Im Angesicht der Schöpfungswunde

Straßenexerzitien-Wochenende am Garzweiler II-Tagebau, 12.-14.11.2021

„Gott, du mein Gott, dich suche ich“. Mit diesen Worten aus dem 63. Psalm starteten wir zu dritt am zweiten Novemberwochenende in unseren ersten Straßenexerzitientag am Braunkohletagebau Garzweiler. Um flexibel zu sein, waren wir mit einem Wohnmobil gekommen und standen im Dorf Keyenberg, wenige hundert Meter entfernt vom „Loch“. In diesen zwei Tagen wollten wir uns von der lebendigen Geistkraft führen lassen.

Nach dem Morgengebet machen wir uns auf. Die Umgebung des Dorfes wirkt idyllisch: Felder im Novembernebel, Pferde, die auf der Wiese grasen, in der Ferne sind Ortschaften mit Kirchtürmen zu sehen. Nur von einem kleinen Erdhügel umgrenzt ist das Bekannte jedoch plötzlich überschritten. Vor mir gähnt ein riesiges Loch. „Heiliger Boden“? Groß bis zum Horizont und unschätzbar tief, mit kahlen Hängen aus Erde, Sand und Kohle am Grund liegt es da. Nichts ist mehr dort, wo vorher auf Äckern Nahrungsmittel angebaut wurden, wo in Dörfern Menschen gelebt haben, wo sie ihr Zuhause hatten, ihre Familie und ihre Freund:innen. Fehlen, Abwesenheit.

Die „Schöpfungswunde“ reißt im eigenen Innern fast körperlich und verschlägt mir die Sprache, es breitet sich Traurigkeit aus. Nach gar nicht langer Zeit kommt Security und macht mich unsanft darauf aufmerksam, dass der Boden, auf dem ich stehe, Eigentum der RWE sei und ich ihn zu verlassen hätte. Mutter Erde – angeeignet und ausgenutzt von einem riesigen Energiekonzern. Ich gehe also ins Dorf. In Keyenberg sehe ich leere Geschäfte, verwilderte Vorgärten, verlassene Häuser mit herunter gelassenen Rollos. Das, was Menschen sich hier über Jahrzehnte und Generationen aufgebaut haben, der Ort, an dem sie geboren wurden, miteinander gelebt haben, z.T. gestorben sind, ist jetzt auch „Eigentum der RWE“. Trostlosigkeit liegt wie eine erdrückende Decke über dem Dorf. Selbst die Kirche ist geschlossen. Ganz wenige Häuser sind noch bewohnt, fast trotzig wirken die herausgeputzten Vorgärten, die sauberen Fenster und doch ist Resignation auch hier spürbar. Wie lebt es sich wohl als letzte/r Bewohner/in einer Straße – ohne Nachbar:innen, ohne Vereine, ohne Schule, Geschäfte, Gemeindeleben…? Ich sehne mich nach Trost und Schönheit angesichts dieser Zerstörung.

Am Nachmittag verabreden wir uns zum Besuch der Messe. Sie muss draußen vor der Kirche von Kuckum stattfinden, weil die Kirche selbst verschlossen bleibt: Sie soll entwidmet werden. Die Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“ hat den Gottesdienst vorbereitet. Als Leitfaden dient der Satz: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Wir sind hier immerhin ungefähr 20 Menschen und fühlen uns ermutigt. Als wir gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen, ist für mich erstmals Hoffnung spürbar: So geborgen, „erwarten wir getrost, was kommen mag“. Gott ist anwesend, hier unter uns Menschen. In ihm geborgen mit unserer Verzweiflung und Angst über die Folgen der Klimakatastrophe. Ganz zart öffnet sich ein neuer Horizont.

Am Abend treffen wir die meisten Teilnehmenden des Gottesdienstes beim Lichtergang in Lützerath wieder. Dieses Dorf unmittelbar am Rand der Kohlegrube ist schon halb abgerissen worden. Dort formiert sich der Widerstand der Klimaschützer:innen sichtbar in Form von Baumhäusern und einer großen Zeltstadt auf einer Wiese – an diesem regnerischen Wochenende versinkt sie im Matsch. Meine Achtung für diejenigen, die hier in der Kälte leben, um weiteren Abbau zu verhindern, wächst. Die Menschen, die am Lichtergang teilnehmen, haben Laternen mitgebracht und erinnern mit Fackeln an verschiedenen Stellen des Rest-Ortes an Aktionen des Widerstandes in Lützerath.

