Grenznah ignatianisch leben

Von Patrick Jutz

Die GCL (Gemeinschaft Christlichen Lebens) Italien hat ein einzigartiges Projekt organisiert.  Seit Juli 2015 leben immer mindestens drei Wochen jeweils sechs Freiwillige im Haus der Jesuiten in Ragusa. Man/Frau lebt und betet mit den Jesuiten und arbeitet tagsüber im Flüchtlingslager dieser sizilianischen Stadt am Mittelmeer.

Organisiert und geleitet wird das Flüchtlingsprojekt in Ragusa von GCLern aus Italien und Spanien, Freiwillige kommen aus vielen Ländern der Welt. In den ersten Monaten wollten viermal mehr Freiwillige das Projekt besuchen als Plätze vorhanden waren. Eingeladen sind alle Menschen mit ignatianischer Lebensweise und sie werden ermutigt, einmal vertrautes Terrain zu verlassen und an die Europagrenze zu gehen. Eine Grenze, die für viele Menschen auf der anderen Seite zum Tod führt und die von uns mit so vielen Mitteln verteidigt wird.

Mich erinnert dieses Projekt an das Leben von Mose. Der war auch Flüchtling, wurde in der Fremde aufgenommen und arbeitete als Viehhirte. Eines Tages geht er über die Steppe hinaus, übertritt also eine Grenze, die ein professioneller Hirte nicht überschreiten sollte, aber genau da begegnet er Gott – im brennenden Dornbusch. Dies wünsche ich mir, meine Professionalität ablegen können und Grenzen zu überschreiten, in der Hoffnung dann IHM begegnen zu dürfen.

Ingrid und ich werden im November auch dort sein. Seit zwei Jahren engagieren wir uns für Flüchtlinge in unserer Stadt Ettlingen. Als wir von diesem Projekt hörten, waren wir sofort begeistert. Die ignatianische Lebensweise zu vertiefen und sich den Flüchtlingsschicksalen zu stellen, fernab der Heimat, wie es uns schon viele vorgelebt haben, darauf freuen wir uns. Da mein Urlaub dafür nicht mehr ausgereicht hätte, habe ich einen Sabbat-Monat genommen.

Das Projekt ist bisher geplant bis Januar 2016, aber ich hoffe doch, dass dieses Mutmach-Projekt verlängert wird. Abhängen wird dies sicher auch davon, wie gut die Finanzierung gesichert ist. Immerhin wurden für die ersten sechs Monate ca. Eur 25.000 veranschlagt. Für eine bessere Betreuung des Projektes wird noch ein Auto auf Spendenbasis gesucht (Es wäre aber wichtig, dass ein neuer TÜV vorhanden ist und es technisch die lange Fahrt bis Sizilien mit hoher Wahrscheinlichkeit übersteht 😉
Wer also ein Auto für das Flüchtlingsprojekt spenden möchte, kann sich melden bei:
Patrick Jutz.

Wir bitten um Euer Gebet für unseren Einsatz und alle Menschen in Ragusa und in der Flüchtlingsarbeit weltweit.

Gottesdienste auf der Straße

Erfahrungen von zwei Gottesdiensten auf der Straße

Von zwei Gottesdiensten während Straßenexerzitien berichten Elisabeth Steiff, Martina Fröhlinger, Christian Herwartz, Nadine Gatzweiler

Gottesdienst zu Gefangensein und Befreiung an einem ehemaligen Frauengefängnis

Bei der Gottesdienstvorbereitung begleitete uns das Thema „Befreiung“. Was lag näher als Ort dafür ein Gefängnis zu wählen?! Angewärmt war dieser Ort durch einen Teilnehmer, der am Tag vorher mit einem Audioguide auf den Spuren eines ehemaligen Frauengefängnisses war. In der anderen Austauschgruppe war das Thema „Respekt“ virulent. So konnten wir beides miteinander verbinden.

Mit einer kurzen Statio begannen wir, um für den Weg dorthin aufmerksam und ausgerichtet zu sein. Die Leitfrage lautete: Mit welchem Ziel bin ich auf dem Weg zu einem Gefängnis? Welche Schuhe möchte ich ausziehen? Die Schuhe der Distanz, der Ausgrenzung, des Besser Wissens, der Verachtung, der Überheblichkeit usw. jeder und jede möge eigene Konkretisierungen für sein Leben finden.

In einem gemeinsamen Gang, die Entfernung betrug etwa 15 min, erreichten wir einen hellblauen Streifen auf dem Boden, der den Weg zum Gefängnis weist. Dort waren Zitate von ehemaligen Insassinnen auf den Boden geschrieben, die verschiedene Empfindungen und Erfahrungen widerspiegeln:

„Da ist nachts, sie wollen schlafen, dann hören Sie wie jemand fürchterlich schreit“ – „Naja, die Frauen schreien“ –  „Ich hab so fest dran geglaubt“ –  „Sie ist leichtsinnig, dass sie sich so dafür einsetzt“ – „Das würde sich ja ausbreiten“ – „wenn man alles weiß und trotzdem nichts macht.“

An der Gedenktafel angekommen, standen wir vor einem eingezäunten Gelände, das heute ein Verkehrsübungsplatz für Kinder ist. Von dem Gefängnis steht kein Stein mehr. Vielleicht gerade gut. Somit konnte die Geschichte eines jeden Einzelnen mehr an Bedeutung gewinnen. Dieses Gefängnis gab es von 1864 bis 1972. In fünf verschiedenen Regimen wurden ausreichend Gründe gefunden, Frauen, die anders waren oder andere Meinung waren, hier einzusperren. Auch Rosa Luxemburg war  dort eingesperrt und zu DDR-Zeiten wurde ihre Zelle als Gedenkraum mit frischen Blumen versehen. Die Widersprüchlichkeit war ein großes Thema, ebenso der Umgang mit schwangeren Gefangenen inklusive Entbindungsstation.

