Zieh deine Schuhe an einem Ort aus, der dir unangenehm ist

Christian Herwartz (2011)

Vielleicht fragst du dich: Die Schuhe ausziehen – warum denn das? Und was hat das mit meinem Glauben zu tun? Gewöhnlich zieht man ja seine Schuhe aus, wenn man nach Hause kommt oder ins Bett gehen will. Und macht sich meist keine weiteren Gedanken darüber. Aber ich kann dem „Vorgang“ des Schuheausziehens auch mal ein wenig mehr Beachtung schenken und sie als ein Bild mit einer tieferen Bedeutung betrachten.

Bei den Jesuiten, zu denen ich gehöre, gibt es eine Gruppe von Ordensleuten, die regelmäßig Kurse anbietet, in denen es ums „Schuheausziehen“ geht. Das heißt, im Kern geht es darum, seine Umwelt intensiver und bewusster wahrzunehmen. Die Schuhe sind ein Symbol. Sie stehen für meine eigenen Vorurteile, Ängste, Zweifel und falschen Wahrnehmungen. Wenn ich sie „ausziehe“, dann bekomme ich Bodenkontakt mit der Realität – und kann das, was um mich herum geschieht, plötzlich aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten. Um das in der Praxis – im Rahmen eines Kurses auszuprobieren – wohnen die Teilnehmer in einer Notunterkunft für Obdachlose mitten in Berlin-Kreuzberg, die im Sommer leersteht. Tagsüber laufen sie durch die Stadt und bleiben an Orten stehen, wo sie innerlich bewegt werden. Dort ziehen sie dann – zumindest gedanklich – ihre Schuhe aus und üben sich darin, die Welt um sich herum aufmerksamer wahrzunehmen.

Ein junger Mann ging beispielsweise auf einen Platz, an dem sich regelmäßig Ausländer trafen, die eine Arbeit suchten. Unfallversicherung und Steuern sollten nicht gezahlt werden; alles musste im Verborgenen geschehen. An diesen zwielichtigen Ort wagte sich der Mann also und zog sich schon am Rand des Platzes seine Schuhe aus. Dann gesellte er sich unbehelligt zu der Gruppe der Arbeit(er)suchenden. Er wollte das, was um ihn herum passierte, aus einem neuen Blickwinkel sehen – die unverblümte Wirklichkeit – und die Welt nicht durch die Brille seiner Vorurteile betrachten. Er wollte die Menschen aus der Perspektive Jesu sehen lernen, nach einem Ort suchen, wo ihm der Auferstandene begegnen konnte – mitten im Großstadttrubel. Voll Freude kehrte er abends nach Hause zurück. Er hatte an diesem Tag fünf Mal staunend seine Schuhe und vor allem seine Vorurteile ausgezogen.

Eine Frau stoppte beim Gang durch die Stadt an einen Drogenumschlagplatz in der Nähe einer U-Bahnstation. Sie mied diesen Ort sonst, besonders wegen des Lärmes, der dort herrschte. An einem „Tag der Besinnung“ jedoch ging sie ganz bewusst zu diesem Junkie-Treffpunkt und nahm die Menschen, die ihr so fremd waren, in den Blick. Sie zog die „Schuhe ihres Herzens“ – ihren Hochmut, ihre Verurteilungen aus. Staunend blieb sie in Sichtweite zu der Gruppe stehen. Als sie beobachtete, wie diese Leute miteinander umgingen, tat ihr das in der Seele weh. Aber sie sah auch ganz zärtliche Szenen: wie Menschen achtsam mit denen umgingen, die in ihrem Rausch die Orientierung verloren hatten. Fast unbemerkt hatte sie ihre Schuhe ausgezogen. Sie hatte mit den Füßen „sehen“ und „fühlen“ gelernt.

Die Schuhe ausziehen – das ist also ein Bild für die Bereitschaft, aufmerksam und mit Respekt die Menschen seiner Umgebung wahrzunehmen.