Zu Beginn erzählt eine ältere Frau, wie sie „mit vier alten Frauen“ den Abriss der Landstraße 277 zu verhindern versuchten. Zu dem Zeitpunkt waren sie allein. Eingekesselt von der Polizei mussten sie dem Abriss zusehen. Ältere Frauen machen den Anfang und widerstehen. Eine adventliche Stimmung breitet sich aus:  Durch die aufgestellten Fackeln wird es heller im Rest-Dorf, das Licht nimmt zu – Symbol der Hoffnung an diesem dunklen Ort. Wir kommen mit unserem Zug an der „Eibenkapelle“ vorbei. Die Bäume bilden einen kleinen Raum, in dem gebetet wird, Kerzen flackern in der Dunkelheit, Bilder von Ikonen sind gleich neben dem gelben Kreuz, das aus Gorleben hierher getragen wurde, aufgestellt. Hier wird Gott offenbar von vielen Menschen angebetet. Hier zu sein lässt in mir das Vertrauen und die Überzeugung wachsen, dass Gott stärkt für den Widerstand gegen den Raubbau an unserer Erde.

Am nächsten Morgen beten wir gemeinsam das Abschlussgebet aus der Enzyklika „Laudato si“. Wie schutzwürdig unsere Mutter Erde ist, haben wir hier unmittelbar erfahren. Und ein Zitat von Hannah Malcolm wird uns gesandt und ermutigt uns mit ihrer Aussage: „Ich entscheide mich dafür, zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, wichtig ist, ob Hospizarbeit oder prophetischer Widerstand, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das ist möglich, weil unsere Aufgabe die Auferstehung ist – die Aufgabe, Leben aus dem Tod zu bringen“.

Gabriele Spliethoff, 21.11.2021

Weihnachten im Anthropozän

Zu Beginn der katholischen Liturgie zur Christmette wird die Geburt Christi in der Zeit verortet im sogenannten Martyrologium Romanum: Die Gründung der Welt, die Erschaffung des Menschen, die Urväter Abraham und Mose, das Königtum Davids, die Gründung Roms, das Kaisertum des Augustus – das alles sind Referenzpunkte des welthistorischen Ereignisses der Geburt Christi.

Als ich dem gestern lauschte, kam mir etwas in den Sinn: all diese historischen Ereignisse (mit Ausnahme der Erschaffung der Welt und des Lebens auf Erden), Abraham, Mose, David, die ganze biblische Geschichte, auch die ganze lange Kirchengeschichte, auf die Kirche zurückblicken kann – sie spielten sich unter den Bedingungen eines relativ stabilen Klimas ab.

Holozän nennen die Geologen die Epoche, die vor etwa 10.000 Jahren begann, und die die Grundlage für die Entwicklung der gesamten menschlichen Zivilisation bildete. All unsere jüdische und christliche Tradition bildete sich unter diesen relativ günstigen und stabilen Bedingungen – die Dürren und Fluten sind dabei durchaus eingeschlossen.

Das ist nun unwiederruflich vorbei. In abenteuerlichem Tempo katapultiert die Menschheit gerade ihren Heimatplaneten aus diesem lebensdienlichen Zustand heraus. Sie gräbt abgestorbene, einst lebendige Materie – fossile Brennstoffe – aus den Tiefen der Erde heraus, verbrennt sie binnen weniger Jahrzehnte, und gibt so dem Erdsystem einen gigantischen Impuls. Die Vertreibung aus dem Paradies, hat dies mein Freund Christoph Bals einmal genannt. Anthropozän – das vom Menschen gemachte geologische Zeitalter – ist der wissenschaftliche Begriff für diese neue, unbekannte Welt.

Die Temperaturkurve auf dem folgenden Diagramm veranschaulicht dies: *Die blaue Kurve ist die der letzten 10.000 Jahre, das Holozän, die grüne ist die Kurve des Pariser Klimaabkommens, die zunehmend unrealistischer wird, die gelb, orange und roten Kurven sind der Pfad, auf dem wir uns gerade befinden.

Die Entwicklung der mittleren Temperatur auf der Erde seit der letzten Eiszeit und die Prognosen unter verschiedenen Emissionsszenarien – sowie die Kipppunkte im Erdsystem. Quelle: Schellnhuber, H. J., Rahmstorf, S. & Winkelmann, R. Why the right climate target was agreed in Paris. Nature Climate Change 6, 649-653 (2016). doi:10.1038/nclimate3013. Erläuterungen für Laien finden sich hier und hier, wer Englisch kann auch hier.

Und die neue Welt, sie hat immer öfter Züge eines Infernos (inferno = italienisch für Hölle). Am 20. Dezember 2019 postete Bo Kitty auf ihrer Facebook-Seite dieses Foto eines australischen Feuerwehrmanns inmitten eines brennenden Waldes:

Quelle: https://www.instagram.com/p/B6KCOM5h-YE/

Sie schreibt dazu (meine Übersetzung mit Erläuterungen in eckigen Klammern):

Für alle in der restlichen Welt: Australien brennt und hat seit etwa 2 Monaten nicht mehr aufgehört. Heute ist es landesweit um die 50 Grad Celsius. In Melbourne sind es 111 Grad Fahrenheit [44°C]. Unser Regierungschef [Scott Morrisson] ist vor diesem nationalen Notstand geflohen, um eine Kirche in Übersee zu gründen [er war anscheinend auf Hawaii im Urlaub, hat jetzt den Urlaub abgebrochen https://www.sueddeutsche.de/…/profil-scott-morrison-1.47316… ].