Um uns zu ermöglichen, unsere eigene Lebenssituation mit diesem Ort zu verbinden und unsere eigenen Mauern zu spüren, wählten wir die biblische Geschichte von Zachäus: Wo spüre ich das Gefängnis in mir? Wo versuche ich auszubrechen und gebe meiner Sehnsucht nach? Wo erfahre ich Befreiung? Zachäus begegnet uns als der Privilegierte, der Macht hat und gerade darum von der Gemeinschaft ausgeschlossen und gemieden wird. Sein Leben im Reichtum macht ihn jedoch nicht wirklich satt. Darum sucht er die Nähe zu Jesus. Um dorthin zu gelangen, nützen ihm seine Privilegien nichts, es gibt keine Logenplätze für Reiche auf der Straße und so wird er aktiv und sucht sich einen Ort, der ihn gleichzeitig vor den Blicken der anderen verbirgt. Mit seiner brennenden Sehnsucht in einer Art Versteck sitzend, wird er von Jesus gesehen und erhält die Zusage, dass er ihn als Gast empfangen darf. Wo begegnet uns Jesus und lädt sich bei uns ein?

Es war bestimmt kein Zufall, dass gerade in diesem Augenblick jemand mit Schlüssel kam, um uns Zugang zu dem Gelände zu ermöglichen. Mit den Anregungen der Bibelstelle schritt jede und jeder Teilnehmende das Gelände in Stille auf die je eigene Weise ab, manch einer legte sich sogar auf den Boden. Nach dem gemeinsamen Lied „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ mündete die persönliche Zeit im gemeinsamen Fürbittgebet im Kreis stehend.

Sich gemeinsam als Exerzitiengruppe auf die Straße zu machen, war für viele nach einem vollen Tag eine gewisse Herausforderung; für viele wirkte das Erlebnis noch nach und sie nahmen das Thema im Austausch und am nächsten Tag auf der Straße nochmal auf.

Gottesdienst zum Körper als heiliger Tempel auf dem Spielplatz

Während der Begleitung der vorausgegangenen Tage hatten wir gespürt, dass viele Teilnehmer/-innen das Thema „Körper- Sexualität“ beschäftigte; auch eine Missbrauchserfahrung war angesprochen worden. Deshalb beschlossen wir, den Körper als heiligen Boden zum Thema des Gottesdienstes zu machen und seine Schönheit der Körperfeindlichkeit, wie sie viele TeilnehmerInnen in der katholischen Kirche immer wieder wahrnehmen, gegenüberzustellen.

Nach einer Einführung in das Thema im Garten der Unterkunft lasen wir dort Jes 43,4

„Weil du so wert bist vor meinen Augen, geachtet, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb; darum gebe ich Menschen an deine Statt und Völker für deine Seele.“

Dann gingen wir gemeinsam auf den Kinderspielplatz in der angrenzenden Grünanlage. Dort ließen wir uns auf den Steinen, die den Sandkasten begrenzten, bzw. im Sand selbst nieder. Als Antwort beteten wir gemeinsam Auszüge aus Psalm 139 wie zum Beispiel die Verse 13-15:

„Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen.“

Als Evangelium hatten wir Mt 21,12-17 (Jesus reinigt den Tempel) ausgewählt. Ausgehend von der Idee, dass unser Körper Tempel Gottes ist, fragten wir nach dem, was wir „rauswerfen“, wozu wir Nein sagen müssen, um unseren Körper respektieren und seine Würde achten zu können. Dazu gehören neben krankmachenden Gewohnheiten/Süchten auch alle Vorstellungen, die den Körper als eine Art „Ware“ ansehen. Jesus sagt, dass der Tempel ein Ort des Gebetes sein soll – und so ist unser Körper ein Ort der Begegnung mit Gott, weil er uns über die Sinne die Erfahrung seiner Gegenwart ermöglicht. Gleichzeitig schafft er z.B. über den Atem eine enge Verbindung zu der uns umgebenden Welt, die wir mit allen Lebewesen teilen. Darüber hinaus kann nur über das Einswerden zweier Körper neues Leben entstehen.

Diesen Gedanken folgte ein intensiver und persönlicher Austausch der TeilnehmerInnen über die (Un-) Fähigkeit, den eigenen Körper so anzunehmen, wie er uns gegeben wurde oder sich z.B. durch Alter, Krankheit etc. verändert.

Nach der Tempelreinigung heilt Jesus im Tempel Blinde und Lahme. An anderer Stelle heilte Jesus einen Blinden, dem er einen Brei aus Spucke und Erde auf die Augen strich. Als Zeichen für dieses Heilwerden und unsere Verbundenheit mit dem Körper der Erde strichen wir uns gegenseitig (nach entsprechender Rückfrage) etwas Brei aus Wasser und dem Sand, in  und vor dem wir saßen, auf verschiedene Körperstellen. Mit dem Vaterunser schlossen wir den Gottesdienst ab, der bei einigen Teilnehmenden noch intensiv in die Austauschrunde einbezogen wurde. Auch die Schaukeln konnten im Anschluss noch ausprobiert werden.

Es war sehr fruchtbar, die Themen, die in der Gruppe da waren im Gottesdienst aufzugreifen, ja vielmehr noch davon auszugehen und dann einen Ort und eine Bibelstelle dazu zu suchen. Die Teilnehmenden hat das sehr berührt und auch wir konnten uns noch einmal intensiver den Themen nähern. Ein weiterer Aspekt, der dafür spricht, Gottesdienste auf der Straße zu machen, ist in der Unplanbarkeit und Offenheit des Tages zu bleiben, sich aber gemeinsam auf den Weg zu machen und so auch ein gemeinsames Thema und eine Mitte zu finden.

