitet haben.

Ein besonderes Highlight am Samstagabend war die Lesung aus dem Buch über Straßenexerzitien (Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen), das im Februar 2016 erscheinen wird. Erst beim Begleitertreffen im letzten Jahr war die Idee zu diesem Buch entstanden. Sechs Interessierte haben sich zusammengefunden und innerhalb eines Jahres das Buch auf den Weg gebracht. Dreißig Teilnehmende haben ihnen dabei geholfen indem sie eigene Erfahrungen mit Exerzitien auf der Straße aufgeschrieben haben. So ist eine gute Mischung aus Theorie und praktischen Erfahrungen entstanden. Und aus diesem Erfahrungsschatz wurde vorgelesen. Bei einem solchen Vorhaben finde ich es eine anspruchsvolle Aufgabe, die Balance zu finden, an Persönlichem Anteil zu geben und doch die Distanz so zu wählen, daß die spirituelle Intimsphäre des Einzelnen gewahrt bleibt. Das fand ich bei den Erfahrungsberichten, die ich gehört habe, sehr gelungen.

Die Anteilnahme und das Interesse wie es in der Naunynstraße nach dem Weggang von Christian weitergehen wird, war sehr groß. Deshalb machten wir dazu am Sonntagmorgen eine Runde, in der Christian, Michael und ich unsere unterschiedlichen Sichtweisen und auch die Prozesse, in denen wir sind, zur Sprache bringen konnten. Ich fragte am Anfang meines Beitrages, wer noch nicht in der Naunynstraße gewesen ist. Es meldeten sich gerade mal zwei Leute. Mir hat das nochmals deutlich gemacht, daß die Gruppe der Begleitenden eine Verbindung zur Naunynstraße hat ohne daß mir das vorher so bewußt gewesen wäre. Auch nach einzelnen Mitbewohnern wurde gefragt. Und als noch viele Lebensmittel übrig waren, hieß es: “Das kann doch die Naunynstraße brauchen”.

Den Abschluß des Treffens bildete ein Gottesdienst, in dem wir die Texte, die in der evangelischen Kirche an diesem Sonntag dran waren, zu uns sprechen ließen und im gemeinsamen Austausch (deutsch und französisch) auf die Straßenexerzitien bezogen.

In der Lesung aus Jesaja 55 hieß es:

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben…”

Im Gleichnis vom Sämann (Lukas Kapitel 8,4 ff) ging es um die Saat, die auf ganz unterschiedlichen Boden fällt und was mit ihr passiert:

Als wieder einmal eine große Menschenmenge aus allen Städten zusammengekommen war, erzählte Jesus dieses Gleichnis: “Ein Bauer säte Getreide aus. Dabei fielen ein paar Saatkörner auf den Weg. Sie wurden zertreten und von den Vögeln aufgepickt. Andere Körner fielen auf felsigen Boden. Sie gingen auf, aber weil es nicht feucht genug war, vertrockneten sie. Einige Körner fielen zwischen die Disteln, in denen die junge Saat bald erstickte. Die übrige Saat aber fiel auf fruchtbaren Boden. Das Getreide wuchs heran und brachte das Hundertfache der Aussaat als Ertrag.”

Gottesdienst 3
Gottesdienst mit einer senegalesischen Trommlergruppe

Ein besonderes Geschenk waren einige geflüchtete junge Männer aus dem Senegal, die regelmäßig im spirituellen Zentrum St. Martin trommeln. Sie brachten sich als Muslime mit einem Gebet und später mit ihren Trommeln ein. Christian ermutigte sie – soweit sie das wollten – auch zu den Texten etwas zu sagen. Dann teilten wir Wasser und Brot miteinander. Mich hat berührt, daß die Senegalesen sich als Glaubende an verschiedenen Stellen im Gottesdienst einbringen konnten und nicht auf die exotische Sonderrolle derer reduziert wurden, die etwas Musikalisches “beitragen” durften wie ich das leider schon erlebt habe.

Auch wenn ich danach müde war, so hatte dieses Wochenende für mich etwas Ermutigendes und Stärkendes. Wer von den Teilnehmenden mag, kann gerne in den Kommentaren noch ergänzen, was hier noch nicht oder zu wenig benannt ist.

Männerexerzitien in München ein Bericht

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Barefoot in Munich

Download des Artikels im Journal of Missional Practice hier

Can God be found on the streets of Munich? Munich, of all places, a city of wealth, pride and power with its designer stores and business headquarters?

It was Father Christian Herwartz SJ who encouraged us, a group of men from all over Germany, to believe just that. He had practiced ‘Street Exercises’ in Kreuzberg, a neighborhood in Berlin famous for its rebellious spirit. So we met in St. Martin’s Lutheran Church, slept on the balcony of the sanctuary, met for breakfast and prayer in the mornings and then set off individually into the bustle and noise of the streets.

