Gebet von Franziska Passek nach ihren Exerzitien

Meinem Gott von ganz unten

Sr. Franziska Passek, geschrieben nach ihren Exerzitien auf der Straße im Juli 2003

Gott, wenn Menschen mir das Flaschensammeln verbieten,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich in der Stunde nur 50 Cent verdient habe,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich das wenige Geld dann auch noch verliere,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich den Sinn meines Tuns auf einmal in Frage stelle,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich trotz Öffnungszeit der Kleiderkammer weggeschickt werde,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich von kirchlichen Vertretern nur als Almosenempfänger behandelt werde,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich die Essensausgabe nur als Abspeisen erlebe,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn Menschen mich von oben herab behandeln, nur weil ich um ein Glas Wasser bitte,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn mir Seife und Toilettenpapier vorenthalten werden,
weil ich von der Strasse komme,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich vor Wut über solche Art von christlicher Nächstenliebe koche,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich umsonst um ein Stück Brot bitte,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich nach einer Nacht am Bahnhof vor Müdigkeit kaum noch denken kann,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn unfreundliche Bahnbeamte mich aus dem Schlaf klopfen,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn die angebotene Suppe nicht nur kalt, sondern dazu noch sauer ist,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich aus der Kirche geschickt werde, weil man erst den Pfarrer fragen muss, ob man dort beten darf,
– schenke mir Freundlichkeit und Geduld
Gott, wenn ich mir beim Flaschensammeln klein und minderwertig vorkomme,
– richte Du mich auf!
Gott, wenn ich resigniere, weil ich beim Betteln keinen Erfolg habe,
– richte Du mich auf!
Gott, wenn ich auf der Suche nach einem Nachtquartier vor verschlossenen Türen stehe,
– richte Du mich auf!
Gott, wenn mich das Elend und die Ausweglosigkeit meiner Brüder und Schwestern bedrückt,
– richte Du mich auf!
Gott, wenn ich Angst habe vor der Ungewissheit, wo ich die Nacht verbringen werde,
– richte Du mich auf!
Gott, wenn ich plötzlich nicht mehr weiß, ob ich noch auf Deinem Weg bin,
– richte Du mich auf!
Gott, der Du mir im Kondensstreifenkreuz am Himmel seine Nähe zusagt,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir in seinen Schriften den Weg weist,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir überraschend im Altarsakrament begegnest,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir durch einen Inder das nötige Glas Wasser reichst,
– ich bete Dich an
Gott, der sich vor mir versteckt und der sich von mir suchen lässt,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mich auf meiner Suche begleitest und liebevoll führst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mich seinen Frieden kosten lässt,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir immer wieder in freundlichen Menschen begegnest,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mich die Einheit mit Deiner ganzen Schöpfung erfahren lässt,
– ich bete Dich an
Gott, der Du meinen Terminkalender in den Händen hältst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du Deinen Engel schickst, der mich zum Nachtquartier begleitet,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir nicht in den Kirchen begegnen wolltest,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir Ansehen verleihst, wenn andere mich übersehen,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir alles zur rechten Zeit schenkst, was ich zum Leben brauche,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mich befähigst, von dem wenigen das ich habe auch noch abzugeben,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir durch einen Schlager aus dem Radio Deine Liebe zusicherst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir unzählige Schwestern und Brüder auf der Strasse geschenkt hast,
– ich bete Dich an
Gott, der Du in mir selber wohnst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mich vor Deiner Anwesenheit singen und tanzen lässt,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mit immer neuen Ideen meinen Hunger und Durst stillst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir jeden Tag kleine und große überraschende Freuden bereithältst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir auch die kleinen Wünsche erfüllst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mit mir im Notquartier meine Isomatte teilen möchtest,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir zu Füßen liegst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mit mir durch verschlossene Türen gehst,
– ich bete Dich an
Gott, der Du mir in Internetcafe und bei M Donalds begegnest,
– ich bete Dich an
Gott, die ganze Welt ist so voll von Dir,
– ich bete Dich an