 

Egalisierung und Versammlungsfreiheit

Die Egalisierung der Innenstädte, Fußgängerzonen, Bahnhöfe und Flughäfen hat zu der Vorstellung geführt, Öffentlichkeit gäbe es nur dort, wo es auch Konsum gibt. Dass das nicht stimmt, zeigt das aktuelle BGH-Urteil zur Demonstration vor dem Abschiebeknast des Berliner Flughafens.

Keine Öffentlichkeit für Hässlichkeit und Elend

Unangenehme Orte wie Gefängnisse oder Flüchtlingsheime passen nicht in die egalisierten Städte, sie sind an hässlichen und unwirtlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten. Auch wenn sie umzäunt oder hässlich sind, sie sind trotzdem öffentlich. Man darf sich dort verfassungsgemäß versammeln und gegen Unrecht demonstrieren. Die Demonstranten halten die Hässlichkeit aus.

Das jüngste BGH-Urteil hat die Versammlungsfreiheit gestärkt. Vor dem Abschiebegewahrsam am Berliner Flughafen dürfen jetzt doch Mahnwachen abgehalten werden. Öffentlicher (Straßen-)Raum ist demnach nicht erst dann öffentlich, wenn er zum Flanieren, Verweilen und Kommunizieren einlädt. Das „Fraport-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 2011 hatte Demonstrationen am Frankfurter Flughafen für rechtens erklärt, weil der Flughafen einem Marktplatz ähnle. Der Berliner Flughafenbetreiber wollte das nutzen: das Gelände rund um den Abschiebegewahrsam sei ja eher ein Gewerbegebiet als ein Marktplatz. Schließlich gibt es dort keine Cafés oder Läden, die zum Verweilen und zur Kommunikation einladen.

Öffentlichkeit durch Konsum

Dahinter steckt die Vorstellung, dass gesellschaftliche Zusammenkunft und Kommunikation mit Konsum gleichzusetzen sind. In den letzten 20 Jahren sind zunehmend Orte entstanden, die sich zwar in verschiedenen Städten und Gebieten befinden, aber zum Verwechseln ähnlich aussehen. Die großen Textil – und Systemgastronomieketten beherrschen die Innenstädte. In deutschen und europäischen Städten findet man verblüffend ähnlich aufgebaute Einkaufszentren, mit denselben Läden und Gastronomieangeboten, fast identisch aussehende Fußgängerzonen. Die Innen- und Wartebereiche der größeren Bahnhöfe kann man kaum voneinander unterscheiden. Würde man mit verbundenen Augen an einen dieser Orte geführt und öffnete dort die Augen – man wüsste nicht, wo man sich befindet.

Besonders auffällig ist dieses Phänomen in den Flughäfen. Egal, wo man abfliegt oder ankommt, man findet dieselben Läden, dieselben Cafés und Restaurants – bis hin zu denselben Schriftarten, Symbolen und Farben auf den Wegweisern zu den Gates und denselben Sicherheitsansagen aus den Lautsprechern.

Nicht-Orte

Der französische Anthropologe Marc Augé bezeichnete solche mono-funktional genutzten Flächen im urbanen und suburbanen Raum als „Nicht-Orte“. Sie haben keine Geschichte, keine Relation oder Identität und sie sind kommunikativ verwahrlost. Es gibt dort keine echte Kommunikation, denn es gibt nichts zu Besprechen, keine ungeklärten Fragen. Eingecheckt, Sicherheitsschleuse passiert („Haben Sie einen Laptop dabei? Flüssigkeiten?“), Produkt gewählt, Produkt bezahlt: „Have a good flight!“ Mehr Kommunikation ist an Flughäfen nicht zu erwarten.

Wer konsumiert, fragt nicht nach

Niemand sagt: „Haben Sie schon den Starbucks-Store da vorne gesehen? Das ist ja mal etwas Neues!“ – Denn den hat jeder schon überall gesehen. Bei McDonalds sind die Burger auch überall gleich. Menschen sollen nicht einfach auf ihren Anschlussflug warten, sie sollen währenddessen einkaufen. Die Betreiber der Einkaufszentren und der Flughäfen wollen, dass die Fluggäste Geld ausgeben. Das hat nichts mit Kommunikation zu tun. Sie sollen sich nicht langweilen. Zweckfreie Orte und Zeiten sind gefährlich, weil dann nicht konsumiert wird. Man muss die Leute beschäftigen, sonst fangen sie an, Dinge in Frage zu stellen.

Demonstrierende stellen fragen

Wer eine Mahnwache gegen das Unrecht der Abschiebegefängnisse und des sogenannten Flughafenverfahrens macht, der stellt Dinge in Frage, will aufmerksam machen auf die Orte, die nicht konsum-ideologisch egalisiert sind. Daher sind Abschiebeknast, Gefängnisse, psychotherapeutische Kliniken, Kasernen, Seniorenheime in den allermeisten Fällen absichtlich nicht da, wo die Leute konsumieren sollen. Sie sind an unwirtlichen und manchmal hässlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten.

„Wenn man im öffentlichen Straßenraum demonstriert, ist es oft auch unwirtlich und hässlich“, sagte die Vorsitzende BGH-Richterin Christina Stresemann in der Begründung des Urteils.

An die hässlichen Orte gehen

Wer gegen Unrecht demonstriert, geht absichtlich an die unwirtlichen und vielleicht hässlichen Orte. Auf diese Weise solidarisieren sich die Demonstranten mit denjenigen, die gerade nicht gastfreundlich behandelt werden, die wohl nicht in das egalisierte Städtebild reinpassen sollen: die Flüchtlinge, die man direkt am Flughafen abfängt, um sie möglichst schnell zurückzuschicken – ohne dass sie je deutschen Boden betreten haben.