Cities are the deserts of the 21st century. Brick and concrete walls radiate the loneliness that pervades these places, just as the rocks and sand did when the desert fathers moved away from the centers of worldly Christianity to find God afresh.

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Besuch an Europas FestungsMAUER

Die Medien haben in den letzten Wochen groß berichtet, dass Deutschland an der Grenze zu Österreich Kontrollen einführt. An einer anderen Grenze sind diese Kontrollen seit Jahren Standard. Es gibt dort auch eigens eingerichtete Gefängnisse, um Flüchtlinge einzusperren und schnell wieder abschieben zu können. Eines dieser Gefängnisse befindet sich auf dem Gelände des Flughafens Berlin-Schönefeld wie auch an mehreren anderen internationalen Flughäfen in Deutschland.

Ein Hinsehen soll verhindert werden. Dem Jesuitenpater Christian Herwartz wurde seit dem 3.10.2012 verboten, wie auch in den Jahren darauf eine Mahnwache vor dem Flughafengefängnis in Schönefeld abzuhalten. Auch eine Klage hatte zunächst keinen Erfolg. Nun hat jedoch der Bundesgerichtshof  entschieden, dass der Staat seine Gefängnisse nicht derart verstecken darf. Die erste Mahnwache direkt vor dem Flughafengefängnis wird nun stattfinden.

Seit Jahren sterben Tausende Menschen auf dem Weg nach Deutschland und Europa, weil sie sich in die Hände von Schleppern begeben müssen. Doch auch in der aktuellen Debatte spielt es kaum eine Rolle, dass die Europäische Union Bürgerkriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte „in die Boote zwingt“, obwohl eine Flucht per Flugzeug und ohne Schlepper für sie viel billiger wäre.

Auch wenn das Flughafengefängnis in Schönefeld derzeit als Asylbewerberunterkunft genutzt wird, steht es beispielhaft für die Leben vernichtende Politik Deutschlands und Europas. Die Mahnwache gibt die Gelegenheit, sich dieser Situation bewusst zu werden. Sie findet statt am 3. 10. 2015 um 15 Uhr.

Wegbeschreibung: Vom S-Bahnhof Schönefeld auf der vierspurigen Straße 200 Meter Richtung Schönefeld gehen, dann nach links abbiegen und den Schildern „Luftfracht – CargoZentrum“ folgen. Gegenüber vom CargoZentrum ist die Haftanstalt in einem Flachbau, aktuell Asylbewerberheim. (etwa 10 Minuten Fußweg). Genaue Position: goo.gl/maps/cyYFe

Weiter Informationen finden Sie unter flughafenverfahren.wordpress.com.

Handzettel-Mahnwache-03-10-2015

Grenznah ignatianisch leben

Von Patrick Jutz

Die GCL (Gemeinschaft Christlichen Lebens) Italien hat ein einzigartiges Projekt organisiert.  Seit Juli 2015 leben immer mindestens drei Wochen jeweils sechs Freiwillige im Haus der Jesuiten in Ragusa. Man/Frau lebt und betet mit den Jesuiten und arbeitet tagsüber im Flüchtlingslager dieser sizilianischen Stadt am Mittelmeer.

Organisiert und geleitet wird das Flüchtlingsprojekt in Ragusa von GCLern aus Italien und Spanien, Freiwillige kommen aus vielen Ländern der Welt. In den ersten Monaten wollten viermal mehr Freiwillige das Projekt besuchen als Plätze vorhanden waren. Eingeladen sind alle Menschen mit ignatianischer Lebensweise und sie werden ermutigt, einmal vertrautes Terrain zu verlassen und an die Europagrenze zu gehen. Eine Grenze, die für viele Menschen auf der anderen Seite zum Tod führt und die von uns mit so vielen Mitteln verteidigt wird.

Mich erinnert dieses Projekt an das Leben von Mose. Der war auch Flüchtling, wurde in der Fremde aufgenommen und arbeitete als Viehhirte. Eines Tages geht er über die Steppe hinaus, übertritt also eine Grenze, die ein professioneller Hirte nicht überschreiten sollte, aber genau da begegnet er Gott – im brennenden Dornbusch. Dies wünsche ich mir, meine Professionalität ablegen können und Grenzen zu überschreiten, in der Hoffnung dann IHM begegnen zu dürfen.

Ingrid und ich werden im November auch dort sein. Seit zwei Jahren engagieren wir uns für Flüchtlinge in unserer Stadt Ettlingen. Als wir von diesem Projekt hörten, waren wir sofort begeistert. Die ignatianische Lebensweise zu vertiefen und sich den Flüchtlingsschicksalen zu stellen, fernab der Heimat, wie es uns schon viele vorgelebt haben, darauf freuen wir uns. Da mein Urlaub dafür nicht mehr ausgereicht hätte, habe ich einen Sabbat-Monat genommen.