Ich weiß, dass Australien wie eine malerische Insel am Ende der Welt aussieht, aber es ist ein wirklich schöner Ort, nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen. Ich habe mir hier unter all den Orten, an denen ich gewesen bin, ein Zuhause gemacht. Früher nannte man es das glückliche Land. Keiner von uns fühlt sich im Moment glücklich. Wir haben Hunderte von Häusern und 2,5 Millionen (ja Millionen) Hektar unseres natürlichen Lebensraums verloren, und bisher sind es Freiwillige, die diese Brände bekämpfen. Und wir alle sind durch die Nachricht aufgewacht, dass zwei von ihnen heute Morgen gestorben sind. Zwei junge Väter.

Ich schreibe dies für alle Menschen auf der ganzen Welt, die ich versammelt habe, weil Australien Angst hat und nicht weiß, was wir tun sollen, um dies zu bekämpfen. Es wird eine weiße Weihnacht für uns sein, aber statt Schnee ist es Asche, von unseren alten Bäumen, von unserem Busch, der wie nirgendwo sonst auf der Erde ist.

Währenddessen werden furchterregende Gesetze gemacht, unsere bürgerlichen Freiheiten werden ausgehöhlt, wir haben Pfingstler an der Macht [Premier Morrison ist Mitglied einer Pfingstkirche, die verkündet dass am Ende der Zeiten die Gerechten in den Himmel entführt werden, während die anderen im Feuer untergehen]. In der Tat scheint es das Ende der Zeiten.

Es findet ein massiver Wandel statt. Überall auf der Welt gibt es einen Wachwechsel. Wir leben buchstäblich mitten in der Zerstörung. An alle, die sich auflehnen, macht weiter. Gigantische Wellen menschlicher Uneinigkeit werden die Gesellschaft verändern. Das ist eine geschichtliche Tatsache.

Im Moment hat keiner von uns alle Antworten klar, denn jetzt verstecken wir uns drinnen in klimatisierten Räumen, wenn wir können. Im Moment reden wir im Internet, das überwacht und manipuliert wird, aber wir sind immer noch viel mehr als sie [ich denke sie meint die Klimaleugner und Autoritären]. Und wir sind verdammt mutiger. Genau wie das junge Mädchen, das vor dem Haus unseres Premierministers stand, mit einem Schild, auf dem stand: „Sieh, was du uns hinterlassen hast, sieh zu, wie wir dagegen ankämpfen, sieh zu, wie wir gewinnen“… der von der Bereitschaftspolizei mit Verhaftung gedroht wurde [zu dieser Geschichte mehr hier ].

Ich sende Liebe an alle Feuerwehrleute. An alle, die ihr Zuhause verloren haben und vertrieben wurden.
Und drängt alle auf der ganzen Welt, die Geschehnisse in Australien zu verfolgen. ❤️

Was gerade in Australien passiert – die Hitzewellen, die jedes Maß sprengen, die Buschbrände, die die Luft mit Rauch und Asche vergiften, das hat apokalyptische Züge. Und es ist erst ein Vorgeschmack: Die Erde hat sich gerade 1,1°C erwärmt, und die Möglichkeit die Erwärmung bei 1,5°C zu stoppen wie in Paris vereinbart, zerrinnt uns gerade Tag um Tag zwischen den Fingern.

Was bleibt angesichts der Aussicht auf eine Katastrophe, die unsere Vorstellungskraft überschreitet, und die nur in apokalyptischen Bildern fassbar ist?

Was bleibt sind Glaube, Hoffnung, Liebe. Zur Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe schreibt die großartige junge britische Theologin Hannah Malcolm (Übersetzung und Hervorhebungen durch mich):

God comes down to dwell with God’s people forever. And I choose to believe this, choose to be hopeful, even on the days I do not feel hopeful at all. I choose to believe that what we do on earth matters, even if we cannot now reverse the tide of death that we face. This is because we are in the business of resurrection – the business of bringing life out of death.
[Gott kommt herab, um für immer bei seinem Volk zu wohnen. Und ich entscheide mich dafür, daran zu glauben und hoffnungsvoll zu sein, sogar an den Tagen, an denen ich überhaupt keine Hoffnung habe. Ich entscheide mich dafür, daran zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, von Bedeutung ist, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das liegt daran, dass unser Aufgabe die Auferstehung ist – das Geschäft, Leben aus dem Tod zu holen.]

Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe aber ist das Größte unter ihnen. Das feiern wir an Weihnachten: Dass Gottes Liebe vor 2000 Jahren als Mensch auf die Erde gekommen ist – und dass er uns auch im Inferno des Anthropozäns nicht verlassen wird.

Darauf setze ich. Angst und Hass bringen uns um. Nur dank der Liebe werden wir im Anthropozän überleben.

Berlin, Kino International, Weihnachten 2019 (Foto: Jörg Haas)