Wer herausfinden möchte, was im eigenen Leben zählt, welche Sehnsucht und welchen Auftrag er oder sie hat, geht an die unangenehmen, an die leeren Orte. Es sind Orte, die augenscheinlich keinen Zweck haben, an denen es nichts zu holen gibt. Diese Orte findet man in den egalisierten Innenstädten und Einkaufspassagen nur dann, wenn man keinen Geldbeutel dabei hat. Individualität und Identität kann man nämlich nur scheinbar kaufen.
In der Wüste kann man nichts kaufen

Wüste kann es auch in den Innenstädten geben. In der Wüste gibt es eben nichts zu Trinken. Trotzdem muss man manchmal in die Wüste gehen. Der Jesuitenpater Christian Herwartz ist untrennbar verbunden mit der Entstehung der Exerzitien (Geistlichen Übungen) auf der Straße. Er organisiert außerdem die Mahnwachen am Abschiebeknast und hat die Klage gegen den Berliner Flughafen geführt und gewonnen. Am Anfang der Straßenexerzitien steht die Einladung, nichts mitzunehmen auf die Straße: kein Proviant, kein Geld, wenn nötig die Schuhe auszuziehen und offen zu sein für das, was einem auf der Straße begegnen kann (vgl. Lukasevangelium 10,1-11). Wenn Jesus sagte, er selbst sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannesevangelium 14,6), bedeutet das in der Sprache der Straßenexerzitien: „Jesus ist die Straße“.

Solidarität mit den Ausgegrenzten

Wie Mose am brennenden Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt, halten die Demonstrierenden am Abschiebeknast die Schmerzen und die Leere des Ortes aus. Deswegen müssen sie auch direkt, unmittelbar vor dem Abschiebegewahrsam stehen – und nicht auf der anderen Straßenseite. Sie gehen ganz nah ran. Mose geht in die zunächst lebensverneinende und gefährliche Wüste, weil er eine Sehnsucht in sich spürt. In der Leere der unwirtlichen Wüste begegnet er im Gewöhnlichen, im Langweiligen, nämlich einem brennenden Dornbusch, dem Außergewöhnlichen, nämlich der Liebe Gottes. Mose erfährt dort seine Berufung und die seines Volkes: Er soll das Volk aus dem Exil herausführen. Er solidarisiert sich mit denen, die ausgegrenzt und gefangen sind – so tun es auch die Demonstrierenden bei der Mahnwache.

Schmerzen aushalten, in Scherben treten

Die Schuhe auszuziehen, wie Mose es am Dornbusch tut, bedeutet gleichsam, einen Schritt zurück zu treten, anzuerkennen, dass dort etwas ist, was ich vielleicht nicht verstehe und vor dem ich Ehrfurcht habe: Gott ist im Gewöhnlichen, Gewohnten, Alltäglichen, auch in der Langeweile und dem Aushalten von Schmerzen. Er will sich genau dort zeigen, wenn man denn hinsieht und hinhört. Der Übende ist bei den Straßenexerzitien eingeladen, offen zu sein für solche Orte – auch in der Stadt, an denen Armut und Leid vorkommen.
So öffnen sich auch die Demonstrierenden auf der Straße für das Unrecht, was dort geschieht. Indem man an diese Orte geht und dort die Schuhe auszieht (ob die echten oder im übertragenen Sinn), riskiert man, in Scherben oder Schmutz zu treten und sich zu verletzen. Die Verletzungen und die Schmerzen auszuhalten, bedeutet, sich mit denen zu solidarisieren, die Unrecht am eigenen Leib erleiden. Es bedeutet, das echte Leben auszuhalten, das nicht auf Hochglanz poliert ist.

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

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Konkrete Absprachen zu Reformationsgedenken

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz haben konkrete Verabredungen darüber getroffen, wie der 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017 gemeinsam begangen werden soll. Dazu haben der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, einen ausführlich Briefwechsel geführt, der an diesem Montag vorgestellt wurde.

In den Briefen wird unter anderem vereinbart, am 11. März 2017 in Berlin einen gemeinsamen Versöhnungsgottesdienst zu feiern. Der Gottesdienst soll danach in den Ortsgemeinden „regional nachgefeiert“ werden können. So soll dieses ökumenische Zeichen der Versöhnung zwischen den Konfessionen Breitenwirkung entfalten. In dem Briefwechsel werden noch weitere gemeinsame Veranstaltungen verabredet, darunter auch eine gemeinsame Pilgerfahrt beider Kirchenleitungen ins Heilige Land. .

Bisher war offen geblieben, ob sich die katholische Kirche überhaupt an der Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren beteiligt, da es in der jüngeren Vergangenheit mehrfach auf beiden Seiten zu Irritationen gekommen war. In seinem Brief schreibt der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm, die evangelische Kirche beabsichtige „nicht allein alle traditionelle Polemik abzustreifen, sondern alle christlichen Kirchen und Konfessionen zum Mitfeiern einzuladen, selbst wenn sie ein anderes und kritischeres Bild von der Reformation und ihren Wirkungen haben“.

Kardinal Marx antwortet in seinem Schreiben, die katholische Bischofskonferenz sehe „in dieser Einladung einen Ausdruck verlässlicher Beziehungen“. Den evangelischen Begriff des „Reformationsjubiläums“ macht sich Marx aber nicht zu eigen, obwohl die EKD inzwischen selbst den katholischen Begriff des „Reformationsgedenkens“ aufgegriffen hat.
(kna 29.06.2015 sk)

Der Briefwechsel

Der BGH fand den angemessenen Vergleichspunkt

Die Flughafengesellschaft in Berlin-Schönefeld betreibt neben dem Flugfeld eine Art Industriegebiet, dessen Straßen öffentlich zugänglich sind. Für die Rechtsprechung war dies bisher kein Gebiet, das zum Flanieren einlädt wie die Gänge des Terminals. Deshalb wurden die Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis dort verboten.
Der BGH löste sich von dieser Auffassung und fand den angemessenen Vergleichspunkt: Straßenland. Nun sind Mahnwachen vor diesem höchst problematischen Ort der Freiheitsberaubung vor einer möglichen Einreise und ohne eine gründliche Überprüfung der Fluchtgründe möglich.