Das Projekt ist bisher geplant bis Januar 2016, aber ich hoffe doch, dass dieses Mutmach-Projekt verlängert wird. Abhängen wird dies sicher auch davon, wie gut die Finanzierung gesichert ist. Immerhin wurden für die ersten sechs Monate ca. Eur 25.000 veranschlagt. Für eine bessere Betreuung des Projektes wird noch ein Auto auf Spendenbasis gesucht (Es wäre aber wichtig, dass ein neuer TÜV vorhanden ist und es technisch die lange Fahrt bis Sizilien mit hoher Wahrscheinlichkeit übersteht 😉
Wer also ein Auto für das Flüchtlingsprojekt spenden möchte, kann sich melden bei:
Patrick Jutz.

Wir bitten um Euer Gebet für unseren Einsatz und alle Menschen in Ragusa und in der Flüchtlingsarbeit weltweit.

Gottesdienste auf der Straße

Erfahrungen von zwei Gottesdiensten auf der Straße

Von zwei Gottesdiensten während Straßenexerzitien berichten Elisabeth Steiff, Martina Fröhlinger, Christian Herwartz, Nadine Gatzweiler

Gottesdienst zu Gefangensein und Befreiung an einem ehemaligen Frauengefängnis

Bei der Gottesdienstvorbereitung begleitete uns das Thema „Befreiung“. Was lag näher als Ort dafür ein Gefängnis zu wählen?! Angewärmt war dieser Ort durch einen Teilnehmer, der am Tag vorher mit einem Audioguide auf den Spuren eines ehemaligen Frauengefängnisses war. In der anderen Austauschgruppe war das Thema „Respekt“ virulent. So konnten wir beides miteinander verbinden.

Mit einer kurzen Statio begannen wir, um für den Weg dorthin aufmerksam und ausgerichtet zu sein. Die Leitfrage lautete: Mit welchem Ziel bin ich auf dem Weg zu einem Gefängnis? Welche Schuhe möchte ich ausziehen? Die Schuhe der Distanz, der Ausgrenzung, des Besser Wissens, der Verachtung, der Überheblichkeit usw. jeder und jede möge eigene Konkretisierungen für sein Leben finden.

In einem gemeinsamen Gang, die Entfernung betrug etwa 15 min, erreichten wir einen hellblauen Streifen auf dem Boden, der den Weg zum Gefängnis weist. Dort waren Zitate von ehemaligen Insassinnen auf den Boden geschrieben, die verschiedene Empfindungen und Erfahrungen widerspiegeln:

„Da ist nachts, sie wollen schlafen, dann hören Sie wie jemand fürchterlich schreit“ – „Naja, die Frauen schreien“ –  „Ich hab so fest dran geglaubt“ –  „Sie ist leichtsinnig, dass sie sich so dafür einsetzt“ – „Das würde sich ja ausbreiten“ – „wenn man alles weiß und trotzdem nichts macht.“

An der Gedenktafel angekommen, standen wir vor einem eingezäunten Gelände, das heute ein Verkehrsübungsplatz für Kinder ist. Von dem Gefängnis steht kein Stein mehr. Vielleicht gerade gut. Somit konnte die Geschichte eines jeden Einzelnen mehr an Bedeutung gewinnen. Dieses Gefängnis gab es von 1864 bis 1972. In fünf verschiedenen Regimen wurden ausreichend Gründe gefunden, Frauen, die anders waren oder andere Meinung waren, hier einzusperren. Auch Rosa Luxemburg war  dort eingesperrt und zu DDR-Zeiten wurde ihre Zelle als Gedenkraum mit frischen Blumen versehen. Die Widersprüchlichkeit war ein großes Thema, ebenso der Umgang mit schwangeren Gefangenen inklusive Entbindungsstation.

Um uns zu ermöglichen, unsere eigene Lebenssituation mit diesem Ort zu verbinden und unsere eigenen Mauern zu spüren, wählten wir die biblische Geschichte von Zachäus: Wo spüre ich das Gefängnis in mir? Wo versuche ich auszubrechen und gebe meiner Sehnsucht nach? Wo erfahre ich Befreiung? Zachäus begegnet uns als der Privilegierte, der Macht hat und gerade darum von der Gemeinschaft ausgeschlossen und gemieden wird. Sein Leben im Reichtum macht ihn jedoch nicht wirklich satt. Darum sucht er die Nähe zu Jesus. Um dorthin zu gelangen, nützen ihm seine Privilegien nichts, es gibt keine Logenplätze für Reiche auf der Straße und so wird er aktiv und sucht sich einen Ort, der ihn gleichzeitig vor den Blicken der anderen verbirgt. Mit seiner brennenden Sehnsucht in einer Art Versteck sitzend, wird er von Jesus gesehen und erhält die Zusage, dass er ihn als Gast empfangen darf. Wo begegnet uns Jesus und lädt sich bei uns ein?