Auch in der Bibel ist an einer Stelle vom Schuheausziehen die Rede. „Zieh die Schuhe aus!“, sagte Gott zu Mose, als dieser sich mitten in der Wüste neugierig einem brennenden Dornbusch näherte, dessen Zweige nicht verbrannten (siehe 2. Mose 3,5). Mose sollte seine Schuhe ausziehen, weil er auf heiligem Boden stand. Und dann sah er etwas, was er gerade eben noch nicht wahrgenommen hatte: Mitten in den Dornen des Lebens erkannte er die Liebe Gottes, die den Menschen erwärmt, aber ihn nicht verbrennt. Mose wurde bewusst: Sein Volk litt große Not und wartete intuitiv auf seine Befreiung. Und Gott wollte ihn – als 80-Jährigen – dafür in seinen Dienst nehmen.

Gehst du auch manchmal bestimmten Leuten aus dem Weg? Ich will dich ermutigen: Nähere dich ihnen einmal und sei gespannt darauf, was du entdecken wirst … Wage es, die hochhackigen Schuhe, in denen man so leicht auf andere herabsehen kann, auszuziehen. Oder die Turnschuhe, mit denen man so schnell die Flucht vor einer bestimmten Situation ergreifen kann. Oder die bunten Schuhe der Eitelkeit. Natürlich kann keiner das Ergebnis voraussehen. Doch wenn wir uns mit Gott an der Seite auf dieses Abenteuer einlassen – und zu den Menschen gehen, die unbeachtet oder sogar an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, dann bekommt das Leben eine neue Kraft.

Weitere Anregungen dafür, mitten in der Stadt auf andere aufmerksam zu werden und bewusst wahrzunehmen, was um uns herum geschieht, findest du unter www.strassenexerzitien.de und in dem kleinen Buch „Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße„, das im Echterverlag erschienen ist.

Aus: Verena Keil / Nicole Schol. Pimp your Faith. 77 Ideen, die deinen Glauben nach vorn bringen. Taschenbuch, 240 Seiten Gerth Medien http://www.gerth.de/index.php?id=201&sku=816592

Gott ist ein Halunke

Johanna Palm (2010)

Das Wichtigste, das ich in den Straßenexerzitien verstanden habe ist: Gott liebt mich und ich liebe Gott!

Vorher habe ich mit großer Überzeugung gesagt: „Gott ist die Liebe!“ Jetzt ist dieser Glaubenssatz vom Kopf in mein Herz gerutscht und ich weiß es ganz persönlich: ER liebt mich!

Eine andere wichtige Erfahrung gerade für mich ist: Gott hat sehr viel Humor!

Ich habe selten so oft aus tiefer Freude heraus gelacht, wie in diesen Tagen auf der Straße. Immer wieder wurde mir eine frohe oder humorvolle Situation geschenkt, aber oft war es auch ein Lachen aus Selbsterkenntnis.

So hatte ich zwei Erlebnisse in denen ich von Menschen, die es mir eigentlich nur gut meinten, völlig überfahren wurde.

In einer Suppenküche wollte ich nach der Hauptmahlzeit eigentlich nur fragen, ob das in dem Topf Fleisch oder Fisch sei, um vielleicht noch einen kleinen Löffel davon zu erbitten. Doch mein Fingerzeig genügte, um mir sofort eine große Kelle davon zu verpassen. Und so aß ich auch das noch, obwohl ich schon ziemlich satt war. Ich war ja schließlich in der Suppenküche.

Im Reichstagsgebäude wollte ich in die Kapelle des Bundestags. Der Sicherheitsbeamte sah mich nur groß an und sagte: „Kapelle??? Vortrag!!!“ Und eh ich mich versah, saß ich im Vortrag über die Arbeit des deutschen Bundestags. War auch ganz interessant!