Dieses Beispiel ist alltagstauglich: Welche Leitbilder leiten uns bei unseren Entscheidungen?

Christian Herwartz

(Text bei hinsehen.net-Katholische Wochenzeitung mit Bildern)

Egalisierung und Versammlungsfreiheit

Die Egalisierung der Innenstädte, Fußgängerzonen, Bahnhöfe und Flughäfen hat zu der Vorstellung geführt, Öffentlichkeit gäbe es nur dort, wo es auch Konsum gibt. Dass das nicht stimmt, zeigt das aktuelle BGH-Urteil zur Demonstration vor dem Abschiebeknast des Berliner Flughafens.

Keine Öffentlichkeit für Hässlichkeit und Elend

Unangenehme Orte wie Gefängnisse oder Flüchtlingsheime passen nicht in die egalisierten Städte, sie sind an hässlichen und unwirtlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten. Auch wenn sie umzäunt oder hässlich sind, sie sind trotzdem öffentlich. Man darf sich dort verfassungsgemäß versammeln und gegen Unrecht demonstrieren. Die Demonstranten halten die Hässlichkeit aus.

Das jüngste BGH-Urteil hat die Versammlungsfreiheit gestärkt. Vor dem Abschiebegewahrsam am Berliner Flughafen dürfen jetzt doch Mahnwachen abgehalten werden. Öffentlicher (Straßen-)Raum ist demnach nicht erst dann öffentlich, wenn er zum Flanieren, Verweilen und Kommunizieren einlädt. Das „Fraport-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 2011 hatte Demonstrationen am Frankfurter Flughafen für rechtens erklärt, weil der Flughafen einem Marktplatz ähnle. Der Berliner Flughafenbetreiber wollte das nutzen: das Gelände rund um den Abschiebegewahrsam sei ja eher ein Gewerbegebiet als ein Marktplatz. Schließlich gibt es dort keine Cafés oder Läden, die zum Verweilen und zur Kommunikation einladen.

Öffentlichkeit durch Konsum

Dahinter steckt die Vorstellung, dass gesellschaftliche Zusammenkunft und Kommunikation mit Konsum gleichzusetzen sind. In den letzten 20 Jahren sind zunehmend Orte entstanden, die sich zwar in verschiedenen Städten und Gebieten befinden, aber zum Verwechseln ähnlich aussehen. Die großen Textil – und Systemgastronomieketten beherrschen die Innenstädte. In deutschen und europäischen Städten findet man verblüffend ähnlich aufgebaute Einkaufszentren, mit denselben Läden und Gastronomieangeboten, fast identisch aussehende Fußgängerzonen. Die Innen- und Wartebereiche der größeren Bahnhöfe kann man kaum voneinander unterscheiden. Würde man mit verbundenen Augen an einen dieser Orte geführt und öffnete dort die Augen – man wüsste nicht, wo man sich befindet.

Besonders auffällig ist dieses Phänomen in den Flughäfen. Egal, wo man abfliegt oder ankommt, man findet dieselben Läden, dieselben Cafés und Restaurants – bis hin zu denselben Schriftarten, Symbolen und Farben auf den Wegweisern zu den Gates und denselben Sicherheitsansagen aus den Lautsprechern.

Nicht-Orte

Der französische Anthropologe Marc Augé bezeichnete solche mono-funktional genutzten Flächen im urbanen und suburbanen Raum als „Nicht-Orte“. Sie haben keine Geschichte, keine Relation oder Identität und sie sind kommunikativ verwahrlost. Es gibt dort keine echte Kommunikation, denn es gibt nichts zu Besprechen, keine ungeklärten Fragen. Eingecheckt, Sicherheitsschleuse passiert („Haben Sie einen Laptop dabei? Flüssigkeiten?“), Produkt gewählt, Produkt bezahlt: „Have a good flight!“ Mehr Kommunikation ist an Flughäfen nicht zu erwarten.

Wer konsumiert, fragt nicht nach

Niemand sagt: „Haben Sie schon den Starbucks-Store da vorne gesehen? Das ist ja mal etwas Neues!“ – Denn den hat jeder schon überall gesehen. Bei McDonalds sind die Burger auch überall gleich. Menschen sollen nicht einfach auf ihren Anschlussflug warten, sie sollen währenddessen einkaufen. Die Betreiber der Einkaufszentren und der Flughäfen wollen, dass die Fluggäste Geld ausgeben. Das hat nichts mit Kommunikation zu tun. Sie sollen sich nicht langweilen. Zweckfreie Orte und Zeiten sind gefährlich, weil dann nicht konsumiert wird. Man muss die Leute beschäftigen, sonst fangen sie an, Dinge in Frage zu stellen.

Demonstrierende stellen fragen

Wer eine Mahnwache gegen das Unrecht der Abschiebegefängnisse und des sogenannten Flughafenverfahrens macht, der stellt Dinge in Frage, will aufmerksam machen auf die Orte, die nicht konsum-ideologisch egalisiert sind. Daher sind Abschiebeknast, Gefängnisse, psychotherapeutische Kliniken, Kasernen, Seniorenheime in den allermeisten Fällen absichtlich nicht da, wo die Leute konsumieren sollen. Sie sind an unwirtlichen und manchmal hässlichen Orten, am Stadtrand oder in Gewerbegebieten.