Es war bestimmt kein Zufall, dass gerade in diesem Augenblick jemand mit Schlüssel kam, um uns Zugang zu dem Gelände zu ermöglichen. Mit den Anregungen der Bibelstelle schritt jede und jeder Teilnehmende das Gelände in Stille auf die je eigene Weise ab, manch einer legte sich sogar auf den Boden. Nach dem gemeinsamen Lied „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ mündete die persönliche Zeit im gemeinsamen Fürbittgebet im Kreis stehend.

Sich gemeinsam als Exerzitiengruppe auf die Straße zu machen, war für viele nach einem vollen Tag eine gewisse Herausforderung; für viele wirkte das Erlebnis noch nach und sie nahmen das Thema im Austausch und am nächsten Tag auf der Straße nochmal auf.

Gottesdienst zum Körper als heiliger Tempel auf dem Spielplatz

Während der Begleitung der vorausgegangenen Tage hatten wir gespürt, dass viele Teilnehmer/-innen das Thema „Körper- Sexualität“ beschäftigte; auch eine Missbrauchserfahrung war angesprochen worden. Deshalb beschlossen wir, den Körper als heiligen Boden zum Thema des Gottesdienstes zu machen und seine Schönheit der Körperfeindlichkeit, wie sie viele TeilnehmerInnen in der katholischen Kirche immer wieder wahrnehmen, gegenüberzustellen.

Nach einer Einführung in das Thema im Garten der Unterkunft lasen wir dort Jes 43,4

„Weil du so wert bist vor meinen Augen, geachtet, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb; darum gebe ich Menschen an deine Statt und Völker für deine Seele.“

Dann gingen wir gemeinsam auf den Kinderspielplatz in der angrenzenden Grünanlage. Dort ließen wir uns auf den Steinen, die den Sandkasten begrenzten, bzw. im Sand selbst nieder. Als Antwort beteten wir gemeinsam Auszüge aus Psalm 139 wie zum Beispiel die Verse 13-15:

„Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen.“

Als Evangelium hatten wir Mt 21,12-17 (Jesus reinigt den Tempel) ausgewählt. Ausgehend von der Idee, dass unser Körper Tempel Gottes ist, fragten wir nach dem, was wir „rauswerfen“, wozu wir Nein sagen müssen, um unseren Körper respektieren und seine Würde achten zu können. Dazu gehören neben krankmachenden Gewohnheiten/Süchten auch alle Vorstellungen, die den Körper als eine Art „Ware“ ansehen. Jesus sagt, dass der Tempel ein Ort des Gebetes sein soll – und so ist unser Körper ein Ort der Begegnung mit Gott, weil er uns über die Sinne die Erfahrung seiner Gegenwart ermöglicht. Gleichzeitig schafft er z.B. über den Atem eine enge Verbindung zu der uns umgebenden Welt, die wir mit allen Lebewesen teilen. Darüber hinaus kann nur über das Einswerden zweier Körper neues Leben entstehen.

Diesen Gedanken folgte ein intensiver und persönlicher Austausch der TeilnehmerInnen über die (Un-) Fähigkeit, den eigenen Körper so anzunehmen, wie er uns gegeben wurde oder sich z.B. durch Alter, Krankheit etc. verändert.

Nach der Tempelreinigung heilt Jesus im Tempel Blinde und Lahme. An anderer Stelle heilte Jesus einen Blinden, dem er einen Brei aus Spucke und Erde auf die Augen strich. Als Zeichen für dieses Heilwerden und unsere Verbundenheit mit dem Körper der Erde strichen wir uns gegenseitig (nach entsprechender Rückfrage) etwas Brei aus Wasser und dem Sand, in  und vor dem wir saßen, auf verschiedene Körperstellen. Mit dem Vaterunser schlossen wir den Gottesdienst ab, der bei einigen Teilnehmenden noch intensiv in die Austauschrunde einbezogen wurde. Auch die Schaukeln konnten im Anschluss noch ausprobiert werden.

Es war sehr fruchtbar, die Themen, die in der Gruppe da waren im Gottesdienst aufzugreifen, ja vielmehr noch davon auszugehen und dann einen Ort und eine Bibelstelle dazu zu suchen. Die Teilnehmenden hat das sehr berührt und auch wir konnten uns noch einmal intensiver den Themen nähern. Ein weiterer Aspekt, der dafür spricht, Gottesdienste auf der Straße zu machen, ist in der Unplanbarkeit und Offenheit des Tages zu bleiben, sich aber gemeinsam auf den Weg zu machen und so auch ein gemeinsames Thema und eine Mitte zu finden.