Zwei Situationen von mehreren, in denen ich herzlich lachen musste. Sie kamen mir irgendwie bekannt vor. Erst zu Hause begriff ich, was ER mir damit sagen wollte. Ich selbst verhalte mich auch gerne vor lauter „Gutmeinen“ bevormundend. Solche Situationen, in denen ich mit einem Augenzwinkern auf meine eigenen schwierigen Seiten hingewiesen wurde, erlebte ich öfter und sie öffneten mich. Ich erlebte sie nicht mit Scham, sondern mit Humor. Das tat mir in der Seele gut.

Ja, Gott liebt mich. Ich habe seine liebevolle Führung in diesen Tagen recht spürbar erlebt. Ich fühle mich insgesamt in meinem Leben von Gott geführt. Jedoch verstehe ich das meist erst sehr viel später im Rückblick. In diesen Tagen der Exerzitien war es für mich im Augenblick spürbar. So zum Beispiel in der Bernauerstraße, in der eine Gedenkstätte zur Berliner Mauer und auch die neu aufgebaute Versöhnungskirche steht.

Ich hatte mich einige Stunden mit den Leiden der Menschen durch den Mauerbau beschäftigt und hatte an der Gedenkandacht um 12.00Uhr für Paul Schultz, einen der über 150 Maueropfer, teilgenommen. Das hatte mich wirklich sehr betroffen und traurig gemacht. Da sah ich vor der Kirche mitten in der Stadt auf dem ehemaligen Todesstreifen einen Traktor säen. Auf mein Nachfragen hin erzählte mir eine Frau aus der ansässigen Gemeinde, dass man seit einigen Jahren auf dem Todesstreifen Roggen sät und erntet. Sie zeigte mir die Säcke, die zum Erntedank noch vor dem Altar standen und erzählte mir, dass die Gemeinde daraus Hostien für den Gottesdienst bäckt, aber auch einen Teil an Bedürftige abgibt. Und manchmal würden sie ihn auch verschenken. Sie öffnete eine Tür und gab mir ein kleines Säckchen Roggen. Ich war total gerührt und wusste sofort, dass auch ich aus diesem Roggen, der auf dem Todesstreifen gewachsen ist Fladenbrot für einen Gottesdienst backen werde. Einen Teil habe ich mit der Exerzitiengruppe geteilt.

In Berlin erlebte ich viele Stätten, an denen aus Tod Leben wurde. So ist aus dem stillgelegten Flughafen Tempelhof, auf dem nach dem Krieg im Minutentakt die Flugzeuge der Luftbrücke landeten, jetzt der größte Spielplatz Berlins geworden. Dort sind Fahrradfahrer, Inlineskater, Liebespaare, Spaziergänger und Kinder, die Drachen steigen lassen, unterwegs.

Der Reichstag, der von den Nationalsozialisten angezündet wurde, um es den Kommunisten in die Schuhe zu schieben, steht in neuem, alten Glanz und beherbergt unsere demokratische Regierung. Es ist das meistbesuchte Parlament der Welt. Mir ist es ein großes Bedürfnis für die Frauen und Männer, die unsere Geschicke lenken, zu beten, damit die glückliche Situation des Lebens sich nicht plötzlich wieder ins Gegenteil umkehrt. Gerade in Berlin, zum Beispiel im Stasiknast Hohenschönhausen, wurde mir sehr deutlich, wie anfällig jedes Staatssystem und auch wir einzelnen Menschen für Missbrauch von Macht sind. Es braucht viel Gnade und auch viel Gebet, dass wir Menschen MENSCHEN werden und bleiben.

Auf dem Weg entlang der ehemaligen Mauer, spürte ich immer wieder neu, welche Gnade, welches Wunder die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands ist. So wird aus Tod Leben. Auch in mir sind tote Anteile lebendig geworden.

Ich spüre immer noch große Dankbarkeit, wenn ich an die 10 Tage Straßenexerzitien denke und nachspüre, wie viel mir von IHM gezeigt wurde und mir seine Führung in meinem Leben bewusst machte. Und wie gesagt, das alles mit viel Humor und großer Freude. Unser Gott ist eben manchmal ein echter Halunke, wie Christian zu sagen pflegte.