„Wenn man im öffentlichen Straßenraum demonstriert, ist es oft auch unwirtlich und hässlich“, sagte die Vorsitzende BGH-Richterin Christina Stresemann in der Begründung des Urteils.

An die hässlichen Orte gehen

Wer gegen Unrecht demonstriert, geht absichtlich an die unwirtlichen und vielleicht hässlichen Orte. Auf diese Weise solidarisieren sich die Demonstranten mit denjenigen, die gerade nicht gastfreundlich behandelt werden, die wohl nicht in das egalisierte Städtebild reinpassen sollen: die Flüchtlinge, die man direkt am Flughafen abfängt, um sie möglichst schnell zurückzuschicken – ohne dass sie je deutschen Boden betreten haben.

Foto: flughafenverfahren.wordpress.com
Foto: flughafenverfahren.wordpress.com

Wer herausfinden möchte, was im eigenen Leben zählt, welche Sehnsucht und welchen Auftrag er oder sie hat, geht an die unangenehmen, an die leeren Orte. Es sind Orte, die augenscheinlich keinen Zweck haben, an denen es nichts zu holen gibt. Diese Orte findet man in den egalisierten Innenstädten und Einkaufspassagen nur dann, wenn man keinen Geldbeutel dabei hat. Individualität und Identität kann man nämlich nur scheinbar kaufen.
In der Wüste kann man nichts kaufen

Wüste kann es auch in den Innenstädten geben. In der Wüste gibt es eben nichts zu Trinken. Trotzdem muss man manchmal in die Wüste gehen. Der Jesuitenpater Christian Herwartz ist untrennbar verbunden mit der Entstehung der Exerzitien (Geistlichen Übungen) auf der Straße. Er organisiert außerdem die Mahnwachen am Abschiebeknast und hat die Klage gegen den Berliner Flughafen geführt und gewonnen. Am Anfang der Straßenexerzitien steht die Einladung, nichts mitzunehmen auf die Straße: kein Proviant, kein Geld, wenn nötig die Schuhe auszuziehen und offen zu sein für das, was einem auf der Straße begegnen kann (vgl. Lukasevangelium 10,1-11). Wenn Jesus sagte, er selbst sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannesevangelium 14,6), bedeutet das in der Sprache der Straßenexerzitien: „Jesus ist die Straße“.

Solidarität mit den Ausgegrenzten

Wie Mose am brennenden Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt, halten die Demonstrierenden am Abschiebeknast die Schmerzen und die Leere des Ortes aus. Deswegen müssen sie auch direkt, unmittelbar vor dem Abschiebegewahrsam stehen – und nicht auf der anderen Straßenseite. Sie gehen ganz nah ran. Mose geht in die zunächst lebensverneinende und gefährliche Wüste, weil er eine Sehnsucht in sich spürt. In der Leere der unwirtlichen Wüste begegnet er im Gewöhnlichen, im Langweiligen, nämlich einem brennenden Dornbusch, dem Außergewöhnlichen, nämlich der Liebe Gottes. Mose erfährt dort seine Berufung und die seines Volkes: Er soll das Volk aus dem Exil herausführen. Er solidarisiert sich mit denen, die ausgegrenzt und gefangen sind – so tun es auch die Demonstrierenden bei der Mahnwache.

Schmerzen aushalten, in Scherben treten
Foto: flughafenverfahren.wordpress.com

Die Schuhe auszuziehen, wie Mose es am Dornbusch tut, bedeutet gleichsam, einen Schritt zurück zu treten, anzuerkennen, dass dort etwas ist, was ich vielleicht nicht verstehe und vor dem ich Ehrfurcht habe: Gott ist im Gewöhnlichen, Gewohnten, Alltäglichen, auch in der Langeweile und dem Aushalten von Schmerzen. Er will sich genau dort zeigen, wenn man denn hinsieht und hinhört. Der Übende ist bei den Straßenexerzitien eingeladen, offen zu sein für solche Orte – auch in der Stadt, an denen Armut und Leid vorkommen.
So öffnen sich auch die Demonstrierenden auf der Straße für das Unrecht, was dort geschieht. Indem man an diese Orte geht und dort die Schuhe auszieht (ob die echten oder im übertragenen Sinn), riskiert man, in Scherben oder Schmutz zu treten und sich zu verletzen. Die Verletzungen und die Schmerzen auszuhalten, bedeutet, sich mit denen zu solidarisieren, die Unrecht am eigenen Leib erleiden. Es bedeutet, das echte Leben auszuhalten, das nicht auf Hochglanz poliert ist.

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

Das Leid sehen wollen

Eine Solidaritätsaktion des Erzbistums Köln für Flüchtlinge hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt.

Hunderte Kirchenglocken der rheinischen Erzdiözese schlugen am Freitagabend 23.000 Mal um an die gestorbenen Mittelmeerflüchtlinge zu erinnern. Dabei sollte jeder Glockenschlag für einen der seit dem Jahr 2000 auf der Flucht nach Europa verstorbenen Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika stehen. Der Kölner Kardinal Woelki wollte die Aktion als Weckruf für die Politik verstehen. „Die Totenglocken sollen eine europäische Flüchtlingspolitik einfordern, die einen legalen Weg für Flüchtlinge nach Europa schafft“, so der Kölner Oberhirte.

Zudem lud das Erzbistum zu einem, die Aktion begleitenden, Solidaritätsabend vor dem Dom ein. Mit einer ökumenischen Andacht wurde dort der 23.000 Opfer gedacht. Zahlreiche Bistümer und Kirchengemeinden in ganz Deutschland schlossen sich der zeichenhaften Aktion an und ließen ebenfalls ihre Glocken erklingen.

Dazu: Glocken läuten für tote Flüchtlinge (Süddeutsche Zeitung, 19.06.2015)
23.000 Glockenschläge für 23.000 tote Flüchtlinge (Westdeutscher Rundfunk, 19.06.2015)

aus www.kath.de vom 20.6.15

Gott in allem suchen und entdecken – Straßenexerzitien in München

Von Magdalena Beier

Sieben Menschen aus ganz Deutschland kamen in der Woche nach Pfingsten 2015 zusammen um jeweils für sich selbst, aber auch getragen im Austausch mit der Gruppe, heilige Orte, Gottesbegegnung in den Straßen Münchens zu entdecken.

Getragen durch die unterschiedlichen Impulse, besonders durch die Bibelstelle von Mose, der über die Steppe hinausgeht und Gott im brennenden Dornbusch begegnet, machten wir uns täglich auf den Weg auf die Straße. Auch wir gingen für uns, wie Mose, über die Steppe hinaus, indem wir an Orte gingen und dort verweilten und mit Menschen in Kontakt kamen, an denen wir sonst im alltäglichen Leben vorbei rennen oder die uns gar nicht auffallen, die vielleicht auch Angst und Unbehagen auslösen.

Für mich war es eine ganz eigene, besondere und schöne Erfahrung diese Stadt München, die ich bereits mehrere Jahre kenne und deren Orte mir auch bekannt sind, auf eine ganze andere Art und Weise, mit viel Zeit und aus einer anderen Perspektive heraus zu sehen und zu erkunden und nach heiligen Orten, nach Gottesbegegnung zu suchen. Mir wurden viele interessante und bewegende Begegnungen geschenkt, mit Menschen, deren Leben sich die meiste Zeit auf der Straße abspielt, die täglich darum kämpfen genügend Kleingeld zu bekommen um zu überleben, die in ihrem Leben schon viele Umwege gegangen sind und die mir viel zu erzählen hatten aus ihren vielfältigen Erfahrungen. In den Gesprächen mit ihnen, aber auch durch das eigene Erleben täglich sich auf den Straßen aufzuhalten, die Menschenmassen in der Fußgängerzone zu ertragen, die vielen Blicke, der Kontrast zwischen arm und reich haben für mich erlebbar gemacht, wie anstrengend und herausfordernd ein Leben auf der Straße bzw. arbeitend auf der Straße ist und wie stark diese Menschen, denen ich dort begegnete doch sind – und wie schwach wir sie oft ansehen.

Gott in allen Dingen suchen und entdecken – die Zeit dafür zu haben, offen und sensibel zu sein und im gemeinsamen Beten und Austausch mit der Gruppe die Erfahrungen des Tages nochmals in einem anderen Licht betrachten – dies alles war Teil der Straßenexerzitien – eine wertvolle, tiefe Erfahrung, die mein Bild, mein Erleben von München verändert hat und ab jetzt prägen wird, da viele Orte nun mit persönlichen Geschichten und Gesprächen verbunden sind.

Danke an Veronika Jodlbauer und Patrick Zoll, die uns begleitet haben auf diesem Weg, und an die GCL und St. Michael, deren Räume wir in dieser Woche nutzen durften.

Entführter Pater Prem Kumar Alexius wieder frei

Radio Vatikan 22.02.2015

Indien/Afghanistan
Der von den Taliban entführte Pater Prem Kumar Alexius ist wieder frei. Wie der Jesuitenorden im Internet bekannt gab, sei er nach acht Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt worden und werde noch an diesem Sonntag in Neu Dehli erwartet. Die Nachricht beruht auf einem Tweet des indischen Premierministers Modi. Bereits im Mai vergangenen Jahres hatten Sicherheitskräfte die vermutlichen Entführer des Jesuiten festgenommen. Pater Prem hatte in der Herat-Provinz als Repräsentant des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes gearbeitet. (pm)

Freude!

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Radio Vatikan 4.03.2015

Afghanistan/Indien: Der entführte Jesuitenpater erzählt

Der Jesuitenpater Alexis Prem war monatelang Geisel in Afghanistan. An neun verschiedenen Orten musste er auf seine Freilassung warten. Am 22. Februar kam er endlich wieder in seinem Heimatland Indien an. 

Pater Alexis Prem Kumar hat während seiner achtmonatigen Geiselnahme in Afghanistan Radio Vatikan gehört, das gab ihn Kraft. Prem stammt aus Indien, lebte seit 2011 in Afghanistan und arbeitete für den Jesuitenflüchtlingsdienst JRS in einem Schulprojekt. Am 2. Juni 2014 wurde er in der Nähe von Herat von bewaffneten Unbekannten gekidnappt. Erst vor wenigen Tagen kam er frei. Im Interview mit Radio Vatikan erzählt er, was am Tag seiner Entführung geschah.
„An diesem Tag hatte ich in zwei Schulen zu tun; um 12.30 Uhr gingen alle Schüler nach Hause, ich wollte noch einiges mit den Lehrern besprechen. Auf einmal tauchte ein Fahrzeug mit vier bewaffneten Männern auf. Wir rannten um unser Leben, aber sie schossen, und binnen zweier Minuten hatten sie mich in ihrer Gewalt. Ich habe mich ihnen praktisch ergeben.“
Die Entführer hätten ihm sofort sein Handy abgenommen und seien dann, mit ihm auf dem Rücksitz, zwei Stunden bis zu einem Dorf gefahren. Er durfte nicht den Kopf heben und wusste somit nicht, wohin die Fahrt ging. Nach einem Gespräch mit dem Anführer der Gruppe versicherte man ihm, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Man würde ihn bald freikaufen. Für Pater Prem begann die Gefangenschaft in einem Dorf: Keine schöne Zeit.
„Sie wollten mich fesseln; ich protestierte. Sofort kam jemand mit einem Gewehr und ein anderer Mann mit einem Messer; sie bedrohten mich. Schließlich fesselten sie mir Hände und Füße und verbanden mir die Augen, so blieb das den ganzen Morgen über. Am Nachmittag wurde ich dann an einen anderen Ort gebracht, wo man mich acht Tage lang gefangen hielt.“
Am achten Tag wurde dem Jesuiten mitgeteilt, seine Regierung habe Lösegeld für ihn bezahlt, er sei jetzt ein freier Mann, man werde ihn an einen Ort der Übergabe bringen. Doch anstatt ihn freizulassen, lieferten die Entführer ihn einer anderen Gruppe aus. Bei dieser verbrachte der indische Pater die restliche Zeit seiner Geiselhaft. Ständig wechselte man den Ort – nach seiner Zählung war er an neun verschiedenen Orten. Meistens wurden ihm Hand- und Fußfesseln angelegt, die sich nur mit verschiedenen Schlüsseln öffnen ließen, berichtet Prem.
„Manche der Wärter waren gute Menschen, die mir möglichst gutes Essen zuschoben oder meine Hände ungefesselt ließen; aber einer war wirklich schlimm, der bestand darauf, dass ich die ganze Zeit Handschellen trug und in Ketten gelegt wurde. Für mich war das eine Art Folter. Dieser Wärter war einmal bei einem Gefecht mit Nato-Truppen verwundet worden; er beschimpfte mich manchmal heftig. Geschlagen wurde ich allerdings nie. Das Essen war gar nicht schlecht; die Wärter gaben mir in der Regel dasselbe, was auch sie aßen, manchmal sogar Fleisch. Am Anfang war noch Sommer, da gab es viel Gemüse, aber je näher der Winter rückte, desto seltener wurde das Gemüse. Jedenfalls ließen sie mich nie absichtlich hungern.“
Einmal wurde Prem krank und bat um einen Doktor. „Der kommt morgen“, erhielt er zur Antwort, doch ein Arzt tauchte nie auf. Immerhin pflegte einer der Wärter, der sich laut Prem wirklich gut um ihn kümmerte, ihn wieder gesund. Bis heute weiß der Pater nicht genau, ob seine Kidnapper Taliban waren oder irgendeiner anderen Gruppe angehörten. Sie hätten ihn immer möglichst von Dörfern ferngehalten, in isolierten Häusern oder auch Höhlen versteckt.
„Sie haben mir nie direkt gesagt, warum sie mich gekidnappt hatten. Aber manchmal sagten sie mir: Warum sind Sie überhaupt nach Afghanistan gekommen? Was suchen Sie hier? Das ist unser Land! Und wenn Sie einmal nach Indien zurückkehren, dann halten Sie sich künftig von Afghanistan fern! Wenn Sie hierher zurückkommen, dann erschießen wir Sie! Dadurch wurde klar: Sie wollten einfach keine Ausländer in ihrem Land. Ich vermute, das ist der Grund, weshalb sie mich entführt haben.“
Schon in den ersten Monaten von 2014 hatte Pater Prem, ebenso wie andere Inder in Afghanistan, immer wieder Warnungen erhalten. Er bringt das mit dem damaligen Klima vor den Präsidentenwahlen in Verbindung. Natürlich sei er vorsichtig gewesen; doch habe es in dem Ort, in dem er arbeitete, sicher auch Leute mit Verbindung zu den Taliban gegeben. Es folgten acht Monate Gefangenschaft, ohne Bibel, ohne Fernsehen.
„Drei Stunden pro Tag habe ich normalerweise gebetet; und sie gaben mir ein Radiogerät. Das war wirklich hilfreich: Ich hörte die Sendungen von Radio Vatikan auf Englisch und Tamil, das tat mir wirklich gut; am Sonntag konnte ich die Messe hören. Manchmal bekam ich Radio Vatikan allerdings nur schwer rein, in abgelegenen Gegenden; aber immer, wenn ich es hören konnte, war ich wirklich glücklich – es bedeutete mir viel. In dieser schwierigen Lage hat es mich wirklich getröstet.”
Die Papstbesuche in Sri Lanka und auf den Philippinen in diesem Januar habe er so aus seiner Geiselhaft irgendwo in der afghanischen Provinz mitverfolgt: Das habe ihn auch abgelenkt, so Pater Prem, schließlich habe er sich in dieser Zeit viele Sorgen gemacht.
Im Oktober 2014 habe man ein Video von ihm aufgenommen – das habe seine Hoffnung auf eine baldige Freilassung vergrößert. Das Video war auch für seine Mitbrüder aus dem Jesuitenorden das erste Lebenszeichen seit der Entführung. Heute ist Prem in Indien – würde aber sofort nach Afghanistan zurückkehren, wenn man das von ihm verlangte. Man höre als Jesuit auf seinen Oberen, außerdem fehlten ihm die Leute aus Afghanistan. Er wäre diesmal eben vorsichtig, sagt Pater Prem. Sehr verändert hat ihn die Erfahrung der Geiselhaft nicht, glaubt er – mit einer Ausnahme.
„Ich hatte mehr Zeit zum Beten, als ich gefangen war. Seitdem fühle ich, dass Beten die Welt verändern kann. Beten wirkt Wunder. Das ist für mich ein neues, starkes Gefühl. Und nach meiner Freilassung ist mir klargeworden, dass Tausende von Menschen in aller Welt für mich gebetet haben. Außerdem ist mir in meiner Gefangenschaft ganz anders klargeworden, wie sehr wir von Gott abhängig sind. Und Gott hat mich wirklich geführt und getröstet; ich glaube, ich war ihm in diesen Tagen der Gefangenschaft viel näher.“
(rv 04.03.2015 pdy/sk)